Thema: Wände

  1. #1
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    Wände

    Mit meinen roten Fingern
    Male ich
    Den Wald an die Wände

    Und der schwerblütige Herbst
    Legt seine kühle Hand
    mir aufs Herz

    Atemholen im Gefängnis des Körpers
    Meine Kinder sind alle im Süden

    Den winterharten & bürokratischen Eulen
    Am Gitter sagte ich immer

    dass das All viel mehr Sterne zählt
    Als Blätter der Staatsforst.
    Geändert von Onegin (10.05.2019 um 00:14 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  2. #2
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    Hallo Onegin,
    dein Text enthält einige interessante Bilder wie die "bürokratischen Eulen", aber es fällt mir schwer eine Verbindung zwischen Bildern wie "rote Hände" und z.B. dem "Gefängnis des Körpers" herzustellen.
    Vergleiche wie die Zahl der Sterne im All mit Blättern im Staatswald verlaufen für mich leider in der Beliebigkeit.
    Bitte verstehe meine Anmerkung nicht als Abwertung deines Textes, ich finde nur keine für mich nachvollziehbare Aussage.
    Die über allem schwebende Abschiedsstimmung nehme ich aber gerne mit.
    LG
    Perry

  3. #3
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    Hallo Perry

    danke für die Rückmeldung. "Abschiedsstimmung über allem", das war mir beim Schreiben gar nicht so klar. Wenn der Leser erst mal auf der emotionalen Ebene angesprochen ist, dann wird er sich vielleicht auch geduldig über den Text beugen, um Einzelheiten zu verstehen ("Begreifen, was uns ergreift") In meinem Gedicht gibt es Korespondenzen zwischen Wänden, Gefängnis, Gitter (Drinnen) und andererseits Wald, Kinder, Eulen, Weltall (Draußen). Das könnte eine erste Schneise des Verständnisses schlagen. In einem Buch über Astrophysik habe ich gelesen, dass es mehr Sterne im Weltall gibt als Sandkörner an allen Stränden der Erde. Den Vergleich habe an die Lebenswirklichkeit der Eulen angepasst.

    MIt dem Verständnis tut man sich bei modernen Gedichten ja häufig schwer, deswegen werden sie hier im Forum auch oft abgelehnt Aber vielleicht reagieren diese Gedichte mit der Zusammenhanglosigkeit ihrer BIlder auf die Zusammenhanglosigkeit der Welt. Diese Welt ist zwar mit naturwissenschftlichen Methoden prognostizierbar, aber deswegen noch lange keine sinnvolle, zweckerfüllte Ordnung, der womöglich ein Heilsplan eines Schöpfergottes zugrunde liegt.
    Love´s not Time´s fool W. S.

  4. #4
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    Hallo Onegin und Perry,

    ja, das ist ein Gedicht, das mit Assoziationen und Stimmungen spielt. Ich schreibe einfach mal auf, was mir dazu einfällt:

    Mit meinen roten Händen
    Male ich
    Den Wald an die Wände

    Und der schwerblütige Herbst
    Legt seine kühle
    Hand mir aufs Herz
    Der Einstieg ist sehr schön poetisch. Ich stelle mir einen imaginierten Wld zwischen Indian Summer und tristem Spätherbst vor. Könnte ein Symbol für einen Lebensabschnitt sein.

    Atemholen im Gefängnis des Körpers
    Meine Kinder sind alle im Süden
    Das LI versucht, sich weg zu träumen, Verbindungen zu besseren Zeiten wieder herzustellen. Assoziation Einsamkeit


    Den winterharten & bürokratischen Eulen
    Am Gitter sagte ich immer

    dass das All viel mehr Sterne zählt
    Als Blätter der Staatsforst.

    Dem ersten, misslungenen Versuch folgt einer, der näher an der "wissenschaftlichen Realität" liegt. Als könnte der Sehnsucht und Traurigkeit dadurch mehr rationales Gewicht verliehen werden.

    Eine Beliebigkeit der Bilder kann ich nicht erkennen.
    Mich hat der poetische Einstieg sofort gefangen genommen und angeregt, über die anderen, "sachlicheren" Strophen nachzudenken. Genau so sind Gedichte, die ich liebe.

    LG
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  5. #5
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    Hallo Okatadina,

    Du hast das Gedicht fast besser verstanden als ich selbst. Ich fühle mich beinahe ein wenig ertappt. Das Weltall steht auch für das ultimative Draußen, von dem das LI weiß. Gleichzeitig weiß es aber auch, dass es nicht zu ihm vorstoßen kann. Aber die Eulen vielleicht...

    Lieber Gruß

    Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  6. #6
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    hallo onegin,

    ich habe ganz bewusst die bisherigen kommentare und deine antworten nicht gelesen, weil ich weiß, dass ich mich davon beeinflussen ließe. werde das aber nach dem einstellen dieses eintrags sofort nachholen.

    zunächst einmal ein paar fragen, weil du dich ja offensichtlich auch theoretisch mit lyrik beschäftigst. was unterscheidet deinen art zu dichten von der postmoderne, also rein theoretisch betrachtet. jeder dichter ist vermutlich zuerst einmal von den altvorderen beeinflusst. über rose ausländer habe ich zb gelesen, dass celan für ihren späteren stil verantwortlich war. du hast dich zum einfluss von zb bachmann bekannt, und erwähntest anderen orts zb ann cotten, eine dichterin der urenkelgeneration von bachmann. was macht den unterschied aus? ist es wirklich etwas neues oder sind nur die äußeren Bedingungen neu?
    zb ihr "chinese market of dings". was unterscheidet das wirklich von bachmann?

    aber nun zu deinem:



    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Mit meinen roten Händen
    Male ich
    Den Wald an die Wände

    Und der schwerblütige Herbst
    Legt seine kühle
    Hand mir aufs Herz

    Atemholen im Gefängnis des Körpers
    Meine Kinder sind alle im Süden

    Den winterharten & bürokratischen Eulen
    Am Gitter sagte ich immer

    dass das All viel mehr Sterne zählt
    Als Blätter der Staatsforst.
    ich sehe das letzten endes als ein politisches statement, es hätte für mein gefühl auch in die rubrik "gesellschaft" passen können. der duktus ist indifferent - weil ich oben ausländer erwähnte : in " legt seine kühle hand mir aufs herz" klingen die altvorderen an, aber es trakelt auch und am ende erscheint mir sogar brecht anzuklingen (selbst schuld! du hast mir diese lektüre ja quasi empfohlen).

    nachdem wir immer filtern ist das halt mein "hand aufs herz"


    lieben gruß
    albaa
    Geändert von albaa (05.05.2019 um 13:03 Uhr)

  7. #7
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    Liebe albaa,

    was es zu meinem Gedicht zu sagen gibt, hat okatadina mit nachtwandlerischer Sicherheit herausgefunden. Vielleicht haben Dich die bürokratischen Eulen und der Staatsforst als vermeinte Brechtanklänge eine politische Bedeutung vermuten lassen.

    Ich habe das Gedicht schon vor einigen Monaten geschrieben und nachdem ich es jetzt gepostet habe, viel mir auf, dass es inhaltlich ziemlich genau Deinem "flieg" entspricht und dazu auch noch mit ähnlichen Bildern arbeitet. (Wand + Geflügel) . Originalgenies sind wir also beide nicht...


    Ja, ich habe mich wegen meiner Posterei intensiver mit der aktuellen Gegenwartslyrik beschäftigt und mir deshalb den Suhrkamp-Band „Spitzen“ zugelegt, ein Florilegium der allerneuesten deutschsprachigen Poesie seit 1990. Aber was heißt hier „deutschsprachig“? Eher müsste man von einer Berliner Blase sprechen. 80 Prozent der dort versammelten Autoren leben in Berlin. Schweizer sind nicht vertreten. Von Österreichern hat es nur die unverwüstliche Friederike Mayröcker in den Band geschafft. Doch halt, mit Ann Cotton ist noch eine weitere Autorin aus Österreich vertreten. Sie hat amerikanische Wurzeln und ist in Wien aufgewachsen, lebt mittlerweile aber zum Teil auch in Berlin. Cotton schrieb ein Gedicht mit dem Titel „Unendlicher Spannteppich (des VIP-Empfangsraums)“ /den findest Du auf Lyrikline und wenn Du ihren Text mit Else Lasker-Schülers Tibetteppich vergleichst, dann weißt Du, wie viel Uhr Kunst es geschlagen hat. Diese Dichter benutzen beispielsweise in noch ganz anderem Maße Sprache als Material als die klassisch Modernen also Celan und Co. Dann werden Gedichte zu etwas, was man in der bildenden Kunst mit Installationen aus Vorgefertigtem vergleichen kann und da das Ausgangsmaterial nicht ästhetisch überformt wird, ergibt sich für den unvorbereiteten Leser manchmal der Eindruck des Ungekonnten, Missglückten. Auch dieses Phänomen ist ja aus der bildendenden Kunst hinlänglich bekannt („Ist das Kunst oder kann das weg?“).Ich habe auf diese Texte anfangs mit ziemlicher Ablehnung und Ratlosigkeit reagiert, sehe sie immer noch kritisch, vor allem ihre Verspieltheit, ihren existenziellen Unernst, aber habe sie mittlerweile zu achten und den ein oder anderen auch zu lieben gelernt. Beispielsweise diesen Cotton-Text. Der ist wohl nichts weiter als eine Großmetapher über die Gleichförmigkeit unserer Lebensverhältnisse in der "verwalteten Welt" (Horkheimer).
    Die alten Themen wie Ich, Liebe, Tod sind zwar noch noch da, aber seltsam gedämpft und beinahe beiläufig behandelt. Es gilt, noch genauer zu lesen. Daneben werden neue Themen lyrikfähig, Beispielsweise schreibt Elke Erb über eine einzelne grüne Kachel.

    Es ist immer dasselbe. Die künstlerische Avantgarde ist eifrig bestrebt, die Erwartungen des Publikums zu unterlaufen, heute wie vor 150 Jahfen. Der konservative Teil des Publikums reagiert empört, die Künstler lachen sich in Fäustchen und fühlen sich dadurch bestätigt. Im 19. Jahrhundert hat Baudelaire Entrüstungsstürme ausgelöst, weil er eine tote Krähe zum Gegenstand eines Sonnets machte. So ist das jetzt auch wieder. Schöne Texte, schöne Worte, schöne Metaphern (wie Bachmanns Die gestundete Zeit/wird sichtbar am Horizont) findest Du in dem Band nicht. Du sollst schon aus Deiner ästhetischen Komfortzone herausgeholt werden. Trotzdem finden sich in ihm viele sehr gelungene Texte.

    Problem: wenn diese Texte einer anderen Ästhetik folgen als diejenigen von Bachmann, Krolow oder Heißenbüttel, dann brauchen wir auch andere Kriterien zu ihrer Beurteilung. Die Gedichte tragen den Maßstab ihres ästhetischen Geglücktseins offenbar in sich selbst.


    (Okay, albaa, ich geb´s zu. Ich hab vor langer langer Zeit mal literaturwissenschaftliche Seminare besucht....)

    Würde mich interessieren, was Du von diesem Cotton-Text hältst...

    Liebe Grüße

    Onegin
    Geändert von Onegin (05.05.2019 um 20:57 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  8. #8
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    Hallo Onegin,

    Vielen Dank für deine interessanten Ausführungen. Ich habe mir das empfohlene Gedicht schon gelesen. " ... das Ausgangsmaterial nicht ästhetisch überformt wird" passt auf diesen Text. Aber die Metaphorik ist schon sehr treffend und mir gefällt die Datailverliebtheit, einen "existenziellen Unernst" (wobei ich nicht sicher bin, was du damit genau meinst?) kann ich - also in diesem Text - nicht erkennen, eher Tragikomik. Ihr Umgang mit der Sprache an sich ist natürlich bemerkenswert souverän.

    Ich habe jetzt entdeckt, dass Cotten ein formgebundenes gereimtes Versepos (in Spenserstrophen) geschrieben hat: Ann Cotten: Verbannt!
    Versepos; mit Illustrationen der Autorin; Suhrkamp Verlag. Berlin 2016; 168
    Das ist richtig WOW!! Das muss ich mir genauer ansehen. Sie beherrscht also auch das (alte) lyrische Handwerk.

    Aber noch einmal zu deinem Werk: Ich war unkonzentriert. Der Schwenk zu bürokratisch und Staatsforst hat mich getäuscht. Ich dachte an ein LI, das sich in einer technokratischen Gesellschaft gefangen fühlt, die wenig Sinn für Naturromantik hat.

    Lieben Gruß
    albaa

  9. #9
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    Liebe albaa,

    in dem Band "Spitzen", den ich mir besorgt habe. ist weder von Liebe noch von Tod viel die Rede, nicht von Fremdheit, Einsamkeit, Freiheit Aufbruch, Gefangensein in unerquicklichen Verhältnissen, oder doch nur sehr indirekt und umwegig. Dern Dichtern und Dichterinnen scheinen diese existenziellen Themen nicht so wichtig zu sein. Das war bei Benn und Bachmann beispielsweise noch total anders. Genauso selten findet man in dem Band politische Gedichte, die gesellschaftliche Missstände aufs Korn nehmen. (Eine Ausnahme ist Volker Braun.) Das meine ich mit existenziellem (und politischem) Unernst. Die Dichter nehmen sich und ihre Werke nicht mehr wirklich ernst. Es ist daher viel Ironie und Selbstironie in diesem Buch zu finden.

    Liebe Grüße Onegin.
    Love´s not Time´s fool W. S.

  10. #10
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    Liebe albaa,

    ich glaube, ich bin Dir noch eine Antwort auf Deine Frage nach dem Gedicht von Ann Cotton "Chinese Markets of Dings" schuldig. Darin ist viel von Liebe die Rede, von Küssen, Abgründen, Augen, das traditionelle Vokabular der Liebeslyrik wird eingesetzt. Aber die Bildelemente fügen sich anders als bei Bachmann nicht zu einem kohärenten Zusammenhang und um welche Liebe geht es eigentlich? Unfertig gemeisterte Liebe, Liebe unterm Geld, nebensächliche Freuden, festes Gefühl, Schutzmantel der Liebe, Verbotene Liebe. Bachmanns LI hätte, in dunklen Worten vielleicht, aber poetisch präzise seine Schwierigkeiten mit der Liebe benannt. Bei Cotton ist es dagegen so, dass verschiedene, durchaus widersprüchliche Formen von Liebe im Gedicht nur aufgerufen werden. Wir wissen nicht, in welcher Beziehung das allenfalls indirekt fassbare LI zu ihnen steht.
    Beim Lesen sind wir auch über die "Blumen der Tragik, holprigen Ebenen" gestolpert. Das sind offenbar missglückte Bilder im Telenovela-Stil, aber Cotton ist eine etablierte Autorin und setzt diesen sprachlichen Schrott bewußt ein. Dieser soll vom Leser als solcher auch erkannt werden. Und was ist denn von den Trakl-Anklängen zu halten? "Zum Kuße verschwinden die starrenden Sterne, die Abgründe, die Augen". Auch das ist von Cotton bewußt eingesetzt worden. In diesem Gedicht passt offenbar nichts zusammen, wenn man es tatsächlich als als ein Gedicht über die Liebe liest. Aber vielleicht hilft ein Blick auf die Überschrift. Das Wort "Market" könnte der Schlüssel sein. Das LI (der Dichter?) ist jemand, der wie auf einem asiatischen Flohmarkt als guter oder schlechter Handwerker und Verseschmied seine lyrischen Phrasen und Floskeln (Du erinnerst Dich, von Sprache als Material war die Rede) feilbietet, der allerlei Formeln von Liebe im Angebot hat. "Kämm dir mit den Gußabfällen das Haar." (Das kann man sich in die Haare schmieren????) Taugen tut der Kram jedenfalls nicht viel.
    Also bei Cottons "Chinese Markets" handelt es sich meiner Meinung nach wohl weniger um ein Gedicht über die Liebe, sondern eher um ein sprachkritisches Gedicht über die Unmöglichkeit, authentische Liebesgedichte zu schreiben. Bachmann kennt Sprachskepsis auch, aber so weit reicht sie nicht, dass die Dichterin daran gehindert würde, über die Schwierigkeiten des LI mit der Liebe lyrisch Auskunft zu geben.

    So dacht ich

    Lieber Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (14.05.2019 um 07:36 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

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