VI. Ein Gesprächgesuch und Herbstdissonanzen

Am übernächsten Tag aber schon, ernüchtert oder im nüchternen Zustand, je nach dem, wie man es sehen mag, war der Jubel dem Jammer gewichen: „Ich fühle mich so elend!“ Scham, Liebe oder die Gemengelage obskurem Verschnitts davon hatte sich ihrer bemächtigt, da sie in der kleinen Stadt an jeder Ecke das Bartgesicht des edlen Vöglers, starken Rammlers und irren Sex-Derwischen wahrnahm und es half auch nichts, dass sie es vermied, die Hauptverkehrsstraße zu passieren, wo sie an dem heruntergekommenen Dönerladen vorbeidefilieren musste, aus dessen Schaufensterauslage inzwischen bereits eine ganze Meute sexhungriger body-gestylter Ausländer welcher Herkunft auch immer gierten und stierten.
Sie hätte es nicht ertragen können – den „Geliebten“ erblicken zu müssen.
So fuhr sie statt der breiten, hell erleuchteten Einkaufsstraße durch die verwinkelten, engen, kantig-sperrigen Kleinstadtstraßen – für eine oft angeheiterte Fahrradfahrerin eine nahezu zirkusreife Nummer.

In der Nacht war sie mit dem psychedelischen Song von Pink Floyd: “I wish You were here” eingeschlafen. Sie flog auf den Mond, umrundete ihn und setzte auf der erdabgewandten, dunklen Seite und Hälfte ab. Sie befand sich in der Rumpelkammer, in der es dunkel und düster war. Diese Hemisphäre des Fleischlagers hatte Eis- bzw. zumindest Nebelbildung wie die, die aus dem undichten Fleischkühler drang.
Eine schwarze Katze schlich in diesem Raum herum, durch das laute, abrupte Gepoltere des hektischen Sexualverkehrs lief diese plötzlich schnell aus dem Räumlichkeiten. Wie ein Blitz!
Aber am Morgen war Schluss mit Träumen, da wurde zur Sache gegangen, zum Marsch geblasen, indem sie den unsterblichen Bob Marley and the Wailers auflegte mit: „Get up, stand up! Fight for Your right!”
Dieser Song putschte die ehemalige Jamaika-Reisende auf. Sie kriegte schon die Krise, es war nur ein dumpfes Gefühl, irgend eine Anwandlung, egal welcher Absicht, nur ein dumpfes Drängen verspürte sie, mit ihm zu reden, mit ihm, der sie... naja.
Sie schlief wieder ein und befand sich im undurchdringlichen Dschungel der Tropen, wo es so feucht wie in der Sauna war. Es war alles so dicht bewachsen mit Grünzeug, dass man sich nur mit einer Machete einen Weg bahnen konnte. Boa in Ausmaßen wie Bäume hingen wie Lianen von den Ästen herab. Ein furchtbares lautes, schrilles Gekreische, Gejauchze, Gebrülle erklang und erschall aus den Baumkronen, am übelsten taten sich Paviane hervor, Makaken, Meerkatzen, Schimpansen, alle erdenklichen affenartige Wesen, die mit ihren Gestikulationen, Gebärden, Gebaren sie schier zu veräppeln, zu foppen und herauszufordern schienen. „Geht weg, verschwindet!“, schrie sie hysterisch und wie aus dem Nichts tauchten bunte Papageien in ihr Blickfeld, die ätzend zurückschrieen. „Geh weg, verschwindet!“ Das war zuviel, sie war dem Wahnsinn nahe, hielt sich die Ohren zu, bekam weiche Knie und ließ sich schließlich auf der Stelle fallen. Sie sah durch ein geöffnetes Auge einen flirrenden roten Hügel wie eine Düne auf sich zukommen, sie, die auf dem Boden lag, ohnmächtig, beklommen und steif. Allmählich begann sie in dem Hügel Einzelheiten zu unterscheiden und wahrzunehmen: tausende, krabbelnde, gierige Ameisen.
„Get up. Stand up. Fight for Your right!“ Und das Stakkato der Raggaemusik lässt sie erheben, einen kleinen, klitzekleinen, mutmachenden Schluck aus dem bereits angebrochenen Flachmann nehmen, sich anziehen, die Wendeltreppe hinuntergleiten, das Fahrrad aus dem Gang durch die Haustür ins Freie schieben, aufsetzen und losfahren.
Der Scheinwerfer des Fahrradlichtes tänzelte an den Hauswänden hin und her, rauf und runter, dass es eine Wucht war. Da und dort hatten die Haustüren überdies Lämpchen über den Rahmen, selbst in den Fenster glitzerten welche, wie süß! Weihnachten war nicht mehr weit. Das Fest der Liebe, und sie? Oje, oje, oje! Sollte sie leer ausgehen, wieder einmal, wie seit dreizehn Jahren schon, damit musste Schluß sein. Jeder hat ein Recht auf Liebe. „Get.. Genau, kämpfe für dein Recht, Gina!“
Gina hat ihren Fahrradkorb hinten aufgespannt, der mit einem weinroten Tuch überspannt ist, ein Korb, der in seiner Verzierung dem Weidenkorb des Rotkäppchen ähnelt, in dem sich für Großmutter eine Weinflasche befindet, vulgo hier ein Flachmann aus dem Discounter, aus dem sie sich schließlich noch ein Schlückchens Mut antrinkt auf der Schwelle vorm Eingang zum Paradies, zur Hölle, zum Fleischerladen.
[Gina, die Sozialpädagogik studiert hat, wenn auch ohne Abschluss, sucht das Gespräch, muss es suchen oder es sucht sie, wie man will, weil man/frau bekanntermaßen in diesem Beruf das Schwätzen lernt, über Probleme reden, über vermeintliche Probleme quasseln, über Nichtprobleme. Punktum. (Schreibt der Autor, der dies selbst studiert hat.) Gina kann eigentlich nichts anderes als reden, reden ohne Konsequenz, ohne einer Handlung und Tat infolge, weswegen sie trinkt. Oder umgekehrt ist es die des Trinkens!?]
Sie lässt sich nieder in eine der abgeschabten braunen Leder-Sitzen, nicht unähnlich denen von Hinterbänken in kleinen Busen, hinten, in der äußersten diagonalen Ecke des kleinen Dönerlokals, wo einst ihr Insignum, das Zeichen, das Mahnmal der Liebe ruhte, der Stoffhund, nun zu ruhigerer Geschäftszeit und wartet eine günstige Gelegenheit ab, mit dem Geliebten darüber zu reden, ins Gespräch zu kommen. Das geht doch so nicht, dass man das jetzt auf sich beruhen lässt, nachdem, was da passiert ist, da gibt es doch natürlich Redebedarf! – aber, wie sich bald herausstellt, leider nur von ihrer Seite aus.
.„Ich muss mit Dir reden... Ähm, also, diese Nacht... Ich war total betrunken, aber... Nun, du bist verheiratet, ich weiß das ja... Aber wir können die Sache so nicht stehen lassen.“
SACHE STEHEN LASSEN!
Von welcher Sache spricht sie überhaupt, die wir wegräumen müssen? Er sieht keinen Gegenstand, der dafür in Frage kommt, mit anderen Worten, er erkennt keinen Sinn in ihren Worten. Was wunder auch, von dem was er inhaltlich nicht versteht, kommt hinzu, dass sie stammelt, lispelt und nuschelt bei dem Versuch, krampfhaft die richtigen Ausdrücke zu finden, welche für ihn ein Buch mit sieben Siegeln darstellen. Die Worte kommen aus der Welt der Fakten und wer kann damit schon etwas Handfestes anfangen: „Ein stückweit sind wir zu weit gegangen.“
STÜCKWEIT – welches Stück, Gegenstand, Ding meint sie denn?
Immerhin denkt er doch ein bisschen darüber nach.
Soll ich diese Frau zu meiner zweiten machen, theoretisch möglich, per Gesetz seiner Religion, der er sich verpflichtet fühlen kann, wenn er will. Er denkt an seinen Cousin in Syrien, der es immerhin zu zwei Frauen und 16 Kindern gebracht hat – der Stolz des ganzen Clans! Oder soll er es schlicht bei seinem guten Ruf unter den Jüngeren der Gemeinde belassen, mit seinem Treffer im fremden Revier gewildert zu haben und mit der Aussicht, dass dies erst der Anfang gewesen ist– ich habe deutsche Frau gefickt, klingt gut.
In das weiße, verschwommene Gesicht Ginas fährt aber jäh ein schrecklich-schlimmer Blitz zwischen das Glück der beiden, hier Glück ob ihrer Hoffnungsträchtigkeit, er glücklich ob einer goldenen Zukunft.
Gina lächelt verschämt bei ihrem Ansuchen und der glückseligen Erinnerung über den nächtlichen Quicki und Holterdipolter- Fuck im Nebenzimmer und sie zeigt dabei ihre Zähne, ihre weißen Hackerchen, wobei dieser Ausdruck nur insofern zutrifft, als sie keine gleichmäßig aufgereihten 32 Zähne mehr hat, zwar noch die großen Schneidezähne vorne, aber einige Backenzähne sind bereits herausgefallen, so dass eine schwarze Lücke in ihrem offenen Mund klafft. Wenn sie lacht und ihre betont kehliges Grunzen ausstößt, frankiert von dieser Lücke, erscheint sie als entweder faszinierendes oder abstoßendes Original, Unikum und Hexe. Der Angesprochene schreckt zurück und denkt um entschieden: nee, nö, nein, nein - das ist doch nichts. Wenn seine Freunde, Bekannten und Anverwandten zum Fleischbeschau kämen, würde sein Ansehen, Ruhm und Renomée doch zu tief in den Keller rutschen angesichts dieser Braut.
Außerdem versteht er sowieso kaum mehr als Bahnhof. Und so ist ihm dieses Gespräch zu „blöd“, wenn es auch vom Ginas sozialwissenschaftlichen Standpunkt aus auf einem hohen Niveau, von einem anderen in einem höheren Blödsinn geführt wird, umkehrt proportional ist es dem Türken noch „blöder“, wie die Deutschen sagen würden, wenn sie ungehalten werden und über etwas nicht mehr reden wollen: „Das ist mir zu blöd!“. Beim Denken bleibt es glücklicherweise auch, denn nun, Gina, du kannst froh darüber sein, öffnet sich störend und unterbrechend die Tür und hereintritt ein Kunde, um sich vor den leeren Tresen des Fast-Food-Ladens aufzubauen.
Gerade noch kann der Verkäufer der Kundin im sonst leeren Laden zuraunen, ungeachtet dessen, ob es sich bei dem Neuling um einen Deutschen oder Türken handelt: „Ich nicht verstehen, nem anladim.“
Genia will aber nicht locker lassen, erreicht aber den Geliebten nicht mehr, welcher ihr inzwischen den Rücken zugekehrt und sich dem Fleischkegel zugewendet hat, um daran in einer Verlegenheitsgestik herumzuschnetzeln, das vom heißen Backblech krude gewordene Fleisch abzuschaben – ein Signal, das heißen will: für mich ist die Sache erledigt.
Aber noch lange nicht für Gina.
Sie hakt nach. Sie spricht laut, sehr laut: „Du, mir ist die Sache zu wichtig, als dass...“
Zwar wendet sich der Türke wieder um, aber er versteht überhaupt nichts mehr – was Sache? Sinn- und zusammenhangloses Gelaber ist das. Mochte er sich zudem hilflos und ohnmächtig gegenüber der Deutsch Sprechenden fühlen, sein halbherziges Stammeln lässt ihn die Nerven verlieren und schlussendlich in seinen buschigen Bart hineinraunen: „Ich nicht weiß Deutsch!“
Das stellt das Signal dazu dar, dass endlich der Käufer, bislang noch überlegend und höflicherweise das Gespräch anderer Leute nicht unterbrechen wollend, seine Bestellung aufgibt, um dieses unwürdige, beschämende und ausweglose Schauspiel, diesen einseitigen Dialog, diese Einbahnstraße menschlicher Kommunikation zu blockieren, zu unterbrechen, zu beenden, sprich zu erlösen, das immerhin eine Dauer erreicht hat, dass es dem dümmsten Gesprächspartner überdrüssig wird und mitunter auch die partiell nüchterne Gina kapiert, dass hier Ende der Durchsage war.
Je länger sie über den Ausgang oder Fortgang oder Irrgang dieser notwendigen Aussprache der einseitigen Art nachdenkt, desto mehr Blut schießt ihr in den Kopf und treibt sie voran. Den Flachmann stellt sie in ihrer Verzweiflung einfach auf den Tisch, sieht, was sie getan hat, ergreift ihn sofort wieder und steckt ihn in den Weidenkorb zurück und nimmt sich ihre Habseligkeiten zur Brust, um aus dem Raum zu stechen.
Außen kippt sie sich den Rest des Flachmannes hinter die Binsen, aber bis zum letzten Tropfen. Die leere Flasche wirft sie mit einer Geste der Verächtlichkeit in den Rinnstein vor dem Lokal.
Dann besteigt sie ihr Fahrrad in abenteuerlich artistischer Weise, muss aber sofort wieder absteigen, da sie zu sehr schwankt und Angst kriegt, auf die Nase zu fallen. So schiebt sie es kurzerhand. Aber weit kommt sie nicht.
Denn sie bekommt Durst, sehr großen Durst. Zurückzugehen und sich vor diesem Schnösel schwankend aufzubauen und um Bier zu betteln, gönnt sie dem nicht.
Also, dort der Italiener.
Dieser wittert sofort seine Chance. Warum? Der Geruch, die schwankende Erscheinung, die etwas heruntergekommene Gestalt?
„Bonjourno, Guten Tag, junge Frau. Wein wollen Sie? Wir aber nur guten haben.“
Gina fühlt sich natürlich und sofort herausgefordert.
„Natürlich will ich nur einen guten, was glauben Sie denn?“
„Va Bene, sehr gut, dann hol ich mal einen, Senorita!“
„Machen Sie das!“, antwortet Gisa großspurig, angestachelt und herausgelockt.
„Ist der der Senorita genehm?“
Er umfasst liebevoll mit seinen Händen einen billigen Hauswein, streichelt die Flasche, als wäre es ein Babypo, der einen Preis hat, der diesem würdig ist.
„Ich nehme ihn!“, sagt Gina, geht damit in die Falle, fragt sie doch nicht nach dem gespickten Preis.
„Soll ich ihn der Senorita einpacken?“
„Nicht nötig!“ Das klang so, als „den sauf ich sowieso gleich!“
Gleichzeitig öffnet sie ihre Geldbörse auch schon.
„20 Euro!“
Sie schluckt, kann jetzt aber nicht mehr zurück. Noch wütender, ohne sich etwas anmerken zu lassen, blättert sie ihren letzten blauen Schein hin, nimmt schnell den Wein wie ein kleines Baby zwischen Arme und Bauch, als wollte sie es schnell in Sicherheit bringen, wobei es eigentlich sie ist, die sich verstecken und verbergen will.
Sie fühlt sich natürlich zurecht gefleddert, ausgebeutet und gezinkt! Aber was soll’s! Jetzt kam’s auch darauf nicht mehr an. Hastig setzt sie ihren Weg fort, den Wein feinsäuberlich zwischen den Lebensmitteln im Weidenkorb gesteckt, damit er auch wirklich keinen Schaden erleidet, was einfach zu bitterlich und schade gewesen wäre.
Na, mal los! Ab in die warme Stube und dann sich die Kante geben. Uff! Sie ist nunmehr, zu allem Übel, einerseits unerwiderte Liebe, andererseits geprellte blöde Tussi, den Tränen nahe, sehr nahe. Los!
Es ist Anfang Herbst und abends bereits düster. Der Wind, obwohl nur leicht, aber nicht sanft, fühlt sich schnöde auf der Gesichtshaut Gises an, die kurz vorm Tränenausbruch steht.
Das wäre ein guter Grund!
Auf dem Trottoir liegt klebrig nasses Laub, über das man leicht ausrutschen könnte – ein weiterer Grund, um zu weinen. Sie sieht kaum 10 Meter weit und die gelben Lampen sind von Nebelwolken umhüllt und bilden von weitem ein schummrig-spühliges Abwaschlicht. Die Feuchtigkeit in der Luft lässt das Atmen schwer fallen und die Kälte frisst sich schon durch die Kleider. „Es wird Zeit, in den rettenden Hafen einzulaufen!“, sagt sie sich in ihrem leicht schnatternden Ententon, schon wieder leicht vergnügt. Der Alkohol wirkt eben, gäbe es denn nicht, na Prost Mahlzeit!
Im Rinnstein staut sich neben dem Laub das Wasser, aber nicht ausrutschen, um da hineinzutatschen. Schon sieht sie von weitem die Ecke zu ihrer Seitenstraße, die von einem großen, einen Meter hohen Stein markiert wird. Wozu man den ehemals aufgestellt hat?
Bei Anblick dieses Marksteines an der Ecke kommen ihr Bilder von Hunden hoch, aber solche, die sie in Jamaika gesehen hat, wo man sie öfter auf den Straße herumstreunen sieht. Hunde würden, wenn sie an diesen Druidenstein vorbeikämen, zwanghaft darauf pissen müssen, das steht fest.
Sie liebte Katzen, sie hasste Hunde.
Zum Glück würde ihr das nicht passieren, in diesem Land hier einem solchen Köter jetzt zu später düsterer Stunde über den Weg zu laufen, es gibt sie kaum, herrenlose Köter. Hunde in Jamaika, friedfertig, hier zulande weniger. „Kein Wunder!“, sagt sich Gisa. Bei diesem Wetter würde jede Kreatur widerborstig und übellaunig, musste so sein und seufzte: „Ach!“, wenn ich doch nur in den Tropen sein könnte, in Jamaika!“
Schneller schob sie das Rad.
Eine Hitze durchfuhr ihre Adern, Kontrastprogramm zur kühlen Außenwelt – sie fühlte sich so warm eingelullt jetzt wie eine amphibische Schnecke im labyrinthischen Schneckenhaus – was gab es Besseres als solche Momente? Oh, jetzt ließ der Alkohol ihre Fingerspitzen kribbeln – voilá.
Sie schob schwankend ihr Fahrrad über und durch den Schneematsch. Es hat geschneit, aber es war nicht kalt genug, so dass der Schnee sofort geschmolzen wäre. Sie ist zu betrunken, um Fahrrad zu fahren.
Außerdem, nur noch diese eine Ecke war zu nehmen, dort, wo dieser lustige große, abgerundete, einen quadratkubikmetergroße Stein steht, ein Relikt vergangener Zeit, 50ziger, 40ziger Jahre, wer weiß das schon, ein lustiges Unikum, welches sie jetzt galant umrunden will.
Dann ab ins warme Nest.
Sie kommt aber diesem Zauberstein zu nahe, wobei der klitschige Urin des Steines, der daherum auf den Trottoir eine gelbe Rosette bildet, zu ihrem Verhängnis wird.
Ein Glück, dass sie nicht gegen die rechtwinkligen Kante der spitzen Hausecke fällt.
Das Rad schlittert dabei über den gebogenen, abgerundeten Stein hinweg und rollt, rutscht und hutscht zurück, so dass es sie von den Beinen hebt und sie auf das Trottoir niederfällt, wobei das Fahrrad auf die Fahrbahn segelt, sie jedoch hinfliegt auf ihren Hintern, laut schreit sie auf und so sitzend am Ende ihr die Tränen kommen und sie – von weitem – sich wie ein herrenloser Hund vor sich hinschüttelt, hin- und herschaukelnd wie ein vernachlässigtes Kind, dann versuchend, auf die Beine zu kommen, wobei sie ein paar Mal ausrutscht, gleichviel ob vom Urin oder Alkohol, sie landet immer wieder auf ihren Hintern. Niemand achtet auf sie, zu dieser fortgeschrittenen Stunde sind die Straßen ziemlich leergefegt, zumal unter der Woche, so wird sie niemand beobachten, wie diese quasi herrenlose Hündin auf allen Vieren krabbelt und versucht, in die aufrechte Haltung, auf zwei stehende Füße und den aufrecht Gang zu kommen, wie es menschlich wäre.

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