Thema: Vor-Sicht

  1. #1
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    Vor-Sicht

    .


    Unter dem Plüschmantel der Fürsorge hervorblitzend: das Schlachtmesser.


    .
    Geändert von Claudi. (13.05.2019 um 11:58 Uhr) Grund: Danke, Artname!
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  2. #2
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    Hi, schoen, hast was geschrieben, und jedes Wort sitzt, hab sofort ein Bild vor mir, bei dem mich gar schaudert. Gut geschrieben! Ob da noch mehr drin steckt, weiss ich nicht, LG

  3. #3
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    Hi claudi,

    erinnert mich aus Kindheitstagen an den perfekten Hausschlachter, der das Schwein in ruhigem Ton und vermeintlich wohlwollenden Worten zum Bolzenschussgerät geleitete. Begründung: Das Fleisch würde schrecklich schmecken, wenn der Sau bewusst würde, was ihr bevorsteht. Ferner Assoziationen wie: Streichquartett spielt Mozart - gut sortierte Entkleidung vor "Brausebad"

    Die "Fürsorge" kommt i.d.R dann aber doch subtiler.

    VG Arkadier
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  4. #4
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    Hi, ich denke, es waere an der Zeit, dass wer den Kommentar von Arkadier erklaert, nicht? Da er doch andeutet, dass in Claudis Ding weit mehr steckt, als dem Doofkopf, sprich mir, erkenntlich, nicht? LG

  5. #5
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    Statt Deckmantel fände ich Mantel geeigneter. Einerseits erklärt der Deckmantel bereits halb die Pointe und andererseits bedient der Mantel den Begriff Minimallyrik noch besser.

    lg
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  6. #6
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    Hey claudi, sehe es wie Artname, Mantel genügt.
    Nicht umsonst wird in der Psychologie (z.B. bei Kuhl) die Fürsorge als Aspekt der Macht bezeichnet (wobei "Macht" nicht zwingend negativ konnotiert sein muss, aber jedenfalls asymmetrisch). So denke ich, kann in diesen Zeilen alles stecken, was einem zu asymmetrischen Beziehungen einfällt, von der Familie, Schule, dem (Alten)Heim über die Sozialhilfe zum Schlachthof und dem von Arkadier genannten KZ. LG
    Geändert von Gugol (13.05.2019 um 12:08 Uhr)

  7. #7
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    Hallo Claudi
    mir kommt bei deinem Text direkt die Assoziation zum sog. "Münchhausen-Stellvertretersyndrom" . Hier wird ja auch "vor"gesorgt unter dem Deckmantel der "Fürsorge".
    Gruß
    question

  8. #8
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    Liebe Claudi

    Ich nehme an das sind Antispaste xXXx; eigentlich die perfekte Form um die zahlreichen in der deutschen Sprache vorkommenden Pfingstochsen zu verwerten; und der Spruch passt (auch) perfekt zu manch einem bösen Lyrik-Kritiker, zumindest aus der Sicht des Kritisierten

    Lieben Gruß
    albaa

  9. #9
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    Tolle Änderung, liebe Claudi!

    @ Ferdi: Ich frage mich seit Jahren, wie sinnvoll letztlich Kritiken zur Versmetrik sind. Unterschiedliche Sinndeutungen, regionale bzw. chronologische Unterschiede der Betonung oder, richtig, der Grad der Vertrautheit bestimmter Wörter werden fast immer bei entsprechenden Diskussionen total ausgeblendet. Und so hindern in Stein gemeißelte tonnenschwere Versfüsse so manche begabten HobbydichterInnen am verschriftlichten Flug ihrer Gedanken und Gefühlen.

    Da lob ich mir doch den Musiktext, welcher diese Feinheiten überflüssig macht: Entweder der Musiktext marschiert mit dem Beat oder tanzt gegen ihn an. Beides so zulässig wie faszinierend

    Aber ohne deine informative, unterhaltsame und tiefe website, ferdi, wäre mir das als letztes Fazit niemals klar geworden. Und deshalb bin ich dort auch noch immer Stammgast
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  10. #10
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    hallo artname,

    du sprichst natürlich ferdi an, aber ich möchte nur kurz etwas dazu sagen, weil ich auch schon darüber nachgedacht habe.
    zunächst steht jedem frei in freien versen dem freien "flug seiner gedanken und gefühle" zu folgen.

    will man aber vestimmte verfüße verwenden, dann ist, glaube ich, das was ferdi zu erforschen und gott sei dank mit uns teilen mag, dass da eben genau nichts "in stein gemeißelt" und schon gar nicht "tonnenschwer" ist.

    ich bin ja froh, dass ferdi hier und bei meinem "nachbau" die pfingstochsen anspricht, weil ich diese ansammlung hier eigentlich so langweilig leiernd fand wie amphybrachen-verse (xXx xXx ...) deshalb habe ich auch bei meinem zweiten text gestern zu variieren versucht, was aber wohl, wie claudi erkannt hat, dem antispast zuwiderläuft. ich glaube, das ist nicht so mein ding. aber es hat was, sich damit zu beschäftigen. man lernt über diese lyrischen werstoffe: prosodie, metrum, klang. was soll da in stein gemeißelt sein und tonnenschwer wiegen? das ist lyrik. wobei sich der antispast vermutlich nicht wirklich für großes eignet
    also vermutlich in solchen aphorismen (?) gut untergebracht ist (?)

    lieben gruß
    albaa
    Geändert von albaa (14.05.2019 um 19:23 Uhr)

  11. #11
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    Hallo zusammen,

    freut mich sehr, hier so viele Rückmeldungen zu finden!

    Hi, i, wenn Du ein Bild vor Augen hast, bei dem es Dich schaudert, ist das Gefühl, das ich vermitteln wollte, gut rübergekommen. Wie andere Kommentatoren beschrieben haben, lassen sich ja recht unterschiedliche konkrete Situationen damit assoziieren. Ich fand das sehr spannend!

    Arkadier, ja, das Wort "Fürsorge" sollte schon etwas mehr auf die zwischenmenschliche Ebene lenken. Für einen KZ-Aufseher wäre der Deckmantel auch noch stimmig gewesen. Auch deswegen bin froh,

    Artname, dass Du mich auf die ungünstige Wortwahl hingewiesen hast. Ohne Deinen Hinweis hätte ich womöglich nicht mehr nach einem besseren Wort gesucht. Danke für das Lob!

    Gugol, die asymmetrische Beziehung scheint mir gut ins Bild zu passen. Daran hatte ich so konkret nicht gedacht. Nehmen wir mal die Beziehung Mutter-Kind. Das Kind ist vielleicht noch nicht einsichtsfähig und empfindet z.B. ein Verbot, etwas Gefährliches zu tun, als Gewaltakt. Es könnte aber auch sein, dass die Mutter ihre Machtposition tatsächlich missbraucht. Dann kann man das Bild deuten wie

    Question, auch Deine Assoziation finde ich sehr treffend! Meiner eigentlichen Intention recht nah gekommen ist

    Albaa:

    der Spruch passt (auch) perfekt zu manch einem bösen Lyrik-Kritiker, zumindest aus der Sicht des Kritisierten
    nun ja, so allgemein würde ich das nicht behaupten, obwohl es zweifellos Kritisierte gibt, die reine Textkritik schon als Angriff auf die Person empfinden. Inspiriert wurde ich durch eine Kritik, die direkt auf die Person zielte und dem Autor die Kompetenz absprach, nachdem der Kritiker überschwänglich sein Wohlwollen bekundet hatte (was man normalerweise voraussetzen kann).

    Ich nehme an das sind Antispaste xXXx; eigentlich die perfekte Form um die zahlreichen in der deutschen Sprache vorkommenden Pfingstochsen zu verwerten;
    Ich sag mal so: Um Antispaste zu bilden, sind sie m.E. eine brauchbare, aber nicht die beste Wahl. Um Pfingstochsen überhaupt im Vers zu verwenden, bietet sich der Antispast aber an. Sonst passen sie eigentlich nur noch halbwegs ins regelmäßige dreisilbige Maß, wie z.B. im Limerick gegeben.

    Ferdi,

    bin ich nicht so ganz sicher, wie tauglich die Wörter der Form "hauptbetont-nebenbetont-schwachbetont" in antispastischen Zusammenhängen wirklich sind; aber es geht hier sicherlich ganz gut.
    die tauglichsten sind sie sicherlich nicht, aber auch nicht die schlechtesten, denke ich. Ich hatte vorsichtshalber im Titel eine kleine Lesehilfe gegeben, glaube aber im Nachhinein, dass es keine war. Wer die Füße heraushört, hört sie auch ohne Hilfe, und die anderen lesen den Vers vermutlich einfach als Prosazeile. Günstig scheint es mir zu sein, die Füße zäsurlos aneinander zu reihen. Ich hab die Zäsur ja ziemlich spät im Vers, wenn der Rhythmus sich schon ins Ohr gesetzt hat. Aber eine solche Häufung der immer gleichen Bausteine würde ich nicht allzu oft nehmen und auch nicht weiterempfehlen.

    (Ich frage mich in letzter Zeit, ob sich eine Beziehung herstellen lässt zwischen der Vertrautheit der Zusammensetzung und der Stärke der Nebenbetonung; ist die, um ein Beispiel aus deinem Text zu nehmen, in "Schlachtklinge" stärker als in "Schlachtmesser"?!)
    Das scheint mir eine sehr berechtigte Frage zu sein. Ich glaube, da triffst Du ins Schwarze! Je ungewohnter die Zusammenstellung, umso aufmerksamer (und entsprechend langsamer) liest man wahrscheinlich. Auch einer schwer sprechbaren Kombination würde ich hier wohl gegenüber einer leicht über die Lippen flutschenden den Vorzug geben.

    Danke Euch allen für die freundlichen Kommentare!

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (14.05.2019 um 20:02 Uhr)
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  12. #12
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    Hallo Claudi

    da bin ich vermutlich mal wieder der Spielverderber:

    Du hast dich, wenn auch von den Kollegen so nicht beabsichtigt, aufs Glatteis führen lassen.

    Hättest deiner ersten Intention folgen..bzw sie beibehalten sollen - denn:

    Der Deckmantel (als Metapher) ist die einzige Variante, die ein Hervorblitzen (des Messers) zulässt. Du hältst das Messer am Griff...das heißt...dass da nichts..egal ob Du Rechts-oder Linkshänder bist...nichts hervorblitzen kann. Der eigentliche Grund ist aber ein anderer: der Deckmantel umfasst nicht explizit das Kleidungsstück..sondern die Gesamtheit aller Gesten - also die Art wie Du dich bewegst, deine Mimik, wie Du sprichst...eben die ganze Herangehensweise. Der Plüschmantel hat nichts von dem- ist "nur" ein beliebiges Kleidungsstück.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  13. #13
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    Hallo AD,

    nene, ich überlege mir schon, ob meine Metaphern auf beiden Ebenen stimmig sind. Beim Mantel (könnte ja eine Art Cape sein) war das für mich nicht ideal, aber gerade noch vertretbar. Und es ist ja nicht gesagt, dass das Messer in der Hand gehalten wird. Es könnte auch am Körper getragen werden und durch einen Spalt (z.B. aufgrund eines offenen Knopfs) hervorblitzen. Oder der Mantel hat ein Loch? Du siehst, mit meinen Schlittschuhen kann ich mich auch aufs Glatteis wagen.

    LG Claudi
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  14. #14
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    @Ferdi: Als ich hier ankam, sah ich hier noch oft Kritiken, die generell mit einer Xx-Struktur begannen und ggfs. Fehler ankreideten. So kam ich tatsächlich zu irrtümlichen Annahme, dass einige Kritiker die Dudenbetonung generell über die individuelle Betonung des Dichters stellten. Dabei können ja beispielsweise scheinbar schwach betonte Präpositionen im Einzelfall besonders stark betont gemeint sein. ( "ich war im Auto" vs. "ich war im Auto" usw ).

    Im Musiktext wird semantisch determinierte Betonung oft vom Musikrhythmus "überstimmt". Das gilt sogar als reizvoll ( siehe z.B Grönemeyer im Pop oder generell Rapp/Hiphop). Ich verstehe, warum Gedichteformen oft auf spezielle Versrhythmen bauen! Aber Kritik sollte bei Einwänden immer als Erstes fragen, welche Gründe es für scheinbare Verstöße gibt.

    Gerade Du, lieber Ferdi, behandelst derartige Probleme stets sehr umsichtig und feinfühlig. Und weil du hier mitdiskutierst, habe ich den Aspekt einfach mal angeschnitten. Wenn die Anderen hier kein Problem sehen, war es das auch schon.
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

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