Thema: Nordwind

  1. #1
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    Nordwind

    Tritt ein, du weit gereister Schicksalsbote,
    umarme mich und kühle mir die rote,
    von hohem Fieber glühend heiße Wange.
    Sag ihm, dem dunklen Schatten, der schon lange

    geduldig wartet, ich will seine leisen,
    doch strikten Worte nicht mehr von mir weisen.
    Soll er es sein, der aus dem Stundenglase
    den Sand verstreut und du, Freund Nordwind, blase

    ihn hin zum Rastplatz all der Wanderjahre,
    wo meines Schaffens Reichtum ich verwahre.
    Geleite mich in dieser einen Stunde
    und trink den letzten Hauch vom welken Munde.
    Geändert von Lailany (30.06.2019 um 22:04 Uhr)

  2. #2
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    Zitat Zitat von Lailany Beitrag anzeigen
    Tritt ein, du weit gereister Schicksalsbote,
    umarme mich und kühle mir die rote,
    von hohem Fieber glühend heiße Wange.
    Sag ihm, dem dunklen Schatten, der schon lange

    geduldig wartet, ich will seine leisen,
    doch strikten Worte nicht mehr von mir weisen.
    Soll er es sein, der aus dem Stundenglase
    den Sand verstreut und du, Freund Nordwind, blase

    ihn hin zum Rastplatz aller Wanderjahre,
    wo meines Schaffens Reichtum ich verwahre.
    Geleite mich in dieser einen Stunde
    und trink den letzten Hauch vom kalten Munde.
    Liebe Lailany,

    Erinnert mich irgendwie an Jedermann. Ein sehr schönes Gedicht, wenn man klassische Maßstäbe anlegt, hier finde ich das barocke momento mori, es könnte aber auch von Rilke sein. Ich mag es, weil ich altes Zeugs grundsätzlich mag, und das Pathos darin und der Tod ist sowieso etwas, das uns zeitlebens im Nacken sitzt, wie du es so schön ausdrückst: Sag ihm, dem dunklen Schatten, der schon lange / geduldig wartet,...

    Weil ich gerade gestern aber von Lyders dieses abgründige Gedicht gelesen habe, in dem ich dieses Motiv "momento mori" viel stärker spüren konnte, nämlich in der Verzweiflung des Lebens, der Unerfülltheit und Hässlichkeit die unser Dasein haben kann, wenn wir es eben für Momente einmal ertragen, es ungefiltert anzusehen und keinem Kayfabe (das ist im Moment mein Lieblingsdings) folgen, dann kommt mir dieses "schöngemalte" Sterben lächerlich vor. Ein Kayfabe eben.

    Und trotzdem: Ich wollte immer schon ein Gedicht schreiben, in dem der Tod wie ein Geliebter auftritt und und das LI sich in seine Arme wirft. Das war noch bevor ich hilflos und am Ende eher wie betäubt mit ansehen musste, wie ein geliebter Mensch an Krebs starb. Aber ich habe dieses Projekt noch nicht aufgeben, und ich hab hoffentlich noch ein bisschen Zeit dafür und letztlich bin ich schon gespannt, ob es dann so ein Geliebter wird, wie in Lyders todtraurigem Gedicht oder so ein schöner und verklärter wie hier, der dem LI den letzten Hauch (Leben) von den Lippen küsst.

    Also wie du siehst, ich bin ein bisschen hin- und hergerissen, ob ich dein Gedicht lächerlich oder schön finden soll. Gekonnt und schön geschrieben ist es allemal. Ich entscheide mich im Zweifel für schön, ich glaube mich hat nur die Schreibe von Lyders so aufgewühlt, ich liebe ja grundsätzlich auch viel eher das Verschlüsselte, Ausweichende, Ästhetisierende und damit Artifizielle, ich bin also auch eher ein Kayfabe-Typ.

    Es stellt sich halt die Frage, die ja hier immer wieder gestellt wird: Kann man heute noch so schreiben? Nämlich so kompromisslos ernst auf "alt getrimmt" wie das hier? Wobei das hier eben wirklich sehr gut geschrieben ist und eben nicht so auf alt getrimmt wie sich "der kleine Maxi das Dichten vorstellt", welche Art Gedichte sonst häufig hier eingestellt werden. Und dann kommt immer wieder die Antwort: Natürlich kann man, denn ich, Autor, schreibe so wie es mir gefällt. Punkt! Ja, Punkt!

    Ein paar Kleinigkeiten noch:

    ihn hin zum Rastplatz aller Wanderjahre, - all der
    wo meines Schaffens Reichtum ich verwahre. -das kommt mir ja dann selbst bei einer romantischen Auffassung zu übertrieben vor "meines Schaffens Reichtum", selbst wenn das ein Künstler wäre, käme das schon ziemlich arrogant rüber oder? Ich würde mir hier jedenfalls, bescheiden wie ich halt so bin, etwas "Kleineres" mehr auf ein normales Leben zugeschnittenes Depot wünschen.
    Geleite mich in dieser einen Stunde
    und trink den letzten Hauch vom kalten Munde. - wenn der Mund schon kalt ist, wirkt dieser Vers nicht wirklich und
    "trinken" ? - vielleicht: und küsse mir/trinke noch den letzten Hauch vom Munde


    Gerne gelesen und darüber sinniert

    Lieben Gruß
    albaa (charis )
    Geändert von albaa (30.06.2019 um 13:08 Uhr)

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