1. #1
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.347

    Kein Sch ... (frei nach Shakespears Sonett 116)



    Ich steck' mich nicht an kleinen Geistern an,
    die mangels Herzblut keine Liebe schwören,
    die sich verändert, weil sie sich ändern kann
    und biegsam bleibt und nichts kann sie zerstören.

    Hellgrün sprießt sie, auf ewig Frühlingsgras,
    das auch Gewittergüssen widersteht,
    ist Fixstern, all der schönen Dinge Maß,
    sie kommt zurück, auch wenn sie morgens geht.

    Was kümmert Liebe schon die Zeit!?: Ja, Rosen-
    lippen schrumpeln und wir stolpern durch die Zeit
    wie Pausenclowns in viel zu weiten Hosen.
    Dennoch: Am Grabstein steht: „In Ewigkeit!“

    Ihr glaubt, dass ich mich irre? Dann nehmt das als Beweis:
    Bei meiner Liebe schwör' ich: Ich schreibe keinen Sch …



    Geändert von albaa (27.08.2019 um 20:20 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Mar 2019
    Beiträge
    336
    Nicht schlecht Frau Specht!


    Kleine punktuelle Meckereien: Vers 4 Strophe 2 wer ist der Er ? Adonis? Amor ? Narziss? oder der Fixstern? Dessen Wesen wäre es aber immer sn einer Stelle zu stehen , fix zu sein. Stroühe 3 Wortwiederholung Zeit

    Tippfehler mir und Kleiner Rumpler vorletzter Vers

    sehr schön dagegen die Clowns und die Liebe als Maß der Dinge

    "Was kümmert Liebe schon die Zeit" ist im Original übrigens meine Signatur hier im Forum


    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
    Registriert seit
    Feb 2006
    Ort
    Im Herzen des Vogtlandes
    Beiträge
    5.144
    @albaa


    Grüße,

    Hmm, habe paar Bedenken anzumelden.

    Zitat:

    Ich steck' mich nicht an kleinen Geistern an,
    ich steck mich nicht von kleinen Geistern an.

    Metrik:
    die sich verändert, weil sie sich ändern kann
    X X xXx, X x x Xx X /// 11 Silben??
    vorschlag:
    Die sich verändert, niemals fest sein kann


    Metrik:

    Hellgrün sprießt sie, auf ewig Frühlingsgras,
    Xx X x , x Xx XxX
    Vorschlag: So Hellgrün sprießt das frische Frühlingsgras/ Sie sprießt so hellgrün wie das Frühlingsgras.



    Metrik:

    Was kümmert Liebe schon die Zeit!?: Ja, Rosen- =OK, aber Zeile 2 ??
    X Xx Xx X x X x Xx
    lippen schrumpeln und wir stolpern durch die Zeit
    Xx Xx X x Xx X x X??


    Metrik:


    Ihr glaubt, dass ich mich irre? Nehmt das als Beweis:
    x X, x X x Xx? X x X xX: 12 Silben
    Ich schwör' bei meiner Liebe, ich schreibe keinen Sch …
    x X x Xx Xx, x Xx Xx X 13 Silben

    Return:
    Hmm,
    Die Bilder sind vielseitig und gut, von der Warte aus gesehen ok.
    Aber die liebe Metrik scheint auch bissel verliebt zu sein, grins.

    Tschüss.

  4. #4
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.347
    Hallo Onegin,

    Du hast mich ja mit deinem "Dichter sein" erst auf die Shakespear-Sonette gebracht. Und das war halt einfach eine Spielerei. Es gibt jede Menge Übersetzungen des Sonetts 116. Wobei mich keine so wirklich überzeugt hat. Originell fand ich allerdings die von Stefan George (1909); das ist irgendwie echt schräg:


    Man spreche nicht bei treuer geister bund
    Von hindernis! Liebe ist nicht mehr liebe
    Die eine ändrung säh als ändrungs-grund
    Und mit dem schiebenden willfährig schiebe.

    O nein- sie ist ein immer fester turm
    Der auf die wetter schaut und unberennbar.
    Sie ist ein stern für jedes schiff im sturm:
    Man misst den stand – doch ist sein wert unnennbar.

    Lieb' ist nicht narr der zeit: ob rosen-mund
    Und –wang auch kommt vor jene sichelhand.
    Lieb' ändert nicht mir kurzer woch und stund
    Nein – sie hält aus bis an des grabes rand.

    Ist dies irrtum der sich an mir bewies
    Hat nie ein mensch geliebt – nie schrieb ich dies.


    Ich hab die Schlampigkeitsfehler ausgebessert. Wie gefällt dir nun die Lösung vom Fixstern zurück zur Liebe. Ursprünglich meinte ich, dass der Fixstern, eben verschwindet, wenn es hell wird. Das Verschwinden ist also nur eine "Sinnestäuschung" - wir lassen uns halt leicht in die Irre führen

    Die Wiederholung von "Zeit" stört mich eigentlich nicht so, es gibt sogar eine Übersetzung mit dieser Wiederholung:

    Lieb‘ ist kein Narr der Zeit, ob Rosenmunde
    Und Wangen auch verblühn im Lauf der Zeit


    Friedrich Bodenstedt (1866)


    Ich habe das Gefühl, man kann mit diesem Text sehr frei umgehen, aber dieses "Love’s not Time’s fool", da muss man irgendwie den Nerv des Gedichts treffen oder man hat verspielt, wie der Bodenstedt da oben.

    George's Zugang ist zwar sehr sonderbar, aber da er so unmittelbar übersetzt, lebt sein Text irgendwie eben von dieser Faszination, die die Sprachunterschiede ausmachen. Ich kann nicht wirklich gut Englisch, aber Englisch ist für mein Gefühl eine Sprache mit der sich die Dinge leichter auf den Punkt bringen lassen, als im Deutschen.

    Aber ehrlich gesagt, es ist vom Klang her, einfach eine hässliche Sprache, auch wenn sich Shakespear - wohl dem italienischen Sonett-Vorbild folgend - offensichtlich redlich um Wohlklang bemüht. Ich habe mir gerade ein paar Vorträge des englischen Originals angehört, weil ich überhaupt kein Gefühl für die Betonung habe.

    Also lange Rede, kurzer Sinn: Ich kann weder Shakespear noch seinen Übersetzern das Wasser reichen, wollte aber was "Eigenes" finden. Ich könnte mir noch vorstellen - und ich frage dich auch ganz abseits vom Versbau/Metrum/Klang ganz ernsthaft, was hältst du davon? : ) :

    Ist Liebe reine Clownerie!? Ja, Rosen-
    lippen schrumpeln und wir stolpern durch die Zeit
    wie Pausenfüller in zu weiten Hosen.
    Dennoch: Am Grabstein steht: „In Ewigkeit!“




    Hallo Horst,

    Ja, das ist zweifellos kein jambischer Stechschritt, auch wenn ich mit deiner Lautschrift nicht überall konform gehe. Ich habe mir metrische Spielereien und/oder Freiheiten erlaubt. Allerdings hat das Original auch keinen "Stechschritt-Rhythmus":

    Sonnet 116 is an English or Shakespearean sonnet. The English sonnet has three quatrains, followed by a final rhyming couplet. It follows the typical rhyme scheme of the form abab cdcd efef gg and is composed in iambic pentameter, a type of poetic metre based on five pairs of metrically weak/strong syllabic positions. The 10th line exemplifies a regular iambic pentameter:

    × / × / × / × / × /
    Within his bending sickle's compass come; (116.10)
    This sonnet contains examples of all three metrical variations typically found in literary iambic pentameter of the period. Lines 6 and 8 feature a final extrametrical syllable or feminine ending:

    × / × / × / × / × /(×)
    That looks on tempests and is never shaken; (116.6)
    / = ictus, a metrically strong syllabic position. × = nonictus. (×) = extrametrical syllable.
    Line 2 exhibits a mid-line reversal:

    × / × / × / / × × /
    Admit impediments. Love is not love (116.2)
    A mid-line reversal can also be found in line 12, while lines 7, 9, and 11 all have potential initial reversals. Finally, line 11 also features a rightward movement of the third ictus (resulting in a four-position figure, × × / /, sometimes referred to as a minor ionic):

    / × × / × × / / × /
    Love alters not with his brief hours and weeks, (116.11)
    The meter demands that line 12's "even" function as one syllable.[3]
    (Quelle: en.wikipedia.org/wiki/Sonnet_116: Hab ichs jetzt richtig gemacht, Claudi?)


    Allerdings muss ich zugeben, dass mein Text nicht wirklich den fließenden Wohlklang des Sonett nachempfindet, obwohl ich versucht habe, klangliche Marker zu setzen - es ist halt einfach bescheiden laienhaft, aber mein Herzblut ist immerhin eingeflossen

    Danke für eure Gedanken und das ihr euch die Zeit genommen habt!

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (26.08.2019 um 20:56 Uhr)

  5. #5
    Registriert seit
    Mar 2019
    Beiträge
    336
    Liebe albaa,
    soso also Shakespeare hält sich nicht an das metrische Schema. (hoffentlich kriegt Ferdi das nicht mit Im Gegenssatz zu Dir liebe ich englische Verse und habe einen viel spontaneren Zugriff auf sie als zum Beispiel auf französische. probabilmente perche sono un tedesco senza radici italiani und nur ein armer biertrinkender und wälderhafter Nordeuropäer, ein Stiefkind der lateinischen Zivilisation. Das 116. Sonett und Deine Nachdichtung werde ich mir noch ausführlicher anschauen. Geduld: lov´s not times fool

    Lieber Gruß
    Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  6. #6
    Registriert seit
    Mar 2019
    Beiträge
    336
    Hallo albaa,

    An Deiner Nachdichtung des 116. Sonetts hat mir die Clownsstrophe am besten gefallen, weil sie die tolldreisteste und ausgelassenste ist. Ich meine auch, dass die Variante" ist Liebe nur Clownerie an sich die bessere ist, weil sie das Clowns-Thema noch früher aufnimmt. Aber dann würde die ikonische Wendung love´s not time´s fool entfallen und das wäre schade. Dass Liebe "Dauer im Wechsel" ist, (seufz! der unvermeidliche G.) hast Du auch schön hingekriegt. (das "ewig Frühlingsgras" wurde von mir nach einem ganz kurzen Moment des Befremdens gern akzeptiert)

    Ich habe mir überlegt, ob es nich ein Heidenspaß wäre, Sonette zu schreiben, die sich an Shakespeare erkennbar anlehnen, aber keine Übersetzung sein wollen, auch keine Nachdichtung, sondern eine sehr freie Varation mit möglicherweise ganz anderen Akzenten, popkulturell und fröhlich, mit der Lust, so einen Säulenheiligen respektvoll-respektlos vom Sockel zu holen und dem Leben zurückzugeben. (Also das, was Andy Warhol mit G. gemacht hat) Mit dem Couplet-Reim und den Clowns bist Du diesen Weg ja schon ein gehöriges Stück gegangen. Vielleicht probier ich das slebst auch einmal. Titel des Gedichts natürlich Shakespeare und Ich und dann freu ich mich auf die Kommentare

    So dacht ich

    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  7. #7
    Registriert seit
    Sep 2016
    Beiträge
    666
    hallo albaa,

    mit freude habe ich deine sonett-interpretation gelesen. allein die idee finde ich cool, vielleicht sollte ich sowas auch mal probieren. ob ich dann allerdings mutig genug wäre, das ergebnis hier zu posten?

    die sich verändert, weil sie sich ändern kann
    ist die überzählige silbe gewollt, quasi als beweis, dass sich etwas ändern kann? also mich stört sie irgendwie.

    Was kümmert Liebe schon die Zeit!?: Ja, Rosen-
    lippen schrumpeln und wir stolpern durch die Zeit
    wie Pausenclowns in viel zu weiten Hosen.
    Dennoch: Am Grabstein steht: „In Ewigkeit!“
    diese strophe ist meine lieblingsstrophe, weil sie so unbekümmert frisch und frech daherkommt.

    insgesamt kein sch..., den du da geschrieben hast.

    lg
    lilisarah

  8. #8
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.347
    Lieber Onegin,

    Danke für deine ergänzenden Gedanken zum Text. Zu hast dir ja mittlerweile den Spaß gemacht mit "Shakespear in Love", vielleicht ist das noch ein
    bisschen zu verhalten im Vergleich zu den hier geäußerten Absichten ausgefallen??

    Liebe lilisarah,

    Freut mich, wieder einmal von dir zu lesen und dass es dir gefallen hat. Ja, die Unregelmäßigkeiten sind durchaus Programm; aber nicht nur, um die Veränderung (von Liebe) darzustellen, sondern einfach um mehr nach Jetztzeit zu klingen.

    Freut mich, dass dich dich dieser Versuch inspiriert hat. Ich bin schon gespannt. Trau dich ruhig! Was sollte dir denn passieren!?

    Danke euch herzlich!

    Lieben Gruß
    albaa

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. P 1,2 - frei nach Luther -
    Von willibald im Forum Diverse
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 29.08.2009, 01:34
  2. Kein Sonett
    Von Agravane im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 24.06.2008, 17:21
  3. Kein Sonett!
    Von Medusa im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 17
    Letzter Beitrag: 18.07.2007, 08:17
  4. Kein Sonett!
    Von leporello im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 31
    Letzter Beitrag: 05.02.2006, 14:52
  5. Frei nach Darwin
    Von lalelu im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 15.09.2005, 19:13

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden