Seite 3 von 3 Erste 123

Thema: Dichter sein

  1. #31
    Registriert seit
    Aug 2017
    Ort
    Retschow
    Beiträge
    664
    Hey albaa,

    danke für deine Antwort! Es ergibt aus dem Sinn des Dichters selbst tatsächlich keinen Sinn "Flügel" zu verwenden. Er würde den Sinn, den er sich dachte, damit völlig zerstören, ich verstehe deswegen diese Bedenken.

    Andererseits hatte ich meine eigenen Gedanken dazu, in denen die Flügel eben den Dingen, die ich nicht verstand, die Möglichkeit des "Aufbruchs" verleihen ... sehr simpel, ich weiß.

    Sicher habt ihr recht – Flügel wäre und ist abgegriffen, aber welche Rolle spielt die Abgegriffenheit?

    Milliarden Menschen sagen täglich "ich liebe dich" und das muss ebenso nicht anders heißen.

    Sei es drum!

    Liebe Grüße

  2. #32
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.300
    Sicher habt ihr recht – Flügel wäre und ist abgegriffen, aber welche Rolle spielt die Abgegriffenheit?

    Milliarden Menschen sagen täglich "ich liebe dich" und das muss ebenso nicht anders heißen.
    Ich denke man sollte Dichtung nicht mit einer Liebeserklärung vergleichen. Der Dichter sollte (schon wieder) bei klarem Verstand sein, wenn er schreibt

  3. #33
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.300
    Hallo ihr Lieben!

    @MiauKuh: Ich glaube, wir reden irgendwie aneinander vorbei. Ich versuche noch einmal meine Bedenken, was das Wort "Flügel" betrifft, zu erklären:

    Der Vergleich mit „Ich liebe dich“ ist vielleicht gar nicht so schlecht: Es kann sehr ernst und aufrichtig gemeint sein, aber auch einfach nur floskelhaft dahingesagt sei; denk auch an die englische Entsprechung, die fast völlig zur Floskel verkommen ist (?).

    Flügel als Symbol des Aufbruchs ist ja eine schöne Metapher, aber aus dem Gedicht wäre das nicht herzuleiten.

    Ich denke, dass wir Hobbydichter immer dazu neigen, Wortmaterial zu verwenden, das schon entsprechend (auch nur vermeintlich) lyrisch "aufgeladen" ist, sodass wir uns nicht extra um unsere Leser bemühen müssen, sondern ihnen bekömmliche Häppchen hinwerfen, die ihre Emotionen so ansprechen, dass unsere Werke gut verdaulich sind und wir daher auf ein "Like" hoffen dürfen. Das muss uns nicht bewusst sein, sondern wir wiederkäuen halt Altbekanntes und Bewährtes.

    Ich lasse einmal Benn sprechen: Der seraphische Ton ist unbedingt zu vermeiden. Wenn es gleich losgeht oder schnell anlangt bei Brunnenrauschen und Harfen und schöner Nacht und Stille… und ähnlichen Allgefühlen, ist das meistens eine billige Spekulation auf die Sentimentalität und Weichlichkeit des Lesers. Dieser seraphische Ton ist keine Überwindung des Irdischen, sondern eine Flucht vor dem Irdischen. Der große Dichter aber ist ein großer Realist, sehr nahe allen Wirklichkeiten – er belädt sich mit Wirklichkeiten, er ist sehr irdisch, eine Zikade, nach der Sage aus der Erde geboren, das athenische Insekt. Er wird das Esoterische und Seraphische ungeheuer vorsichtig auf harte realistische Unterlagen verteilen.“

    (aus Gottfried Benn: Probleme der Lyrik. Vortrag in der Universität Marburg am 21. August 1951)


    Dass ein Dichter also (engelgleich) Flügel haben könnte, sie sich die anderen ausborgen könnten, das ist schon sehr dick aufgetragen, oder?

    Bei einem "seraphischen Begriff" wie "Flügel" muss man halt schon rundherum "absichern" und herleiten, sonst könnten kritischere Leser das, was sie da als saftigen Happen hingeworfen bekommen, leicht für einen vergifteten Köder halten und ihn verschmähen (wie es mir mit deinem Vorschlag für dieses Gedicht erging. )

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (01.09.2019 um 14:11 Uhr)

  4. #34
    Registriert seit
    Mar 2019
    Beiträge
    301
    Hallo albaa, Hallo Miaukuh

    ich wollte noch auf einen anderen Punkt hinaus

    Portre of Benn, Gottfried

    Benn, Gottfried
    Wenn etwas leicht

    Wenn etwas leicht und rauschend um dich ist
    wie die Glyzinienpracht an dieser Mauer,
    dann ist die Stunde jener Trauer,
    daß du nicht reich und unerschöpflich bist,

    nicht wie die Blüte oder wie das Licht:
    in Strahlen kommend, sich verwandelnd,
    an ähnlichen Gebilden handelnd,
    die alle nur der eine Rausch verflicht,

    der eine Samt, auf dem die Dinge ruhn
    so strömend und so unzerspalten,
    die Grenze ziehn, die Stunden halten
    und nichts in jener Trauer tun.


    Es wurde ja kritisiert, dass in "Dichter sein" ein LI nicht erkennbar sei und es wurde gefragt, in welchem Verhältnis dieses fiktive oder in den Untergrund gegangene LI zu dem in dem Gedicht angesprochenen LD sehe. Was als kaum zu verstehende Schwierigkeit hingestellt wurde, ist in Wirklichkeit ein seit Jahrzehnten, was sag ich, seit Jahrhunderten eingeführtes und gängiges Verfahren, (siehe oben das Gedicht von Gottfried Benn, oder Gryphius: Du siehst, wohin Du sieht, nur Eitelkeit auf Erden...) Ein LI ist nicht erkennbar, wohl aber ein LD.

    Spricht hier ein LD mit sich selbst, wird hier eine zweite Person angesprochen, die aber im Gedicht als solche keine Kontur gewinnt. oder handelt es sich beim Du um den Leser, der angesprochen werden soll?


    Ich glaube, dass diese Fragen nicht all zu weit führen und zudem auch nicht besonders wichtig sind. Sinnvoller wäre es zu fragen, welche Funktion dieses Du hat. Meine Antwort lautet, mit dem Du will Benn die rein subjektive Sphäre eines LI überwinden und zu allgemeingültigen Aussagen vorstoßen. Also weg mit den Ich-Aussagen, hin zu Formeln, die schlechthin Gültiges ausdrücken. Damit dieses Spiel funktioniert, darf das LD nicht als konkrete Person erkennbar sein. Das LI wiederum muss sich in der Rolle eines Sprechers erschöpfen.

    Genau das hat auch "Dichter sein" versucht. In dem Gedicht geht es ja nicht um einen bestimmten Dichter und um den Grad, in dem er mit der Welt zerfallen ist, sondern um allgemeine Aussagen über das Dichten schlechthin.


    So dacht ich

    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

Seite 3 von 3 Erste 123

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. vom dichter-sein
    Von hawemundt im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 15.07.2013, 16:03
  2. Ich will ein Dichter sein!
    Von Apollon90 im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 14
    Letzter Beitrag: 31.01.2012, 19:30
  3. Der Dichter und sein Leser
    Von Walther im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 29.05.2011, 12:42
  4. Viele wollen große Dichter sein
    Von Lovelykathi im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 10
    Letzter Beitrag: 19.02.2010, 11:02
  5. Ein großer Dichter möchte ich sein
    Von hoeyo im Forum Diverse
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 27.07.2006, 23:05

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden