1. #1
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    Die Ehebrecherin (Ballade)

    An Ufers Strand steht sie allein. Der Wind bläst wild und mächtig.
    Sie trägt in sich das nächste Kind und streichelt ihren Leib so lind,
    voll Wehmutlieb – bedächtig.

    Ihr Mann spie ihr ins Angesicht – die Scham ließ sie erröten.
    Er schrie ihr wilde Flüche nach, weil sie die heil’ge Ehe brach,
    und drohte, sie zu töten.

    Ihr Liebster wagte sich heran, wollt mit ihr fliehen, sie retten.
    Der Pöbel brüllte „Hurensohn“ und dann ergriffen sie ihn schon.
    Jetzt hängt er tot in Ketten.

    Die Leute riefen „Teufelsweib“. Sie musste es ertragen.
    Doch als man ihr den Liebsten nahm, der Todeswunsch sie überkam.
    Sie will sich nicht mehr plagen.

    Die Kälte kühlt das Brennen nicht, das schuldbewusst sie leidet.
    Es zuckt, was nicht mehr heimlich blieb – die Frucht aus Sündes Liebestrieb –
    als sie sich stumm entkleidet.

    Schon wagt sie zögernd einen Schritt, das Nass umspült die Füße,
    und weiter treibt es sie voran, bis sie schon nicht mehr stehen kann.
    Sie sinkt herab. „Ich büße!“

    Noch hält sie ihren Atem an. In ihr nur Kampf und Ringen.
    Und plötzlich reißt es ihr am Haar! Ist das ein Zeichen Gottes gar?
    Soll sie den Tod bezwingen?

    Wer zerrt nach oben sie voll Kraft? Wer hat solch starke Hände?
    Da trifft ihr Blick ein Angesicht, das laut und deutlich zu ihr spricht:
    „Dies sei noch nicht dein Ende!“

    Mit Angst erfüllt starrt sie es an! Ist das die Hexe Hufer?!
    Zwei alte Augen funkeln blau. Sie ist’s! Die böse Kräuterfrau!
    „Komm mit ans feste Ufer!“

    Die Alte schaut mit mildem Blick, die junge Frau guckt fragend.
    „Ich bin nicht mit dem Satan eins! Er ließ mir von den Kindern keins.
    Ich floh vor Gram verzagend.

    Im tiefen Wald erst fand ich Ruh und Trost nach langem Suchen.
    Ich heile mit manch Kräutertrank – da krieg ich Mehl und Salz zum Dank,
    doch hintendrein ein Fluchen!“

    „Wohin mit mir, du gute Frau? Mein Mann, der wird mich töten.“
    „Sei meine Hilfe, geh doch mit! Bald sind wir, wie ich seh, zu dritt.
    Befrei dich von den Nöten.“

    „Ich habe noch zwei Söhne klein …!“ „Auf die musst du verzichten.“
    Vor Kälte bebend zieht die Frau die Kleider an und weiß genau,
    ihr Schicksal wird’s nun richten.

    Von Ufers Strand geh’n sie zu zweien. Der Wind bläst wild und mächtig.
    Die junge Frau hat bald ein Kind, sie streichelt ihren Leib so lind,
    voll Hoffnung und bedächtig.
    Geändert von Cori (24.07.2019 um 10:47 Uhr)

  2. #2
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    Sehr ergreifend geschrieben, Cori, und in der Tat ein Stoff, der zum Nachdenken anregt. Opfer muss sie bringen, die Frau, aber sie kann froh sein, dass sich jemand um sie kümmert...ausgestoßen wie sie selbst...mit vereinten Kräften kann man vieles schaffen und der Schluss drückt ja auch Hoffnung aus.

  3. #3
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    Lb. Cori,

    auch mir gefällt die ausführliche Geschichte. Dabei denke ich es könnte noch ein wenig daran gefeilt werden.

    Versuch

    Am Ufer einsam steht die Frau. Der Wind bläst wild und mächtig.----oder Einsam am Ufer....
    Sie trägt in sich das nächste Kind und streichelt ihren Leib so lind
    wehmütig und bedächtig.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  4. #4
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    Lieber Hans,
    vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Es freut mich, dass Dir mein Gedicht gefällt.
    Danke auch für Deine Änderungsvorschläge - wenn ich sie auch nicht komplett übernehmen werde, so hast Du mit dem Austausch von "ruht" gegen "trägt" absolut recht! "Trägt" klingt viel besser!
    Auf meine Wortschöpfung "Wehmutlieb" bin ich, ehrlich gesagt, sogar stolz - sie fiel Lesern bisher nur positiv auf.
    So, und jetzt ändere ich die erste Strophe .

    Viele Grüße
    Cori

  5. #5
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    Liebe cori,

    es sollte auch nur ein Versuch und eine Anregung sein, das Gedicht noch einmal zu überarbeiten, was ich bei diesem aussagestarken Gedicht auch für sinnvoll halte. Wenn Du etwas von mir übernehmen kannst, freut es mich.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  6. #6
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    Hallo Widmark,
    ich hatte Dir gar nicht geantwortet?! Entschuldige bitte.
    Ich freue mich sehr, dass Dir meine Ballade gefällt. Dankeschön fürs Lesen und Kommentieren!
    Der Schluss drückt Hoffnung aus, genau. Die junge Frau ist nicht verloren, sondern hat noch eine Zukunft vor sich. Ich schreibe fast immer mit Happy End .

    LG Cori

  7. #7
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    Hallo cori.

    Mir gefällt dein Werk ebenso.
    Vor allem ist es deine Wortwahl, die mich festgehalten hat.
    Ich werde jetzt nichts herauspicken und sezieren...
    Hast du fein gemacht - und ich hab es gerne gelesen.

    Jonny

  8. #8
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    Hallo Jonny,
    das hast Du wirklich sehr, sehr nett geschrieben.
    Vielen Dank dafür.
    LG Cori

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