1. #1
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    Irgendjemand bringt sich immer um

    Irgendjemand bringt sich immer um

    Kalle hockt vor Eva
    und versucht ihr Strohrum
    einzufüllen.
    Peter spielt Gitarre.
    Alte Wanderlieder
    aus dem Sommercamp
    von früher.
    Als er noch jung war.
    So jedenfalls beschreibt er es.
    Jetzt ist er Pfarrer.
    Ohne Gemeinde,
    ohne Leute,
    denen er eine Predigt
    halten kann.
    Eva ist Hure.
    Ohne Freier.
    Zu alt mit vierundfünfzig.

    Auf der Fensterbank sitzt
    irgendjemand und droht
    sich rauszustürzen.
    Siebzehnter Stock.
    Ist mir egal, soll er machen.
    Flennt die ganze Zeit rum.
    Scheiß Leben und so.
    Springt aber seit
    gefühlten drei Stunden nicht runter.
    So ein Affe.

    Bert sitzt auf dem Sofa.
    Ist seit ein paar Wochen da.
    Seemann.
    Ohne Schiff,
    dass ihn anheuert.
    Er lässt alles was so rumsteht
    in sich reinlaufen.
    Eva lässt sich nicht abfüllen
    und Kalle kriegt langsam
    das kühle Kotzen.
    Hatte sich das etwas
    cooler vorgestellt,
    sie klarzumachen.
    Bert spielt
    zur Abwechslung was von
    den Stones.
    Gruselig,
    aber es lässt sich nicht vermeiden.

    Ich mache den Fernseher an
    und glotze in das nichtssagende Loch
    vor mir.
    Eva tritt Kalle in die Eier.
    Kalle rastet aus
    und Bert versucht sich
    zitternd eine Zigarette zu drehen.
    Dann springt der Depp endlich
    aus dem Fenster
    und gibt den Blick wieder frei
    in die trostlose Heimat.

  2. #2
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    781
    Hi Lyders, du schreibst das so schludrig, einfach, selbstverstaendlich, dass es wunderbar glaubwuerdig rueberkommt, was ich ganz toll, eindruecklich finde. LG

  3. #3
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    Hey, kann ich mich nur anschliessen. Eine mir völlig fremde Welt und trotzdem war ich beim Lesen mittendrin mitsamt der ganzen Gleichgültigkeitsstimmung. LG gugol

  4. #4
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    Hi Lyders!

    Ja, das ist super cool. Erinnert mich an Bukowskis "Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang".

    LG
    k

  5. #5
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    Liebe/r Lyders,

    Lakonisch, elegant und prägnant mit dem treffsicheren Gefühl für die Situation,
    so führst du uns deine Protagonisten vor.
    Der unaufgeregte Stil zeigt Format, er gefällt mir gut, A.

  6. #6
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    Übliches Rumsgewumse aus den Hinterstübchen der alltagsneurose die uns glauben machen will sowas käme mal eben ständiger vor als überhaupt gar nicht. aber dafür noch zu schön formuliert. Eben Selbstbehinderung am schwierigen Thema.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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