Gina zetert, womöglich kreislaufbedingt, da Fahrradschieben und hierinnen warme Küche sich schlecht verträgt. Ihr fallen die Schneeflocken von ihrem amerikanischen High-School-Blazer, als sie in die Küche tritt, nachdem sie sich das Eis und den Schnee an der Hausschwelle von den dünnen chinesischen Turnschuhen gestreift hat. Aus ihrer Seitentasche des blau-weißen Gewandes, viel zu dünn für die Jahreszeit, zaubert sie einen vegangen Döner, den sie auf den Tisch wirft. Überflüssig zu erwähnen, dass sie diesen in einer anderen als jener ihres untreuen Türken gekauft hat.
Jetzt plärrte gerade der zu laut eingestellte Radio. „Sicherheitskräfte wurden von randalierenden ausländischen Jugendlichen, wahrscheinlich aus Afghanistan, attackiert. Ein Beamter liegt im Krankenhaus mit einer Schädelfraktur, nachdem er, von den herbeigeholten Polizisten wegen Ruhestörung...“, die anonym erfolgt war, wie sonst auch in diesem Land, zu Boden geschubst und dort mit Füßen traktiert worden war.
„Diese verdammten Nigger!“, grölte Gina dazu.
„Was?“ Bin ich etwas von entsetzt. Eine ausländerfeindliche Gina, unmöglich, so etwas hätte ich ihr niemals zugetraut, bei ihrer Biographie, Sozialpädagogik Studium absolviert, Jamaika-Aufenthalt und bekennende Rastafa-Frau.
Aber Gina denkt, was ich noch nicht weiß, an ihren Polizisten, der das Opfer einer solchen Attacke hätte sein können, den sie vielleicht noch nicht liebt, aber Hoffnung in ihr entzündet hat, die sie nicht dämpfen kann. In Wirklichkeit kann sie gar nicht gegen Schwarze sein Als Rastafa-Frau hat sie etliche Male mit schwarzhäutigen Gleichgesinnten geschlafen, wobei sie meinte, so unglaubwürdig es klingen mag, sie noch nie mit jemanden in die Kiste oder auf die Parkbank gestiegen ist, ohne bekifft, betrunken und berauscht gewesen zu sein. Glaube es, wer mag!
Trotz beginnender Liebe zu jenem Polizisten, der neulich zum Protokoll- und Ermittlungen-Aufnehmen gekommen war, hätte sie mehr Anlass gegen die Bullen zu sein, denn ihr geliebter Lebensgefährte Kevin war als Gegenstand und Subjekt der Verfolgung von Konsumenten illegaler Drogen seitens der Staatsmacht eines Nachts auf der Flucht vor diesen über eine Mauer geklettert, an einem Nato-Draht hängen geblieben und sich in unglücklichsten Umständen selbst erhängt, erwürgt und zu Tode gestürzt.
Die Wut gegen die Ordnungshüter dieses Landes wäre mit Sicherheit gerechtfertigter!
Aber!
Aufgeheizt brodelt jetzt der Wodka und das Bier in ihren Adern darüber, dass sie von einem Polizisten im Verhör am Busen und Po angegrabscht worden ist, als sie sich ins Polizeipräsidium wegen des Stofftieres begeben hatte und zudem angelockt durch die vermeintliche Aussicht auf Geschenke wie Handy und Kleidung, welches der Herr Beamte zudem verkündet hat, ihr zum Geschenk zu machen.
„Das geht doch nicht, dass der mir gleich an die Wäsche geht!“, stammelte und brummelte sie hilflos und aufgebracht und stark betrunken, so dass sie sich erschöpft auf einen Küchenstuhl niederließ, der bedrohlich schwankte als würde sie sogleich davon herunterfallen und abstürzen.
„Genau! So schnell schießen die Preußen auch wieder nicht“, entgegnete Loulou.
„Ich habe ihm telefonisch gesagt, er solle das Handy zurücknehmen, es sich bei mir abholen oder ich bringe es ihm ins Präsidium vorbei. Jedenfalls geht das so nicht.“ Sie ist dieser abhängigen Situation des Staatsgewaltigen gegenüber völlig hilflos ausgesetzt. Hier spielt nicht nur der Alkohol eine Rolle,
„Wie konntest Du bloß glauben, da entstünde etwas, wenn Du ins Geschäftbüro von dem gehst? Er hätte Dich ins Restaurant oder dergleichen einladen sollen, aber nicht zu ihm ins Revier. Das hätte Dir gleich verdächtig vorkommen und sagen müssen, dass da nichts Gescheites entstehen könne“, resümiert Loulou ganz vernünftig.
„Naja, vielleicht ja doch, habe ich gedacht. Man weiß es ja nicht. Möglicherweise ist er ja ganz nett, habe ich gedacht“, erwiderte Genia. Sie wiederholte sich in der Folgezeit öfter, ist sternhagelvoll und weiß nicht, ob sie ihren vorhin gekauften Döner nun schon in ihr Zimmer nach oben abgelegt hat oder nach unten in der Küche irgendwohin.
„Ist das vielleicht derselbe Polizist, der letzthin Wilhelmine, du weißt, die Behinderte im Rollstuhl, besucht hat. Sie hat erzählt, dass ein Polizist oder ein in einer Polizeiuniform Verkleideter zu ihr in die Wohnung gekommen sei und sie wegen irgendeiner Ermittlungssache hinsichtlich einem nur fernen Bekannten ausgefragt hatte. Dabei sei dieser Uniformierte übergriffig geworden, ihr ständig an die Wäsche gegangen, hat sie erzählt. Aber sie hat nicht geglaubt, dass das wirklich ein waschechter Polizist gewesen ist.“
„Ja, klingt nicht so, als ob es einer war“, sagte ich, denke aber angesichts Genias Erlebnisse das Gegenteil. Das ist bestimmt der Gleiche gewesen. Mann, ein Polizist, der abhängige Zivilpersonen sexuell belästigt. Na Prost, Gemeinde!
Loulou sagte schnell hinter dem Rücken von Genia zu mir gerichtet: „Vielleicht steht er auf gewisse Praktiken sexueller Art im Verhörraum.“ Dabei entblößt sie den Oberkiefer.
Ich grinste zurück: „Das kann schon sein.“ Ich knöpfte mir den obersten Knopf meines Hemdes auf, denn mir ist sehr heiß geworden.
In der Tat, Gina kommt jetzt erst mit „das geht doch nicht, das geht doch nicht!“, reichlich spät, nachdem sie sich von dem Polizisten schon hat in sein Spinnwebennetz hat locken lassen.
Als sie auf die Wache gekommen ist, hat der Polizist weiter versucht sie zu beschenken und sie hat zuerst gemeint, der beschenkt sie, weil er etwas für sie empfindet, vielleicht sogar so viel wie Liebe.
Aber spätestens mit dieser Frage, ist es ihr schon klar geworden, worauf der letztlich bloß rauswollte: „Jetzt erzähl mal, Mädl. Wen kennst Du, der Drogen nimmst. Du musst mir alles erzählen, den kleinsten Verdacht. Aber das wird nicht notwendig sein. In deinen Kreisen kreist nur so der Joint, was. Ha ha!“
Blöder kaum konnte man sich ausdrücken. Diese Formulierung ging Gina denn doch zu sehr gegen den Strich. Sicherlich, wenn der Polizist nicht so viele Vorurteile gehabt hätte und etwas vorsichtiger vorgegangen wäre, wäre die Falle zugeschnappt und Gina hätte wie ein Fluß fließt gequasselt wie eine Ente. Aber das hier – das war denn doch etwas zu blöd!
Sie hat daraufhin versucht, sich schnell wieder zu verdünnisieren und je länger sie diesem grünen Uniformierten weggewesen war, desto klarer wurde es ihr, worauf der überhaupt bloß hinauswollte: Sie quasi als Kronzeugin aufbauen, um die Kiffer, Kräuter-Konsumenten und Speedschnupfer dingfest zu machen. Diejenige, die eh schon mit sich selbst zu krebsen hatten, die Psychisch Kranken, die ärmsten von den Armen.
Aber nicht mit Gina!
Die ja auch dazu gehörte, dazu zählte.
Aber nein, nicht mit ihr. Sie mochte vom Alkohol ja schon ein bisschen plemplem sein, die ein oder andere graue Gehirnzelle angefressen sein, ihr Hirn davon überschwemmt sein, aber schwachsinnig, debil, dement, gaga, girre-girre oder weiß der Teufe etwas war sie noch lange nicht. Sie hatte schon noch ein Gespür dafür, wer es wirklich gut mit ihr meinte, oder nicht!
Schön, dass wir jetzt Luft schnappen gehen und uns nach draußen begeben, um sich auf die Schwelle des alten fränkischen Fachwerkhauses zu setzen. Es riecht aus den daneben stehenden Abfalleimern, grüne, weiße und braune Tonne, weil seit Jahren nicht mehr gründlich ausgeputzt worden. Wir schauen durch die schmale Gasse auf die Innenstadt-Straße, durch die immer wieder am Steuer sitzende Backfische Ralley-Rennen veranstalten. Vielleicht aber auch sind es Polizei-Aspiranten, - ist doch dieser Beruf bei Jugendlichen sehr beliebt geworden - die sich bereits auf ihren Diensteinsatz vorbereiten. Wundert es jemanden, dass hier keine Geschwindigkeits-Meßgeräte aufgestellt werden?
Gina verfiel nun wieder in heulendes Elend, diesmal über ihre Vergangenheit. Sie müsse mit einem noch Lebenden unter ihren Freundeskreis unbedingt heute noch Kontakt aufnehmen, um mit dem über ihren verstorbenen Rastafa-Freund Kevin zu reden; sie brauche dies; sie müsse dies unbedingt spätestens am Wochenende machen.
„Und dabei“, Genia geriet wieder in einen weinerlichen Tonfall, - ihre weinerliche Nostalgie und Erinnerungsseeligkeit rührt bestimmt auch davon - was immer dann geschähe, sie dachte an diese Situationen mit dem behördlichen Aufdringling, ‚wollte ich gar nichts von ihm“.
„Kevin war so etwas von einem schönen Rastafa-Locken-Mann“, kam jetzt gleich darauf und sie meint wieder ihren verstorbenen Freund. Sie machte dabei keine Andeutung mit der Hand bis zur Taille, was sie sonst immer tat, was ein Anzeichen ihrer verstrickten Hilflosigkeit darstellen musste. „So schön.“ Ob er schön war oder wegen seiner Erscheinung, der bis zum Hinternansatz herfallenden Dreadlocks, bleibt deshalb offen.
Uns ist kalt geworden und wir sind wieder in die Küche gegangen. „Mensch, habe ich einen Durst!“, zuvor schnatternd wie eine Ente, nun mit dem Anstieg des Alkohols im Blut grunzend in einem schweine-ähnlichen, schnarrenden, nasalen Tonfall, als sie sich daran macht, in Schränke, Ablagen und Kühlschränke die Objekte ihrer Wünsche zu vermuten und zu suchen.
Sowie sie nichts fand, ließ sie die Hände in den Schoß fallen, als betete sie und erzählte grinsend, was ihr alles in der Vergangenheit mit Kevin so Schönes zugestoßen war, sie erlebt hatte und erleben durfte - ach!
Bald jedoch kommt sie wieder auf den belästigenden Polizisten und verfällt wieder in einen larmoyanten Tonfall.
Loulou meint, Sibylle, ihre Sucht-Beraterin, meint dazu: „So etwas geht nicht!“
Dieser stimme ich entschieden zu. Dies geht natürlich nicht, dass ein Polizist Abhängige mit kleinen Geschenken zu sexuellen Abschweifungen nötigt und treibt.
Aber das sagt gerade die Sucht-Therapie-Mieze Sibylle!
Deren Bruder ist zudem der Pächter von der größten Absteige-Kneipe in der Kleinstadt. Dort lassen sich die Alkoholiker vollaufen und die Schwester des Kneipiers, eine Sozialpädagogin, therapiert und berät diejenigen, die dort sich regelmäßig auftanken – nur was rät sie? Vielleicht, besucht die Kneipe meines Bruders nicht! Wohl kaum!
So verdienen die Mitglieder einer Familie ihren Lebensunterhalt damit, dass die Schwachen um sie herum zu ihnen kommen – zum einen zum Zwecke sich zu betäuben, zum anderen zum Zwecke, sich von dieser Sucht nach Betäubung wegzukommen. Würde eine dieser Partizipanten und Geldverdiener und Selbstunterhalts-Damitbestreiter fehlgehen, indem etwa die Sozialpädagogin es schafft, die Süchtlinge von der Kneipe fernzuhalten, wäre der Bruder sehr ärgerlich auf die Schwester und würde sie des geschäftschädigenden Verhaltens anklagen, mit ihr streiten und ihr gehörig die Leviten lesen, worauf man Gift nehmen kann.
Denn es geht auch nicht, dass eine Sucht-Therapeutin Patienten, die die allerhärtesten und stärksten Medikamente verschrieben bekommen, etwas von „kontrolliertem Alkoholtrinken“ vorschwärmt oder nahelegt und überhaupt so einen Gedanken in deren Köpfe pflanzt.
Mühselig, dumm und überflüssig darüber nachzudenken, was am Schlimmsten ist bei all den Überdruss Hervorrufendem... - Dein „Freund und Helfer“, die Polizei; die Sozialarbeiter, Psychiater – sprich die, die sich Helfer nennen. Das Sklavenhaltertum hat sich in die neue Zeit hinübergerettet...

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