Thema: Der Feuervers

  1. #1
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    Der Feuervers

    Es war schon häufiger im Gespräch, etwas zu anapästischen Versen zu schreiben; ich mache das jetzt einfach mal.

    Anapästische Verse sind im Deutschen selten, und das nicht ohne Grund: Es gibt nur sehr wenige anapästische Wörter, was heißt: ein Vers, der nicht nur ein anapästisches Metrum, sondern auch eine anapästische Bewegung haben soll, muss diesen Versrhythmus gegen den Wortrhythmus der meisten im Vers verwendeten Wörter verwirklichen! Und das ist nicht ganz leicht ...

    Andererseits gewinnt man, gelingt es, auch schöne Möglichkeiten: Anapästische Verse haben Schwung, dabei aber auch Würde und große Kraft - rechte Feuerverse eben!

    "Feuervers" ist ein von mir erdachter Name und soll besonders folgenden Vers kennzeichnen:

    (x) x X / x x X || (x) x X / x x X

    - Also vier Anapäste, von denen der erste und dritte auch ein Iambus sein kann; nach dem zweiten Anapäst gibt es einen Verseinschnitt (mindestens Wortende, eigentlich aber Ende einer Sinneinheit). Das ist ein Grundvers, der einerseits durch verschiedene seltenere Formen noch beweglicher wird, den man aber auch je nach Bedarf erweitern oder abwandeln kann - die Möglichkeiten dafür stellte ich in weiteren Einträgen vor und verlinkte sie hier im "Kopf", genauso wie Hinweise auf verwandte Verse, die den Feuervers begleiten können, und geeignete Strophen; aber erst schaue ich einmal, ob derlei überhaupt jemanden kümmert, sonst ist es am Ende vertane Zeit. Also, schaut, ob euch der Vers reizt, und meldet euch gegebenenfalls hier im Faden; gerne auch schon mit einem eigenen Beispiel!

    Du verscheuchst meinen Schlaf in der schwärzesten Nacht

    - So schlimm muss man's beim "Ringen mit dem Vers" ja nicht treiben ... (Beispiel von Hauptmann)

    Mehr zum Vers:

    - Einsilbige Senkungen
    - Der Verseinschnitt
    - Partnervers & Strophe
    Geändert von Ferdi (05.06.2019 um 09:56 Uhr)

  2. #2
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    Hi Ferdi,

    ich finde es interessant. Doppelsenkungen transportieren häufig Schwung und wirken lebendig.
    Da du das Ganze "Feuervers" genannt hast, habe ich mich mal auf die Schnelle an der Struktur versucht und ein entsprechendes Thema gewählt:

    Gewitter

    Der Gedanke entflieht in die donnernde Welt
    als der Blitz mit Gewalt an der Wolke zerschellt

    Die erhobene Faust des Gewitters erweckt
    die zerfurchte Natur die im Sturme erschreckt


    lg
    geo
    ich kann mich nicht selbst terminieren, ihr müßt mich in den Stahl hinablassen. [Terminator T-800]

  3. #3
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    Hallo Geo!

    Danke für deine Verse - sie zeigen das Wesen des "Feuerverses" sehr gut, finde ich (auch ein passender Gegenstand!). Das liegt sicher auch daran, dass du die zweisilbigen Senkungen sehr konsequent mit flüchtigen Silben besetzt hast?! Ob man ihn reimt, muss dabei jeder selbst wissen, möglich ist es allemal. Vielleicht wird aber auch schon klar, dass dieses deutlich vernehmbare Vorwärtsstürmen in einem etwas längeren Text leicht ermüdend wirkt? Dagegen lassen sich vor allem zwei Maßnahmen ergreifen: Die Besetzung der Senkungen mit nur einer Silbe, und die gelegentliche Verschiebung des Mitteleinschnitts. Ich schreibe hier schnell etwas über die einsilbigen Senkungen!

    Gruß,

    Ferdi

    -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

    Ich habe im Eingangsbeitrag dieses Silbenbild vorgestellt:

    (x) x X / x x X || (x) x X / x x X

    Vier zweisilbig besetzte Senkungen also, von denen die erste und die dritte auch einsilbig besetzt sein können. Allerdings können auch die anderen beiden Senkungen einsilbig besetzt sein! Das habe ich im Grundvers aber nicht angegeben, denn die einsilbigen Senkungen greifen den anapästischen Grundrhythmus unterschiedlich stark an. Die Reihenfolge ist: 1 - 3 - 2 - 4, was meint: ist die erste Senkung einsilbig besetzt, macht das wenig, ist die vierte einsilbig, trübt das den Rhythmus deutlich. Das heißt keineswegs, man soll das eine tun und das andere lassen; aber es sagt doch etwas aus über die Häufigkeit, mit der von diesen Möglichkeiten Gebrauch gemacht werden sollte, und zeigt, dass hier wenig, dort viel Sorgfalt nötig ist!

    Andersherum kann eine zweisilbig besetzte vierte Senkung den Vers zur Not ganz alleine im anapästischen Rhythmus halten:

    Mach auf, mach auf, doch leise, mein Kind!

    Wobei es sicher hilft, die einsilbigen Senkungen, wie Schack es hier getan hat, mit vergleichsweise gewichtigen Wörtern zu besetzen! Goethe erzielt ein ähnliches Ergebnis mit (Gesprächs-)Pausen:

    "Doch wenn -" "Wenn was?" "Nun, nehmen wir an,

    Aber keine Frage: Solche Verse sollten sehr, sehr selten sein! Ob einsilbig besetzte Senkungen auftauchen, und wieviele, und auf welche Weise sie verwirklicht werden (leichte / gewichtige Silbe): Das ist eine der Fragen, die man als Verfasser klären muss beim Einschreiben in den Vers. Für mich denke ich, der Vers gewinnt an Wirkung, wenn diese Senkungen mit einer kräftigen Silbe besetzt sind:

    Und ein triefendes Haupt taucht auf aus der Flut

    Ein kraftvoller Vers von Avenarius ...

    Licht glitzert das Eis, und der Schneesturm fegt

    Hier hat Hauptmann die erste und die vierte Senkung einsilbig und stark besetzt, was vor allem dem Versschluss gut tut?!

    Aber man kann solche einsilbigen Senkungen sicher auch "leicht" wählen:

    Es öffnet sich schwarz ein schauriges Tor,

    Dieser Vers Schillers klingt mir durchaus noch anapästisch?! Aber wie gesagt: Hier muss jeder für sich selbst versuchen und herausfinden, welche der vielen Möglichkeiten zu ihm passt! Wer mag, kann seine Bemühungen ja hier im Faden teilen, dann haben die anderen Mitleser und -versucher Vergleichsmöglichkeiten!

  4. #4
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    hi Ferdi,

    danke für die Ausführungen!

    Die Reihenfolge ist: 1 - 3 - 2 - 4
    du meinst damit eine Priorisierung der Wirksamkeit der Doppelsenkungen bezogen auf die Position im Vers? Das die 4 am Ende steht wirkt auf jeden Fall plausibel. An den Abschluss erinnert man sich ja in der Regel am stärksten. Ich muss zugeben, dass ich mir so detailliert noch nie Gedanken über die Verteilung von Doppelsenkungen und Einzelsenkungen gemacht habe.

    Vielleicht wird aber auch schon klar, dass dieses deutlich vernehmbare Vorwärtsstürmen in einem etwas längeren Text leicht ermüdend wirkt?
    Das könnte schon sein. Die Wirkung basiert ja zu einem Teil auch auf dem Kontrast zur "herkömmlichen" Sprache. Darum kann auch die Kombination aus anapästischen Versen und alternierendem Metrum (jambisch oder trochäisch) recht wirkungsvoll sein. So kommt etwas Abwechslung hinein. Ich habe mal in meinen Experimenten gewühlt und noch etwas gefunden. Es folgt dieser Form:

    Strophenform:

    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxxXx
    xXxxXx
    xXxXxXxX

    Herbst

    des Himmels trüber Blick zur Erde,
    erfasst so seltsam alles Sein.
    Verreisende Träume,
    sich schüttelnder Bäume,
    ich schließe sie im Innern ein.

    Und wandle tänzelnd mit den Winden,
    ich sammle Buntes für das Buch.
    Und hoffe zu halten,
    das Warme im Kalten
    und banne jeden Winterfluch.

    Ein blaues Tuch in weiter Ferne,
    mir wird so schwer, so komisch – Ach
    ein fröstelndes Schauen,
    ich winke mit Grauen,
    dem schönen Tuch zum Abschied nach.

    Ich habe damals auch mal mit sehr langen Daktylen experimentiert um zu gucken wann es monoton wird. Die Strophe folgt dieser Struktur:

    Strophenform:

    XxxXxxXxxXxxXxxXxxXx
    XxxXxxXxxXxxXxxXxxXx
    XxxXxxXxxXxxXxxXxxXx
    XxxXxxXxxXxxXxxXxxXx

    Herbst2

    Trübe Gedanken durchdringen die Stirn, wie verschlungene knotige Bänder.
    Nasse und traurige Schatten, umsäumen die Träume, die müde verwesen.
    Vögel versammeln sich kreischend, um schnell zu verreisen, in wärmere Länder.
    Kaltes Gekräusel aus milchiger Schwere umdümpelt mein bleichendes Wesen.

    Lg
    geo
    Geändert von GEO (01.06.2019 um 13:05 Uhr)
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  5. #5
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    Hallo Geo!

    du meinst damit eine Priorisierung der Wirksamkeit der Doppelsenkungen bezogen auf die Position im Vers?
    Genau. Oder, von den einsilbigen Senkungen aus betrachtet: Die erste Senkung kann ruhig häufiger einsilbig sein - deutsche Verse fangen nicht gern zweisilbig-schwachbetont an, am Versbeginn setzt die neue Bewegung ohnehin erst langsam ein, und die Pause "zwischen den Versen" vertritt zum Teil die fehlende Silbe?! So ähnlich, aber schwächer bei der dritten Senkung, unmittelbar hinter dem Verseinschnitt; bei der zweiten Senkung gibt es eigentlich keine "mildernden Umstände"; und die vierte Senkung gehört zum Versschluss, wo sich, wie du anmerkst, die eigentliche Versbewegung für gewöhnlich klar ausbildet. So genau muss man das aber sicher nicht nehmen; ich wollte es erwähnen, damit verständlich wird, warum ich im Silbenbild das Weglassen der zweiten Senkungssilbe im ersten und dritten Fuß als Möglichkeit gekennzeichnet und dann später im Text das Weglassen der zweiten Senkungssilbe im zweiten und vierten Fuß als "gelegentlich möglich" erwähnt habe ...

    Ob deine zwei Verse (wirkungsvoll allemal!) pro (Herbst-)Strophe wirklich "anapästisch" sind? Hm ... Von der Bewegung her kommen sie mir eher amphybrachisch ("das Warme im Kalten") vor oder wie ein auftaktiger Adoneus ("sich schüttelnder Bäume"). Über ihre Tauglichkeit sagt das selbstredend nichts aus! "Herbst 2" scheint mir wirklich schon knapp auf der falschen Seite der "Einförmigkeits-Trennlinie" zu stehen?!

    So, jetzt, wie angekündigt, unten noch etwas zum Verseinschnitt!

    Gruß,

    Ferdi

    ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

    Der Mitteleinschnitt nach dem zweiten Fuß, also nach einer betonten Silbe, ist für die Ausbildung der anapästischen Bewegung von entscheidender Bedeutung. Einerseits. Andererseits muss ein Vers aber auch abwechslungsreich sein, um das Ohr des Hörers immer wieder neu auf sich aufmersam zu machen! Von daher empfiehlt es sich, nicht häufig, aber doch immer mal wieder den Einschnitt ein wenig früher oder später eintreten zu lassen - oder sogar ganz auf ihn zu verzichten!

    Denn von zwei Regimentern, was ritt und und was stritt

    In diesem Vers von Freiligrath ist der Einschnitt um eine Silbe nach hinten verschoben; das ist sicher die am häufigsten genutzte Möglichkeit! Wenn man kann sollte man dabei an anderer Stelle im Vers einen Sinnabschnitt mit einer betonten Silbe enden lassen, um so den anapästischen Rhythmus gleich wieder "ins Ohr zu rufen"; hier geschieht das: "was ritt | und was stritt". Ein anderes Beispiel:

    Doch der Geist überwindet die rohe Gewalt

    Hier hat Körner einen männlichen Sinnschluss nach der dritten Silbe - "Doch der Geist | überwindet ..."). Manchmal wandert sogar der Haupteinschnitt so weit nach vorne:

    Er betrachtet sein Kind. Er erstaunt. Er erblasst.
    Er entspringt, von entsetzlichem Grauen erfasst.


    Zwei Verse von Meyer, der erste mit dem üblichen Einschnitt nach dem zweiten Fuß, der zweite mit Einschnitt nach dem ersten Fuß.

    Vorsehen ist angebracht, wenn man "einsilbige erste Senkung" und "um eine Silbe nach hinten verschobenen Einschnitt" miteinander verbindet; dabei entsteht leicht eine sehr deutliche amphybrachische Bewegung!

    So lass ich euch führen zu Esel durchs Land,
    Verkehrt, statt des Zaumes, den Schwanz in der Hand


    Zwei Verse Bürgers, der erste deutlich amphybrachisch, der zweite deutlich anapästisch!

    Nun spricht nichts dagegen, einen solchen Vers im Text zu haben - der einzelne Vers darf alles; aber so viele, dass der eigentlich gewollte Eindruck verloren geht, sollten es nicht werden!

    Noch ein Beispiel für das völlige Fehlen des Einschnitts:

    Und die flügelgebundene Seele geweckt

    Janitschek. Aber auch solche Verse sind im Einzelfall möglich und eine willkommene Abwechslung, genau so wie Verse mit nur sehr schwachem Einschnitt:

    Rasch schrieb er das Wort auf ein Blättchen Papier

    Ginzkey. Welche Art von Einschnitt wie häufig vorkommen soll in Verbindung mit welchen anderen Verseigenschaften: Auch das muss jeder und jede für sich selbst herausfinden. Beispiele dafür gerne hier in den Faden!

  6. #6
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    Ob deine zwei Verse (wirkungsvoll allemal!) pro (Herbst-)Strophe wirklich "anapästisch" sind?
    im Prinzip sind sie daktylisch (ist wohl Definitionssache). Wichtig war mir nur, dass es eine Doppelsenkung ist.

    auf jeden Fall danke für die vielen Beispiele. Das muss ich mir mal in Ruhe angucken!
    ich kann mich nicht selbst terminieren, ihr müßt mich in den Stahl hinablassen. [Terminator T-800]

  7. #7
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    Hallo Geo!

    "In Ruhe angucken" klingt gut - ich stelle derweil einen Partnervers vor, der sich mit dem "Feuervers" recht gut ergänzt!

    Gruß,

    Ferdi

    ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

    Ein verlässlicher Partner für den Feuervers ist dieser dreihebige Vers:

    (x) x X / x x X / x x X / x

    Er hat keinen festen Einschnitt; der erste Fuß ist häufiger ein Iambus, der zweite und dritte können es auch sein, aber nur vergleichsweise selten! Rhythmisch ist er sehr wandlungsfähig, er kann deutlich anapästisch klingen wie bei Heine:

    Dumpf liegt auf dem Meer das Gewitter

    Auch bei Schröder:

    Kein Hauch soll so schwach, soll so zart sein

    Er kann aber auch eher amphybrachisch klingen wie bei Morgenstern:

    Da umspann mich der Zauber der Stunde

    Sogar daktylischer Klang kommt vor:

    Saftstrotzender Tagesversäumer

    - Steht bei Hiller. Im Zusammenhang mit dem Feuervers bietet sich natürlich an, diesen Vers im anapästischen Gleis zu halten ... Verbinden kann man die beiden Verse gut in dieser Reimstrophe, Reimschema ababcc:

    (x) x X / x x X || (x) x X / x x X
    (x) x X / x x X / x x X / x
    (x) x X / x x X || (x) x X / x x X
    (x) x X / x x X / x x X / x
    (x) x X / x x X || (x) x X / x x X
    (x) x X / x x X || (x) x X / x x X

    Felix Dahn benutzt sie erzählend in "Jung Sigurd", wenn auch einen Hauch weniger anapästisch, als mir das in der Anlage vorschwebt:

    Licht floss von den Schläfen das goldene Haar,
    Alabastern glänzten die Wangen,
    Aus den Augen, den siegenden, schimmert' es klar,
    Als käme die Sonne gegangen:
    Und den Nacken umschloss das goldne Geschmeid,
    Das der Anmut bannenden Zauber leiht.


    Inhaltlich muss man das nicht übermäßig ernstnehmen (beschrieben wird die Liebesgöttin); aber wenn man der Bewegung nachspürt (laut sprechen, unbedingt!), bekommt man einen guten Eindruck von den Möglichkeiten der Strophe?!

    Man kann sie auch für Gedankenlyrik verwenden wie Schiller in den "vier Weltaltern" - "Er" ist "der Sänger":

    Ihm gaben die Götter das reine Gemüt,
    Wo die Welt sich, die ewige, spiegelt;
    Er hat alles gesehn, was auf Erden geschieht,
    Und was uns die Zukunft versiegelt;
    Er saß in der Götter urältestem Rat
    Und behorchte der Dinge geheimste Saat.


    Wie immer: Einfach versuchen, und das Ergebnis gerne hier im Faden teilen!

  8. #8
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    hallo ferdi,

    ich wollte mich nur kurz bedanken für deine arbeit. es ist immer wieder erstaunlich und für mich inspirierend, mit welcher leidenschaft du alte, ausgefallene versformen wiederentdeckst und uns anhand von beispielen näher bringst.

    lieben gruß
    albaa

  9. #9
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    Hallo Albaa!

    Das mache ich gerne. Und ich freue mich, dass du die vorgestellte Strophe gleich einmal versucht hast ... (Falls sie jemand noch nicht bemerkt hat - hier geht's lang: Und dann geh.) Eine "alte, ausgefallene Versform" ist der Feuervers allerdings nicht so ganz - ich versuche da ja, eine Art "anapästischer Grundvers" herauszuarbeiten und vorzustellen, der zwar immer einmal wieder in Gedichten vorgekommen ist, aber nicht als bestimmende Größe. Gedanke dabei ist, dass von diesem Grundvers die meisten anapästischen Verse etwa gleichweit entfernt sein dürften und dadurch alle auf einmal eingeübt werden, schreibt man sich in den Feuervers ein. Ich schreibe unten noch etwas zu den ungereimten, eher antik verstandenen anapästischen Versen.

    Gruß,

    Ferdi

    ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

    "Feuervers + Partner" lassen sich auch ungereimt verwenden. Man kann sie zum Beispiel epigrammatisch einsetzen, als Verspaar:

    (x) x X / x x X || (x) x X / x x X
    (x) x X / x x X / x x X / x

    Das ist für's Einschreiben allemal eine brauchbare Form, eine Art "anapästisches Distichon"!

    Wie der kürzere Vers nach dem längeren wirkt,
    Lernt rasch sich; man muss sie nur schreiben …


    (In den Foren steht auch eins: Diener und Herr.)

    Antik angehaucht kommt der "Aristophanische Vers" daher, der "Feuervers und Partner" zu einem Vers vereinigt (mit festem Einschnitt zwischen den beiden Teilversen), und in dessen deutscher Nachbildung entsprechend antikem Brauch die einsilbigen Senkungen von möglichst schweren Silben besetzt werden. Das ist ein wirklich wunderbarer Vers, wie die Übersetzung einiger Verse aus den 414 vor Christus erstaufgeführten "Vögeln", verfasst von Aristophanes höchstselbst, zeigt:

    O ihr Menschen, verfallen dem dunklen Geschick, "den Blättern des Waldes vergleichbar",
    Ohnmächtige Zwerge, Gebilde von Lehm, traumähnliche Schattengestalten,
    O ihr Eintagsfliegen, der Flügel beraubt, ihr erbärmlich-verweslichen Wesen,
    Jetzt lauschet und hört die Unsterblichen an, die erhabenen, ewiglich jungen,
    Die ätherischen, himmlischen, seligen, uns, die Unendliches sinnenden Geister,
    Die euch offenbaren die Lehre vom All und den überirdischen Dingen!


    Unbedingt versuchen, das schreibt sich herrlich!

  10. #10
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    Ich habe eben auf sueddeutsche.de einen staatsoberhauptlichen Feuervers bemerkt und dachte mir, den teile ich hier:

    "Wo die Sprache verroht, ist die Straftat nicht weit", sagte der Bundespräsident.

  11. #11
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    Zitat Zitat von Ferdi Beitrag anzeigen
    Ich habe eben auf sueddeutsche.de einen staatsoberhauptlichen Feuervers bemerkt und dachte mir, den teile ich hier:
    Es wäre mal interessant zu analysieren ob eine Rede, welche in Feuerversen verfasst wurde, eine besondere Wirkung beim Publikum entfaltet (und ob das ev. komisch klingt).Als Ghostwriter könnte man mal heimlich sowas ausprobieren.
    ich kann mich nicht selbst terminieren, ihr müßt mich in den Stahl hinablassen. [Terminator T-800]

  12. #12
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    Hallo Geo!

    Ich halte nicht viele Reden, sonst versuchte ich das gerne einmal ... Dann aber mit dem "Aristophanischen Vers", in dem ja ohnehin immer mal wieder die Anrede ans Publikum verfasst wird, zum Beispiel in den Parabasen von Platen und Prutz, der passend (auch) über Platen redet - ein Ausschnitt:

    Nein, Zeiten beschwor auch Platen herauf, wo die Deutschen sich würden bewusst sein,
    Abschüttelnd den Schlaf von bepudertem Haupt, der verfehlten, der hohen Bestimmung,
    Und wo wieder das Schwert, vom Roste befreit, ablösen würde die Feder.
    Nicht war ihm vergönnt, in des kommenden Tags aufdämmernde Röte zu schauen,
    Die purpurn jetzt (ob Rosen? ob Blut?) auf die bräunlichen Wangen uns herstrahlt:
    Doch hätt' er's erlebt, er wäre fürwahr! nicht der Letzte, der Erste gewesen,
    Und hätte des Lieds Brandpfeil gradaus in die Burg der Tyrannen geworfen.


    - Wenn man sich da die Sprache etwas heutiger denkt, warum nicht?! Schwung hätte es, und könnte also vermutlich Hörer mitreißen.

    Gruß,

    Ferdi

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