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    Ein Brief aus dem betrübten Herzen

    Mein lieber Sohn,
    acht lange Wochen hat es gedauert, bis mich Dein Brief erreichte und ich nun endlich weiß, dass es Dir gut geht im Land Deiner Sehnsucht und die Kängurus wohl doch nicht so gefährlich sind, wie ich immer geglaubt habe.
    Ich hoffe, dass mein Brief nicht so lange unterwegs ist wie Deiner, muss aber befürchten, dass die Umstände zu größeren Verzögerungen führen können.
    Du willst wissen, wie es uns in dem Lande geht, das für zehn Jahre Deine zweite Heimat war.
    Schon vor Deiner Abreise mehrten sich die Zeichen großer Veränderungen. Jetzt aber herrscht Krieg und alle Sicherheiten gelten nicht mehr. Der Krieg ist mit seinen Verwüstungen ausgebrochen und in seinem Gefolge bedrücken uns allerlei Krankheiten, herrscht allüberall Hunger und die Pest rafft zahllose Menschen dahin. Auch unsere Gemeinde ist auseinander gesprengt, ein großer Teil ist in die benachbarten Städte geflüchtet. Einige wenige fanden Zuflucht bei Verwandten, die leerstehenden Häuser haben Fremde in Beschlag genommen und von unseren gemeinsamen Bekannten ist nur eine Familie - Du erinnerst Dich bestimmt an die netten Nachbarns Timmermann mit ihrer hübschen Tochter - übrig geblieben. Von unseren unmittelbaren Nachbarn Schulze hörte ich, sie hätten in Krakow eine Bleibe gefunden.
    Vom Kriege gibt es nur Schreckliches zu berichten. Die ersten Monate waren noch erträglich. Als aber unsere Feinde aus dem Norden hier einfielen, brach eine furchtbare Not aus. Die Pest griff um sich und forderte über die Schlächtereien der Soldateska hinaus unzählige Todesopfer. In Sternberg, wo wir noch gemeinsam zum Markt gefahren sind, wohnt kein einziger Mensch mehr. In der Familie Hahn, die nach Röbel geflohen war, starben im Mai erst der Vater, dann sein ältester Sohn, im Juli Frau Hahn, während der Ernte ein Neffe, kurz darauf der zweitgeborene Sohn und vorige Woche raffte die Pest auch die jüngsten Kinder - drei Töchter und den kleinsten Sohn weg. Von der großen Familie Hahn sind in kurzer Zeit zwölf Menschen gestorben.
    Wir können uns alle noch keinen Begriff davon machen, wie furchtbar der Krieg und die Pest bei uns in Mecklenburg gewütet haben. Von den ehemals 300 000 Menschen sind höchstens 40 - 50 000 Einwohner übrig geblieben.
    Viele Dörfer sind gänzlich vernichtet und vom Erdboden verschwunden Im Amt Stavenhagen sind 30 Dörfer verwüstet und von den 5 000 Einwohnern sind noch 300 am Leben.
    Die Pest begann in Rostock und nicht genug der Schicksalsschläge: Es trat auch noch eine große Wassernot auf und forderte fast 800 Todesopfer. Von Rostock breitete die Pest sich im ganzen Land aus; in Neubrandenburg starben 8 000, in Güstrow 20 000 Menschen.
    Durch die unerträglichen Contributions und die Verwüstung der Äcker verschwanden Korn und Vieh aus dem Lande und der Preis des Getreides stieg auf das Zehnfache. Der Hunger kehrte ein. Fürchterlich sind die Leiden in manchen Städten. Hunde, Ratten, Mäuse, Holz und Baumrinde, ja sogar Menschenfleisch waren die Speise der Verschmachtenden. Eltern sollen, wie der Regierungschef in sein Tagebuch geschrieben hat, ihre Kinder gefressen haben.
    Was die Pest und der Hunger verschonte, fiel den Misshandlungen der Soldateska zum Opfer.
    Niemand wurde verschont, weder Alt noch Jung, weder Mann, Weib noch Kind, weder Hoch noch Niedrig. Besonders die Gebildeten und Gelehrten als Bewahrer von Sitte und Anstand waren zusätzlichen Gefahren ausgesetzt und viele büßten ihre Standhaftigkeit mit dem Leben.
    Viele wurden durch Martern zu Geständnissen gebracht. Stricke mit Knoten wurden den Unglücklichen ums Haupt gelegt und zusammen gedreht, bis die Augen aus dem Kopf hervor quollen. Mistjauche goss man in Menge in den Mund hinein und auf dem aufgetriebenen Bauch traten die entmenschten Krieger mit ihren Stiefeln herum, bis der ekle Trank wieder heraus lief - das Ganze nannte man Schwedentränke. Die Fußsohlen wurden mit Messern geritzt und mit Pfeffer und Salz eingerieben, Striemen Fleisches aus dem Rücken heraus geschnitten und was dergleichen Qualen mehr sind.
    Ja, so ist, mein Sohn, unsere beklagenswerte Lage.
    Du wirst verstehen, dass ich über die kleinen Misslichkeiten des Lebens nur herzlich lachen kann und mich inbrünstig nach Zeiten sehne, in denen aus Wasserhähnen trinkbares Wasser fließt, das Licht angeht, wenn man einen Schalter betätigt, in der Vorratskammer ein Stück Brot zu finden und die Sonne nicht von Brandwolken verdüstert ist.
    Freu Dich, mein Sohn, Deines Lebens und, wenn es hilft, bete für uns zu Jesus, dem Sohn des Pontius Pilatus!
    Dein Vater
    Geändert von Festival (25.08.2019 um 02:55 Uhr)

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