1. #1
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    Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag


    Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag

    Noch immer steht sie in mir auf:
    Die Habermas'sche Trilogie,
    Führte in frühem Lebenslauf
    Als Kraftquell' hin zur Philosophie.

    Arbeit, Sprache und die Herrschaft
    Sind Wirkkräfte in menschlichem Sein,
    Mit denen man auch Freiheit schafft –
    Oder man lässt das eben sein...!

    Wer immer sich ausbeuten lässt,
    Die Sprachcodes nie analysiert,
    Weil Reflexion ihn leider stresst,
    Der wird von Mächten leicht verführt.

    So mancher will nur für sich Macht,
    Um Mitmenschen zu tyrannisieren.
    Deshalb steht auf, seid auf der Wacht,
    Um Würde, Freiraum aufzuspüren!

    Habermas hat das gefunden,
    Das Dasein uns geöffnet weit:
    Selbstreflexion bleibt so gebunden
    An Nachdenken, Mitmenschlichkeit.

    Er will die Welt mit uns versöhnen
    Durch Besserung, hier im Dasein,
    Uns von der Sklaverei entwöhnen,
    Denn Freiheit bleibt ein Sonnenschein.


    ©Hans Hartmut Karg
    2019

    *

  2. #2
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    Hallo Dr. Karg,
    das gefällt mir wieder ausnehmend gut, danke!
    Besonders eigent lich alles...
    Zitat
    "An Nachdenken, Mitmenschlichkeit."
    Hier könnte ich mir auch, nur Gedankengang-
    ...An Nachdenken, mit Menschlichkeit...
    gut vorstellen.
    Weiter so, hab ich gern gelesen!
    Beste Grüße
    lautmaler

  3. #3
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    nixx für ungut, aber Habermas hat diese Rumpelmetrik vielleicht doch nicht so ganz verdient?
    alis nil gravius, o nycticorax

  4. #4
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    Es ging bei meinem Gedicht um die Verehrung des größten lebenden Philosophen deutscher Sprache.
    "Rumpelmetrik"? Aber nicht doch...!

  5. #5
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    Hallo Dr. Karg,
    mich hat hauptsächlich gefreut, dass man diesem bedeutenden Philosophen seine Verehrung in einem Gedicht zum Ausdruck bringt - und, der 90 Geburtstag-
    Willibalds Kommentar ist allerdings nicht ganz unbegründet, an der Metrik/Wortwahl kann man vllt noch arbeiten/verbessern.
    Beste Grüße
    lautmaler

  6. #6
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    Um Längen voraus und Kürzen nicht minder


    Zitat Zitat von Dr. Karg Beitrag anzeigen
    Es ging bei meinem Gedicht um die Verehrung des größten lebenden Philosophen deutscher Sprache.
    "Rumpelmetrik"? Aber nicht doch...!

    (eigenes Bild)


    Es gibt da reichlich arrogante Poetologen, sehr reichlich, die ihre Gelehrsamkeit ausstellen und dabei in ein Korsett pressen wollen, was in kein Korsett gehört----

    Sie erklären etwa vom hohen Kothurn herunter (Sie mögen sehen, dass sie nicht stolpern und fallen), dass wir Deutschen im Unterschied zu den Griechen und ihrer Quantitätendichtung bei der Metrisierung an Hebungen und Senkungen arbeiten. Diese seien den Wörtern aus der bei uns natürlichen Betonung (meist die sog. Stammsilbenbetonung) zuerteilt. Und sie warnen dabei davor, dieses Prinzip zu verletzen und „Tonbeugungen“ zuzulassen oder gar zu forcieren.

    Einer dieser Poetologen ist Alexander Moszkowski, zu Recht kaum mehr bekannt.
    Und was meint er hier mit Längenmaß?

    Beim Dichten kommt es dann und wann
    Auf ’s Längenmaß der Silben an,
    Denn nimmt man kurz, was langgezogen,
    Dann ist der Vers nicht mehr homógen.
    Allerdings ist ihm und seiner Zunft entgegenzuhalten, dass gerade unsre besten Dichter sich frei fühlten, die Prosabetonung, die Stammsilbenbetonung zu unterlaufen. Hören und sehen wir zunächst Eichendorff:

    mandelkerngedicht

    Zwischen Akten, dunkeln Wänden
    Bannt mich, Freiheitbegehrenden,
    Nun des Lebens strenge Pflicht,
    Und aus Schränken, Aktenschichten
    Lachen mir die beleidigten
    Musen in das Amtsgesicht.

    Als an Lenz und Morgenröte
    Noch das Herz sich erlabete,
    O du stilles, heitres Glück!
    Wie ich nun auch heiß mich sehne,
    Ach, aus dieser Sandebene
    Führt kein Weg dahin zurück.

    Als der letzte Balkentreter
    Steh ich armer Enterbeter
    In des Staates Symphonie,
    Ach, in diesem Schwall von Tönen
    Wo fänd ich da des eigenen
    Herzens süße Melodie?

    Ein Gedicht soll ich euch spenden:
    Nun, so geht mit dem Leidenden
    Nicht zu strenge ins Gericht!
    Nehmt den Willen für Gewährung,
    Kühnen Reim für Begeisterung,
    Diesen Unsinn [sic!] als Gedicht!
    Oder der sehr interessante Dichter Ludwig Eichrodt, er hält sich nicht an die Hebungen und Senkungen, welche die Prosa der Lyrik töricht und vermessen vorschreiben will. Er ver-rückt einfach die Akzente:

    Verrückte Akzente

    Wenn ich zart die Worte stellte,
    wenn ich süß dich anlächelte,
    schenktest du kein Lächeln mir.
    Soll ich all den Schmerz dir nennnen,
    wenn ich mit dem verlorenen
    Herzen stand, o Weib, vor dir?

    Doch, ob wund von tausend Stichen,
    öffn' ich noch dem verderblichen
    Zagen nicht die Männerbrust.
    Schau, welch neue Kunst der Rede
    sich dein Sänger aneignete,
    ob du ihr nicht weichen mußt!

    Magst du meine Lieb' erkennnen
    in der pomphaft erhabenen
    Reime desperatem Gang[ja! ww].
    Krampfhaft wild durch Nacht zum Lichte,
    wie der Waldbach im Dickichte,
    breche Bahn sich mein Gesang.

    Ja, dein Herz, das starke, feste,
    ist's, du angebeteteste
    härter nicht als Felsgestein?
    O, so gib's in meine Hände
    und es schlägt der Wildrasende
    sich mit ihm den Schädel ein!

    In dieser nobilierten Tradition steht Hans Hartmut Karg. Er kritisiert sexualisierte, spassgesellschaftliche und funktionsgeleitete Handlungsführungen und Lebensmodelle der Neuzeit. Sie gefährdeten, sagt er, die humanisierenden Grundwerte der Kultur, als da sind Lesen, Schreiben, Rechnen, Malen, Komponieren, Dichten, Erfinden etc. Man vergleiche etwa seine Werke (Auswahl) wie:

    - Die planetarische Schulerneuerung . Prinzipien einer regionalen, kontinentalen und universalen Weltintegration Broschiert – 1997
    - Der europäische Bauernhof . Eine Trauerstudie Broschiert – 1997
    - Nationalökonomie und Elitenbildung . Eine grundlegende Wirtschaftstheorie an die Adresse der nachkommunistischen Menschheit Broschiert – 1996

    (Bild, gefertigt von meiner Mutter)


    Karg weiß, dass Adornoschüler und Adorno selbst diese Spaßgesellschaftskultur verabscheut haben. Und so verweist Karg enkomiastisch auf Habermas, dessen Geburt sich zum neuzigsten Male gerade gejährt hat. Wie Karg da die Akzente ver-rückt und auch sonst einiges zu bieten hat!

    Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag

    Noch immer steht sie in mir auf:
    Die Habermas'sche Trilogie,
    Führte in frühem Lebenslauf
    Als Kraftquell' hin zur Philosophie.
    Ein jambische Beginn bei "noch immer". In der Reimzeile, bei „führte“ auch ein Jambus? Oder ein Changieren zum Trochäus? Nun, eine Duolesung ist möglich. Es lässt sich eben auch die jambische Betonung bei „te“ sinnvoll setzen und lesen. Sie markiert das Präteritum und die in der Gegenwart bedrohte Geltung der Habermasischen Axiome. Und die frühe, vergangene Begegnung des verdeckten, aber autornahen lyrischen Ichs mit dem Frankfurter. Verklärte Vergangenheit, bedroht in der Gegenwart. Stupend und herrlich allzumal.

    Arbeit, Sprache und die Herrschaft
    Sind Wirkkräfte in menschlichem Sein,
    Mit denen man auch Freiheit schafft –
    Oder man lässt das eben sein...!
    Hier nun ein trochäischer Beginn (ARbeit), in der zweiten Zeile ein Jambus (Sind WIRKkräfte) und relativ viele freie Füllungen zwischen den Hebungen. Reimtechnisch, aber metrisch nicht penibel-petrefakt angeschlossen der Alternativsatz „Oder man lässt das eben sein...!“ Ein poetologisches Kleinod: Betont man nämlich prosasprachlich das „o“ in „oder“, so bewegt man sich aus dem metrischen Fluss des zweiten Satzes und des dritten. Klärende Entdeckung nach einiger Reflexion: Die Freiheitsoption und ihre Metrik wird von denen verlassen, welche Arbeit, Sprache und Herrschaft als Freiheitsbiotope beschädigt, verletzt, vernichtet haben oder zulassen, dass.

    Ähnlich wie in Schillers „ästhetischer Erziehung“ sei der geneigte Leser nun ermuntert, die weiteren Feinheiten des Habermas-Preisens mit Selbstreflexion, Nachdenken und Mitmenschlichkeit aufzunehmen, gadamermäßig sich anzuschmelzen (Habermas ist und war mit vielen Großen bekannt und vertraut, Gadamer, Ratzinger....) und so das zu sein, was den Menschen ausmacht. Er ist das Wesen, das einen Auftrag hat, den Auftrag, die Bestimmung, das Habermaß von Ordnung zu entdecken und zu leben ohne Falsch im richtigen Rhythmus der Freiheit.


    Wer immer sich ausbeuten lässt,
    Die Sprachcodes nie analysiert,
    Weil Reflexion ihn leider stresst,
    Der wird von Mächten leicht verführt.

    So mancher will nur für sich Macht,
    Um Mitmenschen zu tyrannisieren.
    Deshalb steht auf, seid auf der Wacht,
    Um Würde, Freiraum aufzuspüren!

    Habermas hat das gefunden,
    Das Dasein uns geöffnet weit:
    Selbstreflexion bleibt so gebunden
    An Nachdenken, Mitmenschlichkeit.

    Er will die Welt mit uns versöhnen
    Durch Besserung, hier im Dasein,
    Uns von der Sklaverei entwöhnen,
    Denn Freiheit bleibt ein Sonnenschein.

    (eigenes Bild)


    greetse
    ww
    Geändert von Willibald W (19.06.2019 um 07:49 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

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