Thema: Rausch

  1. #1
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    Rausch

    Andeutungen ein Lächeln
    den Geschmack von Haut
    erinnern Verheißungen
    aus der Vergangenheit

    vielleicht noch einmal morgen
    am Mittag oder frühen Abend
    bevor die Müdigkeit
    die Sinne an sich reißt

    diese Art der Atmung
    so nah so ineinander
    wächst das Jetzt
    steht minutenlang

    für sich und gilt
    der Freude dieser
    unbändigen Freude
    einander zugewandt

    im Spiel
    warm und lebendig
    in allen Fasern
    die Droge noch
    Geändert von Okotadia (04.08.2019 um 22:44 Uhr) Grund: Kritiken s.u.
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  2. #2
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    Wirklich sehr mutig das Wort Droge zu benutzen und trotzdem eine Note behalten zu wollen als ob es auch ohne gehen würde. Aber darin sind wir ja alle geübter als ein minutenlanges Jetzt die Wahrnehmung auf was auch immer lenken würde.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  3. #3
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    Hallo Okotadina,


    die Freude diese
    unbändige Freude
    über Dein Gedicht habe ich mich sehr gefreut, auch wenn meine Freude darüber etwas anderer Natur sein dürfte als die Freude, die das Gedicht im Sinn hat. Ich habe zunächst das Gedicht verstanden als Preis der Sinnlichkeit. In dem Wort Freude steckt ja viel mehr als "Spaß am Sex" sondern mitgemeint ist Zuwendung und Nähe, Erfüllung ganzheitliches Leben. Beim zweiten Lesen achtete ich auf die Überschrift und auf das vorletzte Wort: Rausch und Droge. Damit wird aber ein ganz anderes Themenfeld aufgerufen. Sexualität = Sucht = Illusion =Realitätsflucht. Die im Rausch der Sexualität gemachte Erfahrung hält einer nüchternen Überprüfung nicht stand.

    Kann man diese beiden gegensätzlichen Perspektiven auf die Sexualität so in einem Gedicht zusammenstellen, wie Du es tust, ohne dass das Poem künstlerisch verliert? Offen gestanden, ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hätte ich es doch besser gefunden, wenn Du dich auf einen Aspekt konzentriert hättest, den sehr viel stärker ausgearbeiteten lebensfreudigen.

    Dann noch zwei kleine Dinge: "bevor die Müdigkeit die Sinne an sich reißt" ist vielleicht nicht das allerschönste Bild. Dafür, dass die Müdigkeit die Müdigkeit ist, ist sie ganz schön schnell und aktiv (sie reißt die Sinne an sich). Dann das stehende Jetzt, (die phallische Qualität und zugleich das nunc stans der Scholastiker als Umschreibung der Ewigkeit, sehr schön!) zählt die unbändige Freude. Ist denn unbändige Freude quanifizierbar, in Freude-Einheiten aufteilbar? Könnte man dem abhelfen, wenn du einfach schriebest "und zählt nicht rpt nicht die Freude..."


    Ich habe Dein Gedicht jedenfalls sehr, sehr gern gelesen


    Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (04.08.2019 um 09:27 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  4. #4
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    Andeutungen ein Lächeln
    den Geschmack von Haut
    erinnern Verheißungen
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    vielleicht noch einmal morgen
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    bevor die Müdigkeit
    die Sinne an sich reißt

    diese Art der Atmung
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    für sich und zählt
    die Freude diese
    unbändige Freude
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    im Spiel
    warm und lebendig
    in allen Fasern
    die Droge noch
    Guten Morgen Okotadia,

    Mir gefällt dieser Text. Ich vermute, es geht um Sex zwischen nicht mehr ganz jungen Menschen oder vielleicht ist auch einer der beiden krank. Ich spüre Traurigkeit in den Zeilen, ein Abschiednehmen; vielleicht nicht unbedingt von einem Menschen, sondern zunehmend von dieser besonderen Art von Lebendigkeit, die im Sex ihren Ausdruck findet.
    Ich teile aber auch Onegins bedenken und meckere ein bisschen auf hohen Niveau mit .

    Statt "reißt" S2V4 könnte ich mir gut "betäubt" vorstellen, was dann auch zu Droge passt.
    Statt "zählt" S4V1, vl. "zählt nur" oder noch besser gefiele mir "druchströmt uns Freude / diese unbändige Freude" - diesen Abschnitt finde ich besonders schön!

    Und ja, ich finde auch, dass Rausch/Droge ziemlich fremd wirken und bei mir auch etwas ganz anderes Aufrufen, das für mein Gefühl nicht zu diesem innigen, melancholischen Zugewandtsein passen mag. Vielleicht soll die Droge auf die Glückshormone anspielen, aber das kommt jedenfalls bei mir nicht richtig an.

    Ich könnte mir vorstellen, in der letzten Zeile "Droge" einfach wegzulassen etwa so: im Spiel /warm und lebendig / mit jeder Faser /noch.

    Das "noch" finde ich sehr wichtig, es ist eigentlich "der Stich ins/im Herz" in diesem Gedicht und es könnte einfach auch ganz alleine stehen. Dann müsste aber der Titel auch geändert werden. Da fällt mir im Moment nichts ein.

    Sehr gerne gelesen!

    Lieben Gruß
    albaa

  5. #5
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    Hallo und guten Abend albaa, Onegin und terrorist,

    danke für Eure Rückmeldungen!

    Tatsächlich fühle ich mich zur Zeit in einer Art noch-Rausch. Das betrifft viele Themen - nicht nur den Sex. Es gibt drohende persönliche Apokalypsen wie Alter, Krankheit, Tod (auch wenn das noch ein bisschen dauern kann) oder auch nur den Verlust des Arbeitsplatzes, weil die Firma kurz vor dem Aus steht und es gibt drohende allgemeine in Gesellschaft, Umwelt, Klima usw.
    Dagegen steht dieses noch. Noch bin ich gesund, fit und beweglich; noch arbeite ich; noch kann hier jeder seine Meinung frei äußern; noch gibt es lebende Stadtbäume , noch in Europa keine Hungersnöte usw.

    In meinem Gedicht wollte ich mich aber auf das Thema Sex beschränken und an Eurer - berechtigten - Kritik sehe ich, dass mir das nicht so recht gelungen ist. Beispielsweise den Titel habe ich dann doch viel zu umfassend gewählt. Den muss ich wirklich ändern.
    Geändert habe ich schon zählt, weil es eigentlich in seiner übertragenen Bedeutung gemeint war.
    Droge würde ich gerne lassen, weil es mein Empfinden ganz gut trifft.
    betäubt wäre inhaltlich ok, gefällt mir aber vom Sprachfluss her nicht. Auch finde ich, dass die Müdigkeit selbst manchmal durchaus nicht müde, sondern überraschend gewalttätig ist.

    Sex in fortgeschrittenem Alter ist ja, besonders für Frauen eher ein Tabuthema und daher ganz reizvoll. Irgendwann ist für alle das letzte Mal. Glücklicherweise weiß man es nicht während. Bis dahin gilt: noch...

    LG aus dem Norden
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

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