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  1. #16
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    @A.D.

    Die Polemik gebe Dir jetzt nicht zurück. Nur soviel: Ich fühle mich nicht als weißer Ritter der Autorin und spreche deswegen auch nicht in ihrem Namen sondern auf eigene Rechnung. Ich würde meien Interpretation dieses Gedichts im Notfall auch gegenüber der Autorin selbst verteidigen. Es gibt genug Fälle, in denen sich Künstler als sehr schlechte Interpreten ihrer eigenen Werke herausgetellt haben.

    @Verbslcarpaccio

    Ganz sachlich: "verdichten" verstehst du tendenziell als verknappen ("überflüssige" Wörter wegstreichen). Das ist aber meines Erachtens nicht oder nur am Rande damit gemeint. Gemeint ist in erster Linie das Aufladen der lexikalischen Bedeutung mit zusätzlichem Sinn.

    Beispiel: Eichendorff, das zerbrochene Ringlein.

    In einem kühlen Grunde

    Da geht ein Mühlenrad,

    Mein Liebste ist verschwunden,

    Die dort gewohnet hat.


    Sie hat mir Treu versprochen,

    Gab mir ein'n Ring dabei,

    Sie hat die Treu gebrochen,

    Mein Ringlein sprang entzwei.


    Ich möcht als Spielmann reisen

    Weit in die Welt hinaus,

    Und singen meine Weisen,

    Und gehn von Haus zu Haus.


    Ich möcht als Reiter fliegen

    Wohl in die blut'ge Schlacht,

    Um stille Feuer liegen

    Im Feld bei dunkler Nacht.


    Hör ich das Mühlrad gehen:

    Ich weiß nicht, was ich will -

    Ich möcht am liebsten sterben,

    Da wär's auf einmal still!

    Ganz kurz: Das LI hat seine Liebe verloren und kommt darüber nicht hinweg, verschiedene Existenzformen werden durchgespielt (da das LI seinem Elend entkommen will, haben diese etwas Schweifendes, Flüchtiges), keine trägt jedoch. Wenn es in der vierten Strophe heißt. Hör ich das Mühlrad gehn.... wird klar, es handelt sich nicht um irgendein Mühlenrad, das dem LI unangenehme Erinnerungen beschert. Das Mühlrad steht für ein sich Im-Kreis-drehen des LI, das aus seinem Schmerz nicht mehr herausfindet, das immer wieder von Neuem an diese Situation des Liebesverrats zurückverwiesen wird. Die einzige Möglichkeit, der Qual ein Ende zu machen, ist der Tod.

    Das einfache Wörtchen Mühlrad bekommt also zusätzlichen Sinn aufgeladen, steht jetzt für Umhergetrieben werden in einer ausweglosen Existenzkrise. Und das heißt meiner Meinung nach "verdichten". Wenn man dagegen Gedichte allzu sehr kürzt, verlieren sie sehr häufig den interpretatorischen Spielraum, in dem sie atmen können. Die Texte werden eindeutiger und damit fader und langweiliger. Das Verknappen führt also oft zu einer Sinn-Entleerung.

    Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (11.09.2019 um 08:14 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  2. #17
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    Hallo Onegin,

    "verdichten" verstehst du tendenziell als verknappen ("überflüssige" Wörter wegstreichen). Das ist aber meines Erachtens nicht oder nur am Rande damitt gemeint. Gemeint ist in erster Linie das Aufladen der lexikalischen Bedeutung mit zusätzlichem Sinn.
    Tendenziell beides: Verknappen, wo Überflüssiges drin steckt und Bedeutungsaufladung durch (passende) Metaphern, (aussagekräftigere) Synonyme, eigenschaftsandeutende Namen (Joseph Knecht), ... es muss halt nur zum Inhalt passen, und vielleicht gibt es auch sowas wie Bedeutungsüberladung, so wie es eine zu starke Verknappung gibt. Müsste man mal beobachten.

    lg VC
    Das System sagt, ich will das, aber ich will das nicht.
    Peter Arbeitsloser

  3. #18
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    Liebe Lyrikfreunde,

    vielen Dank für Eure Kommentare! Ich freue mich sehr, dass ich euch offenbar "guten" Diskussionsstoff geliefert habe. Vereinnahmt, zerreißt ihn, dafür ist er ja da.
    Nichtsdestotrotz erlaube ich mir an dieser Stelle mich selbst zu kommentieren.
    Eine Anapher sensu stricto war in der Tat nicht angedacht. Eine Wiederholung ist vorhanden, jedoch gestört. Nennen wir es den versuchten Ausdruck von gebrochener Kontinuität (wie bei.. Herzrhythmusstörungen), Gequältsein, Mattigkeit fern jeglicher Eleganz. Das Argument der wirkungsvoller Dichte unterschreibe ich (eigentlich) ohne wenn und aber. Aber: das Gedicht soll eben quläen, verstören, es soll nicht gefallen. Das lyrische Ich ist aufgewühlt, seine Gedanken folgen keiner Logik, sie kommen und gehen (wie die monierten "ese").
    Überhaupt kann man das Gedicht "klassisch" in Richtung Postliebestrauma interpretieren oder aber in Richtung körperliche Verletzlichkeit. Ich habe mich bewusst für "gebrochen" statt "versehrt" entschieden (was die zweite Ebene vielleicht zu stark kaschiert..) weil es so gewollt, so billig-pathetisch klingt, fast selbstmitleidig. "Es schlägt stark, unbeirrt" - das Mantra des lyrischen Ichs (ist es ein weinerliches? muss es sich so trösten?). "Dies´ gebeutelte Herz" - das lyrische Ich zeigt auf das Herz, als ob es ein Fremdkörper wäre, ein wundersames kaputtes Ding. Selbstentfremdung durch Selbstthematisierung. (Hier hatte ich spontan an das Herz-Jesu-Bild gedacht, was insofern interessant ist, dass ich weder religiös (schon gar nicht christlich) bin oder erzogen wurde. Spannend zu sehen, wie viel Kulturgut in einem steckt.)
    Alles in allem: es war ein Versuch. Heute (gerade zwei Wochen nach dem ersten Versuch, du unbeständiges Herz) würde ich es wahrscheinlich etwas anders schreiben (auch ohne eure Kritik) Will sagen: vielen Dank für die Anregungen! (Es bleibt, wie es ist).

    Grüße
    Anna_Martha
    Geändert von Anna_Martha (11.09.2019 um 09:41 Uhr)

  4. #19
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    Leider bin ich erst jetzt auf diese Diskussion gestoßen.

    Mir fielen ebenfalls die vielen Anaphern auf. Alle nur auf "es". Meisten laut (Es), manchmal leiser (es) auf mich wirkend. Unterbrochen von anderen Versanfängen, die sich jedoch nie als Anaphern wiederholen. Sie wirken tatsächlich wie atonale bzw. rhythmische Störungen.
    Die Versanfänge wirken wie bewusst gestörte Harmonie auf mich.

    Verstärkt wird dieser unruhige Eindruck durch die Metrik bzw. Rhythmik der Verse. Der Rhythmus kommt nie ganz zu einer alternierenden Ruhe.

    Ganz anders die Wirkung von Arkadirs korrigierter Version. Die wirkt auf mich viel zu harmonisch, gemessen am Titel des Gedichtes.

    Auch ich frage mich (wie auch AD), ob der freie Vers ein erkennbares Gerüst besitzt oder braucht. Die Erklärung der Autorin ist so ein Gerüst für mich. Kein klassisch bewährtes, aber ein mit ihrer Hilfe erkennbares Gerüst..

    (Mir kommt das bekannt vor. Der Rapper Eminem arbeitet ebenfalls sehr stark anaphorisch, aber eben nicht mit identischen Worten, sondern mit ... Anfangsreimen in Form von Assonanzen. Das ähnelt von der Wirkung Anaphern, so wie es ME eine Wirkungsähnlichkeit gibt zwischen Endreimen und Epiphern.

    Auch ich fragte mich,

    - ob mir das Gedicht gefällt.
    - Ob die Autorin hier bewusst oder zufällig mit Formen spielt.

    Nun hat sie mich eines Besseren belehrt. Und zugleich ihr interessantes Gedicht in Frage gestellt. Warum das?

    P.S. Nachher ist man immer klüger, ich weiß. Aber mit der Antwort der Autorin entstehen neue Fragen. Und nun bin ich eben auch mit im Boot.
    Geändert von Artname (11.09.2019 um 16:43 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  5. #20
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    Hi Artname,

    Meisten laut (Es), manchmal leiser (es) auf mich wirkend.
    Was mir in diesem Forum immer mal auffällt, wie individuell die Leseart (Lautlesen) wohl ausfallen muss. Musst du mir mal erklären, wie laut, mittellaut bzw leise ohne "Regieanweisung" funktioniert , bis auf die dahingehend schwache Formel Hebung- Senkung evtl Zäsur oder Satzzeichen.
    Oben monierst du meine zu harmonische Version bzgl Titel. Da fehlt wohl noch der Interpret, der eigentlich nur das Werk vollenden kann. Wehmut, Verstörtheit, Erregung, Gleichgültigkeit, Sehnsucht usw. liegt vielmehr in der Stimme als in den Worten. Wir zeichnen unsere Bilder zwar mit der selben Farbe, doch betrachten sie alle in unterschiedlichem Licht.

    LG Uwe
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  6. #21
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    Zitat Zitat von Arkadier
    Was mir in diesem Forum immer mal auffällt, wie individuell die Leseart (Lautlesen) wohl ausfallen muss. Musst du mir mal erklären, wie laut, mittellaut bzw leise ohne "Regieanweisung" funktioniert , bis auf die dahingehend schwache Formel Hebung- Senkung evtl Zäsur oder Satzzeichen.
    Diese Frage kann ich sehr gut verstehen. Ich werde dir gern meine persönliche Gewichtung erklären. Von "laut" und "leise" unterscheide ich "betont" und "unbetont". Letzteres zähle ich speziell zur Metrik. Ersteres zu sonstigen prosodischen Erwägungen im Satz- bzw Versbau.

    Für mich gibt es 3 Stellen im Satz bzw. Vers, die besonders prominent sind: der Anfang, das Ende und die Stellen nach einer Zäsur. Nicht umsonst betonen manche rhetorische Wiederholungsfiguren eben Anfang und Ende (z.B. Anapher, Epipher, Anadiplose).

    Ein "Es" steht HIER bei mir für einen "lauten" Satz- und Versanfang. Ein leiseres "es" den Anfang nach einem Enjambement bzw einer Zäsur.

    Das sind meine subjektiven Begriffe und du hast völlig recht, sie zu hinterfragen! Tatsächlich überlege ich mir sehr genau bei einem geduldig entwickelten Gedicht, welches Wort ich auf den Anfang und das Ende sowie nach einer Zäsur setze.

    Das bedeutet natürlich nicht, dass sich eine Rezitation von diesen Erwägungen leiten lassen muss.

    Verständlich erklärt? Sonst frage ruhig weiter.
    Geändert von Artname (12.09.2019 um 00:02 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  7. #22
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    Nur durch das In-Frage-Stellen kommt man angeblich weiter. Zumindest ab und zu..
    Zugegebenermaßen fand ich meine eigene Reaktion (immer Kybernetik zweiter Ordnung!) etwas eigenartig..aber es ist auch interessant zu sehen, wie sich die eigene Sicht der Dinge ändert, wie man sich innerhalb von einigen Tagen weiter (oder vielleicht auch zurück?) entwickelt. Im Gegensatz zu Picasso werde ich das eigene Werk nun aber nicht vernichten..

    Danke für den Eminem-Hinweis!
    Grüße

    am

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