Thema: Stuhlgang 5.0

  1. #1
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    Stuhlgang 5.0

    Betriebliche Pflichtveranstaltung nach Divertikel 3 und 4:
    Stuhlgang 5.0, eine Digitalisierung der Arbeitszeitoptimierung bei Großgeschäften.
    15h45: Einlauf in der großen Werkhalle. Da kommt heute irgend so ein Arsch zu uns,
    um vor dem Stuhlkreis der gesamten Belegschaft seinen oberwichtigen Senf abzusondern,
    um hier vor versammelter Mannschaft seine gequirlte QM- Kacke abzuziehen.

    Theoretisch käme zwar jeder mit seinem bloßen Fingerabdruck rein,
    sagt der, jedoch müsse man sich zuerst eine kostenlose App runterladen und sich einloggen,
    sich dann ein geheimes Kotwort merken um es irgendwo an einem stillen Örtchen abzulegen,
    alles andere käme dann automatisch und von alleine.
    16h30: mir kam es fast hoch.
    Man hätte ihm sofort den Mittelfinger zeigen und abführen lassen sollen,
    mit seinem eigenen so sehr angepriesenen Abführmittel.

    Was muss der gleich so eine Mammutsitzung mit uns abhalten.
    17h00: im gesamten Raum nur noch unruhiges Stuhlverhalten.
    Ich habe lägst auf Durchzug geschaltet und setze auf ein Besetztzeichen.
    17h15: Einzelgespräche mit seinen Mitarbeitern: Jetzt muss jeder die Hosen runterlassen.
    Nervöse Gesäße rutschen hin und her. Ältere wollen es einfach aussitzen.
    Der Scheiß interessiert sie nicht mehr.
    Sie setzen auf einen Haufen Abfindung mit Vorruhestandsregelung.

    17h45: in der viel zu kurzen Pinkelpause strömt alles nach draußen,
    und in den Gängen kommt es vereinzelt zu leichten Verstopfungen.
    Die anderen suchen aufgeregt ihre Brille oder sitzen schon längst drauf.
    Das gemeinsame Betriebsmotto lautet für heute: einfach mal Inne- und Einhalten.
    Das soeben Gelernte soll abschließend mit einem Test abgefragt werden.
    Hohe Durchfallquoten sind bereits vorprogrammiert.

    Mir stinkt es mittlerweile gewaltig, denn große Geschäfte sollen
    künftig komplett! nicht nur reibungs- sondern auch papierlos abgewickelt werden.
    Von Scheißen 00 sofort auf Scheißen 5.0, wie bitteschön soll das gehen?
    In sogenannten „virtuellen Sitzungen“ und im virtuellen Stuhlkreis,
    mit Handy, totalvernetzt in einer Videokonferenzschaltung verkniffen in die Kamera lächeln,
    mit Dokumentationspflichten, Verdauungsprotokollen und und und...drei Minuten pro Arbeitsgang.
    Das kann nicht funktionieren, soll mir mal einer vormachen, vor allem ohne Feuchttuch!

    Bei dem Ganzen kann mEa. nur ein Haufen Mist rauskommen, überall Überwachungskameras mit Sensortasten
    und Soft touch durch Mr.Clean himself. Da könne jetzt ein jeder ganz einfach hinzugefügt werden, sagt der uns,
    und sich mit jedem Scheiß kinderleicht und sauber in die soeben erstellte Gruppe einbringen,
    und zwar im 3D- PDF Format 5.0. Vorlagen und PD wären mega out, wären von gestern.
    Dabei sind die meisten doch jetzt schon von der Rolle. Sie sind innerlich leer und pfeifen aus dem letzten Loch.
    Aber immerhin: fortan vernetzt im 5.0 Modus! Ein virtuelles Blasorchester von Pfeifen, und der Chef frohlockt.

    Als Bildschirmschoner dient ein schmuckes digitales-Duftbäumchen,
    angeblich aus Sicherheitsgründen natürlich alles ohne Fensterlüftung, im geschlossenen Windowsmodus.
    18h20: betriebliche Aussichten; Vorruhestandsregelung mit Pflege TÜV in Vorbereitung auf Scheißen 6.0
    und spätestens ab zweitausendfunfundzwanzig ökonomisch gepresste Würfel im klimaneutralen EU- genormten Würfeldesign.
    18h25: Erste Arbeitsgruppen werden festgelegt.
    18h30: Ich hatte es mir gleich denken können, der Schnell- Test erfolgt auf Papier, in kleinen verschließbaren Röhrchen.
    Die Durchfallrate ist sehr hoch.
    Hallooo? gehts noch? wer denkt sich nur ( entschuldigen Sie bitte den harten Ausdruck), aber wer denkt sich so eine Scheiße aus?

    Früher war das alles nicht öffentlich, das war noch heiligstes Terrain mit einer "Privat- und Intimsphäre",
    die mit einem richtigen Thron besetzt wurden.
    Da hätte man auf so was wie heute geschissen. Und der kleine Scheißer war der Mittelpunkt der Welt. Das war der unangefochtene König.
    Mutti hat ihn stets abgehalten, gelobt und abgeputzt.
    Und man ließ sich in der Folgezeit nicht mehr abhalten, sein Gegenüber mit seinem eigenen Scheiß zu belästigen,
    auf solch eine Idee wäre gar keiner gekommen,
    denn die Analphasen mussten damals noch nicht minutiös eingehalten und nebenbei dokumentiert werden.

    Im Gegenteil, früher las man dabei noch gemütlich in der Zeitung, hat sich erleichtert weitergebildet,
    oder man hat mit seinem Nachbarn geplaudert und eine Dienstbesprechung abgehalten.
    Man hat geraucht und kräftig in die Kacheln gesprinkelt. Ging alles noch komplett ohne Sprinkelanlage.
    Oder man hat sich am stillen Örtchen ganz in Ruhe der freien Wandmalerei hingegeben,
    mit den Materialien gespielt und sich in freier Lyrik versucht.
    Man hat seine geheimen Träume ausgelebt.

    ...bis man irgendwann wieder durch ein lautes Klopfen geweckt worden ist.
    Denn darauf war stets Verlass.
    Den Leuten ging es dabei auch nicht viel beschissener als heute.
    Doch früher war alles viel besser und geschmeidiger, selbst der Stuhlgang.
    Und man hat insgesamt gewusst, sich besser auszudrücken.
    Geändert von Anjulaenga (11.10.2019 um 04:21 Uhr)

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