1. #1
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    das geflügelte

    .

    durchscheinend silbergeädert
    die flügel weit aufgespannt

    schwirrt es am augengrund
    säuselt im bauch rauscht in den adern

    mit den vorderfüßen fange ich
    zerteile speichle es ein

    von mir stummen gallig hervorgepresst
    rührt es blitz und donner

    dein kuss unter dem felssturz
    die warme zuflucht der scham trügerisch

    hart am wind gischt im mund
    in deinen netz augen schillernd staunen

    hundertfach
    das frisch verschwiegene




    .

  2. #2
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    Hallo albaa,

    Daumen nach oben: Zu loben ist die kühle, knappe, präzise Sprache bar jeder Sentimentalität. Was ich verstanden zu haben glaube:
    Das LI ist zunächst eine Gottesanbeterin auf Libellenjagd und hat ihr Opfer "gedanklich" schon verspeist noch bevor sie es gefangen hst.
    schwirrt es am augengrund
    säuselt im bauch rauscht in den adern
    rührt es blitz und donner
    ist der Scharniervers, der überleitet zur zweiten Szene. Vor Blitz und Donner hat sich ein Liebespaar unter einen Felssturz geflüchtet. Die Liebkosungen aber sind trügerisch, so trügerisch wie die Sicherheit, in der sich die Libelle vor der unbeweglich lauernden Gottesanbeterin wähnte. Dieser Trug ist zugleich das Verschwiegene, von dem am Ende des Gedichts die Rede ist. Das Beutemachen der Libelle und der Liebesakt werden in Parallele gesetzt, in beiden Fällen geht es um Verstellung. Aber ist das LI das Opfer oder das LD? Das wird nicht ganz klar. Vielleicht deshalb, weil Beide Opfer und Täter zugleich sind.

    Ein kleines Problem hatte ich zunächst mit
    in deinen netz augen schillernd staunen

    hundertfach
    das frisch verschwiegene
    weil hier die Sprache ungrammatisch wird. Zentral dafür ist das unflektierte "staunen". Beim zweiten oder dritten Lesen fand ich das als Mittel der Aussageverdichtung aber gut.

    Worin besteht aber nun dieses Verschwiegene? Wir verschweigen einander unsere insektenhafe Kälte, den Umstand, dass wir einander keine Zuflucht bieten können, dass die Wärme, die wir uns gewähren, nicht vorhält, dass Liebe oft genug auf Überwältigtwerden und Beutemachen hinausläuft.

    Nun ja, ist igendwie kein schönes Menschenbild
    aber ein sehr gutes Gedicht

    Karl der Käfer

    alias Onegin
    Geändert von Onegin (05.05.2019 um 00:23 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
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    Hi albaa,

    mir gefällt der Anfang sehr gut und der unerwartete Schwenk zum "Liebesgedicht". Wer ist Jäger, wer Gejagter...

    Genau an der gleichen Stell wie Onegin habe ich Probleme, mir etwas vorzustellen. Das als Aussageverdichtung zu interpretieren, fällt mir schwer.
    Ich würde mir an dieser Stelle eine etwas weniger rätselhafte Formulierung wünschen, die nicht so ein Imaginationsstolpern auslöst.
    z.B. netzaugen würde schon helfen.

    Ansonsten wieder ein sehr schönes, vor dem geistigen Auge flimmerndes Gedicht!

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  4. #4
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    hallo onegin,
    hallo okotadia

    vielen dank! es gefällt mir, mit welcher lockerheit du, onegin, mit solchen texten umgehst,
    wie selbstsicher du interpretierst und vieles triffst.

    und okotadia, du hast sowieso eine " lyrische empathie" die ihresgleichen suchst:
    mit diesem "wer ist jäger, wer gejagter" triffst du wieder einmal die essenz.

    das geflügelte spielt zunächst auf das "geflügelte wort" an, das mir als libelle erschien, aber gleichzeitig sind es die liebenden.

    mit netz augen hole ich die insekten zurück,
    aber nicht nur das, die vielen bedeutungen und gefühlszustände, die wir in das wort verpacken; was wir spüren, wenn wir lieben, von verzweiflung bis seligkeit.

    ach, ich sehe schon, wie ich an einer erklärung scheitere. ich lass es lieber.

    nun vielleicht, was wichtig ist: die grenzen zwischen li und ld sind fließend.

    und bei diesem fressen, geht es um ein sich einverleiben, ein versuch zu besitzen, und sich hinzugeben
    und liebe auszudrücken ... zwischen wort und zustand lösen sich die grenze. auch auf.

    so jetzt geb ich wirklich auf.

    nein, noch einmal zu den "netz augen", ich wollte durch die "unrichtige" wort trennung, die aufmerksamkeit auf
    das netz lenken, als eine art matrix, in der dann eine art anschaulichkeit liegt, die man nicht mehr in worte fassen muss.

    das ist jetzt vermutlich alles vollkommener blödsinn. egal, ich trau und lass das so stehen.

    herzlichen dank für eure gedanken!

    lieben gruß
    albss

  5. #5
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    Liebe albaa,

    so super ist das gar nicht mit meiner lyrischen Empathie, denn aufs geflügelte Wort bin ich nicht gekommen (obwohl es assoziativ naheliegend gewesen wäre!) und das ist wirklich eine wichtiger Schlüssel zu deinem Gedicht. Nun liest es sich gleich ganz anders und nötigt mir noch viel mehr Respekt ab.
    Tolles Teil!

    ein bisschen neidisch
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  6. #6
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    Liebe Okotadia,

    Danke ! Das nächste Mal bin ich wieder neidisch auf dich

    Lieben Gruß
    albaa

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