1. #1
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    Nichts drunter

    Herr Meier, vierundneunzig Jahre alt,
    betrat um Mitternacht den Zebrastreifen.
    Er war von kleiner, buckliger Gestalt
    und stets dieselbe Melodie am Pfeifen.
    So blieb er kurz noch in der Mitte stehen
    und wollte dann zur andern Seite gehen,
    doch Lasterfahrer Benni gab nicht acht,
    ist voll Karacho in den Mann gekracht
    und schleuderte ihn an den Strassenrand.
    Ein Pärchen sah es, rief die Rettungswacht
    und ging gleich weiter – er nahm ihre Hand.

    Herr Meiers Körper wurde alsbald kalt,
    man sah die Seele durch die Gegend schweifen.
    Sie machte erst auf Balkonhöhe halt
    und liess sich von dem kleinen Andi greifen.
    Der hatte sie zunächst im Traum gesehen,
    beschloss dann mutig, mal hinaus zu spähen,
    nachdem er von dem lauten Knall erwacht.
    Und siehe, wie in seinem Traum, ganz sacht,
    flog Meiers Seele als ein Lichtgewand
    wie selbstverständlich durch die kühle Nacht.
    Und eben, Andi, er nahm ihre Hand.

    “Komm rein zu mir, schlüpf durch den Fensterspalt!
    Du kamst hier hoch, jetzt kannst du nicht mehr kneifen”,
    sprach Andi, der als aufgeschlossen galt,
    zur Seele. Die begann darauf zu keifen:
    "Lass los! Dein Nachthemd kitzelt an den Zehen,
    die Mutter sollte dir Pijamas nähen.
    Ein Bub in einem Nachthemd, welche Pracht!
    Wer hat sich diesen Schwachsinn ausgedacht?"
    Da griff der Knirps zum Spiegel, der dort stand:
    "Schau her, auch dir hat wer ein Hemd gemacht."
    Er grinste und nahm wieder ihre Hand.

    Ihr Abbild hat die Seele aufgebracht.
    Sie zog sogar das Nacktsein in Betracht,
    doch Andi dachte ganz kurz nach und fand:
    "Da drunter bist du nur noch Luft; vermacht
    hat er dir nichts!" Sie drückte Andis Hand.

    L.A.F / gugol (ein chant royal)

  2. #2
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    Liebe Gugol,

    Ein 94jähriger, der mit einem Lied auf den Lippen das Zeitliche segnet, ist gut geeignet, dass man ja nicht auf die Idee kommt, traurig zu werden. Damit hast du schonmal eine gute Einleitung geschaffen für das heitere Szenario, das dann folgt: Ein kleiner unerschrockener Kerl, der eine grantige Seele an die Hand nimmt. Mit einer rührenden Geste am Schluss.

    Formal wie von dir gewohnt: glatt bestanden (einzig bei Balkonhöhe bin ich aus dem Takt geraten, bis mir einfiel, du bist Schweizerin und betonst das Wort ja sicher auf der ersten Silbe)

    Allerdings hab ich mich gefragt, was ein 94jähriger um Mitternacht auf dem Zebrastreifen macht. Er gehört um diese Zeit ins Bett.

    LG
    Richy

  3. #3
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    Hi Richy, WIR, gugol und L.A.F. (Hi, i), freuen uns ueber deinen positiven Kommentar, und ja, formal ist der Chant Royal eine Herausforderung und (fast) nur in Teamarbeit zu bewaeltigen. Genau, als Schweizer stehen wir auf dem BALkon. Der Chant Royal kann auch 5 Strophen haben, da koennten wir ja dann sagen, warum der Alte um diese Zeit noch unterwegs ist, obwohls ja eh ein Klischee ist, dass man mit ueber 90 frueh ins Bett gehoert. LG

  4. #4
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    Zitat Zitat von Hi, i Beitrag anzeigen
    Hi Richy, WIR, gugol und L.A.F. (Hi, i), freuen uns ueber deinen positiven Kommentar, und ja, formal ist der Chant Royal eine Herausforderung und (fast) nur in Teamarbeit zu bewaeltigen. Genau, als Schweizer stehen wir auf dem BALkon. Der Chant Royal kann auch 5 Strophen haben, da koennten wir ja dann sagen, warum der Alte um diese Zeit noch unterwegs ist, obwohls ja eh ein Klischee ist, dass man mit ueber 90 frueh ins Bett gehoert. LG
    Oh, Entschuldigung. Hi, i. Ich bin immer auf den, der postet, fixiert, nicht drauf, wer druntersteht... Richtig, dass du mich mit der Nase reintauchst.

    Na klar ist's ein Klischee. Klischees haben die Eigenschaft, sich in Köppen festzusetzen. So auch in meinem.

    LG
    Richy

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