Thema: Der Botenweg

  1. #1
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    Der Botenweg

    Der Botenweg

    Der Wirt sprach: "Nimm die Botschaft mit,
    bring sie zum nächsten Dorf, ich bitt.
    Lass Freude dort erschallen.
    Die Witwe Telse weint allein,
    doch, trauernd muss sie gar nicht sein!
    Der Sohn ist nicht gefallen!"

    "Nun gut", sprach ich "ein Weg noch, geht.
    Ich spute mich, denn es ist spät.
    Wo klagt sie um ihr Kinde?"
    "Dort durch den Wald, zu rechter Hand,
    auf Hügels Mitte liegt ihr Land,
    das kleine mit der Linde."

    Die Dunkelheit brach schon heran,
    als ich noch lief durch feuchten Tann
    – die ersten Nebel stiegen
    und fuhren mir mit klammer Hand
    vom Fuße aufwärts durchs Gewand.
    Und alle Tiere schwiegen.

    Der Weg gab Antwort mir allein,
    sein Seufzen nahm mich völlig ein,
    bei jedem meiner Schritte.
    Ich bat ihn still um sich'ren Halt.
    Mein Hoffen nur: Die Häuser bald
    zu seh'n auf Hügels Mitte.

    Und kälter ward es, kälter nur!
    Und dunkler! Ich verlor die Spur
    beim Stand an Weges Scheide.
    Wie sagte mir der Wirt im Ort?
    Geh links? Geh rechts? 's war alles fort!
    Nur das: Den geraden meide.

    Ein Stoßgebet, ein In-mich-hör'n,
    Erinnerung herauf beschwör'n
    und meine Angst bezwingen …
    was mir nicht half und nicht gelang!
    Mir fror das Herz, mir war so bang.
    Da fiel mir ein, zu singen!

    Und ruhiger wurde es in mir.
    Ich sang mein Liedchen für und für
    auf meinem weiteren Pfade.
    Der rechte Weg war's: Mein Entschluss,
    ein ahnendes, gefühltes Muss,
    und – gottlob – nicht mein Schade.

    Denn als ich stolpernd seitwärts fiel,
    erblickte ich von fern mein Ziel
    – ein Licht durchdrang die Zweige!
    Ich rafft' mich auf und eilte hin,
    nur mit dem Licht in Aug und Sinn,
    bis an des Dorfes Steige.

    Wie leicht mein Schritt, wie leicht mein Herz,
    als ginge ich grad himmelwärts
    dem Paradies entgegen!
    Der dunkle Tann - vergessen schon.
    Ein Jubelschrei der Mühe Lohn,
    und Dankbarkeit ihr Segen.

  2. #2
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    Hallo Cori,
    dein Gedicht liest sich flüssig. Die Metrik stimmt mit der Handlung überein und unterstützt den schnellen Schritt des Boten.
    Wer je, die Orientierung in einem großen Wald verloren hat, kann sehr gut nachempfinden, welch Panik in einem hoch steigt.
    Wer sich nie verirrte, dem hast Du das Gefühl sehr nahe gebracht. Singen im dunklen Keller funktioniert auch im dunklen Wald ganz gut.
    Wieder sehr gut eingefangen.
    LG amanda

  3. #3
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    Liebe Amanda,
    hab vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! Es freut mich, dass Du die Gefühle des Boten nachempfinden konntest, die ich in meinem Gedicht auszudrücken versuchte.
    LG Cori

  4. #4
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    Hallo Cori,
    obwohl das Gedicht ziemlich lang ist, verstehst du es, die Spannung so aufzubauen, dass man es in einem Zug durchliest.
    LG Alfredo

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