Thema: Hackfresse

  1. #1
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    Jun 2019
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    47

    Hackfresse

    Hackfresse

    Dieses Dilemma
    der Trabantenstädte.
    Kein Licht
    in den Gassen
    vor der Haustüre.
    Katzen streunen
    um Mülltonnen herum
    und vergessen
    ihre Einordnung
    in der Evolution.

    Gabi liebt Paul.
    Paul ist tot.
    Elli tanzt Walzer
    mit Kalle.
    Es ist wie es ist.

    Hier und da verstecken sich
    ein paar Emporkömmlinge.
    Wir entdecken sie
    hinter metergroßen Monitoren.
    Sie schreien nach Liebe
    und ernähren sich
    von Superfood.
    Ihre Namen stehen nicht
    auf den Klingelschildern.
    Sie leben und sterben anonym.
    Gewollt, oder ungewollt.
    Es interessiert mich nicht.

    Erika hat Kopfläuse.
    Gunter hat Goldwasser.
    Die Interaktionen
    bleiben überschaubar.

    Im Nebenhaus wohnt der Tod.
    Reduziert das Miteinander
    der Rentner auf seine Weise.
    Wohnraumgewinnung
    auf natürliche Art.
    Kleines Wohnschlafzimmer mit
    Küchenecke zu vermieten.
    Keiner wird einziehen.
    Hier riecht es nach
    Versagen.

    Ein paar Gangs
    haben sich niedergelassen.
    So eine Art
    Gruppenabschaum.
    Gestern rief einer zu mir rüber:
    "Ey Hackfresse"
    Ich hab mich umgedreht,
    um zu sehen, wen sie meinen.
    Kein Mensch außer mir in Sicht.
    Und da wusste ich wieder,
    dass ich hier geboren bin.

  2. #2
    Registriert seit
    Jul 2019
    Ort
    Bayern
    Beiträge
    6
    Fantastisch, so prägnant, so nüchtern und doch lyrisch bis ins letzte. Ich bin wirklich beeindruckt, Hut ab, jedes Wort ein Treffer.

  3. #3
    Registriert seit
    Nov 2009
    Ort
    Neu Paris, Exberlin, Virtualondon
    Beiträge
    10.881
    Es beschreibt zwar nüchtern und ab und zu gewinnt es Bedeutungsraum da wo geschlussfolgert wird, dass sogar etwas auf natürliche Art passiert. Natürlich nicht freiwillig aber daran messen wir uns scheinbar mehr als etwas hinzunehmen das uns unvertraut gewesen wäre und hier nicht in den Text gepasst hätte.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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