1. #1
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    Fast ein Kriegsheld

    Der Presseoffizier war jung und freundlich und sein wuscheliges blondes Haar war ungebändigt.
    „Sie werden die Piloten während des Fluges nichts fragen können“, sagte er, während er mir Kaffee einschenkte.
    „Ich werde meine Fragen eben vorher stellen“, antwortete ich und stellte meine Tasse auf seinem Schreibtisch ab.
    „Und außerdem“ sagte er lächelnd „müssen sie sich vielleicht auf einen etwas barschen Ton einstellen. Die Jungs haben anderes zu tun als auf sie aufzupassen“.
    Er schien etwas besorgt zu sein, dass ich der Crew über Gebühr lästig fallen könnte.
    „Ich sage ihnen jetzt, wie es ablaufen wird“, fuhr er fort, während ich nach meinem Notizbuch kramte.
    „Wir werden hier kurz vor Mitternacht abheben, gegen zwei Uhr über Bosnien und gegen 4 Uhr 30 wieder zuhause sein. Der Verpflegungsabwurf über den bosnischen Enklaven wird zwischen zwei Uhr und zwei Uhr dreißig aus knapp 2000 Metern Höhe erfolgen.
    Im Cockpit ist kein Platz für Sie", ergänzte er.
    "Sie fliegen hinten beim Lademeister mit. Insgesamt wird die Bundeswehr heute Nacht mit drei Maschinen über Bosnien sein.“

    Nach der kurzen Einweisung fuhren wir zu einem abgelegenen Teil des Flughafens und ich registrierte erstaunt, dass unser kleiner Opel zivil lackiert war. Es hatte geregnet, doch nun klarte es auf. Eine einsame zweimotorige Transall glänzte nass in der Abendsonne. Die Maschine war noch nicht beladen, aber ein Techniker wieselte schon durch das Fliugzeug und schraubte eifrig an irgendwas herum und die beiden Piloten gingen ihre Listen durch. Es waren zwei hoch aufgeschossene Männer schon mittleren Alters, die ruhig und besonnen wirkten. Der Presseoffizier stellte mich ihnen vor. Ich hatte mich auf einen sehr kühlen Empfang vorbereitet, doch sie waren erstaunlich umgänglich. Von Journalisten würden sie immer gefragt, ob sie Angst hätten, sagte mir der ältere der Beiden als wollte er das Thema schnell abhaken. Angst hätten sie nicht, um diese Frage gleich vorwegzunehmen, schließlich sei bislang nichts passiert, aber speziell sei es doch.
    "Was heißt denn speziell?"
    „Speziell ist es besonders dann, wenn wir vom Radar der serbischen Flak erfasst werden. Das hören wir als Pfeifton auf unseren Kopfhörern".
    „Und was können Sie dagegen tun?“, fragte ich.
    „Wir stoßen dann Staniolstreifen aus, um unser Radarbild zu verwischen“, antwortete er.
    „Ansonsten können wir wenig tun, wir fliegen langsam und verdammt niedrig und wären ein ideales Ziel.“

    Mit einem Mal wusste ich, wie ich meine Reportage beginnen würde. Fast hätte ich freudig aufgezuckt. Ich hatte den Ariadnefaden in die Hand bekommen: Immer, wenn die Männer vom Lufttransportgeschwader 3 dieses verräterische Pfeifen hören, wissen sie, dass sie ins Fadenkreuz der Flak geraten sind. Auf sowas war die Redaktion in Berlin scharf. Danach einfach nur dranstricken. Der Rest der Geschichte würde sich von alleine ergeben.
    Der Techniker, der die ganze Zeit vor sich hin geflucht hatte, drehte sich jetzt zu uns.
    „Das Funkgerät ist am Arsch“ sagte er und wies mit dem Schraubenzieher in der Hand auf eine Art Behälter an der Trennwand zwischen Cockpit und Laderaum, dessen Deckel er entfernt hatte.
    Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
    „Sie wissen, das ist ein absoluter No-Go", sagte er.
    Der Presseoffizier schaute mich an:
    "Tut mir leid. Dieser Flug fällt damit aus“.

    Der freundliche Presseoffizier brachte mich mit dem alten Zivil-Opel zum Stützpunktgebäude zurück. Er plauderte entspannt, obwohl er mir nun keinen Flug in die Kriegszone bieten konnte und die Bundeswehr diese Nacht nur zwei Maschinen über Bosnien hatte. Sicher hatte er jetzt früher Dienstschluss.
    „Wissen Sie, ich habe ich mich die ganze Zeit gefragt, warum Sie keine Kamera mitgenommen haben“. sagte er, während er mir zum Abschied die Hand schüttelte.
    Dass dies erst mein dritter Auftrag nach dem Studium war und ich viel zu arm war, um mir eine professionelle Photoausrüstung zu leisten, brauchte er nicht zu wissen.
    „Die Redaktion wollte sich selbst um die Bilder kümmern“, sagte ich achselzuckend.
    „Das haben sie in Berlin halt so entschieden.“

    Nach dem verpassten bosnischen Abenteuer wartete ich noch lange auf eine zweite Chance für einen Flug, die mir der freundliche Presseoffizier in Aussicht gestellt hatte. Als sie dann zwei Monate später kam, war es zu spät. Ich hatte mich inzwischen in die Dienste einer neu gegründeten Zeitschrift begeben. Zielgruppe waren "unabhängige Frauen über fünfzig", wie es im Editorial hieß. Schon mit meiner ersten Reportage hatte ich großen Erfolg. Sie handelte von einem Tortenbäcker in Baden-Baden. einer Größe seiner Zunft.
    Geändert von Onegin (27.09.2019 um 07:43 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  2. #2
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    Ja fehlt bloss noch die Verleihung gewisser Orden um sich standesgemäss was abfeiern zu können weil dieser Text mich sehr militärisch erfasst hat und ich endlich weiss warum dieses und jenes nicht derartiges und solches gewesen ist was man sonst so reingetrötet von was bekommt.
    Geändert von Terrorist (07.08.2019 um 10:07 Uhr)
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  3. #3
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    Ja das siehst Du vollkommen richtig. Der kleine Rporterfuzzy will aus dem Flug eine spannende Heldenstory machen und ist sich gar nicht klar darüber, dass er damit die Geschichte verfälscht. Er tut das, weil er den Erwartungen der Leser nachkommen will, die an einer spannenden Geschichte interessiert sind. Für die beteiligten Soldaten waren diese Flüge aber wohl einfach nur beklemmend.
    In der klassischen Kriegsberichterstattung ist die Diskrepanz zwischen dem, was war und dem, was erzählt wird, besonders eklatant und politisch toxisch.

    Aber der Verdacht richtet sich ja gegen das Erzählen ganz allgemein, das ohne Auslassungen, Hervorhebungen , Umstellungen und Neubewertungen gar nicht geht

    Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (05.08.2019 um 20:31 Uhr)

  4. #4
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    Reize muss man immer wieder neue entdecken. Und so wie hier dient das Beispiel als Terrainsondierung der altvertrauten Metaphorik des Fuzzytums wie es sich durch den Aufklärungsflug dieses Textes verflüchtigt.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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