Thema: Abschied?

  1. #1
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    Abschied?

    Ich sehe die Sterne
    Und Mondenscheins Lächeln
    Als Anfang vom Ende
    Du weißt, was ich meine

    Ich sehe die Tiefe
    All unsrer Gedanken
    Und fühle die Stille
    Der alten Erinn'rung

    Ich sehe die Tränen
    Die du je geweint hast
    Und stürze erneut
    In deine leeren Augen

    Geändert von Thrillermietze (03.07.2019 um 22:20 Uhr)
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  2. #2
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    Hallo Thrillermieze,

    das ist an sich kein schlechtes Beziehungskrisen-Gedicht mit einer guten Pointe am Schluss als Rausschmeißer. Trotzdem weist es auch einige Schwächen auf, die meiner Meinung nach vor allem im Bildlichen liegen.

    Die erste Strophe ist an sich der raffinierte Versuch, den Leseer auf eine verborgene Bedeutung aufmerksam zu machen und ihn gleichsam anzufixen. "Du weißt was ich meine" Aber die Sterne und des Mondenscheins Lächelns sind zu vage Bilder, um ihn auf die Spur dieser verborgenen Bedeutung zu bringen. Sterne und Mondenschein lasen den Leser nicht erahnen, um was es geht. Das Neugierigmachen auf das, was im Gedicht noch kommt, funktioniert deshalb nicht so recht.

    Noch schwerer tue ich mich mit Strophe 2. Bilder wirken in Gedichten immer dann bersonders gut, wenn sie seelische oder intelektuelle Vorgänge auf kreative Weise sichtbar machen. Beispiel Celan: schwarze Milch der Frühe. Er übersetzt Angst und Todesverfallenheit in ein extrem starkes und spektakuläres visuelles Signal: schwarze Milch.
    Die Tiefe der Gedanken ist dagegen ein sehr konventionelles Bild, das "ich sehe" fügt diesem Bild nicht wirklich etwas hinzu. Das ist ja bei Bildern der Witz, das sie gesehen werden. Anders wäre es, wenn Du geschrieben hättest, ich errschrecke, mir schwindelt vor der Tiefe usw. Dann hättest Du das Bild erweitert.

    Auch gegen die alte Erinnerung und deren Stille habe ich schwere Einwände. Erinnungen stehen qua Erinnerung immer im Imperfekt und sind damit mehr oder weniger alt.. Dass Du die Erinnerungen im Gedicht alt nennst, fügt dem deshalb nicht wirklich viel hinzu. Wenn die Erinnerungen still sind, heißt das, dass sei keinen Mucks mehr von sich geben. Sie tretern nicht mehr in Erscheinung, werden irrelevant. Vielleicht wolltest Du mit diesen Zeilen ausdrücken, dass das Krisenpaar sich nicht mehr auf eine gemeinsam erinnerte Vergangernheit stützen kann. Aber wird Stille als Fehlen von Geräuschen nicht über die Ohren wahrgenommen? Kann man Stille wirklich fühlen? Ähnlich wie das "ich sehe" ist das "ich fühle" nur der Ausdruck dafürl, dass auf der metaphorischen Ebene ein Sinneseindruck realisiert wird. Das LI teilt uns nicht mit, wie es seelisch auf das Gesehene und Erfühlte reagiert. Das halte ich für eine Schwäche dieser Strophe-

    Bei der Strophe drei bin ich aber fast ganz bei Dir. Da stört mich nur das Wörtchen "erneut", das ich als Sprache der Nachrrichtenagenturen und der Polizeiberichte empfinde ("erneut schwerer Unfall auf der A3" usw...) Hier hat Du eine tolle Metapher gefunden, mit der Du Innenleben auf kreative Weise sinnlich erfahrbar machst. Ich meine die "leeren Augen"- Das LI entdeckt und erschrickt zugleich darüber, dass es vom LD schon nicht mehr "gesehen" in seiner Einmaligkeit erkannt wird, dass sich der tragende Grund der Partnerschaft beim LD bereit verflüchtigt hat. Was ich hier so umständlich niederschreibe wid von de Metapher der leeren Augen großartig zusammengefasst. Das LI hingegen hängt noch in der Beziehung fest und kennt daher alle Tränen, die das LD je geweint hat. Es kann vom LD nicht lassen und möchte vom LD wieder in den Fokus genommen werden (stürzt sich in die leeren Augen).

    Seufz! Gedichte schreiben ist wirklich keine einfache Sache!

    Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (05.07.2019 um 08:03 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
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    Hallo Onegin,

    hab vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar

    Erst einmal muss ich dir recht geben, auf metaphorischer Ebene passt da wirklich einiges nicht zusammen.
    Allerdings ist das auf gewisse Weise auch gewollt. Ich hatte gar nicht die große Intention, besonders in der ersten Strophe große Metaphorik wirken zu lassen. Hier werden tatsächlich nur Sinneswahrnehmungen beschrieben, sprich, das LI sieht buchstäblich Sterne und Mondenschein. Zur Stille der alten Erinnerung, die das LI fühlt, verstehe ich völlig, was du daran kritisch siehst. Ich meinte wohl eher: Das LI erinnert sich eben noch an alte vergangene Zeiten, eben aus dem gleichen Grund, aus dem es am Ende erneut () in des LD leere Augen stürzt. Aber das LD hat diese alte Zeit vergessen oder verdrängt und lässt es das LI spüren. Vielleicht sprechen sie sogar darüber, das soll jeder für sich selbst entscheiden. Allerdings hast du recht, das "fühlen" wirkt hier unpassend; meine Erklärung hat es dir hoffentlich zumindest ein bisschen erklärt.

    Statt "erneut" könnte ich auch "schon wieder" schreiben

    Vorschläge immer raus, wenn du etwas anders siehst/wahrnimmst, als ich es gemeint habe

    Viele Grüße und ein kräftiges Miau,
    Thrillermietze
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  4. #4
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    Hallo Thrillermieze,


    ich habe habe mich auch gefragt, wie man das "erneut" ersetzen kann. Würde das "erneut" durch ein einfaches "wieder" ersetzt, würde dies den daktylischen Rhythmus verletzen, den Du in den vorangegangenen Versen etabliert hast. (Im Schlussves verletzt Du ihn auch, aber das ist im Zusammenhang mit "den leeren Augen" eine Stärke, weil das Erschrecken des LI durch den Rhythmuswechsel dokumentiert wird. )


    Das "schon wieder" klingt runder, rumpelt nicht, dafür ist das "schon" auf der Bedeutungsebene nicht sehr kräftig, es würde sehr wenig zum Sinn dieses Gedichts beitragen.

    Nun zeigt sich das LI ja sehr bedeckt, was sein eigenes Empfinden angeht. Vielleicht bietet der vorletzte Vers die Gelegenheit, einen direkten Blick auf das Innenleben des LI zu werfen. Also: "und stürze verzwefeilt? verblendet?! erblindend? ersterbend??!! vergehend?!! verzaubert??! . Mein persönlicher Favorit wäre allerdings "verwegen": "und stürze verwegen". Dann bekäme das LI einen aktiveren Status. Es will um die Beziehung kämpfen und ist dabei guten Mutes. Villeicht ergibt sich ja auch noch eine ganz andere Lösung

    Liebe Grüße Onegin
    Geändert von Onegin (09.07.2019 um 09:42 Uhr)
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  5. #5
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    Hallo Onegin,

    anhand deines Kommentars würde ich die Strophe wie folgt überarbeiten. Das einfache "schon wieder" habe ich jetzt doch übernommen, da es mir doch wichtig ist, dass sich eine Wiederholung andeutet, dass das LI also mind. zum zweiten Mal in die leeren Augen des LD stürzt. "Und stürze wieder" klingt für mich persönlich einfach nicht so gut, daher doch die Einbindung von "schon".

    Ich sehe die Tränen
    Die du je geweint hast
    - Verzweifeltes Halten
    Vergangener Zeit -
    Und stürze schon wieder
    In deine leeren Augen
    So ganz bin ich damit noch nicht zufrieden, auch wenn ich den neuen Bruch in dieser Strophe sehr mag. Vielleicht hast du ja noch eine Idee.

    Viele Grüße und ein kräftiges Miau,
    Thrillermietze
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  6. #6
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    Hallo Thrillemieze,

    ich finde das eine sehr schöne neue Variante. Die Strophe hat jetzt sehr an Expressivität gewonnen. Den "Bruch" in Vers 4 höre ich nicht als solchen. Der Daktylus im Versinnern "Vergangener" xXxx bleibt erhalten. Die Strophe 4 ist zwar um eine Zeile verkürzt und endet jetzt mit einer betonten Silbe. Die "fehlende" Silbe "höre" ich aber als Pause für einen imaginären Doppelpunkt, hinter dem die überraschende Schlusswendung einsetzt. Ein wenig stören würde mich allenfalls die Substantivierung "Halten" in "verzweifeltes Halten". Substantivierungen klingen immer ein bisserl bürokratisch-unpersönlich und gestelzt (Das Sehnen statt ich sehne mich usw). Allerdings sind das Maßstäbe, die direkt vom Rainer-Maria-Gedächtnis- Lyriklehrpfad stammmen , also sehr strenge Maßstäbe. Aber vielleicht stört Dich auch etwas ganz anderes? Was wäre das denn?

    Liebe Grüße Onegin
    Geändert von Onegin (09.07.2019 um 11:38 Uhr)
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  7. #7
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    Hallo Thrillermietze, auch mich berührten die Bilder deiner ersten Version nur vage. Wenn du schreibst, du würdest buchstäblich einen Sternenhimmel sehen, finde ich das erstmal anregend! Aber einige Buchstaben weiter stürzt du bereits unvermittelt in die leeren Augen des LDs. Und dann denke ich an mein geliebtes Haiku, welches fordert, dass sich sein Nachhall aus einem konkreten Moment der Außenwelt, und nicht etwa aus einer abstrakten Spekulation, ergibt.

    Deine zweite Version ist schlüssiger. Wenn sie aber als dritte Strophe gemeint war, gefiele ich besser.

    Ich sehe die Sterne
    Und Mondenscheins Lächeln
    Als Anfang vom Ende
    Du weißt, was ich meine

    Ich sah in deinen Augen
    einst viele Tränen glitzern
    Nun stürze ich
    in leere Höhlen
    Geändert von Artname (09.07.2019 um 12:08 Uhr)
    Genau so, oder eben ganz anders!

  8. #8
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    Hallo Onegin,

    wahrscheinlich hat mich eher die Formalität der Bindestriche, die ich eingefügt habe, ein wenig irritiert, aber heute einen Tag später finde ich es eigentlich ganz passend. Dass du das "Halten" etwas bürokratisch-unpersönlich findest, kann ich nachvollziehen, es war aber auch Absicht, da es noch einmal eine gewisse Distanz aufbaut, bevor das LI dann doch in die Augen des LD stürzt.

    Hallo Artname,

    die leeren Höhlen gefallen mir persönlich ganz und gar nicht. Das assoziiere ich mit fehlenden Augen des LD, als wäre es schon tot oder nur eine geisterhafte Erscheinung. Da meine Intention hier aber schon ein lebendiges LD beinhaltet, kann ich mich mit deiner Version nicht so recht anfreunden.

    Viele Grüße und ein kräftiges Miau,
    Thrillermietze
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  9. #9
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    Zitat Zitat von thrillermietze
    Hallo Artname,die leeren Höhlen gefallen mir persönlich ganz und gar nicht. Das assoziiere ich mit fehlenden Augen des LD, als wäre es schon tot oder nur eine geisterhafte Erscheinung. Da meine Intention hier aber schon ein lebendiges LD beinhaltet, kann ich mich mit deiner Version nicht so recht anfreunden.
    Verstehe ich vollkommen.

    Ich allerdings neige zur Übertreibung. Tote Augen müssen bei mir nicht immer tot sein. Auch die Stille verträgt eine Anhebung. Vor allem für unruhige Geister wie meine.
    Genau so, oder eben ganz anders!

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