1. #1
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    Das böse Haus - Ein Märchen aus der neuen Zeit

    Es waren einmal zwei Kinder, Hans-Christian und Inge, die waren mit ihren Eltern aus dem hohen Norden in die große Stadt Frankfurt gezogen. Die Familie hatte in einem alten und vornehmen, schon ein wenig aus der Zeit gefallenen Viertel ein Haus mit weitläufigem Garten gekauft, das, unberührt vom Trubel in den Bezirken des Zentrums, in einer noch mit Kopfsteinen gepflasterten und von großen Bäumen umsäumten, verkehrsberuhigten Straße lag.
    Diese Gasse und die sie umgebenden Anpflanzungen waren der Geschwister Spielrevier. Mit den Nachbarskindern, Jakob, Wilhelm und Astrid, versteckten sie sich zwischen Blumenbeeten und Hecken, zählten die Punkte auf den Flügeldecken der Marienkäfer oder saßen um die Regentonne herum und sannen sich bunte Abenteuergeschichten aus. Und mehr und mehr wurde in solchen Stunden ihre Phantasie von einem öden und heruntergekommenen Haus gefangen genommen, das so gar nicht zu der in Solidität ihres Quartiers passen wollte

    Hans-Christian war es nicht entgangen, dass die Eltern oft über dies Anwesen sprachen, das linkerhand nur ein paar Meter die Straße herunter lag. Im Parterre war irgendwann einmal ein Fenster zu Bruch gegangen und nicht wieder ersetzt worden. Offenbar wohnte hier schon lange niemand mehr. Doch war merkwürdigerweise niemand bereit, dieses Haus zu renovieren und zu beziehen. „Wenn ihr draußen spielt, dann hütet euch davor, dieses Grundstück zu betreten", hatte die Mutter den Beiden eingeschärft. Aber was war überflüssiger als diese Mahnung, denn das schwere, rostige Gartentor, das Zugang zu dem ummauerten Bereich gewährte, war immer verschlossen.

    Und so wäre denn Hans-Christians Glück ungetrübt gewesen, hätte es bloß den Herrn Granzow nicht gegeben. Herr Granzow war der junge Klavierlehrer, den seine Eltern für ihn und Inge angeschafft hatten. Er unterzog sich der Aufgabe, die Beiden mit Menuetten und Präludien zu quälen und korrigierte mit Engelsgeduld die immer gleichen Fehler Hans-Christians. Wenn er mit Herrn Granzow am Klavier saß, dann warf Hans-Christian verstohlene und flehentliche Blicke auf die Uhr, die auf dem Piano stand, und deren Zeiger sich kaum von der Stelle rühren wollten. Jedes Mal, wenn die Stunde zu Ende war, sprang der Junge auf und rannte spornstreichs aus dem Zimmer. „Inge, komm mit, wir spielen!“ rief er dann seiner Schwester zu, die leichten Schritts die Treppe herunter gelaufen kam. Und schon einen Augenblick später waren die Beiden fröhlich lachend durch die Haustür verschwunden.

    Doch kaum war Hans-Christian an jenem Augustnachmittag ins Freie gelangt, als sein Blick ganz wie von selbst auf das verlassene Haus fiel, das kaum hundert Schritt entfernt im Schatten zweier großer Kiefern vor sich hindämmerte. Das rostige Gartentor stand heute weit, weit offen. „Hans-Christian, bleib da weg, die Mama hat uns das verboten“, rief Inge noch, die seinen Blick bemerkt hatte. Aber es war schon zu spät. Hans–Christian hörte nicht auf sie. Inge zögerte einen Augenblick und folgte dann klopfenden Herzens ihrem Bruder. Die beiden durchschritten rasch den verwilderten Vorgarten und gelangten zu einer Eingangstor aus Eichenholz. Auch diese Tür stand heute offen. „Bitte, geh da nicht rein“, flüsterte Inge. Doch Hans-Christian war schon über die Schwelle hinweg, und nun standen sie beide in einer Art Diele. Der Raum war leer bis auf einen offenen Schuhschrank, in dem ein Paar ganz altmodischer Damenstiefel stand. Ein leiser Wind strich durch das Haus. Die Luft kommt durch das zerbrochene Fenster, dachte Hans. Da quietschte es auch schon hinter ihnen in den Angeln und krachend fiel die Eingangstür ins Schloss. Vergeblich rüttelten Hans-Christian und Inge wieder und wieder in wachsender Angst an der Klinke, die sich trotz größter Kraftanstrengung nicht bewegen ließ. Das Herz klopfe Ihnen beiden jetzt bis zum Halse. „Wenn wir die Tür nicht aufkriegen, können wir durch das kaputte Fenster nach draußen“, schoss es Hans-Christian durch den Kopf.

    "Durch das Fenster wollt ihr hinaus? Das hättet Ihr euch so gedacht! Ihr werdet mein Haus niemals mehr verlassen“, ließ sich hinter ihnen nun eine heisere, hohe Stimme vernehmen.
    Sie drehten sich hastig um. Vor ihnen stand eine hagere alte Frau. Sie trug ein langes dunkles Kleid und der Blick ihrer blauen Augen wanderte unruhig zwischen Ihnen hin und her. Ihr braunes Gesicht war von tausenden kleiner Falten übersät und in langen ungeordneten Strähnen fiel ihr graues Haar fast bis zum Boden hinab. Hans-Christian und Inge fröstelten. Wo war diese Frau bloß hergekommen? Sie hatten sie niemals in ihrer Straße gesehen.
    „Sie ist eine Hexe“ durchfuhr es Hans-Christian.
    „Ja, ich bin eine Hexe, da hast Du gut geraten, mein Junge. Ich habe Dich schon lange beobachtet. Dich und Deine Schwester, denn ihr seid so liebe Kinder, Darum habe ich Euch hergelockt, darum werdet ihr mir nun für immer Gesellschaft leisten. Hier habt ihr was zum Spielen“ Und sie griff in die Falten ihres Gewands und legte eine kleine rotlackierte Mundharmonika auf den Schuhschrank.

    Wer vermag zu beschreiben, was Hans Christian und Inge nun zu leiden hatten? Die Hexe hielt sie gefangen, das hatten sie nur zu bald festgestellt. Sie suchten nach dem zerbrochenen Fenster, aber konnten es nicht finden. Zwar ließ sich die Alte nicht mehr blicken, aber beobachtet fühlten sie sich unablässig. In dem ganzen Haus lebte außer ihnen offenbar keine Menschenseele. Sie stießen auf ein großes Wohnzimmer mit zerschlissenem Kanapee und zierlichen Stühlen, wie man sie wohl vor 150 Jahren benutzt hatte. Es gab Kammern, in denen sich nur ein Nachttisch, ein Bett und ein Kleiderschrank befanden, alles aus dunklem Holz. In der Küche, in der weder ein Kühlschrank noch ein Elektroherd zu finden waren, entdeckten sie manchmal einen Laib Brot, manchmal ein Stück Wurst und einen Krug Wasser, mit denen sie Hunger und Durst stillten..
    Würden sie immer in diesen verschlossenen Räumen bleiben müssen, vom Leben abgeschnitten, wie es ihnen die Hexe prophezeit hatte? „Jakob, Wilhelm und Astrid gehen schon längst wieder in die Schule“, grämte sich Hans-Christian. "Meine Handball-Mannschaft hat einen jetzt anderen Torwart. Draußen geht alles normal weiter und wir vermodern bei lebendigem Leibe“.

    Die Eltern würden sich über ihr Verschwinden sicher zu Tode ängstigen. Sie hatten die Polizei gerufen, das war klar. Aber die hatte offenbar nichts herausfinden können, keine Spur, sonst wären sie doch längst befreit worden. Und Christian erkannte, dass er seiner Mutter und seinem Vater einen Kummer bereitet hatte, der nie mehr aus der Welt zu schaffen war. Und wenn er an seine kleine Schwester dachte, die ihn noch gewarnt hatte, die nun seinetwegen mitgefangen war, und die er doch immer beschützen wollte, dann versank er in Scham und ausweglose Verzweiflung.

    Wie lange sie von der Hexe gefangen gehalten wurden? Das war kaum zu sagen. Alle Fensterscheiben des Hauses waren blind. Alle Zimmer waren von dem gleichen Dämmerlicht erfüllt, ein unbestimmbarer matter Schein, irgendwo zwischen Abend und Morgen. Und seltsam, nirgendwo konnte man herausfinden, wie viel Zeit vergangen war. Nur ganz oben in dem Treppenhaus, das in den zweiten Stock führte, waren sie auf eine Standuhr gestoßen, aber die Mechanik war kaputt, ein leises Rasseln, ein hässliches Schleifen drang ständig aus dem Uhrenkasten und die Zeiger waren irgendwann um zwei Minuten vor sechs stehengeblieben.
    Die Kinder hatten als Trost nur sich selbst, den Klang ihrer eigenen Stimmen und die Mundharmonika, die die Hexe für Hans-Christian auf den Schuhschrank gelegt hatte. Er spielte auf diesem bescheidenen Instrument mehr schlecht als recht und Inge sang dazu.

    Komm ich von der Schul nach haus
    Bring Mama `nen Blumenstrauß
    Lässt mich ins Häuschen ein
    Bin ich ihre Tochter fein

    Aber nein, noch etwas anderes tröstete sie. Inge war in einem Traum ein junges Mädchen erschienen mit rotblonden Haaren, sanften Augen und einer Stupsnase mit Sommersprossen. Und auch in Hans-Christians Traumleben war diese Gestalt aufgetaucht, dies sich Anette nannte und immer ein langes altmodisches weißes Kleid trug. Im Traum spielte Anette mit ihnen auf einer großen Wiese Ball oder entnahm Schreibpapier aus ihrer Tasche, teilte Bleistifte aus und sie übten sich in Stadt, Land Fluss. Merkwürdig nur, dass Anette von bestimmten Ländern nichts wusste. Stattdessen sprach sie gern von einem Österreich-Ungarn, was wiederum Hans-Christian und Inge wegen der Doppelung im Namen ratlos machte. Sie sei mit ihrer Familie aus Brünn nach Frankfurt übersiedelt, erzählte sie den beiden, Brünn, das wisse bekanntlich jedes Kind, liege in Mähren. Und Hans-Christian und Inge schauten sich dann ganz erstaunt an. Von einem Mähren hatten sie noch nie etwas gehört

    Es kam nun dahin, dass Hans-Christian Christian und Inge immer stärker die Stunden des Schlafes herbeisehnten, nur um Anette wiederzusehen und mit ihr zu sprechen. Denn Anette spielte nicht nur mit ihnen, sondern tröstete sie auch und nahm sie in die Arme, wenn ihr Kummer übermächtig wurde. Es war in einem solchen Augenblick als Inge fragte, wie es möglich sei, dass eine Hexe so böse sei, Kinder einzusperren, die ihr doch gar nichts getan hatten.
    Da füllten sich Anettes traurige, blaue Augen mit Tränen und sie schwieg eine ganze Weile. „Die Hexe war nicht immer böse“, sagte sie dann leise und stockend.“ Sie war nur viel allein. Als sie jung war, war sie oft krank und durfte nicht mit anderen Kindern spielen. Da wurde sie ängstlich und misstrauisch. In den seltenen Fällen, in denen sie das Haus verließ, benahm sie sie sich sehr ungeschickt und linkisch. Die anderen Mädchen lachten sie aus. Und das schlimmste war, sie konnte mit niemandem darüber sprechen. Weißt Du Inge, wenn Menschen in sich einen großen und langanhaltenden Schmerz spüren, dann können sie sehr oft darüber nicht reden und sie verschließen sich mehr und mehr. Denn wer würde sie auch verstehen? Und manchmal werden sie ganz böse, nur um nicht zu zeigen, wie todtraurig sie sind und wie sehr sie geliebt werden wollen…

    Da wollte Inge noch erfahren, woher sie denn das alles so genau wisse, was es mit der Hexe nun auf sich habe und sie hatte die Frage schon auf der Zunge, aber da war der Traum zu Ende und sie erwachte in dem trostlosen und öden Haus. ihr Bruder, lag neben ihr und schlief.
    „Hans-Christian; Hans, hörst Du mich? Stell dir vor, was mir die Anette gesagt hat!“
    Sie rüttelte ihn wach und schilderte ganz aufgeregt, was Anette über die Alte, ihre gnadenlose und unsichtbare Gefängniswärterin, berichtet hatte.
    Auch Hans-Christian klopfte das Herz. Eine vage Hoffnung bemächtigte sich seiner. Die Kinder verspürten auf einmal Hunger, denn Ihre Lebensgeister regten sich wieder. Wenn das stimmte, was Anette Inge gesagt hatte, dann war ihre gespenstische Kerkermeisterin etwas greifbarer geworden, dann war ihr Geheimnis ein wenig enthüllt. Sie gingen in die Küche. Auf dem Tisch fanden sie wie gewohnt einen Laib Brot, ein Krug Wasser stand daneben. Sie aßen und tranken. Dann zog Hans-Christian die Mundharmonika aus der Tasche und Inge sang dazu.

    Komm ich von der Schul nach Haus
    Bring Mama `nen Blumenstrauß
    Lässt mich ins Häuschen ein
    Bin ich ihre Tochter fein

    Doch kaum hatte Inge die Strophen einmal durchgesungen als Hans-Christian bis ins Innerste erschrak, Da wo die Schatten am dichtesten waren in dem dämmrigen Raum, dort, in der Ecke neben dem großen Küchenschrank, dort wob etwas ineinander, War das Dunkel dort nicht dichter worden, wehte es nicht eiskalt zu ihnen her? Eine Gestalt zeichnete sich ab, ein bleicher Kopf gewann Kontur. Auch Inge hatte ihn bemerkt. „Die Hexe“ entfuhr es ihr.
    „Ja, die Hexe"… kam es tonlos aus der Ecke.
    „Ich habe euch de ganze Zeit genau beobachtet“…. Ein Augenblick schwieg sie.
    “Und werde euch immer weiter beobachten."
    Wieder wanderten ihre ruhelosen Augen zwischen Inge und Hans-Christian hin und her. "Ich weiß, dass ihr mich deswegen hasst, aber hahaha, das macht mir nichts“.
    „Ich hasse sie nicht“, antwortete Inge, die ihren ganzen Mut zusammengenommen hatte.
    „Ich hasse sie nicht, sie tun mir leid.“
    Da verstummte das Lachen der Alten mit einem Male. Sie schwieg. Ihre Augen waren sehr groß und fragend auf Inge gerichtet. Da spürten die Kinder plötzlich einen frischen Luftzug. Und nun geschah etwas sehr Merkwürdiges. Der Wind, der auf einmal durch das Haus fuhr, griff die Gestalt der Hexe an und löste sie, die kein weiteres Wort mehr sagte vor ihren Augen auf. Wo eben noch der Umriss ihres Körpers sich abzeichnete, da schwebten nur noch dunkle Schwaden durch die Küche, ein flüchtiger Nebel nur, der alsbald zu nichts zerging. Gleichzeitig war es hell geworden im Raum, ganz hell. Durch das zerbrochene Fenster hörte Hans-Christian auf einmal Vogelgesang und das Rauschen der großen Alleebäume. Und von der Treppe her ließ sich jetzt deutlich das Ticktack der Standuhr vernehmen, die wieder zu schlagen begonnen hatte.
    „Frei, frei, wir sind frei..“

    Die Kinder eilten zur Eingangstür, die wieder offen stand. Sie rannten den Kiesweg hinunter, der zur Gartenpforte führte und über das Kopfsteinpflaster, bis sie das Haus ihrer Eltern erreichten. Die Mutter war im Vorgarten eben damit beschäftigt, Johannisbeeren zu zupfen. Sie flogen ihr in die Arme.
    “Mama, Mama, da sind wir wieder“, riefen sie.
    „Ihr seid aber stürmisch heute“, lachte die schöne Mama.
    „Was ist denn passiert?“
    „Ja, freust Du Dich denn gar nicht, dass wir nach so langer Zeit zurückgekommen sind?“
    „So lange Zeit?“
    Die Mutter schaute sie amüsiert an.
    „Ihr übertreibt aber mächtig! Es ist Viertel nach Sechs. Und erst vor einer Stunde hat uns Herr Granzow verlassen.“
    Am Abend erzählten Inge und Hans-Christian die ganze Geschichte ihrer Gefangenschaft noch einmal ihren Eltern, die sich aber die ausschweifenden Phantasien ihrer Kinder nicht wenig wunderten und ihnen kein einziges Wort glaubten. Auch ihre Freunde überzeugten sie von der Wahrheit ihrer Geschichte nicht. Ob er denn wirklich annehme, dass er ihm irgendwelche Märchen erzählen könne, spottete Jakob nur.

    All das störte die Beiden aber nicht besonders. Dafür waren sie zu froh, wieder zu Hause zu sein. Eine Zeit lang warteten sie noch darauf, dass Anette ihnen im Traum erscheinen und alles erklären würde. Aber sie kam nicht mehr. Die Kinder lasen keine Zeitung. sonst hätten sie erfahren können, dass auf dem Frankfurter Hauptfriedhof auf dem schon halb verfallenen Grab einer Anette Dvoracek, um das sich längst kein Gärtner mehr kümmerte, unerklärlicherweise hunderte blauer Blumen aufgeblüht waren. Das verwahrloste Haus indessen wurde luxuriös saniert. Zur Enttäuschung von Hans-Christian und Inge zog dort aber keine Familie mit Kindern ein, sondern eine sehr erfolgreiche, und wie ihnen ihr Vater versicherte, überaus angesehene deutsch-amerikanische Wirtschaftskanzlei: Van Winkle & Rumpelstilz.
    An manchen Herbstabenden, wenn Hans-Christian schon im Bett lag, das Rauschen der großen Ulme vor seinem Fenster vernehmlicher zu ihm drang und er die gedämpften Stimmen seiner Eltern vernahm, die unten im Wohnzimmer noch ein wenig plauderten, an solchen Abenden musste selbst er sich Mühe geben, sein Abenteuer nicht für einen wirrem und bösen Traum zu halten. Aber dann öffnete er die Nachttischschublade und warf einen Blick auf die kleine rote Mundharmonika, die er darin verwahrte.
    „Nein“ sagte er entschieden, „ein Märchen ist das gewiss nicht, so wahr ich Hans-Christian heiße“.
    Geändert von Onegin (12.08.2019 um 18:36 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  2. #2
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    Hallo Onegin,

    Ich muss gestehen: Zuerst dachte ich: Boah, ich mag nicht! Sehr selten halte ich Prosa im Forum durch. Bei Prosa bin ich vermutlich viel heikler als bei Lyrik .

    Ich habe mir also vorgenommen dir zuliebe durchzuhalten. Aber es fiel mir dann eher leicht. Ich war gleich einmal angetan von der schönen Sprache, auch wenn der Stil ein bisschen altbacken ist; aber das passt ja zu einem Märchen. Der Plot ist ja nicht so besonders aufregend, aber ich hoffe trotzdem, du hast Kinder oder Enkelkinder denen du Märchen erzählen kannst. Sie hängen sicher an deinen Lippen und folgen gerne deinen lebendigen Bildern. Mir ist beim Lesen auch bewusst geworden, wie viel Kinder eigentlich versäumen, wenn ihnen nicht mehr vorgelesen oder erzählt wird. Aber ja, im Moment ist hören ja wieder sehr angesagt.

    Lieben Gruß
    albaa

  3. #3
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    Hallo albaa,

    hab Dank dafür, dass Du mir zuliebe Deine Aversion gegen Prosatexte im Forum überwunden hast. Mir geht es da übrigens ganz wie Dir, ich mag einfach keine Prosatexte auf dem Schirm lesen und beim ersten irgendwie schrägen Satz steige ich aus. Jetzt hast Du natürlich einen Prosatext bei mir frei albaa, mindestens einen


    Ja, die Sprache habe ich bewusst altmodisch gewählt. Sie ist aus der Zeit gefallen, wie die Geschichte selbst, das Viertel, in dem die Kinder aufwachsen, wie die Hexe und ihr Haus. Dass die Kinder "aus dem Norden " kommen ist ebenso wenig ein Zufall, wie der Name Hans-Christian, der auf den dänischen Märchendichter Hans-Christian Andersen anspielt. Wenn also Hans-Christian am Ende der Geschichte versichert, dass er gewiss kein Märchen erlebt habe, dann spielt dieses Märchen augenzwinkernd und ironisch mit sich selbst. Das alles ist Kindern natürlich nicht vermittelbar und ich habe den Text auch mehr für Erwachsene als für Kinder geschrieben.

    Worum geht´s? Es geht genau um das gleich Themenfeld, das Du mit Ernte/du sollst nicht so präzise erforscht hast. Es geht also um Liebe und Einsamkeit und um die Auffassung, das das Böse durch die Liebe geheilt werden kann. Das Böse, das Destruktive, hat keine eigene Substanz, sondern ist nur die Abwesenheit des Guten in letzter Instanz ist es die Gottferne. (Wie heißt es bei Dir: ich bräuchte ein Amen, einen Segen...)


    So dacht ich

    Lieber Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (12.08.2019 um 20:29 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  4. #4
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    Es geht also um Liebe und Einsamkeit und um die Auffassung, das das Böse durch die Liebe geheilt werden kann.
    Ja, das habe ich schon verstanden, aber wenn du meinst:

    Das alles ist Kindern natürlich nicht vermittelbar und ich habe den Text auch mehr für Erwachsene als für Kinder geschrieben.
    frag ich dich, warum schreibst du dann ein Märchen schreibst, um gegen Vorurteile anzugehen?

    Kinder spürten ganz unmittelbar, was da los ist. Nur wir Erwachsene müssen es aufdröseln, um eine intellektuelle Botschaft herauszufiltern, wie:

    Das Böse, das Destruktive, hat keine eigene Substanz, sondern ist nur die Abwesenheit des Guten in letzter Instanz ist es die Gottferne.


    LG
    albaa

  5. #5
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    frag ich dich, warum schreibst du dann ein Märchen schreibst, um gegen Vorurteile anzugehen?
    Welche Vorurteile meinst Du denn, albaa, vielleicht Vorurteile gegen alte, verschrobene, böse Menschen? Auch, ein bisschen schon. Kafka sagte, Literatur soll die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Der Meinung bin ich auch und es wäre schön, wenn die Literatur dazu beitrüge, dass wir alle etwas weniger kaltherzig & verurteilungssüchtig also einfach menschlicher miteinander umgingen.

    Ja ich glaube wie Du, dass die Grundbotschaft des Märchens auch Kinder verstehen können ohne sie intellekuell ausbuchstabieren zu müssen. Was sie allerdings nicht verstehen sind die literarischen Traditionsbezüge dieses Textes. Schon "ein Märchen aus der neuen Zeit" ist eine Anspielung auf E.T.A. Hoffmans Märchen der Der goldene Topf, das vom Autor gleichfalls als "Märchen aus der neuen Zeit" bezeichnet wird.

    Die Geschichte knüpft also an an die Tradition des romantischen Kunstmärchens, das dazu bestimmt war, von Erwachsenen gelesen zu werden. Näherhin hatte ich mir die Märchen Hans-Christian Andersens zum Vorbild genommen. Der scheute vor keiner Sentimentalität zurück und zähneknirschend habe ich die Episode von Anettes Grab auf dem Hauptfriedhof hingeschrieben , der versah manchmal seine Geschichten mit Gedichteinlagen von häufig sehr mäßiger Qualität und das habe ich deshalb auch gemacht (einschließlich der mäßigen Qualität).

    Und da wir schon in Dänemark sind: Ich wollte der gesamten Geschichte, auch wenn sie in Frankfurt spielt, irgendwie eine leicht nordische Atmosphäre vermitteln, ein bisschen Storm, ein bisschen Buddenbrooks, ein paar Moleküle Tonio Kröger: Die Beschreibung zunächst einmal intakter und wirtschaftlich gesicherter großbürgerlicher Verhältnisse mit einer entsprechend intakten Sprache, auf deren Schönheit Du ja hingewiesen hast.

    Also auch ein Text für Literaturnostalgiker und darum für Erwachsene, die sich an der (intelligenten?) Variation bekannter Muster erfreuen.

    So dacht ich

    Lieber Gruß
    Onegin
    Geändert von Onegin (13.08.2019 um 23:14 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

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