1. #1
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    Scherbenprinz 2/4


    Scherbenprinz



    Ich seh' in diesem Bild die schönen Sterne.
    Sie woll'n mich greifen, halten und mich leiten,
    in diesem Rahmen meiner Möglichkeiten.
    Ich öffne meine Arme für die Wärme.

    Und dieses Glück, was braucht's dafür? Braucht's Scherben?
    Braucht's meine Hand und einen schweren Stein?
    Ich wünsch', ich wünsch', ich wünsche mir ...

    Ich wünsch', ich wünsch', ich wünsche mir ...
    Ach, würde es doch nur so einfach sein,
    ich nähm' die Scherben und würd' glücklich sterben.

    Doch stürbe ich, fühlt' ich mich nur noch ärmer,
    wenn meine Augen im Hinuntergleiten
    mich ganz alleine säh'n auf dieser Seite.
    Ich stehe neben mir und war nie ferner.



    Narrenprinz | 1/4 , Scherbenprinz | 2/4 , Blutprinz | 3/4, Sternenprinz | 4/4
    Geändert von Anti Chris. (12.09.2019 um 16:06 Uhr)

  2. #2
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    hallo anti Chris

    entgegen dem Narrenprinzen 1/4

    sehe ich in diesem Sonett eine auf die gesamtform übertragene Umarmung die Quartette (These/Antithese) stehen zu anfang und zum ende des textes und umarmen die Terzette (Synthese)
    das reimschema der Quartette a,b,b,a
    das interessante ist das reimschema der Terzette, wie ein spiegel scheinen sie dargestellt zu sein, a,b,c,c,b,a wobei c offen ist durch ein leises wünschen/hoffen dargestellt, es wirkt reversibel und lässt mich vermuten das Quartett 1 bis Terzette 1 nun einen Umkehrschluss im Inhalt darstellen

    1 Quartett/ These
    ein Moment wird beschrieben, ein Betrachtung, die schön formuliert ist aber noch wenig aussage beinhaltet außer die welt ist schön und man möchte alles umarmen, alles festhalten in dem Moment und an einem warmen ort verwahren, es im herzen halten

    1 Terzett
    2 Terzette
    sind als ganzes zu betrachten, da sie den Moment reflektierend wiedergeben, als würde man 2 welten betrachten
    zum einen die These/Realität bis hin zur Reflektion, eine Gegenüberstellung
    aus dem ersten Terzett wird eine Vermutung aufgestellt, etwas muss zerbrechen um das glück zu finden, ein zur tat schreiten und ein selbstzerstörerischer akt wird beschrieben, dabei kommt mir ein Bibel zitat in den sinn

    "wer unter euch ohne sünde ist, der werfe den ersten stein"

    entweder ich überinterpretiere, oder das lyr.ich ist voller sünde
    denn der stein wird nicht geworfen, es geht nichts zu bruch, es wird nur ersichtlicher das alles auswegloser erscheint

    2 Terzette
    sie fängt mit dem ende der 1 Terzette an und steht für das reflektieren eines spiegels auf das leben des lyr.ich
    er betrachtet sich, er reflektiert, erwägt seinen eigenen Tod durch eigene Hand mit hilfe einer spiegelscherbe

    2 Quartett/ Antithese
    ein leichtes erkennen wird ersichtlich, ein selbst in frage stellen, ein Hoffnungsschimmer?
    lyr.ich weiß dass es alles verlieren würde das ihm bis hierhin tatsächlich lieb und teuer ist und dazu könnte er sich selbst nicht mehr mit erhobenen Hauptes in die augen schauen, würde er sich selbst ein einfaches ende bereiten, ein metaphorisches herabblicken auf sich selbst, die Achtung vor sich selbst ist ihm sehr wichtig was mich vermuten lässt dass er die Achtung anderer ihm gegenüber eventuell verloren hat
    dass er neben sich steht und sich doch ferner ist als nie zuvor zeigt dass er zwar am geschehen teil nimmt, aber den blick wie in Quartett 1 z1 nachwievor in die ferne richtet, als einen hinweis auf das verlieren seiner selbst
    und auch da sehe ich in form zum Inhalt eine reflektierende Umarmung

    und ich liebe diese wellenartige sprache, wunderschön
    lg mythenfreund

  3. #3
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    Moin Mythenfreund,

    auf in Runde 2


    Zitat Zitat von Mythenfreund Beitrag anzeigen
    hallo anti Chris

    entgegen dem Narrenprinzen 1/4

    sehe ich in diesem Sonett eine auf die gesamtform übertragene Umarmung die Quartette (These/Antithese) stehen zu anfang und zum ende des textes und umarmen die Terzette (Synthese)
    das reimschema der Quartette a,b,b,a
    das interessante ist das reimschema der Terzette, wie ein spiegel scheinen sie dargestellt zu sein, a,b,c,c,b,a wobei c offen ist durch ein leises wünschen/hoffen dargestellt, es wirkt reversibel und lässt mich vermuten das Quartett 1 bis Terzette 1 nun einen Umkehrschluss im Inhalt darstellen
    Ich habs ja schon im Narrenprinzen angesprochen, ich bin nicht sicher, ob wir die Formalia des Sonetts in Bezug auf These-Antithese-Synthese hier sinnvoll anwenden können. Das hab ich hier recht durchgemixt, fürchte ich.
    Dem unbenommen bleibt natürlich deine Beobachtung der Anordnung: Ein Quartett und ein Terzett spiegeln sich mittig zu einem weiteren Terzett mit Quartett. Die Spiegellinie sollte hierbei dann natürlich auch inhaltlich markiert sein. Aber schauen wir einmal.

    1 Quartett/ These
    ein Moment wird beschrieben, ein Betrachtung, die schön formuliert ist aber noch wenig aussage beinhaltet außer die welt ist schön und man möchte alles umarmen, alles festhalten in dem Moment und an einem warmen ort verwahren, es im herzen halten
    Stimme dir da zu, es ist erstmal nur eine atmosphärische Beobachtung. Dachte das passt ganz gut, wenn es um einen Spiegel geht, in dem man sich, nun ja, beobachtet^^ Wichtig wäre mir aber noch Vers 3, da dieser, hoffe ich, ein wenig Salz in Friede, Freude, Eierkuchen streut. Gerade in Bezug auf den Spiegel bzw das Bild, und dessen Rahmen, in dem das lyrIch sich sieht. Ganz harmonisch ist das hoffentlich doch nicht Daher übrigens auch diese konkrete Stellung von Quartetten und Terzetten mit den starken Quartetten außen. Sie rahmen das Geschehen, sperren es in sich ein.

    1 Terzett
    2 Terzette
    sind als ganzes zu betrachten, da sie den Moment reflektierend wiedergeben, als würde man 2 welten betrachten
    zum einen die These/Realität bis hin zur Reflektion, eine Gegenüberstellung
    aus dem ersten Terzett wird eine Vermutung aufgestellt, etwas muss zerbrechen um das glück zu finden, ein zur tat schreiten und ein selbstzerstörerischer akt wird beschrieben, dabei kommt mir ein Bibel zitat in den sinn

    "wer unter euch ohne sünde ist, der werfe den ersten stein"

    entweder ich überinterpretiere, oder das lyr.ich ist voller sünde
    denn der stein wird nicht geworfen, es geht nichts zu bruch, es wird nur ersichtlicher das alles auswegloser erscheint
    Ja unbedingt, gerade durch den wiederholenden Vers entsteht ja gezwungenermaßen eine Verbindung.
    Deine Gedanken zum Terzett gefallen mir sehr gut. Habe da nichts hinzuzufügen.
    Den Bibelbezug hatte ich nicht direkt im Sinn, finde den aber durchaus passend.
    Reflektion, Gegenüberstellen, sich selbst reflektieren, ja. Es war mir wichtig, hier eine Form von Selbstbeobachtung und -findung darzustellen. Daher ist dieser Text, ganz anders als der Narrenprinz auch in der Ich-Form verfasst.

    2 Terzette
    sie fängt mit dem ende der 1 Terzette an und steht für das reflektieren eines spiegels auf das leben des lyr.ich
    er betrachtet sich, er reflektiert, erwägt seinen eigenen Tod durch eigene Hand mit hilfe einer spiegelscherbe
    Dem ist nichts hinzuzufügen.
    Interpretativ muss es natürlich nicht wirklich der krasse Schnitt, also der Tod sein, aber mit dem Vokabular spiele ich da natürlich.
    Möglich wäre natürlich auch eine euphemistischere Betrachtung in Bezug auf die Selbstfindung. Das lyrIch reflektiert sich, kommt zu einem Transformationsprozess, in dem das alte lyrIch natürlich "stirbt".
    Wobei das natürlich alles rein hypothetisch ist. Nur ein Gedankenspiel des lyrIchs. Darum der übermäßige Gebrauch des Konjunktiv II

    2 Quartett/ Antithese
    ein leichtes erkennen wird ersichtlich, ein selbst in frage stellen, ein Hoffnungsschimmer?
    lyr.ich weiß dass es alles verlieren würde das ihm bis hierhin tatsächlich lieb und teuer ist und dazu könnte er sich selbst nicht mehr mit erhobenen Hauptes in die augen schauen, würde er sich selbst ein einfaches ende bereiten, ein metaphorisches herabblicken auf sich selbst, die Achtung vor sich selbst ist ihm sehr wichtig was mich vermuten lässt dass er die Achtung anderer ihm gegenüber eventuell verloren hat
    dass er neben sich steht und sich doch ferner ist als nie zuvor zeigt dass er zwar am geschehen teil nimmt, aber den blick wie in Quartett 1 z1 nachwievor in die ferne richtet, als einen hinweis auf das verlieren seiner selbst
    und auch da sehe ich in form zum Inhalt eine reflektierende Umarmung

    und ich liebe diese wellenartige sprache, wunderschön
    lg mythenfreund
    Ja, das metaphorische Herabblicken trifft es sehr schön. Das war das, was ich eben im Terzett sehr umständlich formuliert habe
    Ich hab hier übrigens auch ganz banal an das "realistische" Bild gedacht: Wenn der Spiegel zertrümmert würde, und die Scherben Richtung Boden fielen, gleitet ja auch die ein oder andere Scherbe mit einer Spiegelung der Augen des lyrIchs herunter. "meine Augen im Hinuntergleiten"^^
    Auch den letzten Vers kann man sehr "realistisch" betrachten. Das lyrIch neben seinem Spiegelbild im Spiegel. Doch dieser Spiegel zeigt ja nur einen Bruchteil dessen, was das lyrIch wirklich ist. Dieses Bild ist so fern von der Realität.
    Diese Verfälschung wollte ich übrigens auch formal etwas darstellen. Habe deshalb einige unreine Reime eingebaut. In den Terzetten ist noch alles sauber, aber je weiter wir uns von der Spiegellinie entfernen, umso ungenauer werden die Reime, insbesondere in den äußeren Versen. Hab gedacht, da Reime ja ohnehin eine versübergreifende Spiegelung sind, passt dieses Spiel hier mit dem Inhalt ganz gut.
    Ich hoffe, das ist so auch irgendwie rübergekommen

    Danke erneut auch hier für deinen tollen Kommentar
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