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  1. #1
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    Flanierwetter - Sonnwend (Hexameter)

    .



    Sonnwend: Hochzeit blühender Linden gekleidet in Zartgelb
    Wie ein Derwisch in Trance, glutsprühend wirbelt die Sonne
    Schmerzsüße Düfte weint der Baum beim herrischen Abgang



    Früh geweckt vom Spatzengezänk, schon erschöpft mich das Wachsein.
    Honig, dunkel und zäh, so scheint es, verklebt mir die Lungen:
    Atmen - ein- und dann aus - ich, Sisypha, lebe, am Abgrund,
    rolle die Steine, trotze den Lavaströmen der Straßen,
    dem bestialischen Gestank von schweißigen Füßen,
    Biotonnen am Gehsteig und Hundehaufen im Rinnstein;
    auch die übelsten Dämpfe vertreiben mich nicht aus dem Moloch
    voll von verdunkelten Löchern und feuerspeienden Drachen.

    Nein, ich flaniere! Nase und Aug nur für Schönes empfänglich;
    folge Kastanienalleen, dem Keifen von Müttern und Hunden,
    suche das kühlende Sprühen an hitzebelagerten Brunnen,
    finde Zitronensorbet und taubenjagende Kinder -
    und die blaue Stunde, mit knackigen Männern in T-Shirts.
    Wenig bewegen, viel sehn, ein wenig Serviettengekritzel:

    Sonnwend: Linder, dein Duft versinnt mich, dein knackiger Stamm und
    du, mein lindener Derwisch, versüßt blaukreiselnde Stunden.




    .
    Geändert von albaa (17.06.2019 um 21:30 Uhr)

  2. #2
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    Ein Hexameter-Werk zum Genießen und Schwelgen.
    Erhaben mit und ohne Serviettengekritzel-Genese.

    marginal: Keif(f)en

    mit frohem Gruß

    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  3. #3
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    Hallo albaa,


    also ähem es gibt da zwei Strophen. Strophe 1 die subjektive Wahrnehmung einer Feuerhölle mit Lavaflüssen und Gestank und Drachen und eine Schwester von Sysiphos. Strophe 2 dagegen spricht von Schönheit. "Nase und Aug nur für Schönes empfänglich" Und doch gibt es eine geheime Verbindung zwischen beiden Strophen. In Strophe 2 ist nämlich auch vom hitzebelagerten Brunnen die Rede. Das Thema Hitze aus Strophe 1 wird also wieder aufgenommen. Aber da gibt es gleich ein kühlendes Sprühen und das Zitronensorbet ist auch nicht weit.

    Welche Realität ist denn nun die eigentliche? Die Vermutung liegt nicht fern, dass die Strophe 2 unsere gemeinsame Alltagswelt mit ihren oberflächlichen Wonnen zeigt, Strophe 1 dagegen die subjektive Realität, die sich hinter der aus Strophe 2 bekannten Ruhe verbirgt.

    Wofür steht denn nun die Hitze in Strophe 1, für Leidenschaft? oder eher für Qual und Angst, Ausweglosigkeit und Destruktivität? Ich fürchte eher für Letzteres.


    Dass ist kein Gedicht, das auf den ersten Blick bezaubert, aber das will es auch gar nicht. Das Gedicht wird besser, je länger man über es nachdenkt. Allenfalls über den bestialischen Gestank schweißiger Füße würde ich noch einmal meditieren. Ist vielleicht ein bisserl übertrieben...


    Sehr gern gelesen
    Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (17.06.2019 um 09:11 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  4. #4
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    Liebe Albaa,

    das ist mal wieder ein Gedicht, das mich sofort einfängt und ja - das empfinde ich anders als Onegin - bezaubert und bis zum Schluss nicht loslässt, ohne dass ich lange über Bedeutungen nachdenken muss. Ich habe auch nicht den Eindruck, hier weit in die Tiefe schürfen zu müssen. Der poetische Rahmen, in den Du Deine Verse ja immer gerne stellst, stört mich hier überhaupt nicht, weil die Bilder natürlich und nicht so konstruiert wirken, dass sie das sinnliche Erleben überlagern. Ich glaube, das sind inhaltlich meine Lieblingshexas aus Deiner Feder.

    Was ich wohl vermieden hätte, ist der lindene Derwisch im letzten Vers gleich nach dem Linder. Das ist mir zusammen dann etwas zu lind, und für die Sonne scheint mir das Adjektiv auch nicht zu passen. Ansonsten kann ich mich hier nur noch der Fußpflege widmen. Da sind ein paar ungünstige Doppelsenkungen, die ich unterstreiche, und zwei Verse sind rhythmisch ziemlich out of order. Die mach ich mal blau.


    Schmerzsüße Düfte weint der Baum beim herrischen Abgang

    Waldhonig, dunkel und zäh, so scheint es, verklebt mir die Lunge:

    dem bestialischen Gestank von schweißigen ßen,
    Biotonnen am Gehsteig und den Hundehaufen im Rinnstein;


    Ich denke, da ließen sich bessere Lösungen finden, und bleibe gerne weiter dabei.

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (17.06.2019 um 16:37 Uhr)
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  5. #5
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    hallo, ihr lieben!


    @ww: danke sehr! freut mich, dass es dir gefällt; den fehler hab ich korrigiert und auch andere. ich war ein bisschen schlampig, ob der hitze kein wunder, das flanieren hat auch nicht wirklich geholfen.

    @onegin: danke für deine einlassung und auch, dass du versucht hast, einen übertragenen sinn zu finden. ich denke, wenn man so etwas wie einen tieferen sinn darin entdecken wollte - was man nicht muss - würde ich mich am ehesten an camus "der mythos des sisyphos" halten
    findest du die "schweißigen füße" bei dieser wetterlage wirklich so übertrieben? na ja, angesichts des tauende permaeises in sibierien ist das vielleicht dann doch ein wenig zu banal und oberflächlich (?) - was könnte sonst noch im adoneus stinken?

    @claudi: freut mich sehr, dass du es magst und besonders über "weil die bilder natürlich und nicht so konstruiert wirken, dass sie das sinnliche erleben überlagern", denn das war eigentlich der sinn der übung, wie ich das gegenüber onegin unter meinem text "und dann geh" angekündigt habe. mehr prosa, weniger "gemeißeltes". nun ja, ich versuche ja als kontrast auch dieses "meißeln" zu zeigen in den rechtsbündigen "serviettenkritzeleien" und überhaupt ist natürlich hexameter auch an sich schon ein "meißeln". ferdi findet bestimmt, dass es zu sehr gedankenlyrik ist, als dass es den wirklichkeitsansprüchen des hexameters genügen könnte, dies ganz abgesehen vom rhythmischen aufbau.

    danke für deine korrekturen, wie gesagt, war ich schlampig, die offensichtlichen fehler habe ich korrigiert.

    für den "gehsteig" könnte ich mir den "keller" vorstellen. aber das ist nicht wirklich so wesentlich. für mein gefühl kann ein spondeus vor der zäsur nicht wirklich viel schaden im vers anrichten (?)

    von "schmerzsüßen" trennte ich mich nur äußert ungern, hier entscheide ich mich eindeutig gegen ein perfektes metrum.

    über den "lindenen derwisch" muss ich noch nachdenken. die Wiederholung hat hier schon was, sie unterstreicht die absurdität, der Serviettenkritzeleien einer überhitzten poetin und die geschlechtsumwandlung der linde.

    so jetzt zum wirklichen problem-vers:

    "
    dem bestialischen gestank von schweißigen füßen"
    als der beginn ist wie man ihn bei schiller öfter liest und wie ich das mag, als abwechslung zu den klar betonten versbeginnen. fast anapästisch, aber ferdi sagt, das vezeichnet man am hexabeginn als trochäus und trägt es auch so vor. gut soweit und die letzte silbe von bestialischen soll ein anceps sein - wie er bei hölderlin öfter vorkommt. ich stell das gerne zur diskussion, aber ich empfinde das im vers eigentlich nicht störend, aber vermutlich hab ich schweinsohren.

    hab ich alles beantwortet?

    ich danke euch herzlich für euer feedback und eure hilfe!

    lieben gruß
    albaa
    Geändert von albaa (17.06.2019 um 23:24 Uhr)

  6. #6
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    Mit betontem "dem" habe ich keine Schwierigkeiten, das ist legitim. Unter anceps verstehe ich eine Stelle im Metrum, die sowohl durch eine lange (betonte), als auch durch eine kurze (unbetonte) Silbe besetzt werden kann. Hier ist das aber nicht der Fall, d.h. Du schummelst eine leichte Endungssilbe (schen) auf eine Hebung. Bei der ersten Silbe im Vers ist das kein Problem, im Versinneren schon. Ich nehme an, Du möchtest es so gelesen haben:

    dem besti- / ali- / schen Ge- / stank || von / schweißigen / ßen"

    Kann sein, dass Hölderlin solche Dinger gedreht hat. Hast Du mal ein Beispiel? Ich würde eher vermuten, dass er an solchen Hebungsstellen mit Silben gearbeitet hat, die Voss mittelzeitig nennt. Das trifft aber auf "schen" nicht zu. Endungssilben können nur als kurze (unbetonte) verwendet werden.

    Bestialisch wäre hier auch nicht unbedingt meine Beschreibung, aber ich versuchs trotzdem mal mit einem Ersatz für Gestank. Was hältst Du von:

    Dem bestialischen Mief von ungewaschenen Füßen.

    Das ist nicht alles. Es fällt mir nur leichter, eins nach dem anderen zu klären.

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (17.06.2019 um 22:34 Uhr)
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  7. #7
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    so lese ich es aus:
    dem besti- / alischen Ge- / stank || von / schweißigen / ßen"

    wahrscheinlich blödsinn, aber vermutlich zuviele zweifüßer hintereinander, ich geh dem noch nach.

    Beispiele von hölderlinhab ich jetzt auf die schnelle nur für die odenstrophe gefunden, aus "des morgen"

    s1v1: Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher

    s2v2: Verkündende, sie wallen geräuschlos auf

    bei anceps sind es also gerade sehr leichte silben, die auf der hebungstelle landen - warumauch immer (?)

    an sich gehen die verse so:
    xXxXxXxxXxX

    lieben gruß
    albaa
    Geändert von albaa (17.06.2019 um 23:18 Uhr)

  8. #8
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    Zitat Zitat von Ferdi
    Hallo Albaa!

    "x X x X x | X x x X x X"

    ist der alkäische Elfsilber in der deutschen Nachbildung; "original griechisch" geht er

    ◡ — ◡ — ◡ | — ◡ ◡ — ◡ ◡

    - also mit der letzten Silbe wirklich als "anceps"; die zwei kurzen Silben am Versende haben aber im Deutschen mehr Dichter vermieden als gesucht - bei Hölderlin, der sehr "griechisch" geschrieben hat, findest du sie aber genauso wie bei Klopstock, Voss und anderen. Dein zweites Beispiel passt da schon besser! "Dein Fall" wäre also eher die vom Vers ausdrücklich geforderte Länge, die mit einer schwachen Schlusssilbe besetzt wird?! Wie

    Wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!

    - Ein Pentameter aus "Brod und Wein". Mir fallen noch einige solche Pentameter ein, aber keine Hexameter, eigentlich; für den "Archipleagus" habe ich das irgendwann einmal nachgeprüft, und ich glaube, da gab es auf 300 Verse kein Beispiel - am nächsten dran war

    Sänftige sich in Erinnerungen der stolze Triumphtag!

    Davon ab: Hölderlins Versbau ist in vieler Hinsicht eine singuläre Erscheinung; es auch so zu versuchen und dabei nicht Hölderlin zu sein, ist gefährlich ...

    Gruß,

    Ferdi


    danke, lieber ferdi, für deine expertise zum anceps.

    Zitat Zitat von Ferdi Beitrag anzeigen
    Davon ab: Hölderlins Versbau ist in vieler Hinsicht eine singuläre Erscheinung; es auch so zu versuchen und dabei nicht Hölderlin zu sein, ist gefährlich ...
    auf diese für seele, leib und leben eher ungefährliche gefahr lasse ich mich dich gerne ein

    lieben gruß
    albaa
    Geändert von albaa (25.06.2019 um 12:15 Uhr)

  9. #9
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    ja, der vers ist sicher eher exotisch, aber für mich passt das.

    über den gebrauch der beiwörter kann man sicher streiten. aber, dieser text lebt ja gerade von der überzeichnung, und diese stakkotoartige trägt dazu bei. es liegt ja auch was getriebenes in dieser hitzeflucht.

    und wenn mir schweißige füße in den sinn kommen, dann sind es eben schweißige füße und nichts anderes. es sind einfach so sachen, die aufblitzen, die wahrnehmung ist ja selektiv. aber für originelleres bin ich offen. claudis vers oben gefällt mir ganz gut, obwohl mief für mich irgendwie anders besetzt ist.

    aber ich will es gar nicht verteidigen, zeigt es doch deutlich, wie sensibel diese langverse sind, wie schwierig es ist, sie richtig zu "füllen" und das dann auch alles im metrum richtig sitzt und der vers insgesamt ausgewogen wirkt und nicht "auseinanderfallen". ich werde mit etwas anstand sicher nochmals drüberschauen.
    vielen dank und lieben gruß
    albaa
    Geändert von albaa (18.06.2019 um 07:54 Uhr)

  10. #10
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    Hallo albaa,

    hier mal ein Beispiel für Zauberverse trotz griechischer Gewandung - Natürlich Hölderlin: Die Nacht ist der erste Teil von Brot und Wein, der separat erschienen ist.


    Rings um ruhet die Stadt. Still wird die erleuchtete Gasse,
    Und mit Fackeln geschmückt rauschen die Wagen hinweg.
    Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen, die Menschen,
    Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt
    Wolzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,

    Und von Werken der Hand ruht der geschäftige Markt.
    Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß
    Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann
    Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen
    Immerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet.

    Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken,
    Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.
    Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
    Sieh! und das Ebenbild unserer Erde, der Mond,

    Kommet geheim nun auch, die schwärmerische, die Nacht kommt,
    Voll mit Sternen, und wol wenig bekümmert um uns
    Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen
    Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.

    Bei Hölderlin kann ich nicht schweigen , weil er nicht nur ein versierter Versifex war sondern vielmehr als das, ein intellektueller und emotionaler Riese.Thema Hölderlin als Geschichtsphilosoph. Hölderlin und die Rolle des Dichters und der Poesie, Hölderin und seine Beziehung zu Fichte, Hölderlin und die Sehnsucht nach Griechenland, Hölderlin und die französische Revolution usw.
    Dann hat dieser Mann bis zum Wahnsinn unter der Realität gelitten. ("Weh mir, wo nehm ich...."). Also Hölderlin zu werden, kann man nicht anstreben. Bitte bleib lieber albaa
    Love´s not Time´s fool W. S.

  11. #11
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    Hallo Ferdi

    ja was meinst Du denn mit "griechisch gedacht". Inwiefern sind Hölderlins Verse griechischer als ähnliche Hervorbringungen von Schiller oder Goethe? Bei Hölderlin gibt es im Spätwerk eine Entwicklung weg von griechischen Versformen (Vaterländische Gesänge)


    Gruss Onegin
    Geändert von Onegin (18.06.2019 um 14:51 Uhr)

  12. #12
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    Lieber Onegin,

    Wie du hier sehen kannst, will ich doch Hölderlin werden. Das verlangte ja direkt nach einer angemessenen Antwort Danke jedenfalls für deine Zauberverse, die schwer in die Gegenwart zu transportieren sind; ich war daher quasi gezwungen den "saut" (Sprung) aus der romantischen Verklärung zurück in die Absurdität der menschlichen Exsistenz zu wagen (weißt schon Camus "Der Mythos des Sisyphos")
    Übrigens fiel mir bei der intensiven Beschäftigung auf, dass auch Hölderlin richtig schlechte Verse schreiben konnte, wie diesen hier, den ich in meinem Text zitieren musste:

    Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken,
    Still ertönen? Dämmrige Luft? ertönen geläutete Glocken? Und dann dieser Umgang mit den Beiwörtern, gell Ferdi:

    Zitat Zitat von Ferdi
    ... weil zweimal unmittelbar nacheinander, die recht einfallslose nähere Bestimmung einer Sache durch ein vorgestelltes Beiwort gewählt wird
    Aber insgesamt ist es einfach zauberhaft und vom Handwerk her, vermutlich perfekt, also bis auf diesen einen Vers, aber der ist ja ein Einzelstück.

    Lieber Ferdi,

    Danke für deine Forschungen zum anceps in Hexametern; ich habe dass noch nicht verstanden, warum es im der Ode möglich ist oder warum es bei Hölderlin (von anderen auch?) vor dem Verseinschnitt im Penta häufiger Verwendung findet. Logischer wär ja, dass eine solche leichte Silbe an dieser Stelle vor einer deutlichen Hebung viel zu schwach ist. Wogegen es bei meiner Verwendung gerade hinaufgedrückt wird, durch die dritte Senkung: bestialischen Gestank xxXx(X) xX - ja wie auch immer, ich finde es jedenfalls wesentlich harmonischer im Vers, als eine schwache Silbe in der Mitte des Pentas; aber ich denke sowieso, dass nicht jeder Vers perfekt sein muss - siehe Hölderlin -, vielleicht schadet zuviel Perfektion sogar der "Seele der Dichtung", aber man sollte sich natürlich an die metrische Perfektion so weit als möglich annähern.

    Ich finde es spannend und bin dir sehr dankbar, dass du uns an deinem großen Wissensschatz teilhaben lässt. Was der Einzelne davon mitnimmt, ist ja seine Sache; ob er es als "spinnert" bezeichnet oder für sein Schreiben was findet.

    Ohne dein geteiltes Wissen hätte jedenfalls ich kaum einen Zugang zu diesen Formen gefunden. Dann hätte ich einiges an Spaß mit - und Freude an Dichtung nicht erlebt, aktiv wie passiv.

    Vielen Dank euch beiden!

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (19.06.2019 um 17:34 Uhr)

  13. #13
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    Hallo Hölderlin,

    was für ein Spaß! ich traute meinen Augen nicht, als ich das gelesen hab...Das hast Du gut gemacht Und Dir ist es geglückt, viele Deiner Motive aus der letzten Produktionsphase noch einmal unterzubringen. Fußball als Lebensersatz ...


    irgendwann schreibe ich vielleicht auch mal was "auf griechisch"- Wenn ich bloß nicht Ferdis echt echt echt ätzende Kritik zu fürchten hätte.... Aber wartet nur....


    Liebe Gr0ße
    Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  14. #14
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    Zitat Zitat von Ferdi
    Hallo Albaa!

    Ich versuche vielleicht doch einmal, etwas Ordung in die ganze Begrifflichkeit zu bringen?!

    Danke für deine Forschungen zum anceps in Hexametern;
    Gerne! Nur: Es gibt in Hexameter und Pentameter keine "Anceps-Silben". In der antiken, hier vielleicht genauer der altgriechischen Dichtung, gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche (und geschiedene!) Möglichkeiten, für Abwechslung im Vers zu sorgen: Einmal Zusammenziehen / Auflösen, und zum anderen Wählen.

    Im Hexameter wird zusammengezogen: Zwei kurze Silben können zu einer im Zeitwert gleichen langen Silbe zusammengezogen werden, so dass die zeitliche Ausdehnung sowohl des einzelnen Versfußes als auch des gesamten Verses (nahezu) gleichbleibt. Den gegenteiligen Vorgang, das Auflösen einer Länge in zwei Kürzen (wieder unter Beibehalt der zeitigen Ausdehnung), gibt es im Hexameter nicht; als deutsches Beispiel von Voss (Ionischer Vers):

    So entfleuch denn, o du Jungfrau, die so freundliche Melodie singt

    ◡ ◡ — —, ◡ ◡ — —, ◡ ◡ — ◡ ◡, ◡ ◡ — —

    - Inhalt nicht beachten; die beiden rot gekennzeichneten kurzen Silben sind eine aufgelöste Länge!

    "Wählen" heißt dagegen, an einer bestimmten Stelle im Vers kann frei entschieden werden, ob eine lange oder kurze Silbe (und machmal auch: zwei kurze Silben) stehen soll(en), unabhängig vom Zeitwert. Hier kann man dann von "anceps" sprechen, aber das ist eine völlig andere Dichtungs- und Versklasse als der Hexameter, nicht episch-erzählend, sondern mehr lyrisch-liedhaft - "äolische Gedichte", darunter die gängigen Odenstrophen! Dein früher im Faden gegebener Vers von Hölderlin ist ein Beispiel:

    Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher

    An dieser Stelle im Vers kann der Verfasser wählen. Die meisten deutschen Dichter entscheiden sich hier regelmäßig für lang / betont / schwer, weil zwei leichte Silben im Versausgang im Deutschen eigenartig klingen; aber es gibt einige, die näher am griechischen Vorbild geblieben sind, und das völlig "im Geiste der Strophe"!

    Dein (also: Hölderlins!) zweiter Vers hingegen ...

    Verkündende, sie wallen geräuschlos auf

    ... verstößt gegen das Bauprinzip des Verses wie der Strophe. Da, auf der vierten Position des alkäischen Elfsilbers, darf keine leichte Silbe stehen; genauso wenig, wie auf der dritten Hebung des Pentameters eine leichte Silbe stehen darf (wo es vor der folgenden starken Silbe noch "schlimmer" ist; hier folgt auf das "-de" ja ein auch ziemlich schwaches "sie", da könnte man also sagen: Das "-de" ist "hebbar" vor dem "sie" - sauber ist das aber trotzdem nicht)! Nun hatte Hölderlin diese Strophen stärker verinnerlicht und besser verstanden als alle anderen; warum macht er das dann trotzdem?! Antwort: Keiner weiß es wirklich - meiner Meinung nach; es gibt verschiedene Erklärungsversuche, die ich gelesen habe (und bestimmt auch noch welche, die ich nicht kenne!), und die sich meist auf Eigenheiten von Hölderlins regionalem Sprachgebrauch beziehen (er sprach und hörte bei Silben, die uns sehr leicht erscheinen, sehr viel mehr Gewicht, z. B.), aber so ganz zu überzeugen weiß keiner davon.

    Was ich aber weiß: Es macht wenig Sinn, Hölderlin heute nachzufolgen in dieser Hinsicht. Das ist singulär, eine Eigenheit genau dieses Dichters und nur dieses Dichters; und da es eine Verletzung der Strophe / des Verses und, schlimmer!, eine Auflösung der zugrundeliegenden gedanklichen Struktur ist, lässt man das besser und nimmt es lediglich als Faktum zur Kenntnis.

    ich habe das noch nicht verstanden, warum es in der Ode möglich ist oder warum es bei Hölderlin (von anderen auch?) vor dem Verseinschnitt im Penta häufiger Verwendung findet.
    Hm. Jetzt habe ich geistig hinter alles einen Haken gemacht; zu Recht?! Ich weiß nicht - sag, wenn ich unklar oder zu knapp war.

    aber ich denke sowieso, dass nicht jeder Vers perfekt sein muss - siehe Hölderlin -, vielleicht schadet zuviel Perfektion sogar der "Seele der Dichtung", aber man sollte sich natürlich an die metrische Perfektion so weit als möglich annähern.
    Das scheint mir davon abzuhängen, was "Perfektion" in diesem Zusammenhang bedeutet. Da lohnte sich sicherlich ein wenig Nachdenken; spannendes Thema!

    Gruß,

    Ferdi

    danke, ferdi, das was sehr aufschlussreich. ich denke, jetzt hab ich es verstanden.

    lieben gruß
    albaa
    Geändert von albaa (25.06.2019 um 12:18 Uhr)

  15. #15
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    Zitat Zitat von Ferdi
    Hallo Albaa!

    Ich habe das jetzt noch einmal gelesen und festgestellt, dass ich das unglücklich ausgedrückt habe; "Anceps im Hexameter" gibt es doch, denn die Schlusssilbe kann ja lang oder kurz gewählt werden; was ich sagen wollte, war, dass der in den ersten vier Füßen mögliche Wechsel zwischen drei- und zweisilbigen Füßen (= die Stelle, über die Claudi und du beraten haben) damit nichts zu tun hat, weil da im griechischen Vers das Prinzip "Zusammenziehung" gilt (im Hexameter ohne das sonst ergänzende Prinzip "Auflösung").

    Noch zum "Umgang mit den Beiwörtern": Da stört mich bei den Meistern auch immer mal wieder etwas - da habe ich keine Scheu ... Aber auch das Feld ist weit, vielleicht haben wir anderen Ortes Gelegenheit, das zu vertiefen. Insgesamt finde ich aber schon, dass wir Hobbydichter zu häufig das vorgestellte Adjektiv wählen, und uns der anderen Möglichkeiten, ein Attribut in den Vers zu bringen, zu wenig bewusst sind; und damit auch viele Ausdrucksmöglichkeiten verschenken.

    Gruß,

    Ferdi



    Lieber Ferdi,

    Ich glaube (hoffe ), ich verstehe das mit anceps jetzt einigermaßen.

    Zu den Beiwörtern: Ja, auch das verstehe ich, aber ich habe das ganz bewusst als Stilmittel (der Überzeichnung) eingesetzt. Du kannst natürlich sagen, das darf man dieser Form nicht antun, aber ich verwende diese Form immer wieder eher ... wie soll ich sagen "verfremdet" vielleicht, wie auch in meinem Brot und Wein. Deshalb meine ich, dass ich hier keine "Ausdrucksmöglichkeiten verschenkt habe", sondern dass das hier als Ausdrucksmittel "wirkt". Wenn man aber quasi ein Raster darüberlegt und die Verse daran misst, ob sie der geforderten Bewegungsvielfalt der Form gerecht werden, dann kann das nicht funktionieren - es lässt nämlich die - ich würde sagen - "hypnotische Wirkung" dieser Wiederholungen im Versbau außen vor. Das ist mir aber wichtig. Und dann frage ich mich/euch: Heißt das dann, ich darf dann kein griechisches Versmaß verwenden? Danke nochmals!

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (25.06.2019 um 12:19 Uhr)

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