1. #1
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    Optische Täuschung

    Bruno, welcher malt zu hause,
    hat eine schöpferische Pause
    und blickt daher nur stumpf und stier
    auf das leere Blatt Papier.
    Dieses weiße Blatt ist leer,
    groß weiß, ein weites Meer.
    Und sein Blick, so stier und stumpf,
    verliert sich in dem hellen Sumpf,
    wo, wie in einer großen Gischt,
    Weiss mit Weiss sich nur vermischt.
    Wo alles gleich ist, oder fast,
    verstärkt der Geist jeden Kontrast.
    Drum, während er den Blick versenkt
    und an nichts besond'res denkt,
    erscheinen, - es ist kaum zu glauben, -
    Konturen vor den stieren Augen.

    Bruno, welcher hoch zufrieden,
    dass dies Erlebnis ihm beschieden,
    gibt seinem Werk gleich einen Namen
    und hängt es auf in goldnem Rahmen.
    - „Gedachte Form!” - allein geschafft,
    aus Nichts, als bloßer Geisteskraft.

    Von dem Erfolge kühn gemacht,
    beschließt er in der ander'n Nacht,
    während ringsum alles pennt,
    folgendes Experiment:
    Am Himmel sucht, für alle Fälle,
    er eine völlig dunkle Stelle,
    an der man nichts erblicken kann,
    fixiert sie fest und starrt sie an.
    Sein Blick streift weit
    durch Raum und Zeit,
    sieht nichts in alle Ewigkeit.
    Doch, dass sein Geist etwas gebiert,
    er unverdrossen weiter stiert
    und endlich, sieht er dann im Dunkeln
    tatsächlich ein paar Sternlein funkeln.

    Bruno den tiefe Ehrfurcht packt,
    vor diesem neuen Schöpfungsakt,
    beschließt nun weiter nichts zu tun
    und schon am dritten Tag zu ruh'n

    Martin Kiehl (Erstfassung 28.11.2013, letzte Änderung 19.9.2019)
    Geändert von MartinKiehl (19.09.2019 um 00:54 Uhr) Grund: Anregende Kritik

  2. #2
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    Lieber Martin Kiehl,

    noch größer als Nichts zu tun erscheint mir die Fähigkeit, aus dem Nichts mir nichts dir nichts solch ein Gedicht zu zaubern, mit einer derartig hohen Aussagekraft. Ein kleiner Stern am dunklen Himmel neben Gedichten, wo die Aussagekraft eher dem Nichts entspricht. In den Betonungen und mit den Satzzeichen holpert' s noch etwas, was ausgewuchtet werden könnte. Der Charme deines Gedichtes besticht jedenfalls,
    Vorschlag :

    Bruno, welcher malt zu hause,
    macht nun eine Schaffenspause,
    blickt daher nur stumpf und stier
    auf das leere Blatt Papier.
    Dieses weiße Blatt ist leer,
    groß und weiß, ein weites Meer.
    Und sein Blick, so stier und stumpf,
    bohrt sich in den hellen Sumpf,
    wie in eine große Gischt,
    wo sich Weiß und Weiß vermischt ...

    Hierdurch z.B. käme die Betonung auf den Zeilenanfang zu liegen. Ich denke, auf diese Weise könnte dein Gedicht noch mehr Fahrt aufnehmen.
    sehr gerne gelesen, A.

  3. #3
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    Man sieht etwas in jemandem als Bild oder Sternbild was er oder sie gar nicht ist, sondern nur unser Geist der mehr sein will als Nichts und daraus etwas vollführt was mehr Erstaunen erzeugt als die völlige Desillusion bis zum bitteren Ende aller ungemalten Bilder.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  4. #4
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    Das ist wirklich ein herausragender Text. Besser kann man ein leeres Blatt Papier (oder ein leeres Word-Dokument) nicht füllen!

    LG
    k

  5. #5
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    Wozu wir ja nicht unerheblich beigetragen haben.
    Der Roman: "Verballistik"
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  6. #6
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    Hallo MartinKiehl,

    Ich finds auch klasse. Sehr witzig geschrieben.

    Und ich sah sofort eine Parallele darin: Die Zen-Meditation. Höchste Konzentration auf das Nichts in der Hoffnung, irgendwann zur großen Erleuchtung zu gelangen.

    Naja, der Bruno hat es schonmal geschafft. Er wurde von ein paar winzigen Sternchen erleuchtet (die natürlich er selbst geschaffen hat) und hat sich seine vorgezogene Ruhepause redlich verdient.

    LG
    Richmodis

  7. #7
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    Vielen Dank für die vielen netten Rückmeldungen.

    @Anjulaenga
    Danke für die Vorschläge zur Glättung. Ein paar der Vorschläge werde ich einbauen.
    Das und in Z3 kann man wohl weglassen, aber die ersten 4 Zeilen sollten in einer Einheit die Ausgangssituation beschreiben und sind flüssiger vorzutragen mit dem und, auch wenn dann der Auftakt von Z3 und Z4 verschieden ist.
    Dein Vorschlag: macht nun eine Schaffenspause, |blickt daher nur stumpf und stier
    hat mir klar gemacht, dass das ganze zu aktiv formuliert war.
    ursprünglich hiess es mal "hat eine schöpferische Pause", das passt besser zum stumf und stier blicken,
    was ja keine aktive Entscheidung sein soll, sondern ein stumpfen vor-sich-hin-stieren.

    Dein Vorschlag: Dieses weiße Blatt ist leer, | groß und weiß, ein weites Meer.
    das ist wirklich viel schöner. Werde ich gerne übernehmen, vor allem wenn man da lange Pausen läßt.

    Dein Vorschlag: bohrt sich in den hellen Sumpf, dito

    Die Vermischung von weiss in weiss sollte aber schon wie in einer Gischt sein.

    @Terrorist: Auch eine schöne Interpretation. Tatsächlich war der AUsgang des Gedichtes die optische Täuschung die unser Gehirn erzeugt, wenn sie Kontraste verstärkt und der Adaptionseffekt der Augen, wenn sie in totaler Finsternis sich anpassen und nach einiger Zeit dan auch schwache Lichtpunkte erkennen. Die Fehlinterpretation dieses Effektes habe ich mehr als Gag gesehen.

    @klaatu Danke, das geht runter wie Öl

    @Richmodis Sehr interessant. Mit Zen kenne ich mich gar nicht aus.

    Liebe Grüße
    MartinKiehl

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