1. #1
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    Besonders (über einen kleinen Asperger-Autisten, aus 2009)

    Du hast so etwas an dir, Kind,
    ach, es scheint nicht von dieser Welt!
    Wie sphärenhaft, aus Äther nur,
    du bist von seltener Natur.
    Teilst nicht, was üblich ist und was gefällt.
    So sehr empfindsam und verletzlich:
    Manch Lied, manch Duft - für dich entsetzlich!

    Du Rätsel, sag' wo stammst du her?
    Die Wahrheit glauben fällt schon schwer.
    Bist du aus uns? Es ist ein Wunder!
    Du Elfenkind!
    Experimentiersüchtiger Erkunder!
    Was kann der Wind?

    Oft bist du abgelöst vom Hier -
    nur Schweben
    und ungewöhnlich' Geistesflirren weben.
    Deine Gedankenwelt, sie fliegt!
    Sie überwindet und besiegt
    die meine -
    die scheint am Boden festzukleben!

    Ach, so besonders bist du, Kind -
    aus völlig anderem Holz!
    Sei nicht bedrückt deswegen,
    nein, sei darauf stolz!
    Wir sind es auch.
    Wir hüten und wir halten dich,
    wir streiten manchmal fürchterlich
    und wollen dich nur erziehen.
    Du bist Geschenk und Aufgabe
    und doch nur ausgeliehen.
    Es ist ein Kunststück, Drahtseilakt,
    den rechten Weg zu finden.
    Wer einen kennt, der nenne ihn,
    der soll ihn uns verkünden!

    Du stellst uns Fragen - wir erschrecken!
    Kann man wohl Tote auferwecken?
    Der Sinn des Lebens?
    Du fragst vergebens!
    Die Ewigkeit? Was kommt danach?
    Dich halten diese Themen wach!
    Ach, dieses Defizit an Wissen
    quält dich und was dann bleibt ist Sehnen.
    Da stehst du vor uns nun und weinst
    ganz aufgelöst in tausend Tränen.

    Wir grübeln, faseln, suchen selber
    und können dir nur Halbes sagen.
    Warum musst du uns aber auch
    arg strapazieren mit solchen Fragen?!

    Du bist noch Kind! Was soll das werden?
    Dein Geist, er bleibt nicht hier auf Erden,
    er stürmt den Himmel, will ihn fassen!
    Wir staunen still, doch nicht gelassen ...

    Du suchst dir keinen Freund,
    du brauchst ihn nicht, so scheint es fast.
    Bist oft für dich allein zufrieden.
    Magst nicht Berührung, meidest Gäste
    und zeigst offen, wen du hasst.
    Und Höflichkeit? Die ist dir nicht beschieden.

    Du fühlst es nicht, du spürst es nicht.
    Es ist in dir wohl nicht vorhanden ...
    Wie schon gesagt -
    du kommst aus anderen Welten, anderen Landen.

    Doch wen du liebst, den liebst du innig!
    Dem zeigst du ehrlich deine Gunst!
    Da sind Gefühle plötzlich mächtig!
    Dir widerstehen? - Eine Kunst!
    Nein - schier unmöglich! Du bist herrlich!
    Bist ohne Dünkel, grundweg ehrlich!

    Ein allerliebstes, schönes Kind!



    Natürlich ist es blöd, sich selbst zu antworten. Mir liegt nur am Herzen mitzuteilen, dass der (mittlerweile 18-jährige) junge Mann zu unserem Erstaunen (warum eigentlich?) im Fach Philosophie 15 Punkte hatte. Ebenso liebt er Chemie, Physik und Mathematik (eine "Zukunftsvision" [... Mütter halt] ist meine Kurzgeschichte "Solange die Vögel nicht singen").
    Seid gegrüßt!
    Cori

  2. #2
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    Hey Cori, was ich bei deiner Sprachgeschichte toll fand, die Langatmigkeit, stört mich hier etwas. Da ich selber mit mehreren Aspie-Kindern und -Jugendlichen zu tun hatte und sie zumeist total gern mochte, kann ich zwar alles, was du beschreibst, nachvollziehen. Trotzdem finde ich den Text zu spezifisch oder zu wenig verdichtet oder... weiss auch nicht genau. Jedenfalls fehlt mir der Aspekt, der aus der Beschreibung des eigenen Kindes ein öffentliches Gedicht macht. LG gugol

  3. #3
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    Lieber Gugol,
    als ich dieses Gedicht verfasste, schrieb ich "eigentlich" noch gar keine Gedichte. Das war einer meiner ersten "hilflosen" Versuche. Auch wenn's an Vielem mangelt, so ist dieser Text zumindest authentisch. Klar, würde ich heute Besseres zustande bringen, aber ich erinnere mich an meine damalige Verzweiflung und möchte nichts an diesem Gedicht ändern. Erst 2010 begann ich, ernsthaft Gedichte zu schreiben. Die Anfänge lesen sich auch für mich teilweise kläglich (die erspare ich Euch) - dieses Werk jedoch war mir eine Herzensangelegenheit. Es mag "nicht DER Bringer" sein, aber ich glaube, dass der Leser einen ungefähren Eindruck darüber gewinnen kann, wie problematisch es ist, solch ein besonderes Kind großzuziehen. Vielleicht muss es nicht immer große Kunst sein, vielleicht genügt auch mal aufrichtiges Empfinden (... und damit erwische ich mich selbst! Ich, die so großen Wert auf Metrik usw. legt ...). Egal. Ich will Dich nicht weiter vollsülzen.

    Hab Dank für Deine ehrlichen Worte, und dass Du selbst solch erstaunliche Menschen kennst, erfreut mich ungemein! Es heißt ja diesbezüglich: "Kennst Du einen, kennst Du einen."
    Das Autimus-Spektrum ist riesengroß.
    Viele liebe Grüße
    Cori

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