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    Verbrannte Erde XX - Menschen in der besten aller Republiken

    Genau so werde ich es machen: ich locke den vermeintlichen Räuber ins fremde Territorium, wo er mit Schimpf und Schande, Anklagen und Vorhaltungen von den Verkäufern und Verkäuferinnen empfangen wird. Damit erhoffe ich, ihn mürbe zu machen. Forthin habe ich stets eine leere Flasche bereit, mit der ich schließlich durch das für ihn fremde Terrain schreiten werde, sobald er hinter mir her ist, um einen Pfandbonus einzulösen. (Was natürlich Blödsinn ist! Was ich aber erst später, nach etlichen Malen, wo ich mich selbst zum Deppen gemacht habe, bewusst wird. Ich nicke dabei einsichtig: sei Dir bewusst, jeder Kampf, sei er noch so siegreich, kostet, fordert seinen Tribut, ist nachhaltig!


    Tasche verloren und Rotkäppchen grinst darüber


    Letzthin habe ich meine Tasche, meinen Rucksack verloren. Ich habe ihn mitten am Bahnhof auf den Boden an einem Geländer abgestellt, während ich schnell um die Ecke gegangen bin, um an einen Ticket-Schalter nachzusehen, ob eine Mitfahrgelegenheit sich biete. Als ich nach wirklich wenigen Sekunden zurückgekommen bin und nach dem Rucksack gespäht habe, war er verschwunden. Ich habe ein paar herumstehende Äthiopier gefragt, wo er sei, ob sie einen überhaupt gesehen hätten, aber die verstanden entweder kein Deutsch oder haben nichts gesehen, jedenfalls nichts geantwortet und mich nur konsterniert angeblickt. Schnell bin ich zu verschieden Ausgängen des Bahnhofs gegangen, davor herumgeschaut, ob ich den vermeintlichen Dieb sehe mit dem Rucksack in der Hand oder während er gerade darin herumsucht und –kramt, aber ich habe niemanden entdeckt. Als ich mit der Rolltreppe einen Stockwerk hinunter gefahren bin, um zum Fundbüro des Bahnhofs zu schauen, hat es vom Elevator aus, zwanzig Meter, ausgesehen, als hätte dieses am Samstag geschlossen. Ich bin zur zentralen Information gerannt, diese haben behauptet, das Fundbüro habe offen, wahrscheinlich sei der diensthabende Angestellte gerade ausgetreten, sie haben dort angerufen, es hat sich aber niemand gemeldet. „Sie kommen bestimmt wieder in wenigen Minuten zurück.“ Ich bin dann noch einmal hinuntergegangen und habe die Tür offen vorgefunden, meine Tasche auch gekriegt. Welche Panik habe ich doch ausgestanden, da ich, wie sonst unüblich, darin meine Schlüssel deponiert hatte. Ansonsten trage ich diese immer in meiner Hosentasche, nur just an diesem Tag in dem Rücksack, welch ein fataler Irrtum, Fehlverhalten, Umstand das gewesen ist.
    Ein paar Minuten später steht plötzlich das Rotkäppchen hinter mir und grinst breit und frech, bildete ich mir ein. Hatte er meine Kopflosigkeit am Terminal der Überwachungskameras beobachtet und sich einen Ast gelacht über mein Schusseligkeit, Deppertsein und Verwirrung?
    Verärgert über mich, diesem Kerl dieses entwaffnende Schauspiel geboten zu haben, renne ich an ihm vorbei, um eine zu rauchen. Normalerweise unterbreche ich mein Tun, Geschäftstreiben und Hin- und Her niemals, zumindest nicht, um extra eine Zigarette zu rauchen. Dass ich dies getan hab daraufhin, dass Rotkäppchen mich über mein desolates Verhalten beobachtet haben könnte, empfinde ich als schwere persönliche Niederlage.
    Aber bilde ich mir dies bloß ein?
    Wenn auch, nur die Einbildung, die Macht der Einbildung, die zersetzende Auswirkung der Vorstellung, dass es hätte sein können, macht mich sehr, sehr wütend, unzufrieden, schwer, geistlos, was weiß ich, aber erinnere Dich daran: jeder Sieg implementiert stets eine Niederlage!


    08. Juni 2019



    18Uhr10 Nürnberg – Bayreuth


    „Ich stelle gerade das Fahrrad ab. Dann schreibe ich einen Strafanzeige!“, sagt ein Fahrgast. Die Stimme klingt rau und fest. Als wir uns setzen: „Wie oft fahren Sie die Strecke?“ Ich deutete auf meinen essenden Mund. „Ich komme gleich!“, sagt er, steht auf, geht Richtung Fahrrad, kommt gleich wieder, setzt sich hin, er ist wohl sehr um sein Vehikel besorgt, zieht ein Buch aus der Tasche und ließt das englischsprachige Fachbuch: „Body Basic Bewareness-Therapie.“ Immer wieder dazwischen murmelt er etwas, als spräche er zu sich.

    Ich verschanze mich. Lesend. Vor meinem Blickfeld habe ich ein Buch aufgebaut, damit ich nicht mit diesem Spinner reden muss. Ich lese Rosa Luxemburgs „Briefe aus dem Gefängnis.“

    Ein ältere Dame, wirklich trifft dieser Ausdruck zu, Christa, aus Hersbruck, sie bewegt sich tänzelnd, beschwingt und offen mit einem riesigen Rollkoffer durch die Bahnhofshalle von einem Terminal zum anderen; sie spricht sehr gut Englisch, wobei sich eine sehr deutliche Aussprache, auch ihrer Muttersprache hat und tritt stets als sehr freundliche, nette, verbindliche Person auf, ohne anbiedernd zu wirken, wie viele andere, die von hier sind und herumstreichen und die Leute ohne Umschweife mit „Du“ anreden. Sie muss eine gute Erziehung, Bildung und Lebenslauf gehabt haben ihrem Erscheinungsbild nach zu schließen, aber wie es das Schicksal so will, ist sie mittlerweile behindert und bewegungsradiusmäßig stark eingeschränkt.
    Dabei ist es schon ein Wunder, dass sie trotz Schmerzen aus dem Bett kommt, wie sie sagt: „Wenn Du wüsstest, wie ich leide!“ Trotzdem macht sie sich öfter auf den Weg in die große Stadt, um mit ihren Behinderten-Ausweis, der es ihr ermöglicht, kostenlos eine Beigeleitung mitzunehmen, durchs Land zu fahren und ein paar müde Knöpfe zu ergattern.
    Ich treffe sie sehr aufgeregt an. Sie wirft mit Fäkalienwörtern um sich, da ihr Rotkäppchen mit der Bundespolizei gedroht hat. „Der Depp hat mit der Polizei gedroht!“ Es klingt für einen Außenstehenden sehr fränkisch, lustig und erheiternd, was es wohl für Christa weniger und alles andere ist.


    Der junge Äthiopier Daniel oder ein Gespenst geht um


    Im öffentlichen Nahverkehr werde exorbitante Preise erhoben. Ein mehr oder minder längerfristiges Ticket für eine Person ist kaum erhältlich, für zwei sind es die Regeln. Kinder von 14 bis 18 zählen als Erwachsene, wofür sie auch dafür den Preis entrichten müssen. Müssen die Leute ohnehin meist für zwei Personen Karten erstehen, solche, die mindestens fürs ganze Wochenende gelten, greifen sie zur Selbsthilfe oder versuchen ihr Recht in Anspruch zu nehmen, wenn eine Person solch eine Karte gekauft hat und eine zweite zum Mitfahren zu gewinnen. Angesichts der horrenden Preise ist es nicht verwunderlich, dass sie in den überwiegenden Fällen von Angesprochenen auf Zustimmung stoßen und erfolgreich sind und sie teilen sich eben die Kosten.
    Hat also eine Person eine solche Karte erwirkt und versucht jemanden zum Mitfahren und zur Kostenteilung zu finden, sind aber sofort Angestellte dieses Unternehmens zur Stelle, um ihn daran zu hintern. Sie gehen dabei sehr unhöflich zu Werke, meist im lauten Tonfall und beschimpfen diese mit Steuerbetrügern und anderes mehr.
    Wie gesagt, einer als das „Rotkäppchen“ bezeichnet wird, tut sich dabei besonders hervor! Dabei ist er nicht der einzige mit diesem Outfit, Uniform und Erscheinungsbild. Dieses sieht sehr korrekt, wenig uniformiert und kundenfreundlich aus, am Revers hängt ja auch der Name des Betreffenden. Aber wehe Du wirst von Ihnen dabei gesehen und beobachtet, dass Du Dein Ticket, dass mindestens für zwei Erwachsene gilt, einem zweiten zur Mitfahrt anbietest! Wie es eigentlich legitim ist!

    Es hatte gestern wieder einen getroffen, einen jungen Äthiopier, der von Rotkäppchen quer durch die ganze Bahnhofs-Halle gejagt wurde und heute morgen sitzt er vor dem Terminal eines Provinz-Bahnhofes auf der Bank. Hier kreuzt sich öfter mein Weg, da meine Freundin vor Ort wohnt und des Morgens treffe ich also Daniel, den vorgestern Hunderfünzigprozentige vor sich hergejagt hat quer durch die fünzig Meter lange Bahnhofshalle bis zum Ausgang, durch den Daniel schließlich, als Rettungsschirm genutzt, entwischen konnte.
    Er, den ich ein paar Stunden später wieder getroffen habe, hat mir geantwortet, als ich ihm nach seinem Befinden gefragt habe, wie geht es Dir: „Gut!“ Es klang wie: was sonst! Er hat noch mehr gelacht als sonst, der sich durch sein stetes helles, Menschen zugewandtes Lächeln auf seinem Gesicht von dunkel dreinblickenden Zeitgenossen wohltuend heraushebt und unterscheidet.
    Aber ob er sich wirklich wohl fühlte, wage ich zu bezweifeln. Warum habe ich das Gefühl, als ich mit ihm rede, er will jederzeit wegrennen und schaut sich unsicher um?
    Zu dem Mitleid paart sich aber mittlerweile etwas Skepsis, oder Nachdenklichkeit, oder Erforschenmüssen!
    Denn ich erinnere mich, dass ich ihm auch gestern schon begegnet bin, einige Tage nach dem Gejagtwerden vom Rotkäppchen, als er mit einer Landsmännin, einer Äthiopierin mit Kinderwagen in Nürnberg unterwegs gewesen war.
    Ich habe den Fehler gemacht, dass ich ihr lehrerhaft das Deutsch verbessern wollte, als sie mit Kind in den Lift vom Paterre zum Bahnsteig hinter mir einsteigen wollte: „Wir einsteigen auch.“ Ich korrigierte: „Wir möchten auch einsteigen.“ „Wir dich fragen müssen, ob wir einsteigen dürfen? Du bist wohl großer Herr? Wir müssen Dich zuerst fragen?“ „Ich wollte nur Dein Deutsch verbessern.“ „Du erlauben uns einsteigen zu dürfen?“ „Wer nicht Deutsch kann in diesem Land und lernen will, der ist dumm.“
    Nebenan stand der Äthiopier. Ich suchte um Sprachhilfe nach: „Übersetz ihr mal, was ich ausdrücken will.“, merkte aber sofort, dass dieser noch weniger die Verkehrssprache beherrschte, der keinen Sprachkurs besucht hat und in einer kleinen Stadt in der Nähe einer Niederlassung der amerikanischen Armee weit außerhalb der Metropole wohnt, wo sie wohl den Teufel tun, um ihn zu integrieren, bekommen die amerikanischen Soldaten selbst kaum und unzureichend Sprachhilfe.
    Er übernachtet meist bei Freunden in der Großstadt. Unter diesen Umständen wird er sich kaum richtig waschen, ankleiden und herrichten können, er riecht ziemlich streng und ungewaschen.
    Er sitzt neben mir auf der Bank und verzehrt sein Frühstück, gegrillte Hähnchenflügel wahrscheinlich.
    Seine Zähne befinden sich in einem himmelschreienden Zustand, Missstand, Unordnung, gehörten wenigstens einigermaßen justiert, da sie in nicht geordneter Reiche gewachsen sind. Diejenigen des Mittelbereichs stehen fünf Millimeter auseinander, das Zahnfleisch mit schwarzen Schatten erscheint und reicht unten und oben weit in den Mund hinein, wenn er lacht und er lacht oft. Die Beißzähne sind von den anderen Zähnen jeweils durch zwei Schneissen versetzt nach vorne herausgewachsen, als ob er in seiner Kindheit statt Wohlernährendes an Schilf-, Bambus—oder sonst etwas Derartiges aus seinem Land gekaut hätte.
    Aber zunächst einmal braucht er einen Sprachkurs. Wie geht das nur, dass er ohne einen solchen, der als Integrationskurs tituliert wird, hierzulande leben und über die Runden kommen kann? Dabei ist er nicht der einzige.
    Gleichzeitig kommt mir meine Lage in den Sinn, der ich ohne einen solchen dahinlebe, wiewohl ich gerade für solch eine Maßnahme extra eine Zusatzausbildung gemacht habe, neben meinen anderen ganz normalen zwei Universitätsausbildungen, wovon ich nicht einmal das erste, meistnachgefragteste ausüben darf, nämlich Sozialpädagogik, weil mich das örtliche Gesundheitsamt für „zu sensibel“ für die Betreuung von psychisch Kranken, wofür ich mich interessiert und beworben habe, eingestuft hat. „Wenn ich mit Ihnen beim Amtsgericht erscheine, was glauben Sie, was die denken (was ich mir einbilde, mit so einem aufzutauchen und ihn als Berufsbetreuer vorzuschlagen)?“ (Da habe ich mir schon gedacht: wo leben wir mittlerweile, dass ein Betreuer von seelisch kranken Menschen zu viel Einfühlungsvermögen mitbringt, statt dass er, na was wohl, Härte, Stringenz, Durchsetzungsvermögen, verbales Herumkommandieren, um es einmal euphemistisch auszudrücken, mit sich mitbringt oder wie oder was? Und die Freiheit der psychisch Kranken ist zudem so beschränkt, dass sie nicht einmal ihre eigenen Betreuer auswählen dürfen!)
    Nun, wir beide, Daniel und ich, sind, wie man so sagt, aus dem System gefallen!
    Wie werden gejagt wie gehetzte Hunde, zu denen wir gemacht werden, weil wir schauen müssen, das nötigste an Mittel zusammenzubekommen, um nicht wie die letzten Penner daherzukommen. Gejagt werden wir von anderen, die uns verfolgen durch den ganzen Bahnhofsbereich und uns beschimpfen, anklagen und herunterputzen vor Hunderten von Menschen, die dieses Schauspiel ungerührt mitverfolgen oder nicht sehen wollen.
    Warum schreitet keiner ein, erhebt das Wort, schlägt sich auf die Seite der Getriebenen? Und das in der sich selbst schmückenden, lobenden, auf die Schultern klopfenden „Stadt der Menschenrechte!“?
    Aber einige sehen es doch, sehen und spüren, dass hierzulande mittlerweile ein Geist auferstanden ist, den jeder auf dieser Welt sehr wohl kennt, der in einem schneidenden, schärfsten, hysterischen Tonfall frank und frei in dichten Menschenansammlungen andere Menschen zu Menschen zweiter Klasse degradiert.
    Just Engländer, die zum Dokumentationszentrum über die Nazizeit Deutschlands wollen, zur Aufmarscharena der Parteitage der NSDAP, zum „Dokumentationszentrum der Nazidiktatur“ oder so ähnlich heißt es beschwichtigend, verlogen und beschönigend und ratlos im Menü des Terminal herrumsuchen müssen, weil ihre Sprache, die Weltsprache Englisch, wahrscheinlich von den Angestellten im Zentralinformationszentrum nicht gut genug gesprochen wird und weil der Bestimmungsort aus unerfindlichen Gründen nicht in dem Betriebsmenü der Bahn auftaucht. Während ich ihnen helfe, die richtigen Tickets zu lösen, verfolgen einige konsterniert dieses Treiben des Rotkäppchens, der, mit seiner schneidenden Stimme wie weiland der Erzfeind dieser Nation, einen Schwarzen vor sich her durch die Halle treibt.
    Was denken sie sich wohl?
    Was denken sie, wenn sie in der Trambahn Nummer Vier sitzen und am „Platz der Opfer des Faschismus“, ehemaliger Hitler-Platz, vorbeifahren und sich dieser Szene mit dem Uniformierten und schluddrigen, stets lächelnden und freundlichen Afrikaner erinnern werden?
    Es geschieht oft, dass gerade Britten diesen Ort heimsuchen wollen, wahrscheinlich weil sie nicht wenig von den Bomben der Deutschen über ihre Städten in Erinnerung haben und ich schließe gerne nach getanener Hilfe mit der Bemerkung ab: „And Greetings to Sir Winston Churchill!“, ein Witz, den sie sehr wohl verstehen.
    Aber diesesmal ist mir nicht zum Witzeln zumute?
    Warum werden heutzutage wieder Menschen zu Jägern anderer Menschen?
    Weil sie im Dienst von staatlichen Betrieben, die mittlerweile halbprivatisiert sind, für die Dividenden deren sogenannten Shareholder andere vor sich hertreiben, niederbrüllen und bezichtigen, sie betrögen den Staat, indem sie keine Steuern bezahlten. Das ist sachlich schon ein ungeheuerlicher Vorwurf, denn keiner von uns bekommt durch das Geld beim Herumfahren so viel zusammen, dass er nicht unter den über 9000 Euro legitimierten Steuerfreibetrag käme, keiner, und würde er sich noch so ins Zeug werfen, am Riemen halten und schier permanent auf Trebe sein, käme auf diesen Betrag, niemand.
    Daniel hat zuende gegessen. Er hat fettige Hände, die er, er dreht sich um, an der Gebäudemauer abstreifen und reinigen will. „Komm, dort vorne ist ein Klo!“, fordere ich ihn auf, sich die Hände zu waschen. „Ich pass indes auf Deine Plastiktasche auf!“, die er stets mit sich herumführt und worin seine Habseligkeiten sind. Sein Lächeln wird noch breiter, er erhebt sich und geht die paar Meter zum Eingang des Klos. Schön, dass wenigstens in diesem Bahnhof ein Bereich ist, wo man unentgeltlich austreten kann, etwas waschen und sich erfrischen kann. Durchaus eine Seltenheit!


    10.Juni.2019


    Ich lese, Carcia Loras hat Franko nach dem Niederschlag der anarcho-syntikalistischen Bewegung getötet. Zitat von Benjamin Prado „Nicht nur das Feuer“, Luchterhand Verlag, Seite 165: „Und dann...bist du nach Spanien zurückgekehrt...“ J. Es war so, als hätte ich den Tag mit der Nacht vertauscht... Müsste ich all das, was ich vorfand, in einem Wort zusammenfassen, dann wäre dieses Wort „Dunkelheit“. ... wie in einem Brunnen hinabzusteigen. Überall herrschte Dunkelheit, in den Geschäften, in den Häusern, in den Augen der Menschen... in der Art zu sprechen oder zu schweigen. Sie waren nicht mehr sie selbst.“ „Was willst du damit sagen, nicht mehr sie selbst?“ ... „Es war unglaublich, alles hatte sich verändert, selbst normale Wörter hatten plötzlich eine schreckliche Bedeutung, eine Bedeutung, die sie vorher nicht hatten: Spaziergang, Straßengraben, Kaffee.“
    „Kaffe?“
    „Das sagten die Militärs, wenn sie meinten, dass man einen Gefangen hinrichten sollte. Als man den General Queipo de Llano aus Granada anrief, um ihn zu fragen, was man mit dem Dichter Ferico Garcia Lorca machen solle, antwortete er: „Kaffee, geht ihm jede Menge Kaffee.“Na ja, glaube nicht, dass ich dir ein Geheimnis verrate, heutzutage kennt jeder diese Geschichte.“
    „Aber warum hatten die Leute Angst? Der Krieg war doch vorbei.“
    „Das Regime Francos führte große Säuberungsaktionen durch, die sowohl unschuldige Zivilisten als auch unbewaffnete Soldaten trafen, vermutlich, weil das ihre Vorstellung von Frieden war und es Krimellen immer leichter fällt, die Waffe zu zücken, als sie jeder ins Halfter zu stecken. Es muss schrecklich gewesen sein, ohne daß ein Ende in Sicht gewesen wäre. Sie erschossen sie im Morgengrauen, sie steckten sie ins Gefängnis und ließen sie krepieren. Arme Schweine. Habt ihr in der Schule nicht Miguel Hernández gelesen? Nein? Miguel Hernández ist ein großer Dichter wie Garcia Lorca und gehört zu denen, die man im Gefängnis verrecken ließ...“
    Sie erschießen heutzutage niemanden mehr, lassen niemanden im Gefängnis krepieren. Aber sie machen Jagd auf Menschen, die etwas vom großen Geld, das sie verdienen wollen, abbekommen wollen, damit sie sich im Winter Schuhe kaufen können, die wärmen Kleider, die sie schützen.
    Der Krieg ist wohl vorbei, aber Hitler wütet noch, in der Stadt, in der er am wütigsten war, in Nbg, das sich heute mit dem Attribut „Stadt der Menschenrechte“ schmückt. Und Hitler heißt nicht mehr Hitler, er heißt euphemistisch „Rotkäppchen“ und damit bekommt die Kinder-Metapher vom süßen, lieben, treuen Rotkäppchen eine radikale Sinnveränderung, eine Assoziation, einen Geschmack, der nach Schwefel, Verfolgung und Hass schmeckt.
    Pervers!

    Und ich, feige wie ich geworden bin, male mir aus, ich gehörte zu einen jener, die es vor den Schergen Francos nach Lateinamerika geschafft haben, entkommen waren, nur nicht umgekommen waren, Hauptsache überlebt zu haben...

    copyright werner pentz
    Geändert von pentzw (03.07.2019 um 20:35 Uhr)

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