1. #1
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    Bilder von einstürzenden Brücken

    I.

    Alles blüht,
    ich welke.

    Ohne Arme
    betrachte ich
    Händchenhaltende.

    Amputierte Glieder
    schwelgen in
    Erinnerungen.

    Gedanken fallen
    wie Herbstlaub
    sterbend
    Richtung Boden.


    II.

    Schwerverletzte
    winken aus Autowracks
    und verteilen
    Polaroids aus der Zukunft
    an die Schaulustigen.

    Visionen blicken neidisch
    zurück in die Vergangenheit.

    Der Phantomschmerz
    noch nicht
    gewachsener
    Organe,
    stößt sich den kleinen Zeh
    an den eigenen Erwartungen.


    III.

    Auf der Fußgängerbrücke
    steht ein Straßenmaler
    und verkauft Gemälde
    von einstürzenden Brücken.

    Im Fluss darunter
    treiben Gummientchen
    gemächlich vor sich hin.

    Vom Ufer aus werfen
    halbdurchsichtige,
    nackte Männer
    ihre Angeln aus.


    IV.

    Kämpfende Brieftauben
    verdunkeln die Sonne.

    Kuckucksuhren marschieren
    - ordnungsgemäß -
    im Stechschritt durch die Straßen
    und protestieren
    gegen die Zeit.

    Leere Plastiktüten
    fahren gratis
    Runde um Runde
    durch die Stadt.


    V.

    Eine Spinne
    seilt
    sich

    langsam

    und

    majestätisch

    von
    der
    Decke
    ab

    - direkt in den
    eingeschalteten
    Toaster.

    Sanfte Saxophonmusik erklingt,
    während sie sich
    in einen dünnen Rauchfaden
    verwandelt.

  2. #2
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    Scharf hast du beobachtet und treffende Metaphern daraus gebastelt. Am besten mag ich "Visionen blicken neidisch zurück in die Vergangenheit", wenngleich das Spiel mit den Zeiten nicht neu ist. Als Beobachtung finde ich die Plastiktüten besonders gut. In I. kann das "sterbend" raus, weil das mit Herbstlaub ohnehin klar wird. Ein Gedanken-Sammelsurium, das unterhält und und zum Nachdenken anregt. LG gugol

  3. #3
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    Hi Gugol! Ich hatte schon die Befürchtung, dass es zu sehr wie ein Sammelsurium rüberkommen könnte, aber dir hat es ja scheinbar gefallen.

    LG
    k

  4. #4
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    Sowas kann ja nur vonem schrägen Typen kommen, der sich gerne darüber hinwegsetzt, dass man im Gedicht wissen möchte warum es nicht nur sein musste, sondern auch sein kann. also mehr basics als nur sich abgequälte Peitschenhiebe in die eigene Langeweile um sich nicht ganz so vorkommen zu müssen wie man nun mal ist. Zwecks Vermeidung von Persönlichkeitsbezug im Text.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  5. #5
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    Peitschenhiebe in die eigene Langeweile... Das gefällt mir!

    Aber was hast du immer mit dem Persönlichkeitsbezug im Text?

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