1. #1
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    Ricarda Huch: Einsame Nixe

    Hallo!

    Wie im Geibel-Faden gesagt: Ein ganz, ganz anderer Text, wenn er auch im Hexameter geschrieben ist. Vielleicht habt ihr einen Eindruck?! Wer ihn schildern möchte und dazu trotzdem noch einen Vers metrisch vorstellt, macht sicher nichts falsch; denn einmal hilft das dem eigenen Versverständnis, es hilft aber auch, den Unterschieden zwischen den Texten auf die Spur zu kommen!

    Ricarda Huch ist 1947 gestorben, ihre Texte sind seit anderthalb Jahren gemeinfrei; schaut auch sonst bei Gelegenheit, was ihr findet, vieles davon lohnt sich! Der folgende Hexameter-Text ist also recht jung.

    Gruß,

    Ferdi


    Einsame Nixe

    Oft, wenn es dunkelte, hob aus dem Teich sich die reizende Nixe
    Halben Leibs; es rieselte sacht von den schilfigen Haaren.
    Mondengleich beschien ihre weiße Brust die Gebüsche,
    Erlen und Weiden umher, sie leuchteten hell vor den andern,
    Und es schimmerten feucht ihre Augen wie Perlen des Meeres.
    Nichts bekümmerte sie, die alles von Anfang gesehen.
    Wundersam nun erscholl ihre süße, kristallene Stimme
    Leicht wie Luft. Und sie sang von den herrlichen Wundern der Schöpfung,
    Sang von des Schicksals Gewalt und dem dunklen Geheimnis des Todes.
    Bald wie Akkorde der Harfe ertönten die Zaubergesänge,
    Bald, wie ihr zärtliches Lied die klagende Nachtigall flötet.
    Aber niemand hörte die Einsame; träumerisch lauschte
    Nur die heilige Nacht, es lauschten die ewigen Sterne.

    Ricarda Huch
    Geändert von Ferdi (02.07.2019 um 16:38 Uhr)

  2. #2
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    Lieber Ferdi,

    Spannend einmal Hexameter aus jüngerer Zeit zu lesen. Ich habe leider außer Wagner noch nichts gelesen, was jünger ist, obwohl du mir schon einmal etwas empfohlen hast in einem Faden, aber ich hab es leider verschlammt. Kannst du mir eine pn schreiben, oder es hier noch einmal einstellen, bitte?

    Also mein Eindruck, ganz spontan: Das überzeugt mich nicht sehr. Es hört sich nicht modern an, sondern scheint mir auch, Huch hat davor auch Hölderlin gelesen. Ob das ironisch sein soll?

    Mit der Form hat sie sich offensichtlich nur sehr oberflächlich beschäftigt, es fehlen an den Versenden etwa schwere Silben oder Spondeen; die gibt es auch im Inneren der Verse nicht, also weder normale und schon gar nicht geschleifte. Es ist alles ganz brav dahingeschrieben, und zwar nicht einmal so "versgebildet" wie Geibel, sondern einfach nur auf Nummer sicher und bieder, ohne auch irgendetwas zu riskieren. Im ersten Vers ist es schwierig, die Zäsur richtig zu lesen, speziell im ersten Vers, würde man wohl eher die Zäsur vor "hob" lesen, also vor dem dritten Fuß und vor einer Hebung, was nicht lege artis ist; die Zäsur gehörte nach "hob", ich setzte sie an der richtigen Stelle in Klammer

    Oft, wenn es dunkelte, || hob (||) aus dem Teich sich die reizende Nixe

    Also mir gefällt das ehrlich gesagt gar nicht, ich finde es ziemlich fad, Inhalt wie Form ist für die Verhältnisse einer Dichtern dieses Formats für mein Gefühl doch eher sehr bescheiden; Textsortenlyrik würde ich sagen. Sollte es ironisch gewollt sein, was schwer vorstellbar ist, ist es jedenfalls auch in die Hosen gegangen.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (02.07.2019 um 21:27 Uhr)

  3. #3
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    Liebe albaa

    Gar so öd finde ich den Text nicht. Das Nixenthema war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sehr beliebt. Vor allem auch in der bildenden Kunst. Mir fallen dazu.Bilder von Böcklin ein. Bei Hölderlin habe ich das Nixenmotiv hingegen nicht gesehen. Diese Nixe ist natürlich eine ältere Schwester der Bachmannschen Undine. Sie ist wie die Undine eine einsame Künstlerin, die ihren tieferen Blick auf das Leben und ihre Unkonventionalität mit Einsamkeit bezahlt, unverstanden bleibt und in ihrem Liebesverlangen scheitert. Das sind Motive, die auch das Werk eines Thomas Mann prägen.
    Ich will damit die Einsame Nixe aber auch nicht hochschreiben. Andere Dichter haben viel mehr aus diesen Motiven gemacht. Besonderd schwach finde ich den letzten Vers, der mir in der Tat hölderlinesk erscheint. Huch hat offenbar keinen guten Ausstieg gefunden und greift auf Versatzstücke aus dem Traditionsbestand zurück.

    So dacht ich

    Liebe Grüße

    Onegin



    Nachtrag: Beim weiteren Nachdenken über Nixen fiel mir auf, dass Böcklin und andere Maler den männlichen Blick auf diese Wesen inszeniert haben. Häufig wird der Betrachter in die Rolle eines heimlichen Beobachters gedrängt. Thematisiert wird in diesen Darstellungen die Sehnsucht nach einem befreiten Begehren

    Huchs Nixe hat dagegen das Problem, dass niemand ihr zuschaut, dass sie einsam bleibt. Der Text handelt von den Problemen der Nixe selbst, nicht von männlicher Sexualität. Dadurch hebt sich dieser Text als Text einer Autorin von anderen Nixendarstellungen ab, was man ihm zugute halten kann.
    Geändert von Onegin (02.07.2019 um 22:43 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  4. #4
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    Hallo!

    Albaa, was ich da empfohlen haben könnte, weiß ich auch nicht mehr ... Aber wenn du "Hexameter aus dem 20. Jahrhundert" versuchen willst, dann bieten sich an:

    Anton Wildgans: Kirbisch
    Thomas Mann: Idylle vom Kindchen
    Hermann Hesse: Im Garten
    Bertolt Brecht: Das Manifest
    Gerhart Hauptmann: Till Eulenspiegel

    Vor allem Wildgans und Hauptmann, auch wenn dessen fiebriger Hexameter mit dem Geibels wenig Ähnlichkeit hat. Trotzdem ein wichtiges Buch, der Till!

    Zu Huchs Text: Da stellt sich vielleicht ein wenig die Frage nach den Vorbildern. Als Klopstock den "Messias" schrieb, waren es die lateinischen Hexameter, die er in der Schulzeit gelesen (und geschrieben!) hatte; für Goethe waren es dieselben Lateiner plus die Hexameter Klopstocks, die er als Junge auswenig gelernt hatte; und für Huch (geboren 1864) und ihre Generation waren es dann die deutschen Hexameter Goethes (vor allem dessen "Hermann und Dorothea", ein im 19. Jahrhundert unglaublich populäres Buch; das hat laut Tagebuch z.B. auch Mann extra noch einmal gelesen zur Vorbereitung seines "Kindchens"). Und Goethes Hexameter ... hm. Darüber ließe sich viel denken und schreiben, aber sie in ihrer unzweifelhaft vorhandenen Wirksamkeit zu begründen, ist wirklich schwer. Müssen wir bei Gelegenheit versuchen! Zu Huchs Versen schreibst du:
    ... es fehlen an den Versenden etwa schwere Silben oder Spondeen
    Das zum Beispiel ist bei Goethe auch so - er hat sogar 20 Verse oder mehr mit schwachen "e" in der Schlussilbe nacheinander! Das ist eine ganz andere Art von Hexametern als die vom antiken Vorbild her gedachten Verse Geibels, aber dass weniger Handwerk oder weniger bewusste Gestaltung drinsteckt, glaube ich eigentlich nicht. (Und wegen dieses Kontrasts habe ich den Text ja auch eingestellt.)

    "Einen modernen Klang" hat das ganze sicher nicht! Nun hat Huch viel über die Romantik geschrieben (kann man heute noch kaufen und mit Gewinn lesen), und mir scheint dieser kurze Text etwas in die Richtung zu gehen: ein "romantischer Hexameter"?! Was erst einmal fremd wirkt, weil die Schnittmenge da ja eigentlich Null ist.

    Im ersten Vers ist der Verseinschnitt hinter "hob"; und wer das Versschema kennt, kann ihn da auch verwirklichen, denke ich. Dass der kräftigere Satzeinschnitt nur eine Silbe davor liegt, macht es ein wenig anspruchsvoller, aber dafür bekommt mal als Leserhörer ja auch einen ungewöhnlichen, dabei aber anziehenden Teilvers geboten:
    —, ◡ ◡ — ◡ ◡, —
    Hat etwas?!

    Ich habe für mich eigentlich kaum Einwände gegen die Versgestaltung - hier aber eine Frage:

    Wundersam nun erscholl ihre süße, kristallene Stimme

    Habt ihr da die zweite Hebung auf "-sam" oder auf "nun"?!

    "Heilig" ist ein Lieblingsbeiwort Hölderlins, keine Frage; aber Kenntnis mit ihm setzte ich zumindest nicht voraus, er war ja lange (kann man sich heute kaum vorstellen) wenig bekannt. Huch war mit ihm vertraut, vermute ich; aber das müsste man erst einmal herausfinden.

    Ironisch ist der Text sicher nicht?!

    Onegin, inwieweit die Nixe "Probleme" hat, weiß ich nicht ... Das setzte ja voraus, dass sie Zuhörer erwartet, ihr Tun erstens einmal als sinnvoll bzw. sinnlos wahrzunehmen gewillt / in der Lage ist und zweitens, als Maßstab dafür das Ausmaß ihrer Einsamkeit zu wählen. Das sehe ich im Text nicht?! ("Nichts bekümmerte sie, ...")

    Gruß,

    Ferdi

  5. #5
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    Hallo Ferdi

    das "nichts bekümmerte sie" lese ich zunächst in Bezug auf ihre Nacktheit, um die sie sich nicht kümmert. Damit erweist sie sich als das Naturwesen, das sie auch ist. Dann steht der Ausdruck auch für das Unbekümmerte ihres Gesangs.

    aber "ein Problem" hat die Nixe schon. Huch schreibt ja, dass sie einsam ist. Einsamkeit ist anderes als nur Alleinsein und etwas tief Menschliches. Das korrespondiert mit der Zwieschlächtigkeit ihres Wesens, halb Mensch halb Natur zu sein. Und worin besteht diese Einsamkeit? Da ist Huch klar: "niemand hörte die Einsame". Die Nixe ist einsam, weil es ihr an mensclichen Zuhörern fehlt, weil sie nicht verstanden wird

    Treten wir einen Schritt zurück und bedenken die literarische Tradition der Romantik, die für Huch so wichtig war, so stellen wir fest: Alle diese romantischen Undinen, Wasserfrauen und Nixen wollen geliebt und zum vollen Menschsein erlöst werden. Darauf spielt auch Huchs Text an.


    Beste Grüße

    Onegin

  6. #6
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    Hallo Onegin!

    Ich weiß ja nicht ... "Nichts" ist doch keine Auswahl; entweder es bekümmert sie etwas, oder es bekümmert sie nichts. "Einsam" kann auch ein Ort sein, und mir scheint es hier auch nicht gemeint zu sein im Sinne einer Gemütslage, aus der sich ein Problem oder gar ein Liebesverlangen ableiten ließe, sondern als eine Zustandsbeschreibung in Bezug auf die Umgebung.

    Hm. Ich sehe, glaube ich, die Nixe hier viel weniger menschlich als du, wirklich als Naturgeist und daher weder auf den Menschen angewiesen noch auf ihn bezogen; weswegen ich auch bei deinem "halb Mensch" leicht gezuckt habe und die Einsamkeit der Nixe eben nicht als etwas "tief menschliches" auffasse. Ist das nicht mehr ein menschlicher, ein Dichterinnen-Blick auf etwas zutiefst nicht-menschliches?! Nun machen äußerste Positionen und "So-ist-es!"-Gesten wenig Sinn beim Herangehen an Gedichte; aber ich denke das ganze wirklich eher aus dieser Richtung, von diesem Ausgangspunkt aus; bis zu welchem Ausmaß, bliebe zu schauen.

    Gruß,

    Ferdi

  7. #7
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    Hallo Ferdi,


    ich führe unsere Diskussion ganz entspannt und mit großem Respekt vor Deinem Kenntnisreichtum. Für unsere Leser mag unsere Uneinigkeit sogar das Salz in der Suppe sein. Hier kann es in der Tat kein "So ist es und nicht anders" geben. Die Zwieschlächtigkeit der Nixe (halb Mensch halb Natur) ist für mich schon in der Nixengestalt angelegt: Ein Frauenkörper, der in einen Fischschwanz ausläuft. Und meiner Meinung nach ist es diese Zerrissenheit, der die romantischen Märchen von den liebessehnsüchtigen Nixen erst verständlich macht. Sie wollen ganz werden.Damit habe ich jetzt alle meine Argumente vorgelegt. Ich glaube nicht, dass wir uns in dieser Frage einigen werden, aber das müssen wir auch nicht. Nichts ist schöner als eine gut geführte Kontroverse.

    Beste Grüße

    Onegin
    Geändert von Onegin (03.07.2019 um 17:06 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  8. #8
    Registriert seit
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    Zitat Zitat von Ferdi Beitrag anzeigen
    Hallo!

    Albaa, was ich da empfohlen haben könnte, weiß ich auch nicht mehr ... Aber wenn du "Hexameter aus dem 20. Jahrhundert" versuchen willst, dann bieten sich an:

    Anton Wildgans: Kirbisch
    Thomas Mann: Idylle vom Kindchen
    Hermann Hesse: Im Garten
    Bertolt Brecht: Das Manifest
    Gerhart Hauptmann: Till Eulenspiegel

    Vor allem Wildgans und Hauptmann, auch wenn dessen fiebriger Hexameter mit dem Geibels wenig Ähnlichkeit hat. Trotzdem ein wichtiges Buch, der Till!

    Zu Huchs Text: Da stellt sich vielleicht ein wenig die Frage nach den Vorbildern. Als Klopstock den "Messias" schrieb, waren es die lateinischen Hexameter, die er in der Schulzeit gelesen (und geschrieben!) hatte; für Goethe waren es dieselben Lateiner plus die Hexameter Klopstocks, die er als Junge auswenig gelernt hatte; und für Huch (geboren 1864) und ihre Generation waren es dann die deutschen Hexameter Goethes (vor allem dessen "Hermann und Dorothea", ein im 19. Jahrhundert unglaublich populäres Buch; das hat laut Tagebuch z.B. auch Mann extra noch einmal gelesen zur Vorbereitung seines "Kindchens"). Und Goethes Hexameter ... hm. Darüber ließe sich viel denken und schreiben, aber sie in ihrer unzweifelhaft vorhandenen Wirksamkeit zu begründen, ist wirklich schwer. Müssen wir bei Gelegenheit versuchen! Zu Huchs Versen schreibst du:
    Das zum Beispiel ist bei Goethe auch so - er hat sogar 20 Verse oder mehr mit schwachen "e" in der Schlussilbe nacheinander! Das ist eine ganz andere Art von Hexametern als die vom antiken Vorbild her gedachten Verse Geibels, aber dass weniger Handwerk oder weniger bewusste Gestaltung drinsteckt, glaube ich eigentlich nicht. (Und wegen dieses Kontrasts habe ich den Text ja auch eingestellt.)

    "Einen modernen Klang" hat das ganze sicher nicht! Nun hat Huch viel über die Romantik geschrieben (kann man heute noch kaufen und mit Gewinn lesen), und mir scheint dieser kurze Text etwas in die Richtung zu gehen: ein "romantischer Hexameter"?! Was erst einmal fremd wirkt, weil die Schnittmenge da ja eigentlich Null ist.

    Wie meinst du das, die Schnittmenge ist gleich Null?

    Im ersten Vers ist der Verseinschnitt hinter "hob"; und wer das Versschema kennt, kann ihn da auch verwirklichen, denke ich. Dass der kräftigere Satzeinschnitt nur eine Silbe davor liegt, macht es ein wenig anspruchsvoller, aber dafür bekommt mal als Leserhörer ja auch einen ungewöhnlichen, dabei aber anziehenden Teilvers geboten:
    —, ◡ ◡ — ◡ ◡, —
    Hat etwas?!

    Ja, das sehe ich auch so, eigentlich ist Vers ja gerade durch diese ungewöhnliche Zäsur auch weniger "brav"

    Ich habe für mich eigentlich kaum Einwände gegen die Versgestaltung - hier aber eine Frage:

    Wundersam nun erscholl ihre süße, kristallene Stimme

    Habt ihr da die zweite Hebung auf "-sam" oder auf "nun"?!

    Eindeutig auf "nun"

    "Heilig" ist ein Lieblingsbeiwort Hölderlins, keine Frage; aber Kenntnis mit ihm setzte ich zumindest nicht voraus, er war ja lange (kann man sich heute kaum vorstellen) wenig bekannt. Huch war mit ihm vertraut, vermute ich; aber das müsste man erst einmal herausfinden.

    Ja, das "heilig" hat ich auch sofort an Hölderlin erinnert und überhaupt der letzte Vers.

    Ironisch ist der Text sicher nicht?!

    Nein, kaum, aber vielleicht eine verschlüsselte emanzipatorische Botschaft - siehe unten (?)

    Onegin, inwieweit die Nixe "Probleme" hat, weiß ich nicht ... Das setzte ja voraus, dass sie Zuhörer erwartet, ihr Tun erstens einmal als sinnvoll bzw. sinnlos wahrzunehmen gewillt / in der Lage ist und zweitens, als Maßstab dafür das Ausmaß ihrer Einsamkeit zu wählen. Das sehe ich im Text nicht?! ("Nichts bekümmerte sie, ...")

    Gruß,

    Ferdi
    Danke, Ferdi, für deine ausführliche Antwort und die Lesetipps, das kenne ich schon zum Teil; nein, ich meinte noch Neueres, wie eben die "Römischen Elegien" von Jan Wagner. Sieh meine Anmerkungen in Blau oben.

    Zu eurer Kontroverse: Ich sehe das anders. Es gibt ja den Erzähler oder Beobachter der wertet, zB die "reizende Nixe" oder eben "die Einsame", aber es ist eben eine Erzählerin. Ich sehe hier aber auch keine Ganzwerdungs-Problem wie Onegin, aber ich sehe auch keinen Naturgeist.
    Eher hätte ich ein Gedicht über weibliches Selbstverständnis und Selbstbewusstsein und weibliche Urkraft gelesen; vielleicht ist das eine sehr emanzipierte, in sich ruhende Nixe ("Nichts bekümmerte sie"), die etwas zu sagen hat ("die alles vom Anfang an gesehen"), aber in der Gesellschaft nichts zu sagen hatte, deshalb "die Eisame", der nur die Nacht und die Sterne lauschen. Wie auch immer, ich spüre in dem Text keine Sehnsucht nach Liebe, um Erlösung zu finden, aber als bloßen Naturgeist kann ich sie auch nicht sehen.

    Vielleicht ist es also eine durchaus liebeshungrige ("wie ihr zärtliches Lied die klagende Nachtigall flötet") und erotische ("reizende") Emanzen-Nixe in romantischer Naturgeistverkleidung?

    Lieben Gruß
    albaa
    p.s. Mir gefällt der Text jedenfalls von Mal zu Mal lesen besser!
    Geändert von albaa (03.07.2019 um 19:46 Uhr)

  9. #9
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    Hallo albaa

    jetzt gefällt Dir die Emanzennixe also doch ein wenig. Schön, was eine angeregte Literaturdebatte alles auslösen kann.

    Gruss Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  10. #10
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    Hallo!

    Ich schreibe morgen noch etwas, jetzt nur schnell an Albaa bezüglich der "nicht vorhandenen Schnittmenge": Das sollte eigentlich nur sagen, dass die Romantik ja eben nicht auf die heidnische Antike zurückblicken wollte, sondern eher auf das christliche Mittelalter; und sich der entsprechenden Formen bediente. Das soll nicht heißen, dass Romantiker nicht hin und wieder Hexameter und Distichen geschrieben hätten; aber die wirklichen romantischen Inhalte doch eher nicht in dieser Form?! Klingt auch immer schräg ... Aus Ernst Schulzes Elegien:

    Träumend schritt ich dahin, und es dämmerte leise der Vorzeit
    Riesengebild mit des Wahns Wundergestalten umher.
    Schaurig scholl, wie die Sagen entschwundener Zeit, das Gesäusel
    Flüsternder Tannen, und fern rauschte der Bach des Gesteins.
    Geier umflatterten Felsen und Wald lautkrächzend, und graunvoll
    Schwieg, um Täler und Höhn starrend, das Haidegefild.
    Sieh, da nahetest du mit munterem Schritt aus des Waldes
    Heiliger Nacht, und ich stand staunend und schaute dich an.
    Hell umfloss dich das weiße Gewand, frisch grünte des Efeus
    Kranz um die Stirn, und es hielt Nelken die zierliche Hand.
    Ach, wohl wähnt' ich ein Wunder zu sehn aus des früheren Glaubens
    Zaubergebiet; denn nicht schienst du ein sterbliches Bild.


    Da ruft er ja schon einiges auf - das Träumen, die Vorzeit, den Wahn, die Sagen, das Schaurige, das Wunder, den Zauber - und sogar eine "heilige Nacht", die scheint unwiderstehlich zu sein ...

    Aus einer anderen seiner Elegien:

    Märchen erzählen wir uns, graunhafte Gedichte der Vorzeit,
    Wähnen die Nixe zu sehn, welche den Knaben geraubt,
    Hören, wie laut die verzauberte Jagd in's gellende Horn stößt,
    Und wie die Elf' im Hain singend den Schleier sich webt.
    Süß ist's, wenn aufdämmernd die Furcht wie ein Nebelgebild' uns
    Schweigend um Augen und Herz schleicht aus der Tiefe der Brust!


    Graunhaft (statt wie zuvor graunvoll), wieder die Vorzeit und der Zauber, die Nixe, die Elfe, die wilde Jagd, das Horn, die Furcht, das Nebelgebilde, die Tiefe der Brust ... Aber das ist doch nicht wirklich die Ausstattung von Hexameter und Distichon?! (Handwerklich ist der letzte Hexameter ... bemerkenswert.)

    Gruß,

    Ferdi

  11. #11
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    ja, irgendwie ist das schon sehr sonderbar, vor allem ein ziemliches durcheinander

    "die nixe, die einen knaben geraubt" - ui, da möchte man freud dazu hören oder auch nur onegin

    vor allem im kontext mit dem süßen-furcht-vers; da ist also nicht nur die betonung eigenwillig,

    Süß ist's, wenn aufdämmernd || die Furcht wie ein Nebelgebild' uns

    danke, ferdi!

    lieben gruß
    albaa

  12. #12
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    Hallo!

    Ich fürchte, ich komme im Augenblick nur zu spätabendlichen Schnipselantworten ...

    Zitat Zitat von albaa
    Nein, ich meinte noch Neueres, wie eben die "Römischen Elegien" von Jan Wagner.
    Wenig - nach 1945 sind halt alle festen Formen schnell unter die Räder gekommen; und was brauchbares ist dann noch nicht einmal dabei (Wagner begeistert mich da längst nicht so stark wie dich). Versuch mal Schindelbecks Im Fortgeschrittenen-Tanzkurs! Nichts weltberühmtes, aber online und daher aufwandswarm verlinkbar ...

    Gruß,

    Ferdi

  13. #13
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    Zitat Zitat von Ferdi Beitrag anzeigen
    Hallo!

    Ich fürchte, ich komme im Augenblick nur zu spätabendlichen Schnipselantworten ...



    Wenig - nach 1945 sind halt alle festen Formen schnell unter die Räder gekommen; und was brauchbares ist dann noch nicht einmal dabei (Wagner begeistert mich da längst nicht so stark wie dich). Versuch mal Schindelbecks Im Fortgeschrittenen-Tanzkurs! Nichts weltberühmtes, aber online und daher aufwandswarm verlinkbar ...

    Gruß,

    Ferdi
    Danke Ferdi, Schindelbecks Tanzkurs ist ja sehr originell. Das hat nicht mehr viel Griechisches, wie siehst du das? Das stützt eigentlich meine Sicht auf diese Formen, dass sie eigentlich nur noch als rhythmisierte Prosa einsetzbar sind, wenn man nicht will, dass sie antiquiert oder sonst antiquiert oder vom Satzbau her, völlig exotisch klingen. Bei Schindelbeck erfüllt die Form ja an sich ihre eigentliche Bestimmung als Erzählvers, also als zeitgemäßer.

    Huchs allegorischer oder auch märchenhafter Inhalt fügt sich natürlich besser in die Form.

    Ich bin von Jan Wagners "Römischen Elegien" nicht wie du sagst "stark begeistert"; ich nehme nur so oft Bezug darauf, weil es eben aktuelle Verse sind. Ich finde aber schon, dass es eine sehr anschauliche und persönliche Führung durch Rom ist, die dem Anspruch auf "Wirklichkeit" der griechischen Verse schon gerecht wird (?) - was die oben von dir zitierten Verse von Ernst Schulze nicht wirklich können.(?)

    Lieben Gruß
    albaa

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