1. #1
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    Das Stiefmütterchen

    Auf der Terrasse ganz aus Stein
    da keimte einst ein Blümelein
    in schmaler sandig Fuge,
    fürs Dasein gab ihm die Natur
    eine karge Mitgift nur,
    doch wuchs es Zug um Zuge.

    Es trotzte Staub und Trockenheit
    und wuchs trotz aller Widrigkeit
    mit heiterem Gemüte
    und brachte es am Ende gar
    als es genug gewachsen war
    zu einer stolzen Blüte.

    Voll Anmut stand das Blümelein
    und blühte still im Pflasterstein
    als Wunder der Natur,
    bis dann ein Mensch mit Unbedacht
    das schöne Blümlein umgebracht
    mit einem Tritte nur.

  2. #2
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    Hallo Wilhelmine,
    Dein Gedicht hat mich sehr berührt. Du erzählst in vollkommenen Versen eine einfache Geschichte, die schlecht ausgeht.
    Ich hoffe, das Gedicht lesen viele. Und lass Dich von negativen Kritiken nicht beirren.
    LG Alfredo

  3. #3
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    Ich danke dir, lieber Alfredo. Ich freue mich sehr über deine Worte. Ja, es sind manchmal ganz kleine, scheinbar unbedeutende Dinge, die einen berühren.
    Liebe Grüße
    Wilhelmine

  4. #4
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    Es gibt ein Gedicht 'Das Veilchen' von Johann Wolfgang von Goethe, das Wolfgang Amadeus Mozart vertont hat und das eine ähnliche Geschichte wie Dein Stiefmütterchen erzählt.
    Kennst Du dieses Gedicht? Es könnte Dich inspiriert haben.

    Ein Veilchen auf der Wiese stand,
    gebückt in sich und unbekannt;
    es war ein herzigs Veilchen.
    Da kam ein' junge Schäferin
    mit leichtem Schritt und munterm Sinn
    daher, daher,
    die Wiese her und sang.

    Ach! denkt das Veilchen, wär' ich nur
    die schönste Blume der Natur,
    ach, nur ein kleines Weilchen,
    bis mich das Liebchen abgepflückt
    und an dem Busen matt gedrückt,
    ach, nur, ach nur
    ein Viertelstündchen lang!

    Ach, aber ach! Das Mädchen kam
    und nicht in acht das Veilchen nahm,
    ertrat das arme Veilchen.
    Es sank und starb, und freut' sich noch:
    und sterb' ich denn, so sterb' ich doch
    durch sie, durch sie,
    zu ihren Füßen doch!

    Goethe schrieb noch das Blumengedicht 'Heideröslein'. Während Stiefmütterchen und Veilchen ihr Schicksal passiv hinnehmen, wehrt sich Heideröslein aktiv gegen seinen Tod. (Röslein wehrte sich und stach....Doch der wilde Knabe brach...).

    LG Alfredo
    Geändert von Alfredo (23.06.2019 um 17:33 Uhr)

  5. #5
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    Hallo Wilhelmine,

    mich hat das Gedicht ebenfalls von Stil und Thema her an bekannte Vorlagen erinnert. Ich finde es ganz reizend und es würde gut in einen gemischten Gedichtband mit vielen großen Namen passen.

    Mir sind ein paar kleinere Schnitzer aufgefallen, die dich vielleicht auch einfach selbst nicht stören, was übrigens völlig okay ist.

    In V1 und V11 empfinde ich die Hebung auf der zweiten Silbe „der“ bzw. „es“ als unglücklich. Beide Verse drängen zu drei unbetonten Silben. In V1 führt das dazu, dass ich beim Lesen gerne betont anfangen will, aber der Versfuß dann anders weiter geht. V5 beginnt als einziger betont. Es „fehlt“ gegenüber den anderen Versen eine unbetonte Startsilbe. Alle drei Lässlichkeiten kann man bei einem Vortrag gut überspielen und das Auditorium bekommt es vermutlich nicht mal mit. Beim Lesen erscheint es mir aber als etwas ungeschickt. Ziemlich ins Gesicht gesprungen hingegen ist mir die „schmale(r) sandig Fuge“.

    Zu V1 ist mir spontan nichts eingefallen, aber das erscheint mir auch das kleinste der ohnehin kleinen Stolpersteinchen.
    V3: im Sand der schmalen Fuge.
    V5: nicht mehr als karge Mitgift nur,
    V11: (,) sobald es ausgewachsen war,

    Vielleicht konnte ich dir ja ein wenig mit meinen Überlegungen helfen.

    Freundliche Grüße von
    Stachel

  6. #6
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    Hallo Wilhelmine,

    eine negative Kritik, wie von Alfredo befürchtet, wird dir dieser hervorragende Text wohl kaum einbringen.

    Du hast für dein Bild die passenden Worte gefunden - und diese handwerklich (fast) einwandfrei verarbeitet.

    Fast...weil ich...wie Stachel auch...in "schmaler sandig..." den einzigen Wehrmutstropfen sehe. Nicht wirklich ein Fehler oder gar schlimm...aber dennoch schade...weil ansonsten nah an der Perfektion.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  7. #7
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    Lieber Alfredo,
    leider komme ich nicht oft zum Lesen und viele wunderbare Werke schlummern in dicken Büchern, die ich nicht kenne. So auch dieses anrührende Gedicht von Goethe.
    Zu meinem Gedicht hat mich das Stiefmütterchen inspiriert, das sich auf unserer Terasse in Staub und Trockenheit durchgekämpft hat und aus Versehen von einem Besucher zertreten wurde. Ich wollte ihm ein verbales Denkmal setzten.
    Ich danke dir für das Gedicht und deinen lieben Kommentar.

    Hallo Stachel,
    ich freue mich, dass dir das Gedicht trotz kleiner Unzulänglichkeiten gefällt und du es sogar schon in einem Gedichtband siehst. Manchmal kann man auch die Wirkung eines Gedichtes durch allzu große Perfektion verderben, indem man Formulierungen verwendet, die theoretisch passen aber keine Seele mehr haben.
    Ich habe bisher noch keinen ebenbürtigen Ersatz z. Bsp. für die schmale sandig Fuge gefunden, vielleicht fällt mir in Zukunft noch was ein.
    Ich danke dir für deinen netten Kommentar.


    Hallo AndereDimension,
    auch über deinen Kommentar habe ich mich gefreut.
    Danke für dein »nah an der Perfektion «. Schön, dass auch bei dir das Schicksal des Stiefmütterchens Anklang gefunden hat. Danke dir.


    Einen schönen Sonntag für euch
    LG Wilhelmine

  8. #8
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    Liebe Wilhelmine,
    deine Zeilen sind anrührend. Wer der Natur verbunden ist und achtsam mit Kreaturen umgeht, den dauert das Los des Stiefmütterchens.
    Du hast eine Möglichkeit gefunden den Leser teilhaben zu lassen an Werden und damit die Vernichtung um so schmerzlicher zu empfinden.
    Leider lesen derlei Grobiane meist keine Gedichte.
    Sehr gern gelesen.
    amanda

  9. #9
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    Liebe amanda,
    ich danke dir für deinen netten Kommentar. Ich freue mich, dass dich das Schicksal des Stiefmütterchen berührt hat.
    Eine schöne Woche für dich
    LG Wilhelmine

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