1. #1
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    du sollst nicht



    ich warf mich vor die hunde
    doch die wollten mich nicht
    und so drehte ich mich zur wand
    und saß

    saß und hell
    bröckelte es bei tag
    hell hörte ich in die nacht
    saß und dunkel
    (über mir verglühten steinbrocken im verklärten regen)
    dachte ich an meinen ungeschützten rücken
    hell war die nacht
    auch am meer würde es hell sein

    in einem land am pazifik zählten
    andere götter mich anders an
    meine Knochen
    sammelte vielleicht ein Schamane ein

    wirft sie in die luft
    und ich bin von bedeutung
    der schamane liest aus mir
    für kranke oder unglücklich liebende
    vielleicht

    hell ist die wand

    vor der wand
    sammle ich gedanken
    sammle sie für diesen moment
    sitze
    hell ist die nacht

    ich sammle nachtschatten

    was brauche ich noch?
    den reißzahn eines wolfs
    einen tropfen der giftspeienden tage

    das rauschen
    das anrollende rauschen
    dieses meeres aus leid und verzweiflung
    sein zurückweichen nach der flut - ebbe

    womit es endet
    womit alles endet beginnt
    ich brauche ein amen
    ein wort
    einen segen - gebote
    doch keiner ruft mir zu:
    du sollst nicht!

    hell ist die wand hell ist die nacht
    hell
    ich richte mir worte







    Geändert von albaa (13.08.2019 um 20:00 Uhr)

  2. #2
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    Liebe albaa

    vielleicht wird uns Dein Gedicht klarer, wenn man es im Zusammenhang mit dem vorausgegangenen (Ernte) liest. Zusammengenommen sind sie eine Kippfigur zwischen Extase und Verzweiflung, zwischen Liebe und Einsamkeit. zwischen Bei-Gott-sein und Gottesferne. Die religlöse Späre bleibt auch in diesem Gedicht aber als Leerstelle, die der Existenz des LI weder einen Sinn vermitteln noch irgendwelche Normen setzen kann. Somit ist für das Li der Weg in die Selbstzerstörung vorgezeichnet. "Ich warf mich den Hunden vor...."
    was brauche ich noch?
    den reißzahn eines wolfs
    einen tropfen der giftspeienden tage
    Das LI sitzt mit dem Kopf zur Wand, also an einem Ort, an dem man niemanden sehen kann und von dem aus es nicht weiter geht. Es ist sich im Klaren (es ist hell darüber geworden in der Hellsichtigkeit der Verzweiflung), dass das Endspiel seiner Existenz begonnen hat.

    womit es endet
    womit alles endet beginnt
    Und was macht es, bis das Meer es überrollt haben wird? Es richtet sich Worte. Ich habe mich gefragt, was das heißen soll. Ich vermute, das LI richtet sich Worte so wie sich andere Leute ihr Bett richten. Das kann nach allem zuvor Gessgten nur eine sehr prekäre Angelegenheit sein. Das Verschreiben von weißer Salbe. Dichtung als Palliativmedizin...

    Man könnte sagen, eines der vielen Depressionsgedichte in diesem Forum. Aber weil Du diese Verzweiflung nicht einfach herausschreist sondern in lyrischen Bildern fasst, verallgemeinerst und damit für uns öffnest, können wir uns nicht damit herausreden, dass uns das alles nichts angeht. well es sich nur um ein privates Tief handelt.

    Da hilft nur der Rainer Maria

    Jubel weiß und Sehnsucht ist geständig
    nur die Klage lernt noch, mädchenhändig
    zählt sie nächtelang das alte Schlimme

    Aber plötzlich, schräg und ungeübt
    hält sie doch ein Sternbild unsrer Stimme
    in den Himmel, den ihr Hauch nicht trübt.

    So dacht ich

    Lieber Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (13.08.2019 um 18:15 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
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    Hallo Onegin,

    Vielen Dank für dein Eintauchen in diesen Text! Ich habe es sehr gern gelesen! Die Rezension ist besser als mein Text

    Vor allem auch wegen dem Rilke! Du meine Güte, wie schön ist das!? Warum fällt mir sowas das nicht ein!

    Liebe Grüße

    albaa
    Geändert von albaa (13.08.2019 um 18:12 Uhr)

  4. #4
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    Als ich den Rilke vorgekramt hatte, habe ich genau dasselbe gedacht, wie Du, albaa, wie schön ist das denn, warum fällt mir sowas nicht ein...

    "du sollst nicht" ist vielleicht nicht eines Deiner schönsten Gedichte, aber Schönheit ist vor allem in der modernen Lyrik kein absoluter Ausweis literarischer Qualität mehr. Außerdem gilt, dass Gedichte auch vor dem Hintergrund des Gesamtwerks eines Autors und nicht nur als Einzeltext gelesen werden sollten und dieses Gedicht fügt eben Deinem Gesamtbild als Dichterin eine wichtige Nuance hinzu.

    Lieber Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  5. #5
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    Danke für deine tröstenden Worte! Aber ehrlich gesagt, mag ich den Text hier trotzdem


    LG
    albaa
    Geändert von albaa (13.08.2019 um 19:45 Uhr)

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