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  1. #31
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    Hallo!

    Ich denke, es ist wieder einmal an der Zeit für einige strenggebaute Uz-Strophen, zwecks Versicherung des Ur- und Schwerpunkts der Form; die folgenden fünf stammen aus Nikolaus Dietrich Gisekes "Der Herbst". "Thompson" ist dabei James Thompson; er hat zwischen 1726 und 1730 vier Gedichte über die Jahreszeiten geschrieben ("Seasons"), die, nach ihrem Bekanntwerden in Deutschland, eine Menge ähnlicher Gedichte deutscher Verfasser angestoßen haben.

    Still und gedankenvoll geht, von allen Musen begleitet,
    Ein Dichter durch das sich freuende Tal,
    Wie Thompson, der die Natur auf ihren Fluren besuchte,
    Und ihre Reizungen alle besang.

    Du fliehst den Dichter, o Herbst, und horchst auf seine Gesänge,
    Auf deines Freundes begeisterndes Lied.
    Sanftrauschend dankest du ihm; du rauschest durch die Gesträuche,
    Du rauschest über den spielenden Bach,

    Bis die entfliehende Sonn' und ihr noch buhlendes Auge
    Sich schamhaft hinter die Büsche verbirgt:
    Sie lacht noch einmal, und flieht, wie eine sittsame Schöne
    Aus des Geliebten Umarmungen flieht.

    Mit seiner silbernen Stirn sieht aus den Pforten des Aufgangs
    Der stille Mond in die Felder herab.
    Er kömmt; die Sterne mit ihm: doch keiner unter den Sternen
    Ist mit der Erde vertrauter als er.

    Jetzt schweigt die ganze Natur, nichts störet die heilige Stille,
    Als wenn verliebt sich ein Jüngling beklagt.
    Er seufzt am einsamen Bach, an melancholischen Ufern,
    Wo er sich ängstende Bilder erschafft.


    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (11.10.2019 um 06:57 Uhr)

  2. #32
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    Hi Ferdi, hier ein "reiner" UZ, LG

    https://www.gedichte.com/showthread....00#post1015000

  3. #33
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    Hi Ferdi, beim oberen Link ging ich noch auf deinen Kommentar ein , LG, und hier noch ein neuer Uz:

    https://www.gedichte.com/showthread....00#post1015200

  4. #34
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    Hallo!

    Hier noch einmal zu den Jahreszeiten, die sehr gegenwärtig waren in den damaligen Texten, vier Strophen aus Johann Adolph Schlegels "Verherrlichung des Schöpfers durch seine Geschöpfe" (insgesamt 18 Strophen lang), die auch Frühling, Sommer, Herbst und Winter zu diesen "Geschöpfen" zählen:

    Du, Frühling, besingest sein Lob aus hundertstimmigen Kehlen.
    In Wäldern weckst du der Vögel Gesang,
    Wenn in die erstarrte Natur dein allbelebender Odem
    Aufs neu balsamisches Leben ergießt.

    O Sommer, du predigest ihn. Mit Reichtum füllst du die Erde,
    Und aus der Fruchtbarkeit webst du ihr Kleid.
    Wer jauchzet nicht, wenn du das Land zu langem Wohltun begierig,
    Und seinem Schöpfer so ähnlich gemacht?

    O Herbst, du verkündigest ihn in deinen reifenden Früchten.
    Was gleicht der Wohltat des stärkenden Weins?
    Er scheuchet die Schwermut aus uns, und ruft die Freude zurücke;
    Und Greise trinken das Leben in ihm.

    Du preisest ihn, Winter, und tobst, dass nicht aus giftigen Nebeln
    Der Herbst uns grimmige Würger erzeugt.
    Die Saaten beschützest du selbst durch Schnee mit wärmenden Hüllen
    Vor deines Frostes ertötender Wut.


    Formbemerkung: In den großen Uz haben alle ersten Halbverse eine zusätzliche unbetonte Silbe, alle zweiten Vershälften nicht!

    Gruß,

    Ferdi

  5. #35
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    Hallo!

    Diesmal vier streng gebaute, aber dabei gereimte Uz-Strophen von Anna Louisa Karsch, die in "An Uz" nicht nur die Form verwendet, sondern auch den Erfinder der Strophe anredet und mit dem ersten Vers das uzsche Erstgedicht auch inhaltlich aufruft ( das beginnt "Ich will, vom Weine berauscht, die Lust der Erde besingen"), danach aber vor allem über sich redet, unter Einschluss von Hinweisen auf Ludwig Gleim (der "liebende Freund" Uz' und Gegenstand der unerfüllten Liebe Karschs). "Felsenspringerin" meint Sappho, die sich aus unerwiderter Liebe von einem Felsen gestürzt haben soll. Ein knapper Text über die Dichterin von einem Dichter, Jan Wagner: Die deutsche Sappho.

    Du, der vom Weine berauscht die Lust der Erde besungen,
    Mir gab Apollo kein lyrisches Spiel
    Bespannt mit Saiten von Gold, doch sind mir Lieder gelungen;
    Süßklingend sang ich der Seele Gefühl.

    Mich hört der eiserne Held, mir horcht der ernste Gesandte
    Herunter kommend vom Stuhle des Herrn,
    Auch höret meinen Gesang, wer sonst die Muse verkannte,
    Des Geizes Priester vernehmen ihn gern.

    Mir gab dein liebender Freund der Felsenspringerin Laute,
    O, ihn nur denken wird süßer Gesang
    In der ganz sapphischen Brust; der Liebesgötter Vertraute
    Ward ich und habe die Herzen in Zwang!

    Mich fühlt der wankende Greis, die abgelebte Matrone,
    Mich horcht der Jünglinge klopfendes Herz.
    Das Mädchen fürchtet den Pfeil! Er rauscht im sapphischen Tone
    Laut, wie im Uzischen Liede voll Scherz.


    Gruß,

    Ferdi

  6. #36
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    Hallo!

    Ich denke, es ist an der Zeit, den Faden auslaufen zu lassen. Wie am Anfang bemerkt: Die Uz-Strophe scheint mir einmal reizvoll, dann aber auch für die Gegenwart geeignet. Deswegen wolle ich sie vorstellen und habe das über fast 30 Einträge auch getan, leider ohne dass meine Einschätzung geteilt worden wäre (von His Ausnahme abgesehen). Das ist nun nicht weiter schlimm, bedeutet aber wohl, dass ein Schlusspunkt angebracht ist?! Ich werde also in zwei Wochen, am letzten Oktobertag, diesen Faden löschen; wer ihn für den eigenen Gebrauch, sei es ganz oder in einzelnen Einträgen, weiterhin verfügbar haben möchte, sollte bis dahin kopierend-sichernd tätig geworden sein. Über kurz oder lang werden sich die Inhalte, noch verändert und vertieft, aber auch beim Verserzähler einfinden.

    Hier noch der Anfang von "An Herrn Hauptmann K." von Johann August Weppen; wieder gereimt, in der rhythmischen Gestaltung aber ziemlich frei, und das auch in Hinblick auf die Zeilensprünge!

    Wie oft in blauer Ferne Gewitterwolken sich türmen,
    Bei stillem Himmel nur langsam sich nahn -
    Bald lauter murmeln - und kommen auf Flügeln von rauschenden Stürmen,
    Durchkreuzet von blendenden Blitzen, heran,

    So wittert uns jetzo der Krieg. Schon lässt sein Donner sich hören
    In Böhmens Gefilden, die oft schon durch ihn
    Erschüttert sind. Bereit, Germaniens Ruhe zu stören,
    Sah man dort Armeen zusammen sich ziehn.

    Bald werden auch unsere Krieger, Hannovers tapfre Soldaten,
    Ins Feld gehn, von schimmernden Waffen umglänzt,
    Wo Vaterlandsliebe, wo Durst nach lorbeerwürdigen Taten
    Die Stirn großmütiger Sieger bekränzt.


    Gruß,

    Ferdi

  7. #37
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    Hi Ferdi, danke, ich hatte grossen Spass mit deinem Faden hier und mit dann selber etwas H(h?)erumzuUzen, LG, Lorenz

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