1. #1
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    Lohnen sich Schüttelreime?

    Manchen Leuten gelingen Schüttelreime.
    Wenigen Leuten gelingen hin und wieder Schüttelreime die Sinn machen.
    Meistens entwickeln sie eine unfreiwillige Komik, weshalb man sich dann gleich auf komische Themen beschränkt.
    Nur Ausnahmeathleten gelingen Schüttelreime mit einer wirklich ernst gemeinten Aussage, die dann auch ohne Komik
    eindinglich vermittelt wird.

    Auf dieser Plattform habe ich tatsächlich schon ein Exemplar dieser Gattung gefunden.
    (Wenn man nach Schüttelreim sucht, findet man ihn schnell.)
    Ich frage mich dabei, welche Perlen uns entgehen, wenn so ein Vituose sich nur auf Schüttelreime beschränkt.

    Als Fingerübung ist das Schütteln sicher gut geeignet, aber nur selten gelingt eine Fingerübung oder Etüde so gut, dass sie Konzertreife erlangt.

    Schüttelreime gehen natürlich besser ins Ohr als normale Reime. Soll man daher kleine Abstriche am Inhalt in Kauf nehmen, wenn man durch das Schütteln höhere Aufmerksamkeit erlangt und liegt das wirklich am Schütteln, oder liegt es an der doppelt so hohen Reimdichte?
    Ich habe mich ehrlich bemüht selber Schüttelreime zu kreieren und weiss gut geschütteltes wirklich zu schätzen. Meine eigenen Versuche endeten in einem Desaster, weil zwar die Gedichte formal korrekt geschüttelt waren, der Inhalt aber stark darunter litt. Bei vorgetragenen Schüttelreimen erkennen ungeübte Zuhörer zudem oft nur den doppelten Reim und nicht das Schütteln. Oft muss man dann sogar erst erklären, was ein Schüttelreim eigentlich ist.

    Wenn ich also ehrlich bin, bleibt Schütteln für mich eine Übung und ist kein Mittel um Wirkung zu erzielen.
    Mehrfache Reime finde ich da einfacher und wirkungsvoller, weil sie mehr Freiheit in der Swortwahl lassen und auch durch Rhytmuswechsel mehr Spannung erzeugen können. Die Beschränkung statt Prosa gereimtes zu verwenden wird direkt durch Eindringlichkeit vergütet.

    Dies möchte ich an einem Beispiel illustrieren.

    In der Anleitung zur Erzeugung von Schüttelreimen wird oft angeregt erst mal zwei oder mehrere häufig vorkommende Wortendungen zu suchen und dann verschiedene Wörter, die diese Endung besitzen, also zum Beispiel:

    Reime auf agen mit Betonung auf a, mit oder ohne n:
    frage(n), Phage(n), be-hage(n), jage(n), Krage(n), Lage(n), mage(n), nage(n), rage(n), Sage(n), Tage(n), trage(n), wage(n), Waage(n), zage(n),

    Reime auf egen mit Betonung auf e, mit oder ohne n:
    bege(n),? Dege(n), fege(n), gege(n), hege(n), lege(n), lägen, rege(n), Sege(n), sägen, wege(n), wägen.

    Reime auf iegen mit Betonung auf ie, mit oder ohne n:
    biege(n), ge-diege(n), fliege(n), kriege(n), liege(n), Riege(n), siege(n), Stiege(n), wiege(n), Ziege(n)

    Jetzt sucht man Buchstabengruppen, meist einzelne Konsonanten, die den Endungen vorausgehen und in allen Reimlisten vorkommen.
    Hier sind das die Buchstaben l,r,s und w.

    Nun kann man versuchen eine Geschichte mit den Worten
    lagen legen liegen Ragen regen riegen sagen segen siegen wagen wegen wiegen
    (jeweils mit und ohne n) zu bilden
    und die Sätze dann so hinzubiegen, dass ein Schüttelreim entsteht.

    Mein Ergebnis:

    Hebammenschulung

    Babys, die im Liegewagen
    friedlich in der Wiege lagen
    kann man in jeder Lage wiegen
    wenn sie auf der Waage liegen

    Doch soll man nicht der Lagen wegen
    die Babys auf die Waagen legen.
    Man darf sie umzulegen wagen
    wenn vorher sie auf Wegen lagen.

    Man kann's in allen Lagen wagen,
    doch besser ist im Liegen wiegen.
    Wenn sie dabei auf Waagen lagen.
    Soll'n sie danach in Wiegen liegen.

    Das Gedicht geht durch die doppelte Reimdichte besser ins Ohr, so dass die Aussage stärkere Aufmerksamkeit an sich zieht.
    Es hat sogar eine Aussage, woran es aber mangelt ist der Sinn in der Aussage.

    Verzichte ich auf die Rahmenbedingung Schüttelreim, kann ich mit gleicher Dichtkunst (meiner), mich frei aus allen Worten der Liste bedienen.
    Ich versuche dabei auch 2 Reimendungen pro Vers unterzubringen,
    Dies muss aber nicht am Ende, oder an der gleichen Stelle sein.
    Ich verwende also auch Binnenreime, Schlagreime, Echoreime etc.
    Durch die reimenden Verbindungen quer durch alle Verse und auch innerhalb der Verse, wirkt das ganze auch, oder gerade dann gut, wenn der Rhythmus nicht gleich bleibt.

    Auch hierzu mein erstes Ergebnis zu obigen Wortlisten:

    Ernährungsberatung

    Wenn wir an ganzen Ziegen nagen,
    die uns dann schwer im Magen liegen,
    können wir so das Zagen kriegen,
    dass wir uns nicht zu wiegen wagen.

    Wenn ihr auch nicht zu fragen wagt,
    ich sage euch: “Der Phage nagt,
    auch ungefragt - in jeder Lage, -
    am Magen, nachts und auch am Tage.

    Drum, woll't ihr hegen euch und pflegen,
    müßt ihr am Tage euch bewegen!”
    Es kann gelingen, wenn wir ringen
    und uns in allen Lagen regen,
    sonst geht es schnell uns an den Kragen.

    Man darf auch Lasten tragen, springen,
    sich biegen, wagen auch zu singen,
    doch müssen wir die Kurve kriegen,
    dann kann gelingen, dass wir siegen.

    Mir gefällt sowohl der Rhythmus, als auch der Inhalt im zweiten Gedicht viel besser, obwohl es mir viel leichter von der Hand ging.

    Was meint ihr?

  2. #2
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    Guten morgen Martin Kiehl,

    ja, wir haben so einen Virtuosen. Und jetzt haben wir offenbar noch einen.

    Ich sehe es auch so, dass beim Schüttelgedicht Aussage und der Rhythmus meistens unter der Form leiden müssen. Selbst bei den besten Schüttelexperten ist dies oft der Fall. Insofern stimme ich dir zu, wenn du sagst, dass es Fingerübungen sind, die selten Konzertreife erreichen.

    Beeindruckend, deine Gegenüberstellung Hebammenschulung/Ernährungsberatung. Auch beim letzteren fühlt man sich "geschüttelt", obwohl es kein Schüttelgedicht ist. Es sieht sogar optisch unverkrampfter aus bezügl. Zeilenlänge. Allerdings gefällt mir bei der Hebammenschulung (beim Lesen war ich geschüttelt und gerührt) das skurile sehr, ganz besonders die Babys, die zuvor auf Wegen lagen. Die Komik wird dann natürlich durch das Schütteln nochmal unterstützt.

    Eine feine Ausarbeitung hast du uns hier serviert.

    Viele Grüße
    Richmodis

  3. #3
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    Hey Martin, deinen Wiegen Wagen Liege Lage Schüttler hat die deutsche Bahn schon vor Jahrzehnten raus gebracht, zur Bewerbung der Schlafwagen und es gibt auch einen Kanon zum damaligen Werbespruch:
    Als wir noch in der Wiege lagen
    dacht niemand an den Liegewagen
    Heute kann man im Wagen liegen
    und sich in allen Lagen wiegen

    Tja, Neues erfinden wird immer schwieriger... LG gugol

  4. #4
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    Heut kann man nachts im Wagen liegen
    und sich in allen Lagen wiegen
    In allen Lagen, in allen Lagen
    wie-ie-ie-ie-ie-ie-iegen

    So heisst es im Kanon genau.
    Ist rhythmischer.
    LGKP

  5. #5
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    ja recht hast du! "heut kann man nachts..." und das wie-ie-ie-gen gehört natürlich beim Singen dazu.

  6. #6
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    Vielen Dank für die netten Antworten.

    @Richmondis:

    Ich würde mich nicht als Schüttelmeister bezeichnen, da gibt es ganz andere Kaliber.
    Aber zum Vergleich der Wirkung der beiden Gedichte muss man bedenken,
    dass das zweite ungleich einfacher und schneller zu erstellen war als das zweite.

    Mit gleichem Aufwand hätte man das erste inhaltlich noch stimmiger und klanglich genauso rund machen können,
    wenn man auf die Reinheit des Schüttelns etwas verzichtet hätte.

    Hier eine Alternativfassung:

    Babys, die im Liegewagen
    friedlich in der Wiege lagen,
    kann man in jeder Lage wiegen,
    wenn sie auf der Waage liegen.

    Man kann's in allen Lagen wagen,
    doch besser ist: -im Liegen wiegen-.
    Die Babys die auf Waagen lagen,
    soll man danach in Wiegen legen

    Doch soll man nicht der Lage wegen
    die Babys auf die Waage legen.
    Und sie nur umzulegen wagen
    wenn sie wo im Wege lagen.

    Das geht genauso gut ins Ohr und man merkt die Fehler erst, wenn man sich hinsetzt und genau nachschaut.
    Trotzdem hat dieses Gedicht immer noch keine wirkliche Message und wirkt deshalb auch nur komisch.
    Und wenn die Komik das Ziel ist, darf der Sinn auch etwas verzerrt, oder wie du sagst skurril sein, wenn es dann ein Schüttler ist.
    Experten erfreuen sich dann an dem Schüttler, auf viele wirkt aber die Alternative besser, weil sie die Schüttelfehler sowieso nicht bemerken.
    Dafür endet dann das Gedicht mit einer Allitation.

    @Gugol

    ja, das kann passieren, wenn man unbedarft einfach häufige Endungen nimmt. Dann endet man wohl oft zwangsläufig beim selben Schüttelreim.
    Viele Schüttelreime kann man aber auf die von mir beschriebene Weise automatisch finden. Dies kann man sogar einen Computer machen lassen, der natürlich nicht alle findet und auch manche findet, die nur so aussehen aber nicht so klingen. Und genau mit dieser Technik wurden die natürlich auch schon öfter gefunden.
    Der kreative Prozess ist also nicht, solche Schüttelreime zu finden, sondern unter den Rahmenbedingungen eine passende Geschichte zu machen. Schüttelreime findet man leicht, auch ungewöhnliche, doch meist fällt einem dann keine passende Geschichte dazu ein.

    Dass der Inhalt in der ersten Strophe dabi schon fast wie ein Plagiat aussieht, belegt aber nur, dass man nur noch sehr eingeschränkt dichten kann - Überspitzt gesagt: "Der Schüttelreim erzwingt weitgehend den Inhalt" - und das ist genau das, was ich sagen wollte.
    Wenn man etwas zu sagen hat, dann hindert einen das am geeigneten Ausdruck.
    Wenn es aber nur witzig sein soll, muss es kein sauberer Schüttler sein, weil sich diese Komik erst im Nachgang und nur für wenige erschließt.

    Das schöne an meinem Schüttler, wenn ich den jetzt überhaupt noch so bezeichnen darf, ist aber, dass er fast ein 12-Ender ist,
    also aus 3 Doppelschüttelreimen bestehen die jeweils zwei der drei Endungen egen, iegen, agen benutzen
    und mit den gleichen Konsonanten W und L schütteln.
    Leider nur fast, weil bei einigen Doppelschüttlern leicht veränderte Endungen ohne n verwendet wurden.

    Wahrscheinlich sind alle diese 6 Schüttelreime schon mehrfach benutzt worden.
    Vielleicht sogar auch in ihrer Kombination, aber wie gesagt,
    neu ist (hoffentlich) die Art sie in einer Geschichte zu verbinden.

  7. #7
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    Lohnen sich Schüttelreime?
    Was ist das für ne Frage? Meinst du Richtung literarischen Weltruhm? Entweder mir macht das Spaß und paar Leute freuen sich auch noch dran. Wenn es paar Mio werden, na sei es drum. Ich glaube nicht, dass überhaupt ein erfolgreicher Künstler sein Erfolg auf dieser Fragestellung begründen konnte.

    Geschüttelt ist idR komisch, doch wo ist das Problem? Ich stell mir gerade ein Requiem geschüttelt vor. Das wäre der Hammer!

    LG
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  8. #8
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    Lieber Arkadier,

    Mit lohnen meine ich außer dem eigenen Spass am Dichten und der Übung die man dabei erfährt, eine Verstärkung der Wirkung der beabsichtigten Aussage oder Gefühls.
    Ich wollte die Schüttelkunst nicht mies machen und den Freunden von Schüttelreimen, zu denen ich mich auch zähle,
    nicht den Spass verderben, aber ich frage mich, ob bei den ernsten Schüttelreimgedichten, bei denen, die diese Kunst verstehen, die Schüttelreime zur Wirkung beitragen, oder ob die Wirkung trotz des engen Korsetts entstanden sind. Im letzten Fall wäre meine

    Bitte an den Schüttelmeister

    Vom Reimeschütteln, deiner Kunst,
    hat von den meisten, keiner Dunst.
    Sind deine Schüttler auch die geilsten,
    was könnt'st du behendig leisten,
    wenn du auf's Schütteln mal verzichtest
    und nur auf Wortwahl dein Herz richtest?

    LG MK

  9. #9
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    Zitat MartinKiehl

    Mit lohnen meine ich außer dem eigenen Spass am Dichten und der Übung die man dabei erfährt, eine Verstärkung der Wirkung der beabsichtigten Aussage oder Gefühls.
    Hallo, ich denke eine humorvolle Aussage kann man mit einem Schüttelreim prima verstärken oder unterstreichen, aber wenn es um "ernstere" Gefühle geht....bewirkt der Schüttelreim woh eher das Gegenteil...wird die Aussage ins Lächerliche gezogen. Ist irgendwie eine Kunst für sich...denn es ist alles andere als einfach so zu schütteln, dass der Text mit Sinn gefüllt...und nicht nur ein Schüttler an den anderen gereiht wird.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  10. #10
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    Hallo Martin,

    vor gelungenen Schüttelreimen habe ich einen Riesenrespekt. Gelungen sind sie für mich, wenn die Verse Sinn ergeben und wenn sich dieser Sinn nicht erst erschließt, wenn man das Ding zum fünften Mal gelesen hat. Deshalb sind richtig gute Schüttelreimgedichte Mangelware. Ich sehe das mit der Gefahr der unfreiwilligen Komik also ähnlich wie du.

    Mit dem User Friedhelm, der sich sehr intensiv mit Schüttelreimen beschäftigt, hatte ich schon gelegentlich einen Austausch darüber, inwieweit der Inhalt unter dem Reimzwang leiden darf. Die Ansichten waren unterschiedlich. Meiner Erinnerung nach hat Friedhelm einige sehr schöne Shakes geschrieben, aber letztlich die Quantität über Qualität gestellt (er möge mir dieses Urteil bitte verzeihen ).

    Auf ein (meiner Meinung nach) geniales Schüttelreimwerk möchte ich in diesem Faden aber unbedingt hinweisen:
    Das geschüttelte Schneewitchen von Steffen Heinig (aka Lachmalwieder). Ein Beispiel, bei dem man sieht, was möglich ist. Ohne zu erfahren, wie so etwas möglich werden konnte. Es übersteigt mein Vorstellungsvermögen... Natürlich sind auch in diesem Megawerk die Qualitäten der Reime unterschiedlich - aber schau selbst mal.

    lg VC
    Geändert von Verbalcarpaccio (22.09.2019 um 20:00 Uhr)
    Das System sagt, ich will das, aber ich will das nicht.
    Peter Arbeitsloser

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