1. #1
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    Alt wie ein Baum im Herbst

    Denk´ ich, mein Leben wär´ ein Baum,
    hätt´ ich nun wunderschöne Blätter,
    steh´ stark und fest im Waldesraum
    und trotze jedem Wetter.
    Und fällt das Laub, still leis´ am Ende,
    wünscht´ ich, das schönste Blatt des Baumes,
    fällt sanft in deine Hände.

  2. #2
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    Moin terra,

    ach, das ist eigentlich ganz niedlich.
    Schauen wir mal:

    Zitat Zitat von terra Beitrag anzeigen
    Denk´ ich, mein Leben wär´ ein Baum,
    hätt´ ich nun wunderschöne Blätter,
    steh´ stark und fest im Waldesraum
    und trotze jedem Wetter.
    Und fällt das Laub, still leis´ am Ende,
    wünscht´ ich, das schönste Blatt des Baumes,
    fällt sanft in deine Hände.
    Metrum und Reimschema:
    xXxXxXxA
    xXxXxXxBb
    xXxXxXxA
    xXxXxBb
    xXxXxXxCc
    xXxXxXxAa
    xXxXxCc

    Das Metrum ist insgesamt im Jambus gehalten.
    Allerdings springt die Anzahl der Versfüße recht willkürlich herum.
    Mal hast du 4, mal 3 Hebungen und ich erkenne die konkrete Motivation dahinter nicht recht.
    Es besteht natürlich kein zwang, jeden Vers mit der gleichen Menge an Hebungen und Senkungen auszustatten,
    aber dann musst du dir zumindest die Frage nach einer Erklärung gefallen lassen

    Das Reimschema in den ersten 4 Versen ist ein sauberer Kreuzreim.
    "Waldesraum" erscheint mir dabei etwas dem Reim geschuldet, wirklich genutzt wird das Wort nicht.
    Unsereins wäre wohl eher beim bloßen Wald.
    Nachdem google aber sagt, dass dieser Begriff durchaus in älteren lyrischen Texten Verwendung findet (auch die Gebrüder Grimm haben darauf wohl zurückgegriffen), will ich dir das zugute halten.

    Die letzten 3 Verse reimst du mit einem unvollendeten Kreuzreim, wobei der vorletzte Vers mit "Baumes" den Reim "Baum-Waldesraum" aufgreift und quasi erweitert.
    Solche Reimspiele find ich an sich ganz nett, allerdings ist es natürlich keine große Dichtkunst "Baum" mit "Baumes" teil-zu-reimen^^.

    Zu den sprachlichen Bildern:

    Zitat Zitat von terra Beitrag anzeigen
    Denk´ ich, mein Leben wär´ ein Baum,
    Joa, legitim, da wohlbekannt. Das Leben wird ja immer wieder als symbolischer Baum dargestellt, jede Entscheidung lässt andere Äste wachsen uuuund so weiter
    Auf das altbekannte Bild referierst du. Das ist in Ordnung, aber natürlich auch nicht der große Wurf!

    Zitat Zitat von terra Beitrag anzeigen
    hätt´ ich nun wunderschöne Blätter,
    Im ersten Moment dachte ich: Ist ja eitel!
    Bildlich sollen die Blätter die Kapitel/Jahre des Lebens darstellen?
    Dann war das ein sehr buntes, lebhaftes und schönes Leben.
    Gut für das lyrische Ich, kommt mir aber ungewöhnlich vor.
    Der ein oder andere abgestorbene oder abgebrochene Ast findet sich doch an jedem Baum.

    Zitat Zitat von terra Beitrag anzeigen
    steh´ stark und fest im Waldesraum
    und trotze jedem Wetter.
    Den Waldesraum habe ich ja schon angesprochen, ansonsten ist dieses Bild grundsolide.
    "Stark wie eine Eiche im Sturm", Redensarten dieser Art gibt es ja nicht umsonst.
    Steht hier wohl für die Zähigkeit des lyrischen Ichs.
    Ganz dezent bringst du hier dann doch die Schwierigkeiten des Lebens ins Spiel,
    wobei mir das im Kontrast zu schwach dargestellt ist um wirklich zu wirken.

    Zitat Zitat von terra Beitrag anzeigen
    Und fällt das Laub, still leis´ am Ende,
    auch ein bekanntes Bild, das Fallen des Laubes bzw. der Herbst an sich als Ende des Lebens.
    Was mir hier gar nicht gefällt ist deine Tautologie mit "still leis'.
    Damit erhältst du deinen Rhythmus aber inhaltlich tut die Dopplung nichts für den Text.
    Da wäre mir ein anderes Füllwort lieber, etwa "und fällt das Laub dann still am Ende".

    Zitat Zitat von terra Beitrag anzeigen
    wünscht´ ich, das schönste Blatt des Baumes,
    fällt sanft in deine Hände.
    Du schließt mit einem ganz liebevollen Gedanken.
    Dieses Bild vermag mir im gesamten Text auch am besten zu gefallen,
    weil es eben nicht so altbekannt und oftgenutzt rüberkommt.
    Das schönste Blatt, also die schönsten Erinnerungen aus dem Leben des lyrischen Ichs
    oder aus dem Zusammenleben mit dem lyrischen Ich, sollen dem lyrischen Du auch nach dem Tod des lyrischen Ichs erhalten bleiben und ihm Trost spenden.
    Das Blatt, das uns im Herbst in die Hände fällt, bringt auch schöne Erinnerungen aus dem eigenen Leben in deinen Text. Wer hat sich noch nicht über diese naturgemachten Kunstwerke gefreut, die einem da im Herbstwald scharenweise entgegen fliegen.

    Ich würd dir insgesamt raten, mit deiner Bildsprache etwas mutiger zu werden.
    In dieser Form gab es das natürlich schon sehr oft.
    Wie gesagt, das letzte Bild des bunten Blattes fand ich ganz schön, aber der Rest ist insgesamt schon zu ausgenutzt.

    Im Formalen bist du ja fit, du hast Rhythmusgefühl und konntest den gesamten Text in einem einheitlichen Versmaß gestalten.
    Beim nächsten TExt könntest du noch auf einen gleichbleibenden Rhythmus aller Verse achten
    (oder eben wie gesagt begründet damit spielen, um Inhalte des Textes hervorzuheben und zu unterstützen).
    Auch die Reime sind solide, könnten aber ebenfalls noch mutiger sein.
    Du reimst beispielsweise auch nur Nomen.
    Der Text bekommt eine ganz andere Dynamik, wenn du da auch die Verse variierst und auch mal Adjektive oder Verben am Ende stehen hast.

    Ansonsten ist das doch eine ganz zarte Liebeserklärung
    und ich ermutige dich gern, dich weiter in spannenden Bildern zu versuchen!

    Ein gestalterischer Hinweis noch:
    In deinem Text gibt es ja zahlreiche Apokopen (Weglassen der letzten Silbe oder des letzten Lautes eines Wortes).
    Die hast du hier mit einem Akzent ´ markiert.
    Das ist das falsche Zeichen dafür. Akzente stehen über Buchstaben, nicht als Auslassungszeichen.
    Du siehst ja auch, dass dieses Zeichen einen Heidenplatz braucht und so die Abstände zwischen den Wörtern sehr weit auseinanderzieht. Das ist nicht schön.

    Das korrekte Zeichen, mit dem du Auslassungen markierst, ist das Apostroph: '
    Das erzeugst du (üblicherweise mit der Taste links neben der Enter-Taste.
    Halt einfach Shift gedrückt und anschließend die Taste mit der Raute #, da ist zumindest bei mir das Apostroph hinterlegt.

    Dieses ist wie du siehst gerade nach oben ausgerichtet und erzeugt so nicht künstlich Leerraum hinter dem Wort.

    LG AC
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  3. #3
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    Hallo terra,

    ich kann mich meinem Vorredner nur anschließen.
    Ein sehr schönes Gedicht (und auch ein super Kommentar von dir AC (y) ).
    Meine Notizen von vorhin hat AC abgedeckt und erweitert.

    Trotzdem mag ich ein bisschen Gehirnschmalz hinzufügen, weil mir das Gedicht sehr gefällt!

    1)
    Zitat Zitat von AC
    Metrum und Reimschema:
    xXxXxXxA 8
    xXxXxXxBb 9
    xXxXxXxA 8
    xXxXxBb 7 --> hier vllt das Wetter näher beschreiben; z.B. und trotze jedem stürmisch Wetter. 9
    xXxXxXxCc 9
    xXxXxXxAa 9
    xXxXxCc 7 --> hier vllt die Hände näher beschreiben; z.B. fällt sanft in deine zarten Hände. 9
    2)

    still leis'
    uff, das geht leider wirklich nicht. ^^ Weil mich der Rest aber komplett abgeholt hat, kann ich darüber schmunzeln.
    Und fällt das Laub, still leis´ am Ende, --> dann, gar, ...
    3)
    Und fällt das Laub, (einsilbig unbetont) still am Ende,
    wünscht' ich, / das schönste Blatt des Baumes (für mich ohne Komma, wegen Zäsur und weiblicher Kadenz --> Flow erzeugen für den Höhepunkt *___*)
    fällt sanft in deine zarten Hände.
    Sehr schönes Brett.

    lG
    k1
    meine bescheidene Meinung

    Hüpfburg

  4. #4
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    Hi terra,

    gefällt mir metaphorisch gut. Auch das Reimschema hat etwas Besonderes, das von den durchgehend weiblichen Kadenzen der letzten 3 Verse und dem schon erwähnten sanften Abgang markiert wird.

    steh´ stark und fest im Waldesraum :Hier würde ich den Konjunktiv mit stünd/ständ fortführen. Desweiteren ist der Waldesraum zu banal. Im Wald stehen die Bäume, die nicht viel auszuhalten haben. Die stärksten Bäume stehen am Waldrand, denn die müssen den Wetterunbilden am meisten trotzen. Da bietet sich geradezu und Reim-konform ein Waldessaum an.

    LG
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

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