1. #1
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    Narrenprinz | 1/4


    Narrenprinz



    Der Narr hat sich kopfüber aufgehängt.
    Da schwingt er nun mit seinem schiefen Mund
    und blickt herab auf einen kargen Grund,

    bis dass der Wind den letzten Tanz ihm schenkt.

    Bis dass die Glut den letzten Halm versengt
    und nur noch Asche bleibt, ein Vagabund,

    der auf den nächsten Windzug aufspringt und
    uns unter seinen Schattenumhang zwängt.

    Die einen blicken auf. Das muss das Ende sein,
    weil sie dort oben nur auf Schatten starren.
    Nur einer blickt herab und ist damit allein.


    Sein schiefer Mund ist lächelndes Verharren,
    denn in der Asche wächst ein Blümelein.
    Die Schönheit liegt im Auge eines Narren.




    Narrenprinz | 1/4 , Scherbenprinz | 2/4 , Blutprinz | 3/4, Sternenprinz | 4/4
    Geändert von Anti Chris. (12.09.2019 um 16:06 Uhr)

  2. #2
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    hallo Anti Chris

    mich wundert das so eine schöne Sonette bisher unkommentiert bleibt, ich mag den lesefluss sehr
    alleine vom titel dezent beeinflusst muss ich an den Narren des Tarots denken und wie ich sehe ist es ein einleitungsstück von 3 weiteren stücken das eventuell in der Gesamtheit erst seinen kompletten Inhalt offenbart? das ist aber nur eine Vermutung und ich sehe es ja eventuell, oder auch nicht wenn ich mit allen 4 teilen durch bin ^^

    die 2 vorangehenden Quartette und die 2 nachstehenden Terzette zeigen auf, ja dies ist ein Sonett
    reimschema ist in einer art Umarmung verfasst a,b,b,a
    interessant hätte ich hier gefunden wäre das reimschema a.b.b,c gewesen, es würde das hängen lassen unterstreichen denn der Narr ist ja bekannt für seine unlogischen handlungen und irreführenden Aktionen
    in den Terzetten a,b,a wobei auch hier ein a,b,c sprachlich sicher interessant gewesen wäre
    aber das wäre wahrscheinlich nur meine eigene herangensweise gewesen

    wunderschön fließende Alexandriner
    erstes Quartett
    die These/ verloren und kopfüber hängend, aussichtslos, er ist passiv wie ein Windspiel und fremde/höhere Kräfte leiten ihn, der mund ist verzerrt was auf unnatürliche umstände hinweist, entweder geöffnet zum schreien oder wehklagen, der letzte tanz des windes kann auf eine eintretende Ohnmacht zurückzuführen sein, der narr nimmt nicht mehr aktiv am geschehen teil
    interessant ist auch die Tatsache dass der narr sich augenscheinlich in z1 selbst aufgehängt hat, es war keine Hinrichtung, vermutlich eher selbst mord?

    zweites Quartett
    die Antithese/ ein nahendes feuer droht alles zu verschlingen, Scheiterhaufen, wo asche ist, da ist auch rauch und den rauch als Vagabunden darzustellen ist eine schöne Metapher, willkürlich und alles umfassend bzw einnehmend legt der rauch sich über das lyr.ich und hüllt es ein, ob einnehmend oder schützend ist unklar

    meine Vermutung ob ein offenes reimschema a,b,b,c inhaltlich auch sinnvoll gewesen wäre wird im bezug auf den umarmenden rauch der verhüllend dargestellt wird entkräftigt, das reimschema a,b,b,a ist durchaus passend und sinnvoll

    Synthese aus
    erste Terzette
    schaulustige haben teil am geschehen, sie blicken auf zum Narren und ergözen sich am feuer und versuchen hinter den rauch zu schauen, hinter die Fassade? es wird vermutet dass das leben sein ende gefunden hat, aber trotzallem blickt jemand auf sie alle herab
    auf hinblick des narren der sich im ersten Quartett z1 selbst aufgehängt hast, sind es weniger teilhaber am feuer, sondern schaulustige die das geschehen interessiert beobachten ohne hilfe zu leisten, sie lassen ihn hängen

    zweiter Terzette
    zeit ist verstrichen, die zweite Terzette beschreibt einen Moment der nach dem Scheiterhaufen betrachtet wird
    der narr hängt, er ist tot, doch aus dem Tod heraus entspringt neues leben, und der blick des narren ist auf dieses leben gerichtet und ist Augenzeuge dieser Schönheit
    der schiefe mund zeigt, anders als ich dachte, dass der narr schon im ersten Quartett lächelte, er war von anfang an über die Situation erhaben und tat was er am besten konnte, dem ende vom anfang (neues leben in form einer blume) lächelnd entgegen blicken

    aus tot entspringt leben und es liegt immer im auge des Betrachters

    weiter noch, aber unausgesprochen, könnte das blümelein für einen eigenen Schössling stehen, es steht nicht im Kontext aber die frau des narren könnte mit seinem neugeborenen unter dem gehängten narren stehen und sein Kind in den armen halten

    der titel narrenprinz wird dem stück gerecht, es hängt kein einfacher narr, er war erhaben und stand über den dingen
    sehr gerne gelesen und ein wunderhübscher start einer 4er reihe

    lg Mythenfreund

  3. #3
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    Moin Mythenfreund,

    endlich habe ich etwas Zeit und Muße, dir, so hoffe ich, adäquat zu antworten.
    Ich habe schon gesehen, du hast tatsächlich jeden meiner 4 Prinzen kommentiert.
    Dafür vorab schonmal ein riesen Dankeschön.
    Ich bin mir nicht sicher, ob ich die alle jetzt in einem Rutsch beantworten kann!


    Zitat Zitat von Mythenfreund Beitrag anzeigen
    hallo Anti Chris

    mich wundert das so eine schöne Sonette bisher unkommentiert bleibt, ich mag den lesefluss sehr
    alleine vom titel dezent beeinflusst muss ich an den Narren des Tarots denken und wie ich sehe ist es ein einleitungsstück von 3 weiteren stücken das eventuell in der Gesamtheit erst seinen kompletten Inhalt offenbart? das ist aber nur eine Vermutung und ich sehe es ja eventuell, oder auch nicht wenn ich mit allen 4 teilen durch bin ^^
    Danke dir. Ja, ich habe mich bei allen 4 Texten am Sonett orientiert.
    Die sind auch in meinem Werkverzeichnis in dieser Kategorie aufgeführt, aber es bleibt sicher streitbar, ob sie welche sind, eben weil ich das Spiel mit These, Anthithese und Synthese hier und da vielleicht etwas ausgereizt habe.
    4 Texte, von 1 bis 4 nummeriert, wobei ich sie nicht unbedingt chronologisch verstanden haben muss. Klar, der 4. ist irgendwie ein Verbindungstext für alle aber das liegt mehr in seinem Inhalt und meinen theoretischen Vorüberlegungen begründet.
    Dazu später (oder unter einem der anderen Texte) vielleicht mehr.


    die 2 vorangehenden Quartette und die 2 nachstehenden Terzette zeigen auf, ja dies ist ein Sonett
    reimschema ist in einer art Umarmung verfasst a,b,b,a
    interessant hätte ich hier gefunden wäre das reimschema a.b.b,c gewesen, es würde das hängen lassen unterstreichen denn der Narr ist ja bekannt für seine unlogischen handlungen und irreführenden Aktionen
    in den Terzetten a,b,a wobei auch hier ein a,b,c sprachlich sicher interessant gewesen wäre
    aber das wäre wahrscheinlich nur meine eigene herangensweise gewesen
    Ich finde deinen Gedanken zum Aufbrechen des Reimschemas speziell für diesen Text sehr interessant.
    Ich stimme dir zu, dass das für den Narren, der aus der Reihe fällt, sehr passend sein kann.
    Zu meinen eigenen Gedanken zum Narren komme ich am Ende nochmal.
    In den Terzetten habe ich bewusst nicht abc gewählt.
    Das wollte ich mir exklusiv für den Scherbenprinzen und die Spiegelung der Terzette aufheben.

    wunderschön fließende Alexandriner
    Zuviel der Ehre, es sind leider nur 5hebige Jamben, der Alexandriner hat 6 Hebungen und eine Zäsur in der Mitte.
    Gewöhnlich stehe ich sehr auf 6hebige Jamben, habe mich hier aber auch bewusst dagegen entschieden,
    weil diese große Schwere gegen das leichte Hin- und Herschaukeln des Narren arbeiten würde.

    erstes Quartett
    die These/ verloren und kopfüber hängend, aussichtslos, er ist passiv wie ein Windspiel und fremde/höhere Kräfte leiten ihn, der mund ist verzerrt was auf unnatürliche umstände hinweist, entweder geöffnet zum schreien oder wehklagen, der letzte tanz des windes kann auf eine eintretende Ohnmacht zurückzuführen sein, der narr nimmt nicht mehr aktiv am geschehen teil
    interessant ist auch die Tatsache dass der narr sich augenscheinlich in z1 selbst aufgehängt hat, es war keine Hinrichtung, vermutlich eher selbst mord?
    Eine schöne Interpretation. Ich bin froh, dass man es auf diese Weise lesen kann, da es mir wichtig war, im ersten Quartett die "Gedanken noch etwas baumeln lassen zu können"
    Sowohl, deine Ideen zum Mund und zum Wind passen dabei ganz wunderbar in mein Konzept!
    Genau, ein Mord war es wahrscheinlich nicht, denn ER hat SICH laut Text kopfüber aufgehängt.
    Rein bildlich hängt er also auch nicht an seinem Hals aufgeknüpft, sondern an seinen Beinen.
    Das ist, nachdem du das Tarot auch ins Spiel gebracht hast, übrigens die Pose des "Gehängten".
    Ich habe den Gehängten und den Narren für diesen Text als Inspiration genommen, insbesondere weil es zwei höchst missverstandene Karten sind und sie sich ganz wunderbar ergänzen und so meinen Schlusssatz quasi von selbst formuliert haben.

    zweites Quartett
    die Antithese/ ein nahendes feuer droht alles zu verschlingen, Scheiterhaufen, wo asche ist, da ist auch rauch und den rauch als Vagabunden darzustellen ist eine schöne Metapher, willkürlich und alles umfassend bzw einnehmend legt der rauch sich über das lyr.ich und hüllt es ein, ob einnehmend oder schützend ist unklar

    meine Vermutung ob ein offenes reimschema a,b,b,c inhaltlich auch sinnvoll gewesen wäre wird im bezug auf den umarmenden rauch der verhüllend dargestellt wird entkräftigt, das reimschema a,b,b,a ist durchaus passend und sinnvoll
    Man kann den Scheiterhaufen daraus lesen, wobei der sich selbst hängende Narr ja auch nicht aus einer Gewalttat heraus dort hängt. Er scheint es ja freiwillig, bewusst zu tun. In meiner Idee des Textes wäre aber durchaus auch ein menschengemachtes Feuer passend.
    Toller Gedanke mit dem umhüllenden Rauch, der das Reimschema unterstützt. So weit habe ich gar nicht gedacht
    Den "Schattenumhang" hatte ich auch deutlich bedrohlicher als nur umarmend vor Augen. In meiner Vorstellung, sollte es für alle außer dem Narren, fast apokalyptisch dahergehen, daher auch der deutliche erste Vers im folgenden Terzett.

    Synthese aus
    erste Terzette
    schaulustige haben teil am geschehen, sie blicken auf zum Narren und ergözen sich am feuer und versuchen hinter den rauch zu schauen, hinter die Fassade? es wird vermutet dass das leben sein ende gefunden hat, aber trotzallem blickt jemand auf sie alle herab
    auf hinblick des narren der sich im ersten Quartett z1 selbst aufgehängt hast, sind es weniger teilhaber am feuer, sondern schaulustige die das geschehen interessiert beobachten ohne hilfe zu leisten, sie lassen ihn hängen
    Hmm, ja und nein. Der Narr ist ja qua Existenz ein Schau- und Lustobjekt und in der Tat betone ich hier ja auch die Blickrichtungen.
    Rein textlich geht die der anderen aber nicht zum Narren sondern nach oben, in den Himmel. Während der Narr, positionsbedingt, genau entgegengesetz schaut.

    zweiter Terzette
    zeit ist verstrichen, die zweite Terzette beschreibt einen Moment der nach dem Scheiterhaufen betrachtet wird
    der narr hängt, er ist tot, doch aus dem Tod heraus entspringt neues leben, und der blick des narren ist auf dieses leben gerichtet und ist Augenzeuge dieser Schönheit
    der schiefe mund zeigt, anders als ich dachte, dass der narr schon im ersten Quartett lächelte, er war von anfang an über die Situation erhaben und tat was er am besten konnte, dem ende vom anfang (neues leben in form einer blume) lächelnd entgegen blicken

    aus tot entspringt leben und es liegt immer im auge des Betrachters

    weiter noch, aber unausgesprochen, könnte das blümelein für einen eigenen Schössling stehen, es steht nicht im Kontext aber die frau des narren könnte mit seinem neugeborenen unter dem gehängten narren stehen und sein Kind in den armen halten
    Der Scheiterhaufengedanke ist nun natürlich konsequent weitergedacht. In meiner Vorstellung ist der Narr allerdings gar nicht gestorben. Er war nie in Gefahr, bzw. er hat die ganze Situation gar nicht so wahrgenommen wie alle anderen.
    Während alle verängstigt, erstarrt waren, hat er die Schönheit und Kostbarkeit im Moment gesehen.
    Er hat gesehen, worauf es wirklich ankommt, während alle anderen ihren Blick in die falsche Richtung wenden.
    Daher auch der schiefe Mund, der von Anfang an ein Lächeln war. Das sollte hier für den Leser aber zu Beginn auch noch nicht klar sein. Es geht eben um die Perspektive. Und wenn einer kopfüber hängt, sieht jedes Lächeln doch eher schief aus^^

    Ich mag deine Idee des Phönixgedanken, und auch die familiäre Hintergrundgeschichte.
    Ich glaube, dafür gibt der Rest des Textes an sich zu wenig her, aber es wäre doch ein sehr versöhnliches Bild, wenn der Narr, im Fall des Versterbens, etwas hinterlassen hat, das weiterwächst.


    der titel narrenprinz wird dem stück gerecht, es hängt kein einfacher narr, er war erhaben und stand über den dingen
    sehr gerne gelesen und ein wunderhübscher start einer 4er reihe

    lg Mythenfreund
    Ich danke dir, das war die Idee. Der Narr (und auch der Gehängte) ist einfach nur missverstanden. Tatsächlich hat er aber eine Perspektive auf die Dinge, die vielleicht für alle anderen gar nicht so falsch wäre.

    Übrigens: Ich habe mich mit der Auswahl des Unterforums sehr schwer getan.
    Die Texte sollten innerhalb eines Forums zusammenliegen aber in ihrem Kern haben sie durchaus recht unterschiedliche Thematiken.
    Trauer und Düsteres kann eine allgemeine Grundstimmung sein, bei den verschiedenen Texten habe ich durchaus aber auch geschwankt sie unter "Gesellschaft", "Nachdenkliches" und auch "Natur" einzuordnen. Welche Texte welche Kategorie haben sollten, sage ich nun natürlich nicht

    Ich danke dir ganz herzlich für diese sehr ausführliche Auseinandersetzung und deine vielen Gedanken zum Text.
    LG AC
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