Thema: Ernte

  1. #1
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    Ernte




    Durch den Nachthimmel gesiebt fallen Sterne
    herab auf die blauen Äcker, keimen, treiben, reifen

    zu goldenen Wogen. Deine raue Stimme erntet
    und die kräftigen Hände liebkosen mich kundig.

    Du bindest Garben für mich, lässt Ährenworte rieseln,
    in meinen Schoß und die hohlen Hände, die fahrigen

    werden schwer, ruhig teilen wir Brot und Wein.
    Heute Nacht essen wir uns satt, entzünden das Stroh

    und im Schein der Glutnester gleichen wir uns, wie alle
    Geliebten, gleichen uns wie Weizen und Sterne.






    Geändert von albaa (07.08.2019 um 17:21 Uhr)

  2. #2
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    Hallo alba,

    Das ist ein schönes Gedicht und viel besser als das meiste, was sonst hier im Forum publiziert wird. Trotzdem stehe diesem Gedicht etwas ratlos gegenüber. Ich nehme den Faden jetzt einfach mal an einer Stelle auf. Es geht um die Liebesbegegnung von einem offenbar weiblichen LI und einem offenbar männlichen LD. Das LI wird vom LD mit Erntegaben bedacht. Die beiden feiern ihre Liebesnacht als communio im Zeichen von Brot und Wein. Eingebettet wird das Geschehen in kosmische Zusammenhänge, denn es sind die vom Himmel gefallenen Sterne, die auf dem nächtlichen Feld reifen. Brot und Wein signalisieren auch eine Nähe zum Göttlichen, die sich in der Begegnung der Beiden offenbart. Der Liebesakt als unio mystica nicht nur zwischen Mann und Frau sondern auch zwischen Mensch und Gott. Mehr metaphysisches Pathos geht nicht (das muss man als Leser mögen) und es würde mich interessieren, ob Du wirklich eine solche Liebesauffassung vertrittst. Sicher bin ich mir auch im Lichte Deines früheren Schaffens nicht . Über den Schluss haben wir noch nicht gesprochen.
    im Schein der Glutnester gleichen wir uns, wie alle
    Geliebten, gleichen uns wie Weizen und Sterne.
    Dieses schöne Bild kann m. E. ganz unterschiedlich verstanden werden. 1. Wir gleichen uns wie Weizen und Sterne = Wir gleichen uns überhaupt nicht. Nur die Liebe lässt die Illusion entstehen, dass es anders sei. Männer und Frauen haben in Wirklichkeit so viel gemeinsam wie Fische und Fahrräder. Dann hätte das Gedicht aber eine Unwucht, denn die Gemeinsamkeit der Beiden war in den Zeilen zuvor ja aufs Höchste gepriesen worden.

    2. Wir gleichen uns wie Weizen und Sterne = die Liebe hat uns gezeigt, dass in Gott alle Dinge (Weizen und Sterne) eins sind und in Gott ruhen. Damit hätte das Gedicht eine homogene Sinnrichtung.

    Jetzt verstehtst Du vielleicht meine Ratlosigkeit. ich habe noch ein paar Anmerkungen punktueller Natur. Der erste Satz wirkt auf mich überladen.
    Durch den Nachthimmel gesiebt fallen Sterne
    herab auf die blauen Äcker, keimen, treiben, reifen

    zu goldenen Wogen.
    Ich würde "gesiebt" und "zu goldenen Wogen" ersatzlos streichen. Die goldenen Wogen sind zudem ein metaphorischer Blinddarm, denn das Bild der Woge wird nicht fortgeführt ( es sei denn, Du meinst das wogende Weizenfeld). In der letzten Zeile würde ich "Liebenden" statt "Geliebten" schreiben, das halte ich persönlich für schöner. (Der Gott ist beim Liebenden, nicht beim Geliebten, heißt es auch bei Platon.)


    So dacht ich. Bin gespannt, was die Anderen zu Deinem Gedicht meinen.

    Lieber Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (08.08.2019 um 08:34 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
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    Hallo Onegin

    Vielen Dank, dass du dir so viele Gedanken gemacht hast. Ich denke, meine Absichten sind gar nicht so wichtig. Diese Art von Gedichten schreibe ich immer ohne echten Plot, es gibt einen Ausgangspunkt, der dann aber nicht oder nicht am Anfang des Gedichtes stehen muss; wo ich ankomme, und welche Wege ich nehme, weiß ich nie. Ich habe lange für diesen Text gebraucht. Ich bin fertig, wenn es für mich stimmt, wenn der Text für mein Gefühl eine Art "Ausgewogenheit" erreicht hat, die aber nichts mit Logik zu tun haben muss.

    Du findest den ersten Satz überladen? Ja, kann sein. Denk an den Perseidenregen dieser Tage: Selbst wenn ich weiß, wie "einfach" die Erklärung ist, kann ich mich nicht entziehen, das mystisch zu finden und so etwas zu empfinden, das man vielleicht früher einmal als religiöse Verzückung bezeichnet hätte; also so irgendwie eins mit sich selbst und dem Universum. Ich möchte daher auch beim "Geliebten" bleiben: es ist nur ein Moment.

    Interessant finde ich auch, dass du aus früheren Texten schließt, dass du mir die Auffassung des Liebesaktes als unio mystica nicht zutraust. Das lese ich eigentlich ganz anders, also zumindest aus den meisten meiner Texte, die mit Liebe und Erotik zu tun haben; lies einmal "Kein Strohhalm". Aber du weißt natürlich auch, dass man die Autorin nie mit dem LI gleichsetzen sollte.

    Vielen Dank, Onegin! Ohne reden darüber, wäre das Schreiben doch nur halb so schön

    Lieben Gruß
    albaa

  4. #4
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    Hallo albaa,
    Hallo Onegin,

    Mehr metaphysisches Pathos geht nicht (das muss man als Leser mögen)
    also ich mags und hatte bei den Wogen sofort Getreidefelder im Sommerwind vor Augen.

    Es ist mMn ein sehr stimmungsvolles und sehr weibliches Gedicht, das drückt sich schon mit dem sieben in der ersten Zeile aus und auch dem Binden der Garben und dem Feuer als Ort.

    Onegins Vorschlag Liebende zu schreiben hat mich nachdenklich gemacht. Sterne und Weizen sind keine Liebenden, aber die Sterne werden von vielen Betrachtern "geliebt". Der Weizen wohl auf viel banalere, unbewusstere Weise. Insofern ist dieses gleichen auch für mich ein bisschen rätselhaft/unlogisch oder vielleicht einen Tick zu pathetisch.

    Aber insgesamt ein sehr schönes Liebesgedicht, schwebend zwischen Himmel, Erde, Mann, Frau und Feuer.

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  5. #5
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    Hallo Okotadia,

    Freut mich, von dir zu lesen und dass du es magst. Ein "weibliches Gedicht" also? Ich kann deinen Überlegungen gut folgen, ja!

    Ja und wie du über die "Geliebte", "Sterne und Weizen" denkst gefällt mir auch sehr. Aber gerade auch vor dem Hintergrund deiner Gedanken dazu, finde ich es gar nicht so pathetisch; ich wollte es eher sehr einfach.

    Danke für deinen Besuch!

    Lieben Gruß
    albaa

  6. #6
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    Hallo albaa,
    ja die Liebe steht über allem, zumindest ist es eine tröstliche Vorstellung um in den Wogen der Evolution nicht unterzugehen.
    Das Einstiegsbild gefällt mir gut, weil ja das Leben in der Realität vermutlich auch von den Sternen (Meteoriten etc.) auf die Erde gekommen ist.
    Die Liebesgeschichte selbst verorte ich mehr auf der Erde, Mann und Frau lieben sich nach getaner Arbeit, entzünden das "Strohfeuer" ihrer irdischen Liebe und hoffen, dass sie das Sein überdauert.
    Konstruktiv bin ich an den "Ährenworten" hängengeblieben, denn die passen für mich irgendwie nicht ins Bild.
    LG
    Perry

  7. #7
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    Lieber Perry,

    Vielen Dank für deinen Besuch und deine Gedanken!

    Ährenworte: Ähre=Körner=das Nährende//Ehrenwort=Versprechen

    Lieben Gruß
    albaa

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