1. #1
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    Noch einmal zum Wohl...

    Wenn wiegende Gräser den Morgentau küssen,
    brach liegende Träume erwachen müssen,
    dann trink ich einen Tropfen Zeit.

    Wenn ziehende Vögel die Zeichen fliegen,
    sich blühende Kelche zur Erde biegen,
    dann sink ich ins leise Klopfen der Zeit.

    Wenn singendes Licht die Landschaft umschwebt,
    hell klingendes Grün das Walddunkel durchwebt,
    dann find ich Funken von Ewigkeit.

    Wenn fliegende Worte bunte Bilder weben,
    verschwiegene Orte zarte Liebe erleben,
    dann trink ich noch einmal auf Menschlichkeit...
    Geändert von macin (26.08.2019 um 08:23 Uhr)

  2. #2
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    Hallo macin,

    ich habe Dein Gedicht mit großem, allerdings sehr kritischem Interesse gelesen. Der erste Vers mit seinem daktylischen Rhythmus und der Zärtlichkeit des Küssens könnte einem zum Weiterlesen veranlassen, doch schon in Vers 2 wird der Leser durch einen Bildbruch leise enttäuscht. Die Träume werden gleichzeitig mit einem Feld und einer Person vergleichen (brach liegen/erwachen) Vers 3 erschließt sich mir nicht. Wenn das LI einen Tropfen Zeit trinkt und in sich aufnimmt dann bewegt es sich normalerweise außerhalb der Zeit. Deshalb empfinde ich das Bild auch als störend.

    Die Strophe 2 finde ich insgesamt besser gelungen. Der Flug der Vögel ist wahrscheinlich ein Abschiedszeichen, auch das Klopfen der Zeit ist als Vergänglichkeitszeichen dechiffrierbar. Strophe 3 "singendes Licht" ginge meiner Meinung nach nur dann, wenn Du mit Absicht absurde Bilder hättest verwenden wollen. Es gibt nämlich so leicht keine Brücke zwischen den Vorstellungswelten von Licht und Gesang. In Vers 3 Strophe 3 ist dann plötzlich nicht mehr von Zeit sondern von Ewigkeit die Rede. Das kommt einigermaßen wie Kai aus der Kiste. Themawechsel? Vielleicht willst Du eine Entwicklung von Zeit zur Ewigkeit hin skizzieren. Dann müsstest Du das aber durch rhythmische, oder sprachliche oder formale Änderungen viel stärker kenntlich machen. Die Parallelität der Strophen signalisiert dem Leser aber, dass es hier immer noch um dasselbe geht wie zu Anfang.

    In Strophe 4 missfällt mir das rumpelnde "große", das zu Begiinn festgelegte Rhythmuspattern wird massiv durchbochen, ohne dass dies durch eine neue Sinndimension gerechtfertigt wäre. Und warum um Himmels willen redest Du von Orten, die Liebe erfahren haben (unfreiwillig komisch). Du meinst natürlich Menschen, die dort Liebe erfahren haben. Warum schreibst Du es nicht hin? Das wäre viel lyrischer.

    Und zum Schluss kommt die "Menschlichkeit" ins Spiel. Im "noch einmal" wird noch einmal auf das Thema Vergänglichkeit/Abschied angespielt, Aber wir waren doch schon in der Ewigkeit? Erst Hüh dann Hott. Und was will denn jetzt die "Menschlichkeit". In den vorangegangenen Strophen war nur von einem einsamen LI die Rede, das sich in der Natur ergeht. Menschlichkeit entfaltet sich aber im Miteinander zwischen Menschen. Dem Leser fällt es darum schwer, nachzuvollziehen, welchen Anlass das LI hat, jetzt auf einmal auf "Menschlichkeit" zu trinken.

    Und zum Teufel macin Menschlichkeit ist eine kahle und pathetische Abstraktion! Warum trinkt das LI nicht auf seine Freunde oder auf seine früheren Geliebten. Dann wäre dieses Gedicht sehr viel menschlicher geworden...

    Insgesamt hat man den Eindruck eines irgendwie verwaschenen und inkonsequenten Textes, der das, was er will, nicht wirklich umsetzt. Wenn es in dem Gedicht eine Entwcklung gibt, wird sie durch die Gleichförmigkeit der Terzette gleichsam weggebügelt.

    Harter Tobak, ich weiß

    um Vergebung bittend,
    Onegin
    Geändert von Onegin (22.08.2019 um 18:36 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
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    Hallo Onegin,
    Danke für Deinen Kommentar, ich finde ehrliche und begründete Kritik völlig OK. Für mich wars zugegebenermassen ein Experiment diese Zeilen so hier ein zu stellen, es war für mich gerade stimmig, auch wenn ich mir in einigen Teilen sehr unsicher war. Ist fragwürdig, ich weiss. Jetzt könnte ich natürlich das Ganze einfach löschen, was aber fast schade wär, weil Du Dir mit Deinem langen Kommentar Mühe gegeben hast und wir mit diesem Gesamtwerk die Leserschaft gerade ein wenig unterhalten. Für mich sind die Bilder nach wie vor stimmig und aus verschiedenen Gründen gerade passend zu meiner Lebenssituation, vielleicht genau deshalb, weil sie unausgegoren und unperfekt und sogar ein wenig komisch sind..
    Noch zum Pathos von "Menschlichkeit": nach 35 Jahren Tätigkeit in sozialen Berufen,daraus folgenden unzähligen Geschichten und Begebenheiten mit Menschen und Schicksalen, nehme ich mir durchaus das Recht heraus mental und verbal auf Menschlichkeit anzustoßen, es entspricht meiner Lebenswirklichkeit!- und ist damit eine Hommage an all diese vielen, vielen Begegnungen!
    LG
    macin
    Geändert von macin (23.08.2019 um 09:23 Uhr)

  4. #4
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    Hallo macin,

    ich finde es hat etwas ganz leichtes und spielerisches... als hätten all die Worte eine gemeinsame Idee von Form und würden dann tänzelnd und Bilder malend ihren Platz darin finden.
    Es gibt nicht ein Wort, dass ich unpassend fände. .. z.B. Traktor, das wäre seltsam. Gibt es aber nicht.
    Die Zeilen, jede für sich... scheinen mir ihre freude an sich selbst zu leben.
    Ohne Erklärungsdrang. ..
    Was vorher tanzte und sich malte, das findet
    zum Ende hin, wie in einem Faden zusammen.
    Sich selbst in den Kelch gegossen.
    Der Taumel legt sich.
    Um dann angehoben zu werden.

    "Wenn fliegende Worte...
    verschwiegene Orte...
    dann..."

    So gibt es sich nochmal wieder. Ich mag es gern.

    Dank und Gruß, FellUndKnochen
    "Auch Luftballons, haben Platzangst"

  5. #5
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    Hallo FellUndKnochen,

    Danke für Deine Gegendarstellung und Wahrnehmung dieses kleinen Werkes. Ich könnte jetzt weiterhin versuchen zu erklären, warum das Ganze eben doch stimmig ist, mit Deinem Kommentar erübrigt sich das, denn so gibt einfach einen nicht ganz ausgegorenen, unperfekten Text, der verschiedenen Menschen verschiedene Inhalte und Erfahrungen ermöglicht und mehr will und wollte ich eigentlich nicht erreichen. Du hast das Leichte, Fragmentarische erkannt und beschrieben.

    Danke nochmal und LG
    macin

  6. #6
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    Dieses Gedicht bis hin zu dem leisen Ende berührt mich. Es lässt mehrere Deutungen des LIs offen. Aber feiert eindeutig das Leben.

    Ansonsten:

    Noch einmal zum Wohl...

    Wenn wiegende Gräser den Morgentau küssen,
    brach liegende* Träume erwachen müssen,... * Morgenträume sind nie leer, maulen meine Morgenträume!
    dann trinke ich einen Tropfen Zeit.

    Wenn ziehende Vögel die Zeichen** fliegen,...** in Keilen?
    sich blühende Kelche zur Erde biegen,
    dann sinke ich ins leise Klopfen der Zeit.

    Wenn singendes Licht die Landschaft umschwebt,
    hell klingendes Grün das Walddunkel durchwebt,
    dann finde ich Funken von Ewigkeit.

    Wenn fliegende Worte bunte Bilder weben,
    verschwiegene Orte große Liebe*** erleben,....*** Statt"große Liebe" wünschte ich mir etwas mehr konkreter Sinnlichkeit.
    dann trink ich noch einmal auf Menschlichkeit...
    Geändert von Artname (23.08.2019 um 11:14 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  7. #7
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    Hallo Artname,
    Danke für die Vorschläge und Deinen positiven Kommentar, ich habe die große Liebe zu zarter Liebe werden lassen, weil mich Dein Sinnlichkeitsargument überzeugt hat. Meine Träume liegen manchmal brach, daran finde ich auch nichts Schlimmes und für mich fliegen Vögel in Zeichen...trotzdem danke nochmal und
    LG
    macin
    Geändert von macin (24.08.2019 um 09:25 Uhr)

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