1. #1
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.264

    Brot und Wein oder wie albaa Hölderlin werden will (Elegie)

    .


    Rings um steht der Verkehr und dröhnt enervierendes Hupen;
    mit Sirenengeheul rauscht noch die Rettung vorbei.
    Ausgebeutetes Volk fährt müde heim in der Stoßzeit,
    über Gewinn und Verlust grübelt der kleine Verstand,
    kommt nicht zur Ruh. Hohl tönend, des Guten und Schönen,
    aller Wärme beraubt, schlägt das geschäftige Herz.

    Aber ein Fußballspiel läuft abends auf Sky und mag sein, da
    spürt er das Kind, ist der stumpfsinnige Lemming ein Held
    unter Helden und frei von zermürbender Angst und Erfolgsdruck:
    Wenn ein Tor fällt, steigt frischeres Blut ihm zu Kopf!

    Still in der dämmrigen Luft ertönen geläutete Glocken,**
    scheuchen ihn auf - die Nachrichten beginnen um acht!
    Kühler Abendwind vertreibt ein wenig die Schwüle.
    Dort, in der grauen Dunstglocke, zerrinnt da der Mond?
    Wie das sibirische Eis und der Eisbär Opfer des Klima-
    wandels? Die Erde, wohl wenig bekümmert um uns,
    schüttelt uns einfach ab, Quälgeister und biblische Plagen;
    nur noch der Glutstern wacht über Ruinen dann bald.






    *) inspiriert von Onegin und Hölderlin
    **) Vers aus "Brot und Wein" von Hölderlin
    Geändert von albaa (19.06.2019 um 18:04 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Nov 2009
    Ort
    Neu Paris, Exberlin, Virtualondon
    Beiträge
    8.675
    Ist es deswegen so verdreht damit dann über Ruinen zu wachen die Quintessenz ist? Woran wir uns zu messen haben wenn alles so läuft wie der Autor es sich in den Strophen ausmalt, was doch jeder von uns anders sieht. Aber sonst käme ja nichts raus wenn man nicht verallgemeinern könnte und jeder würde denken, betrifft mich eh nicht, weil ich kein Fussball mag und mir die Arbeit Spass macht. Und ich statt zu schlafen ehrenamtlich Kunstgeschichte lehre.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  3. #3
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.264
    Danke Robert für deinen Besuch! Vermutlich hast du recht.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (21.06.2019 um 14:24 Uhr)

  4. #4
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Bremen
    Beiträge
    2.209
    Liebe Albaa,

    solche prosanahen Sachen finde ich in Distichen weit besser als in reinen Hexametern. Die Verse flutschen gut, und ich kann nur sagen, das gefällt mir so! Ich hab mal mein Augenmerk auf die Pentas gelegt. Dreimal hast Du die Zäsur mit einem Pfingstochsen überschrieben. Ich denke, bei der Textlänge ist das okay. Häufiger hätte ich es nicht gemacht. Was mir auffiel, war die unterschiedliche Qualität. Diese beiden funktionieren für mich wunderbar:

    spürt er das Kind, ist der stumpfsinnige Lemming ein Held
    Dort, in der grauen Dunstglocke, zerrinnt da der Mond?


    Bei den Nachrichten kommt die Zäsur für mich weniger gut raus. Vermutlich auch, weil "Nachrichten" ein so alltägliches Wort ist, dass man da leichter drüberhuscht.

    scheuchen ihn auf - die Nachrichten beginnen um acht!


    Dieser hier funktioniert für mich gar nicht:

    wandels? Die Erde, wohl wenig bekümmert um uns,

    Da lese ich "wohl" nur deswegen als Hebung, weil ich weiß, dass Du es so haben willst. Wüsste ich nichts über Pentameter, wäre ich gestrauchelt.
    Besonders interessant finde ich den folgenden:

    Wenn ein Tor fällt, steigt frischeres Blut ihm zu Kopf!

    Damit hatte ich kein Problem, obwohl hier Verb auf Verb folgt und man beide betonungstechnisch unterscheiden muss. Mit dem Bedeutungsunterschied ist Dir hier ein Gag gelungen, der mir richtig gut gefällt. Ich glaube allerdings nicht, dass er allein für die gute Lesbarkeit verantwortlich ist. Die Stellung spielt wohl die tragende Rolle.

    Alles in allem: gern gelesen und kaum was zu meckern.

    Edit: "Ringsum" hast Du auseinandergerissen, das hatte ich noch vergessen zu erwähnen. Ah, und noch was:

    Kühler Abendwind vertreibt ein wenig die Schwüle.

    Wie wäre es mit "kühlender"? Inhaltlich gibt es eigentlich keine Begründung für so viele Trochäen.

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (22.06.2019 um 19:48 Uhr)
    com zeit - com .com

  5. #5
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.264
    Liebe Claudi,
    lieber Ferdi

    Ich stell einmal die Zauberverse aus "Brot und Wein" von Hölderlin ein, zum leichteren Vergleich des Handwerks (meins ist ja inhaltlich als Gegenentwurf zu diesen romantischen Versen gedacht):

    Rings um ruhet die Stadt. Still wird die erleuchtete Gasse,
    Und mit Fackeln geschmückt rauschen die Wagen hinweg.
    Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen, die Menschen,
    Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt
    Wolzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,

    Und von Werken der Hand ruht der geschäftige Markt.
    Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß
    Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann
    Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen
    Immerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet.

    Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken,
    Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.
    Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
    Sieh! und das Ebenbild unserer Erde, der Mond,

    Kommet geheim nun auch, die schwärmerische, die Nacht kommt,
    Voll mit Sternen, und wol wenig bekümmert um uns
    Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen
    Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.


    Zitat Zitat von ferdi
    Da lohnt der Vergleich mit Hölderlins Originalvers sehr:

    Kommet geheim nun auch, die schwärmerische, die Nacht kommt,*
    Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns,
    Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen*

    - Da sorgt die vorhergehende doppelt besetzte Senkung dafür, dass man das "wohl" ohne großes Nachdenken als Hebung liest?!
    Zitat Zitat von Claudi
    Dieser hier funktioniert für mich gar nicht:

    Wie das sibirische Eis und der Eisbär Opfer des Klima-*
    wandels? Die Erde, wohl wenig bekümmert um uns,
    schüttelt uns einfach ab, Quälgeister und biblische Plagen;*
    *Ich habe mir erlaubt bei den Zitaten oben die jeweils dazugehörigen Nachbarverse zu ergänzen und den fraglichen Penta-Hebungsprall blau zu markieren.


    Ja, das ist durchaus spannend. Ja, die Doppelsenkung "zwingt" zu einer Hebung. Ich bin bei Satzzeichen äußerst schlecht, aber ich frage in die Runde: Kann man vor diesem Einschub, das Komma weglassen? Ich glaube schon, dann würde man deutlicher die Zäsur nach wohl setzen, also:
    die Erde wohl // wenig bekümmert um uns //
    oder ich setze das Komma nach dem wohl: Die Erde wohl, // wenig bekümmert um uns, // schüttelt uns einfach ab.
    Auch diese Bedeutung ginge mE, oder?


    @claudi: Im Übrigen herzlichen Dank für die ausführliche Beschäftigung mit den Pentas, dieses hölderlische oder griechisch gedachte "Überschreiben" des eigentlichen Verseinschnitts gefällt mir auch gut, du nennst es: "es flutscht gut". Und "Nachrichten" ist glaube ich nur die Gewohnheit; ich finde das es sogar eine besondere Bedeutung erringen kann an dieser Stelle, wenn man es deutlich vorträgt: "Nach - richten", oder?

    Was ich noch versucht habe von der "hölderlischen Denkweise" zu übernehmen: die Länge nach der Zäsur im Hexameter, sprich also die Länge mit einem Spondeus bzw. einer langen/schweren Silbe zu besetzen, wofür sich ja in dien obigen Versen von H. einige Beispiele (ich ich habe die blau eingefärbt) finden.

    Und ja, Claudi, dieser Penta gefällt mir auch ziemlich gut:

    Wenn ein Tor fällt, steigt frischeres Blut ihm zu Kopf!
    Was ich euch gerne noch frage wollte, funktioniert der Hexa mit dieser Reihe schwerer Silben noch?:

    Aber ein Fußballspiel läuft abends auf Sky und mag sein, da
    Ich danke für euren Besuch und euren Input!

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (24.06.2019 um 20:41 Uhr)

  6. #6
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Bremen
    Beiträge
    2.209
    Liebe Albaa,

    zu Deinen Fragen:

    Kann man vor diesem Einschub, das Komma weglassen? Ich glaube schon, dann würde man deutlicher die Zäsur nach wohl setzen, also:
    die Erde wohl // wenig bekümmert um uns //
    oder ich setze das Komma nach dem wohl: Die Erde wohl, // wenig bekümmert um uns, // schüttelt uns einfach ab.
    Auch diese Bedeutung ginge mE, oder?
    Ne, der Einschub muss schon zwischen Kommas stehen. Aber das tut nicht viel zur Sache, denn auch Weglassen oder Umsetzten des Kommas ändert nicht viel am schwächelnden "wohl". Wenn Du nah an Hölderlin dranbleiben willst, müsstest Du entweder den ganzen Vers übernehmen, oder naturgetreu nachbauen. Ich würde für "wohl" etwas anderes nehmen oder eine zweite unbetonte Silbe davor einfügen, z.B.:

    ... Die Erde, ja wohl wenig bekümmert um uns,

    ... Die Erde, so scheint's (wie's scheint), wenig bekümmert um uns,



    Was ich noch versucht habe von der "hölderlischen Denkweise" zu übernehmen: die Länge nach der Zäsur im Hexameter, sprich also die Länge mit einem Spondeus bzw. einer langen/schweren Silbe zu besetzen, wofür sich ja in dien obigen Versen von H. einige Beispiele (ich ich habe die blau eingefärbt) finden.
    Das ist nicht Hölderlinsche, sondern allgemein die Denkweise der Hexametristen, die mehr an einer Nachbildung des griechischen Verses interessiert waren. Hier nochmal die drei Verse im Vergleich:

    1. Rings um ruhet die Stadt. Still wird die erleuchtete Gasse,
    2. Wolzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,
    3. Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß



    1. und 2. sind geschleifte Spondeen, wobei der zweite der bessere ist. Das "wird" im ersten Beispiel lässt sich eigentlich nur durch Zählen als Hebungssilbe identifizieren, was man vielleicht die Hölderlinsche Handschrift nennen könnte. 3. ist dagegen ein ziemlich normaler Trochäenbau mit "tönt" als schwerer Senkung. Das entspricht mehr der deutschen Form, auch wenn drei Trochäen hintereinander etwas ungewöhnlich sind.

    An Deinem Fußballvers finde ich auch nichts zu meckern. Der ist dem 3. ja sehr ähnlich. Ich finde ihn sogar besser, weil ausgewogener.


    Hallo Ferdi,

    ich sah gerade, dass wir uns überschnitten haben. Danke für den neuen Bibliothekfaden und den Hinweis auf die Lesung von Mathias Wiemann! Hab gleich mal reingehört. Der Anfang gefällt mir ganz gut, aber dann steigert er sich in zu viel Pathos hinein. Für Hexameter wünsche ich mir einen gleichmäßigeren, unaufgeregteren Vortrag.


    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (25.06.2019 um 08:27 Uhr)
    com zeit - com .com

  7. #7
    Registriert seit
    Jan 2011
    Ort
    schweiz/bw
    Beiträge
    9.103
    Es gibt nicht viel zu lachen, wenn der Morgen schon auf Temperatouren kommt. Aber deine Pfingstochsen machen mich schmunzeln. Danke.
    KP

  8. #8
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.264
    Hallo, ihr Lieben!

    @Ferdi: Ja, das ist mir schon klar, dass im Gegensatz zur hölderlischen leichten Silbe vor dem Pentaeinschnitt, die Länge nach dem Hexaeinschnitt keine hölderlische Eigenheit ist. Ich meinte ja eigentlich "hölderlisch" auch synonym für „griechisch gedacht“.

    Und nein, ich kenne keinen Vers von Hölderlin, in dem er mit einem Pfingstochsen den Pentaeinschnitt überschreibt; ich kenne eben nur das "Überschreiben" wohl mit Wortgrenzen, aber ohne deutliche Zäsur, sodass man eben nur wegen des Hebungspralls kurz innehalten muss, so wie eben auch bei den Pfingst/ochsen.

    @claudi: Danke auch für deine Ausführungen; ihr seid euch ja ziemlich einig. Zur „hölderlischen Denkweise“, siehe schon oben.

    @kaspar: Gerne!
    Ja, das mit den Pfingstochsen im Penta (oder nach der Zäsur im Hexa mit geschleifter erste Silbe) könnte nun tatsächlich dem griechischen Vers (m)einen Stempel aufdrücken. Du erlebst vielleicht gerade die Geburtsstunde der „albaaischen Denkweise“ des elegischen Distichons.

    Und danke auch für das Wahrnehmen des inhaltlichen Anliegens der letzten Strophe.

    Vielen Dank euch!

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (26.06.2019 um 19:04 Uhr)

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Hölderlin
    Von Hans Plonka im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 16.02.2018, 16:51
  2. an hölderlin
    Von hyperion01 im Forum Bibliothek - Interpretationen und Gespräche
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 15.09.2011, 09:04
  3. Elegie, oder wie man so was nennt.
    Von Guenter Mehlhorn im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 20.12.2009, 18:11
  4. Brot oder Spiele
    Von puffl im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 29.06.2006, 19:12
  5. Suche altes Gedicht über Brot/Wasser und Wein
    Von ocmp im Forum Suchanzeige aufgeben ...
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 24.10.2003, 08:03

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden