1. #1
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    Deutsche Sprache, schwere Sprache (Kurzgeschichte)

    Der Asylant Ahmed ist sehr ehrgeizig – er lernt fleißig Deutsch und ist der Beste in seinem Kurs. Seine Lehrerin schätzt ihn, den neunzehnjährigen, überaus intelligenten Somali sehr. Ahmeds Selbstbewusstsein tut das gut. Er würde hier gerne das Abitur machen und Deutsch studieren.
    Mitte September kommt es zu einem Gespräch, das Ahmed dann aber sehr verunsichert, so dass er sein Wunschstudium vielleicht doch besser lassen will …

    Ahmed zu seiner Lehrerin:
    „Frau Müller, wann werden wir den Test schreiben?“
    „Demnächst, Ahmed.“
    „Was heißt demnächst“? Heißt das sehr bald?“
    „Nein, das heißt eigentlich, dass ich mich nicht festlegen mag.“
    Ahmed, leicht vorwurfsvoll:
    „Aber ich möchte wissen, wann ich dafür lernen muss. Ich habe viel zu tun und …“
    „Also gut … ich meine, ehrlich gesagt, sowas wie irgendwann bald", kommt Frau Müller ihm entgegen.
    „Irgendwann bald bedeutet aber doch etwas anderes als demnächst, warum sagten Sie dann nicht irgendwann?“
    „Demnächst kann man auch wie irgendwann benutzen, es meint dann dasselbe – fast. Demnächst liegt zeitlich etwas näher. Irgendwann heißt, es gibt keinen Plan und bald bedeutet eben in nicht allzu ferner Zukunft.“ Frau Müller fürchtet, sich vielleicht etwas zu kompliziert ausgedrückt zu haben.
    „Das verstehe ich nicht. Das Wort setzt sich doch zusammen aus dem und nächst.“
    Frau Müller nickt.
    „Richtig.“
    „Und woher kommt das Wörtchen nächst?“ forscht Ahmed weiter, „ Von nach“?
    „Nein, von nah. Nahe, näher, am nächsten.“
    „Aber dann heißt demnächst doch: Dem am nächsten. Also sehr bald sogar! Demnächst, wenn wir mit dem Thema “Verreisen“ durch sind, dann.“
    „Nein, Ahmed, du meinst eher sowas wie nachdem.“ Leicht verunsichert reibt sich Frau Müller das Kinn.
    Der junge Mann staunt:
    "Nachdem? Dann wäre demnächst so ähnlich wie nachdem oder demnach?“
    „Himmel! Nein! Diese Worte meinen alle etwas ganz Unterschiedliches! Demnach bedeutet folglich oder demzufolge und hat nichts mit einer zeitlichen Abfolge zu tun …“
    „Und nachdem?“ Ahmed spürt, wie es in seinem Kopf zu Schwirren beginnt, „oder nachfolgend?“
    „Nachdem ist zeitlich gemeint. Und nachfolgend … ja, das ist dann auch ein zeitlicher Begriff und meint danach. Also zum Beispiel: Nachdem ich gegessen habe, werde ich einen Spaziergang machen und nach…“
    „Hä?! Ich dachte: Nach dem Essen werde ich einen …“
    „Ja! Ja, das geht auch, aber das meine ich jetzt nicht!“
    Ahmed schüttelt entgeistert den Kopf.
    „Gestern sagte unser Politiklehrer Herr Kunz: Nach dem Aussehen zu urteilen, ist falsch.“
    „Da hat er doch recht, der Herr Kunz.“
    Da Ahmed sie nur mit großen Augen verständnislos ansieht, begreift sie doch noch, wenn auch etwas spät:
    „Ach so! Ja! Nach dem! … Ach du liebe Güte, ja! Das kann man auch dafür benutzen. So auch.“ Sie lächelt und hofft, dass Ahmed aufgibt und sie in den verdienten Feierabend entlässt.
    Ahmed bemerkt das. Aber er möchte gerne das letzte Wort haben – SO mag er sich nicht zufrieden geben.
    „Den Test schreiben wir irgendwann … bald? Demnach kann ich auch demnächst dafür lernen ... oder besser bald?“
    Frau Müller entscheidet sich spontan. Das scheint ihr jetzt am Gescheitesten:
    „Ahmed … Nächste Woche Freitag. Ich werde den Test nächste Woche Freitag mit euch schreiben. Das ist der … der …“
    „Nächste Woche Freitag genügt mir, Frau Müller. Nachdem Sie sich so viel Mühe gegeben haben mit Ihren Erklärungen, finde ich selbst heraus, welches Datum das ist. Danke und bis morgen.“
    Nervös zuckt Frau Müllers Mund. Sie kriegt mit Mühe ein Lächeln hin und macht sich fliegenden Schrittes auf in Richtung Ausgang.

  2. #2
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    Hey Cori, also erstmal ist der Dialog einfach gut geschrieben. Was mich aber auch bei der Stange hielt, ist die Tatsache, dass ich gestern ein ähnliches Problem hatte, als ich an jemandes Gedicht kritisierte, "sie lächelte, bevor sie zubiss" sei falsch, weil nicht zeitgleich, es müsste "sie hatte gelächelt, bevor sie zubiss" heissen, genauso wie umgekehrt: "Nachdem sie gelächelt hatte, biss sie zu". Nach langem Hin und Her und diversen Recherchen im www wurde ich eines Besseren belehrt, nämlich dass man bei all diesen Konjunktionen die zeitliche Abfolge in der Verbform beachten muss, nur nicht bei "bevor". Nun denn, deutsche Sprache schwere Sprache, ich fühle mit dem armen Ahmed. LG gugol
    Geändert von Gugol (02.08.2019 um 13:20 Uhr)

  3. #3
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    Ja, Gugol, die deutsche Sprache hält zahlreiche Fallstricke bereit. Mich verwirrte kürzlich, dass man "brauchen" mittlerweile ohne "zu" gebrauchen darf, zumindest ist es umgangssprachlich üblich. Ich kann mich nicht daran gewöhnen.
    Es freut mich, dass Dir meine Kurzgeschichte gefällt.
    Danke fürs Lesen und Kommentieren!

    LG Cori

  4. #4
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    Interessant- der Fall mit "bevor".

    Nehmen wir: Ich esse, bevor ich gehen: Dieser Satz umschließt einen Moment mit zwei Handlungen. Getrennt in einem Haupt- und Nebensatz.
    Während "Jetzt esse ich, dann werde ich gehen" zwei Momente betont. Demnach ist "Jetzt esse ich, dann geh ich" falsch, weil es um zwei Hauptsätze handelt, die einmal die Gegenwart und einmal die Zukunft ansprechen. - Das Haiku hat mich je sehr daran gewöhnt, Zeitabläufe in Momenten aufzuteilen.

    Zum eigentlichen Text stimme ich deiner Meinung fast uneingeschränkt zu. Er hätte noch etwas lakonischer dialogisiert werden können. Aber das ist meckern auf hohen Niveau.
    Geändert von Artname (02.08.2019 um 15:56 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  5. #5
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    Hallo Cori,

    Ich mag Dialoge. Vielleicht ist es nur ein wenig zu langatmig und ich weiß nicht, was mir die Geschichte sagen soll? Klingt wie etwas, dass für den Deutschunterricht konzipiert wurde, um Schülern den Umgang mit bestimmten Worten näher zu bringen oder wie unpräzise wir die deutsche Sprache oft verwenden. Soll es darüber hinaus noch eine Botschaft vermitteln? Etwa eine die noch speziell mit dem Status als Asylant zu tun hat? Ich habe gerätselt, kann aber nichts dergleichen erkennen.

    Lieben Gruß
    albaa

  6. #6
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    albaa, auch dir stimme ich zu. Für eine Erzählung wäre mir der Text etwas zu langatmig.

    Aber wer sagt, das hier keine didaktischen Texte veröffent werden sollen? Und für eine Unterrichtsstunde finde ich den Text informativ und unterhaltsam. Wobei ich jetzt nicht mit dem Duden die sachliche Richtigkeit geprüft habe. Der Text argumentiert jedenfalls schlüssig.
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  7. #7
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    Hallo Musiktexter,
    die von Dir beschriebene Zeitenproblematik ist wirklich interessant. Wahrscheinlich sind umgangssprachlich viel mehr solcher Unstimmigkeiten üblich - mir ist jedenfalls
    nie aufgefallen, dass Dein Beispiel "Jetzt esse ich, dann geh ich" falsch sein könnte. Ich sage z.B. auch: "Ich mach das eben noch zuende, dann komm ich dich abholen" - klänge seltsam, wenn ich "Ich mach das eben noch zuende, dann werde ich dich abholen kommen" sagen würde. Hm ... grübel.
    Und danke fürs Lesen und Dein Lob.
    Viele Grüße
    Cori

  8. #8
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    Hallo albaa,
    in meinem Text ist kein tieferer Sinn verborgen. Mir ging es lediglich darum, mich über die Hürden deutscher Sprache auszulassen, welche Nicht- Muttersprachler an den Rand des Wahnsinns treiben könnten. Auch auf die Gefahr hin, dass ich Dich jetzt damit langweile, hätte ich beispielsweise auch die lieblichen Wörtchen "so" und "wie" nehmen können:
    "Wie?"
    "So!"
    "Wieso?"
    "Na, sowieso so. Sowie SO!"
    "So, wie SO?!"
    "Jo. Wie so oft, so."
    "Ach, so!"

    Achso schwer ist unsere Sprache ...

    Ich hoffe, Dich enttäuscht meine diesbezügliche Oberflächlichkeit nicht allzu sehr. Ich kann natürlich auch anders ...

    Schönes Wochenende und viele Grüße
    Cori

  9. #9
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    Hey zusammen, ich finde genau diese Langatmigkeit braucht es, um den Leser so richtig zur Verzweiflung zu treiben, zusammen mit Ahmed. LG

  10. #10
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    Wie schön, Gugol, dass Du für dieses, mein "elendes Daraufrumgekaue" Verständnis hast. Genau SO hatte ich es gemeint - "das muss wehtun ..." ��
    Hab ein schönes Wochenende
    Cori

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