1. #1
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    Wunsch und Gedanke


    Wunsch und Gedanke


    Wenn mich ein Strahl
    aus göttlichen Gefilden trifft,
    sei`s Zufall oder Gnade,
    die Sinne mir in Flammen setzt,
    dem Geist jenseits der Grenzen
    Flügel wachsen lässt,
    bis unter ihm Alltägliches
    dem Blick entschwindet,

    dann möchte ich dich dehnen,
    du Augenblick der Lust,
    weit über unsre Morgenröte,
    mir einreden, du seist
    ein Bote der Unsterblichen,
    der mir von ihrem Tische
    jene Speise bringt,
    die meinen Hunger stillt.
    Geändert von Carolus (07.10.2019 um 21:09 Uhr)

  2. #2
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    Moin Carolus,

    hm, find ich schwierig.
    Der Anfang macht es einem sehr schwer, in den Text reinzukommen.
    Du benutzt da sehr viele schöne, mächtige Wörter, aber die transportieren nicht unbedingt etwas.
    Möglicherweise war das dein Ziel, immerhin sind Wunsch, Gedanke, Geist und Unsterblichkeit ebenso wenig greifbar.
    Für meine poetische Befriedigung hätte es aber noch etwas mehr als elysische Gefilde gebraucht.

    Gehen wir in die Interpretation:


    Wunsch und Gedanke


    Wenn mich ein Strahl
    aus den elysischen Gefilden trifft,
    Zweierlei: Die elysischen Gefilde, in die griechische Götter ihre Lieblingshelden geschickt haben
    oder elysisch mehr als Umschreibung von etwas Vollkommenen, Glückseligen.
    So oder so, das lyrische ich scheint auserwählt. Der Traktorstrahl des Glücks beamt es hoch

    die Sinne mir entflammt,
    dem Geist jenseits der Grenzen
    Flügel wachsen lässt
    entflammte Sinne klingen schmerzhaft. Ich schätze, hier ist ein produktiver, schöpfender, musischer Prozess gemeint, das lyrische Ich kann erstmals wirklich wahrnehmen und steht darob in "Flammen".
    Naja, ich finde es nicht unwichtig immer auch die Semantik jedes Wortes zu berücksichtigen. und da steckt in der Flamme nicht nur das Licht der Schöpfung sondern auch Zerstörung und Aggression.
    Ich dachte auch an Drogen, die brennend wie dieser Strahl den Körper des lyrischen Ichs durchfahren.
    Aber die Flamme mag hier als schöpfend und zerstörend gleichermaßen passen, nachdem dieser Strahl das Wesen des lyrischen Ich zu verändern scheint und

    und unter mir Alltägliches
    sich immer mehr verkleinert,
    bis es unkenntlich,
    wie hier erkennbar, das Unliebsame auszulöschen, bzw. auszubrennen scheint.
    Die Droge lässt den Schmerz des Alltags/Lebens verschwinden?

    dann möchte ich dich dehnen,
    du Augenblick der Lust,
    Hier dachte ich, wir sind in der Erotik-Rubrik.
    Der erste Vers für sich klingt unanständig und gefällt mir auch mit dem Folgevers nicht mehr.
    Ich habe das Gefühl, es müsste auch eher ein ausdehnen sein. Da will das Metrum natürlich nicht mitspielen.
    Sei's drum, wie gesagt, ich lese weiterhin eher den aggressiven Akt der Auslöschung des Dagewesenen.
    Mit der Lust wird es nun sehr selbstzerstörerisch. Das sind die zwei Seiten des Drogenkonsums.

    Mit

    weit über unsre Morgenröte,
    denke ich außerdem aufgrund der farblichen Dimension an Blut, durch das die Drogen den ganzen Körper durchfluten.
    Morgenröte hat dabei eigentlich etwas sehr Harmonisches und Schönes. In meiner Leseweise stehen Semantik und sprachliches Bild also wiederum im Widerspruch.

    mir einreden, du seist
    ein Bote der Unsterblichen,
    einreden ist ja auch eher negativ konnotiert.
    Es ist eben nur so, als ob. Das lyrische Ich redet sich ein, die Drogen sind gut für es.
    Beim Boten des Unsterblichen denke ich an den Schmerz.
    Dieser ist ja oft für Menschen mit selbstverletzendem Verhalten ein Trigger, um zu spüren, dass man lebendig ist.

    der mir von ihrem Tische
    jene Speise bringt,
    die meinen Hunger für immer stillt.
    Das lyrische Ich braucht etwas sehnlichst, die Drogen.
    Der Bezug zum Essen impliziert, dass es lebensnotwendig ist.

    Inhaltlich bin ich wahrscheinlich ziemlich auf dem Holzweg, immerhin sind wir hier in "Liebe und Romantik".
    Für mich ist es aufgrund der Semantik der Wörter aber eher "Trauer und Düsteres".

    Dein Text ist am Ende für mich stärker als am Anfang.
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  3. #3
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    Hallo Anti Chris.,

    danke für deine anregenden Gedanken; sie helfen mir, deine wie meine Vorstellungen kritisch zu hinterfragen.

    Zum Anfang:
    Wenn mich ein Strahl
    aus elysischen Gefilden trifft


    Diesen Anfang würde ich der Intention wegen anders, deutlicher fassen, etwa folgendermaßen:

    Wenn mich ein Strahl
    aus göttlichen Gefilden trifft,
    sei`s Zufall oder Gnade,
    die Sinne mir in Flammen setzt,
    dem Geist jenseits der Grenzen
    Flügel wachsen lässt,
    bis unter ihm Alltägliches
    dem Blick entschwindet,


    Das lyr. Ich ist nicht "auserwählt". Es handelt sich hier um einen normalen Vorgang, den jeder erleben kann. Plötzlich überrascht ihn eine besondere Idee, ein Gedanke, der über das Gewohnte hinausgeht. Fragt er sich, woher dieser "Geistesblitz" kommt, vermag er i. d.R. keinen Grund anzugeben.

    die Sinne mir entflammt,
    dem Geist jenseits der Grenzen
    Flügel wachsen lässt


    Von hier ab nimmt deine Interpretation durch den Gedanken an Drogen eine Wendung, die am zentralen Kern des Gedichts vorbeigeht.
    "Ich dachte auch an Drogen, die brennend wie dieser Strahl den Körper des lyrischen Ichs durchfahren." schreibst du.

    und unter mir Alltägliches
    sich immer mehr verkleinert,
    bis es unkenntlich,


    soll heißen, die Begegnung mit dem Transzendenten verlieren die alltäglichen Dinge vorübergehend ihre Bedeutung. Es geht nicht darum, "das Unliebsame auszulöschen", noch weniger um Drogen, die " den Schmerz des Alltags/Lebens verschwinden" lassen. Hier geht es um eine Begegnung in der Liebe, wobei der/ die Liebende das Gefühl des Überzeitlichen erfahren und sehr wohl spürt, dass dies nur eine Ausnahmesituation sein kann, zugleich aber "Wunsch und Gedanke" weckt, das Glück möge weit über den Morgen anhalten. Der /die Liebende "redet sich ein", d. h., er bzw. sie macht sich bewusst etwas vor, möchte sich selbst täuschen, "der Augenblick der Lust" sei etwas "Unsterbliches"

    dann möchte ich dich dehnen,
    du Augenblick der Lust,
    weit über unsre Morgenröte,


    Du denkst "an Blut, durch das die Drogen den ganzen Körper durchfluten." an Selbstzerstörung, was hier nicht passt.

    der mir von ihrem Tische
    jene Speise bringt,
    die meinen Hunger für immer stillt
    . (Hier möchte ich die Worte "für immer" durch "für eine Weile" ersetzen.)

    Der "Bote der Unsterblichen" bringt allerhöchstens Nektar und Ambrosia, die Götterspeise, die das Verlangen nach Überzeitlichem, Jenseitigem, nach dem "ewigen Augenblick" stillen kann. Ich habe den Text bewusst unter "Liebe und Romantik" eingestellt. Von "Trauer und Düsteres" kann keine Rede sein, auch nicht von Drogen und deren Missbrauch.

    Nochmals ein herzliches Dankeschön für deine Mühe!
    Mit herbstlich melancholischem Gruß

    Carolus

  4. #4
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    @Carolus


    Grüße,

    Zitat:

    aus den elysischen Gefilden trifft

    in:

    aus sinnlichen Gefilden trifft

    weiter

    Zitat:

    dann möchte ich dich dehnen,
    du Augenblick der Lust,
    weit über unsre Morgenröte,


    in:

    dann möchte ich alles fluten,
    mit dir, Augenblick der Lust,
    weit über unsre Morgenröte,

    Return:

    Schöne Bilder,+ Fantasie. Da oben sind paar „Nachdenker“.

    Tschüss.

    Nachtrag


    Zitat:

    und unter mir Alltägliches
    sich immer mehr verkleinert,
    bis es unkenntlich,

    In


    bis unter mir alles Weltliche zerfließt
    und Erwacht der Sinn des Lebens
    des Gebens, des Nehmens- Liebe
    Geändert von horstgrosse2 (11.09.2019 um 22:41 Uhr)

  5. #5
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    Guten Abend, Horst

    du schlägst vor statt "aus elysischen Gefilden trifft" an die Stelle "aus sinnlichen Gefilden trifft" zu setzen. Dies geht aber an der zentralen Intention vorbei. Aus der Änderung der ersten Strophe dürfte dies klarwerden.

    Wenn mich ein Strahl
    aus göttlichen Gefilden trifft,
    sei`s Zufall oder Gnade,
    die Sinne mir in Flammen setzt,
    dem Geist jenseits der Grenzen
    Flügel wachsen lässt,
    bis unter ihm Alltägliches
    dem Blick entschwindet,

    Dein Vorschlag, "dann möchte ich alles fluten", enthält mir zu viel Wasser und birgt die Gefahr einer Überschwemmung sich. Mir ging es lediglich eine Potenzierung, Maximierung, Verlängerung des "Augenblicks" bis Ultimo.

    bis unter mir alles Weltliche zerfließt......... bis unter mir Alltägliches
    und Erwacht der Sinn des Lebens........ sich immer mehr verkleinert,
    des Gebens, des Nehmens- Liebe....... bis es unkenntlich

    Mit Augenzwinkern! In dein pastorales Schlusswort hast du diesmal, wie mir scheint, etwas zu viel Honig eingerührt. Oder?

    Lass es dir gut ergehen!
    Herzlichen Gruß

    Carolus

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