1. #1
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    Wenn Tränen fallen

    Die erste Träne streift durch dein
    Gesicht, tropft dann am Kinn zu Grund'
    Die Stimmung auf dem gleichen Stand
    Worte finden nicht den Mund

    Die zweite Träne nimmst du mit
    Dem Finger auf, siehst sie dir an
    Beneidest wie das Salz darin
    So unsichtbar bleiben kann

    Die dritte Träne schmeckst du nun
    Du schmeckst das Salz, schmeckst Emotion'
    Gefühle kreisen, sinken, fall'n
    Spürst bloß wie sie zu Boden knall'n

    Die vierte Träne lässt die Welt
    Um dich herum in's Wasser sinken
    Von Anfang an war irgendwie klar
    Du würdest darin nun ertrinken

    Die nächsten Tränen spürst nichtmehr
    Gedanken lose, bald zerfall'n
    So viele davon wie sie sich
    Gedankenvoll in Körper krall'n
    Geändert von Kaktusfeige (11.06.2019 um 22:52 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Kaktusfeige,

    willkommen hier im Forum. Ich versuch mich mal an deinen Tränen..

    Zunächst zur Form:
    In den ersten zwei Strophen hast du gleich lange Verslängen verwendet. Ab der dritten Strophe weichst du davon ab.
    Wenn das bewusst so geschrieben wurde, um vielleicht den Inhalt das unkontrollierte Weinen mit der Form zu vereinen und damit zu verstärken fände ich es genial. Aber die nachfolgenden Strophen wirken dann doch zu „kontrolliert“ von der Form her. Dafür spricht auch, dass du durchgängig zwei Verse pro Strophe mit Reimen verwendet hast.
    Den Lauf , den Fall der Tränen von der ersten bis zum ganzen Tränenmeer auch in der Form in Form von Chaos dar zu stellen hätte mir auch sehr gut gefallen.
    So habe ich aber beispielsweise in der ersten Strophe das Gefühl, dass hier der Umbruch vor „Gesicht“ nur gewählt wurde um die Verslänge einzuhalten. Beim Lesen stockt man hier ein wenig. Genauso auch bei „Dem Finger“ in der zweiten Strophe. Auch hier liest es sich so als sei das nur der Verslänge geschuldet. Daher gefällt es mir nicht so gut, es sei denn es würde eben einen inhaltlichen Grund dafür geben. Aber dies ist Geschmackssache.

    Zum Inhalt:
    Deine Idee gefällt mir und jede Strophe hat für sich etwas Starkes. Bei der ersten Träne gefällt mir „ Die Stimmung auf dem gleichen Stand“ und „Worte finden nicht den Mund.“ Das beschreibt ganz gut den ersten Moment..bevor das Weinen richtig los geht. Die Worte versagen aber die Stimmung ist eben noch (wenn auch nur Sekunden) nicht so stark gekippt und unkontrolliert wie im späteren Verlauf der Tränen.
    In der zweiten Strophe liest sich noch ein gewisser emotionaler Abstand zu den Tränen. Es wirkt noch reflektierend und das völlige Loslassen /Freilassen der Tränen ist eben noch nicht erfolgt.
    Dies ändert sich nun mit der dritten Träne, denn sie wird geschmeckt. Für mich mit die stärkste Strophe. Das haltlose Weinen das Durchbrechen der Emotion ist nun in vollem Gange und das Nachempfinden dieser Stimmung wird durch deine Bilder und Worte wirkungsvoll verstärkt. Die Tränen sowie die ganze Emotion- man selbst- „knallt“ förmlich zu Boden.
    Die vierte Träne führt den Moment konsequent und stimmig fort. Das Tränenmeer aus dem man in diesem Stadium kurz vorm Ertrinken zu sein scheint.
    Bei der darauf folgenden Tränenflut gibst du meiner Meinung nach rein inhaltlich hier dem Leser am meisten Zeit zu verweilen. Diese letzte Strophe muss man mehrmals lesen um sie für sich zu erfassen. Schön finde ich das Wortspiel „Gedanken lose“. Denn man könnte es auch zusammengesetzt also „gedankenlose“ lesen und auch das würde passen und Sinn ergeben. So wie du es geschrieben hast, die losen Gedanken die zerfallen , gefällt es mir aber noch besser. Mir gefällt auch ,dass man nach zerfall'n den nächsten Vers anknüpfen könnte und es damit inhaltlich noch mal ein Stück mehr her gibt ( zerfall'n- So viele davon). So könnten es zum einen die Tränen aber eben auch die Gedanken sein die sich „in Körper krall'n“.
    In der letzten Strophe nimmst du die Gedanken wieder auf – voll sind sie (auch hier gilt das für mich für Tränen und Gedanken)..auch das gefällt mir sehr gut. Das Bild wie sie sich in Körper krall'n ist stark und für sich sprechend. Es verdeutlicht wie das LD nun in Besitz genommen ist von diesem Zustand. Sie ist auch die Strophe die es rechtfertigt, dass du es in die Rubrik "Trauer und Düsteres" eingestellt hast. Ohne diese Strophe wäre mir persönlich das Gedicht fast nicht traurig-düster genug gewesen

    Interessant hätte ich noch eine sechste Strophe in der die Tränen nachlassen und sich vielleicht Leere vielleicht Erleichterung oder auch nur stumme und tränenlose Trauer breit machen.

    Insgesamt hat mir dein Gedicht sehr gut gefallen und du führst den Leser stimmig durch diesen "Tränenfall".
    Wie gesagt die Form könnte man vielleicht noch mit dem Inhalt ins Reine bringen oder aber auch einfach nur durchgängig machen.. aber das ist nur eine Idee und muss auch alles gar nicht sein… Eine Form kann begeistern wenn Sie technisch rein oder eben mit dem Inhalt flirtet aber mich persönlich begeistern genauso sehr Gedichte die keiner besonderen Regel(n) folgen..

    Gerne gelesen
    Viel Spaß hier im Forum

    Gruß Question
    Geändert von question (12.06.2019 um 14:41 Uhr)

  3. #3
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    Ich finde das Gedicht sehr gut, und da steckt offenbar durchaus ne Form dahinter, die das Gedicht nicht vergisst bei der Erstellung. Das ist schon richtig, richtig nett. Und die letzte Strophe ist eigentlich der absolute Hit. Wenn du das kommen lässt, da baut sich echt was vor einem auf... Das ist mehr als ein Tränenfall, der allgemein zu lesen ist, glaube ich. Jedenfalls scheint das tiefes Gewässerzu sein. Und diesr eine Satz in Strophe 4. Von Anfang an wir irgendwie klar. Der kommt einem irgendwie entgegen getreten. Ohne, dass ichs genauer beschreiben könnt.

    Ich glaube, hier weiß jemand, was er tut
    Geändert von Crackaveli (13.06.2019 um 08:33 Uhr)
    Mein armer Briefkasen,
    für ihn gibt es kein Rasten.
    Er klappert und quietscht schief.
    Durch seine Schießtscharte
    steckt das Leben eine Grußkarte.
    Scheiße, du bist das Motiv,

  4. #4
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    Hallo Question, hallo Crackaveli,

    Vielen Dank für eure Zeit und auch eure Mühe euch in mein Gedicht 'hineinzudenken'.
    Sooo.... von Anfang an. Es stimmt schon, dass die ersten beiden Strophen etwas ruppig klingen(Gesicht, dem Finger) jedoch wird die Betonung meiner Meinung nach bei mehrfachem Lesen klarer, obwohl es natürlich schon schöner wäre, wenn es sich auf Anhieb gut lesen lässt. Inhalt und Form habe ich bewusst versucht aufeinander abzustimmen, allgemein in Bezug auf den Verlauf der beschriebenen Situation und besonders auf die letzte Strophe. Habe dort versucht, durch die 'abgehackte' Schreibweise, die 'Übernahme der Emotionen' und somit das 'Verlorengehen des 'normalen' Denkens' zu veranschaulichen. Zudem wird das Gedicht von Strophe zu Strophe mit mehr Verbildlichungen versehen, was zusätzlich Form und Inhalt verknüpft. Ansonsten habt ihr beide mein Gedicht erfreulicher Weise gut verstanden. An einigen Stellen ist selbstverständlich Platzt für individuelle Interpretationen übrig.
    An weitere Strophen habe ich auch gedacht, jedoch fände ich es schwer, einen Punkt zu bestimmen, an dem sich die Stimmung wieder in positive oder wie du schon meintest in Stumme ändert. Vorschläge nehme ich natürliche gerne an und wäre auch bereit dazu mein Gedicht zu überarbeiten.
    Freut mich zu hören, wenn ihr es gerne gelesen habt. Danke für das Lob und die hilfreiche Kritik.

    MfG Kaktusfeige

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