1. #1
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    Versanbau mit "Morgentau"

    Versanbau mit "Morgentau"



    Dort drüben am Tisch vom Cafe
    ein altes Paar, der Mann
    steht auf, kurzatmig und fröhlich
    holt er den Mantel.
    Ich hab, sagt er,
    die Lisbeth,
    da bin ich froh.

    Der grüne Tee vor mir,
    aromatisiert, großblättrige
    Sencha und Blüten,
    er nennt sich "Morgentau".
    So war in der Karte zu lesen.
    Ich habe mir
    dieses Beispiel
    für Lyrik in Prosa bestellt.

    Solo sitz ich, leicht depressiv,
    und probiere ungelenk Verse,
    ich hoffe ein wenig,
    es helfe, das lyrische Spiel
    ohne Fließtext.

    Nicht zu wissen, wie es weitergeht,
    ist kein Vorrecht des lyrische Ichs.
    Immerhin aber findest Du selten
    ein lyrisches Wir oder Ihr. So setz
    ich mit Zutraun die Worte, die Zeilen,
    die Sätze, den Text.

    Und stelle mir vor, beim Lesen,
    im Einlass der Verse, beugt mancher
    den Kopf, nicht demütig, natürlich nicht.
    Aber sorgsam, irgendwie
    sogar freundlich, tastet er aus,
    was die Zeile so füllt.

    Und dort, wo sie anhält,
    glimmt vielleicht eine Spur,
    vielleicht grade dort,
    wo nichts mehr
    weiterzugehen
    scheint.

    Und schau nur - im Verse -
    gleitest du unrund zuerst
    wie ein Schiff ohne Steuermann
    durch das Meer
    und streifst ziellos wie ein Vogel
    durch die Luft.
    Und ja, doch, wie ein Wolf
    treibst du durch Unterholz.

    Und der Boden ist dir ein Buch,
    und du liest die Fährte des Dachses.
    Und im Rücken spürst du
    den Blick des jagenden Falken.

    Kampfeslustig sträubt sich dein Fell,
    es zuckt in den Krallen.
    Mit weit zurückgebogenem Halse,
    so dass die Bilder im Kopfe sich stoßen,
    richtest du deine Schnauze zum nächtlichen Himmel.

    Dort oben Selene,
    die sanfte,
    die wilde Göttin,
    sie kennt dich
    und streichelt von ferne dein Fell.
    Geändert von Willibald W (11.05.2019 um 14:54 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Wiilibald,

    willkommen auf Gedichte.com. Ich hoffe, Du wirst hier das Feedback bekommen, nach dem Du suchst.

    Mir gefällt an Deinem Gedicht ganz grundsätzlich, dass es erkennbar "von heute" ist und eine nüchterne und sachliche Sprache spricht. Das LI beobachtet ein altes Paar im Cafe, ist selbst hingegen einsam und traurig und schreibt Verse, von denen es hofft, dass sie ein Gegenüber erreichen und weiß nicht, wie es weitergeht. Es geht aber doch weiter, nämlich in (auf dem Boden) der Literatur, dort wird das LI letztendlich zum (einsamen) Wolf, gewinnt dabei an Vitalität und Sicherheit und erhält dafür sogar Streicheleinheiten von der Mondgöttin, nachdem es den Mond lange genug angeheult hat (Interessant: In der Literatur gelingt dem LI, was ihm im Leben bislang versagt bleibt).

    Die platte Zusammenfassung wird Deinem Gedicht natürlich nicht gerecht, das ich mit Interesse gelesen habe. Das Thema, der sensible Einsame, ist nicht neu, aber deswegen meines Erachtens nicht obsolet, es kommt immer auf die Nuancen an.

    Was ich mit aller Vorsicht raten würde: Dieses Gedicht könnte straffer sein. Das trifft, will mir scheinen, besonders auf die vierte Strophe zu, die fast ein wenig überflüssig wirkt. Außerdem könntest Du auch etwas mutiger schreiben. Es handelt sich hier um ein sehr braves Poem und der gute Vierbeiner bekommt ja deswegen auch von der Mondgöttin wie alle guten Hunde des Fell gekrault (aber wohlerzogen nur von ferne!). Mehr beef, mehr Wolf darf schon sein...

    Beste Grüße

    Onegin
    Geändert von Onegin (06.05.2019 um 23:51 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
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    Salute, Onegin,

    macht Spaß, ein wenig zu fachsimpeln, noch dazu mit jemand, dem auch der Emil Staiger von damals bekannt oder vertraut ist ("ergreifen, begreifen").

    Mir scheint, "Versanbau mit Morgentau" ist ein Langgedicht. Und hat als Gattung (sich) den Verzicht auf prägnante Verkürzung oder Verdichtung eingeschrieben. Mir gefällt im Moment gerade Lawrence Ferlinghetti besonders gut mit seinen Langgedichten. Und die Überschrift öffnet das Feld "Verse anbauen und entfalten und pflegen und genießen und .... in einer Situation mit Teetrinken im Cafe".


    Von "könnte mutiger sein" "und ein bisschen brav" im "Versanbau" kann man durchaus sprechen, meine auch ich.
    Die Länge des eher behäbigen (?) Gedichtes samt blauem Cafe-Bild mag gegen innovatorische, avantgardistische (sic!) mainstream-Normen verstoßen, liefert aber das Profil dafür, dass eine Art flow-in-process beim Lesen fühlbar werden könnte und damit eine zentrale Funktion von Literatur mit ihrem Immersionsangebot.

    Ganz allgemein: Die Geschichte der Grenzverschiebungen und Innovationen im literarischen Kanon ist lang. Und, Gottseidank, stellt sie uns einen Fundus zur Verfügung, in welchem das oft präsentierte Verdichtungs- und Kürzelstildogma nur ein Teil ist, dessen Traditionsverhaftung bei kurzschlüssigen Verdikten in seinem Namen eine gewisse Komik entwickelt. Damit meine ich nicht, keinesfalls, deine vorsichtige Beschreibung des Morgentau-Textes. Nun ja: Lebendige Vielfalt literarischer Register!

    In Strophe 4 und 5 wird über die Reflexion des Konstituenten "lyrisches Ich" ein bisschen verkopft, aber liebenswert hoffentlich, das Einsamkeitsmotiv erweitert.
    Und der Genuss beim Lesen eines Gedichtes im Subtext zum Thema.

    Nicht zu wissen, wie es weitergeht,
    ist kein Vorrecht des lyrische Ichs.
    Immerhin aber findest Du selten
    ein lyrisches Wir oder Ihr. So setz
    ich mit Zutraun die Worte, die Zeilen,
    die Sätze, den Text.

    Und stelle mir vor, beim Lesen,
    im Einlass der Verse, beugt mancher
    den Kopf, nicht demütig, natürlich nicht.
    Aber sorgsam, irgendwie
    sogar freundlich, tastet er aus,
    was die Zeile so füllt.

    Der Partnerzug, den das Lesen eines fremden Gedichtes erzeugt und der dann auch das bloße Selbstgespräch und die leicht solioloque Komik solcher Exerzitien auflöst oder mildert, ist hier Thema. Der zunehmende Rhythmus der Schlusszeilen (Wolfs-Trab und Streichel-Selene) wird so eine tragende Sequenz für lyrisches Ich und lyrisches Du und eben auch das Leser-Du und das Ich-Du.


    Die intressante "Hall of Fame" vom Steffen Popp mit seiner kookbooks-Ästhetik und der Poetik der Gegenwartslyrik
    lese man daher ganz entspannt, sage ich mir, und man bade sich an verschiedenen, aber gar nicht so toten Orten,
    dort, wo auch das Glück der Worte und Features lächelt. Etwa in Onegins "Wänden".

    Beste Grüße an Onegin

    ww

    alis nil gravius, o nycticorax
    Geändert von Willibald W (07.05.2019 um 13:11 Uhr)

  4. #4
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    Hallo Willibald W

    was für ein geiler (verzeih) Text! Ich will jetzt gar nicht ins Detail gehen, aber wenigstens meine Bewunderung für diese...für deine Leistung zum Ausdruck bringen. Die ersten Zeilen erinnern mich an Kästners Sachliche Romanze, aber dann schlägt dein Text eine andere Richtung ein. Da passt jedes Wort, jedes Bild- einfach nur klasse! Wer mit einer Leica groß wird, der weiß auch mit Worten umzugehen.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  5. #5
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    Hallo Willibald,

    das ist ein durchaus interessanter Text, den du hier online gestellt hast. Der Anfang gefällt mir sehr gut, weil er Worte verwendet, die eher unüblich in Gedichten auftauchen. Damit bin ich auch bei meiner Kritik angekommen, die eben den nur Bruchteilhaften lyrischen Wert in dem Text sieht.
    Aber meine Meinung bedeutet im großen Kontext eh nichts.

    Mich freut, dass du etwas Schönes geschaffen hast. Ist es nun Gedicht, oder nicht? Das spielt keine Rolle.
    In jedem Fall war da so ein Faden, dem ich gerne bis zum Ende folgte, was ich mittlerweile bei sehr vielen Texten nicht mehr mache.

    Es ist ein bisschen, wie diese kurzgesprochenen Tagebuch-blog-Einträge, oder diese Sprecher in Filmen, die die Geschichte ein bisschen begleiten.

    Das gehört sowieso mal ein eigenes Genre, denn die Kriterien, so sie denn irgendwie sind für "Lyrik", sehe ich nicht erfüllt.
    In jedem Fall aber ist dein Text sehr gut lesbar Das weißt du aber auch, da gehe ich jede Wette ein.

    Oh, eines noch, mir missfielen die altbackenen Begriffe ( Halse, Kopfe) , die irgendwie im zu starken Kontrast zur den anderen schönen modernen Begriffen (aromatisiert, Sencha) am Beginn stehen.

    Wie auch immer, schön!

    Liebe Grüße,
    MiauKuh

  6. #6
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    Hallo Willibald,

    nein ein Verfechter des Kurzstildogmas bin ich nicht, wohl aber einer des Verdichtungs oder Sinnfülledogmas. Daraus ergibt sich die Forderung nach Straffheit von ganz allein, die allerdings keine Frage der Zeilenzahl ist. In der Strophe 4 in Deinem Gedicht scheint es darum zu gehen, dass das LI realisiert, dass es als Dichter im Cafehaus "unter dem Meridian der Einsamkeit" einem literarischen Rollenmodell folgt. Daraus erwächst ihm Zutrauen. Die Strophe 4 weist voraus in die Literatursphäre. Mit dem Wechsel dorthin wechseln auch die literarischen Mittel im Gedicht. Breit ausgemahlte Naturbilder treten auf, die im ersten Teil vermieden wurden. Laut der impliziten "kookbooks-Ästhetik" ist das ein Fehler und Rückfall in überwundene Schreibweisen. Dass Du ihn begangen hast, könnte daran liegen, dass es Dir immer noch um die Darstellung von Innerlichkeit geht, wobei ich dieses Wort auf gar keinen Fall abwertend verstanden wissen will. Bei den kookbooks-Girls and Boys ist das, glaube ich, kein zentraler Punkt mehr für ihr Schreiben.

    Das waren noch ein paar Gedankensplitter. Ich freue mich auf Dein nächstes Gedicht.

    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

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