1. #1
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    Warum es so ist, mein Schatz. Teil I

    „Ich werde versuchen, es dir zu erklären mein Schatz.
    Es beginnt in meinen frühesten Erinnerungen. Vieles ist nicht mehr so vorhanden, wie es passiert ist. Ich weiß nur noch Bruchstücke von dem, was damals war. Aber ich weiß noch, wie ich geliebt wurde. Das war mit Abstand das schönste Gefühl. Wenn jemand dich angesehen hat, umarmt oder abgeknutscht hat, fühlte ich, dass es pure Liebe war. Etwas, dass jeder gespürt hat. Ohne es erklären zu können. Natürlich hat man gesagt, dass es Neugeboren ist. Das es so unschuldig ist. Rein und weiß. Und leugnen konnte keiner dieses Gefühl.
    Ich weiß noch genau, als deine Tante Seyda geboren wurde, hat unser Familienfreund Onkel Ümit sie in den armen gehalten und geweint. Vor Glück. Ich werde das niemals vergessen. Ich glaube, dass es das einzige Mal war, das ich Tränen aus seinen Augen habe fließen gesehen.
    Wann genau der Bruch kam, weiß ich nicht mehr. Ich weiß noch wie man mich dazu Zwang, ruhig zu bleiben, wenn ich wütend war. Ruhig zu bleiben, wenn ich vor Glück nahezu überschäumte. Ich weiß noch, dass ich aufhören sollte Fragen zu stellen. Das etwas einfach so oder so gestaltet war und man nicht weiter nachhaken solle.
    Ich wurde erzogen. Diese Erziehung beinhaltete, so zu sein wie alle anderen. Normal. Nicht zu laut, nicht zu leise, brav und gehorchend, fleißig und klug, hilfsbereit und verstehend usw. Doch ich wollte nicht immer leise sein. Ich wollte auch nicht immer gehorchen, weil etwas in mir nach außen drängte. Ein Wille, der sich wünschte in die Pfütze zu springen. Im Dreck zu wühlen. Ich wusste auch nicht, was es heißt klug und fleißig zu sein. Ständig bekam ich irgendwelche Aufgaben, die ich nicht lösen konnte. Doch man erzählte mir, ich solle sie lösen können, sonst werde ich irgendwann hinterher laufen. Ich werde so enden wie mein Vater und das wollte nicht einmal mein Vater. Und ich liebte mein Vater so wie er ist. Ich wusste nicht, dass er Fabrikarbeiter ist, als ich noch ganz klein war und dass es nicht erwünscht ist Fabrikarbeiter zu sein. Ich wollte nur mit ihm herumtollen und weißt du, meine Liebe, welche Erinnerung mir von meinem Vater am hellsten geblieben ist? Wie mein Vater von der Arbeit kam und mit mir gespielt hat. Ich durfte auf seinem Rücken reiten und ich war so glücklich. Er tat so als ob er ein wildes Pferd war, das versuchte mich abzuschütteln. Er sprang hin und her und ich lachte so laut vor Freude, dass kannst du dir bestimmt gut vorstellen. Ich krallte mich so fest an ihn, um nicht herunterzufallen und es war ein herrliches Spiel. Ich wünschte mir damals, dass er mit mir dieses Spiel für immer spielt. Und dass er Fabrikarbeiter war, störte mich nicht. Ich sog seinen Geruch in mich jedes Mal auf, wenn er von der Arbeit kam. Ich liebte seinen Duft.

    In der ersten Klasse zog eines Tages mein Lehrer mich an den Haaren. Herr Düpper von der Freiherr-von-Stein-Schule fand, dass ich zu frech bin und die Tatsache, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, gab ihm das Recht, aus seiner Sicht, seine Wut auf mich zu übertragen. Also zog er mich an den Haaren aus der Klasse raus. Ich wehrte mich dagegen und trat ihn mit meinem Knie zwischen die Beine. Meinen Eltern haben sie damals erzählt, dass ich einen Test nicht bestanden hätte. Angeblich hat man uns Kindern die Wahl gelassen, zwischen einem Haufen Büchern und einem Haufen Spielzeugen. Wer zu den Büchern läuft, darf weiter zur Schule gehen. Die anderen müssen zur Vorschule. Komischerweise war ich der Einzige, der aus meiner Klasse zur Vorschule musste. So erklärte man meinen Eltern, dass ich zur Vorschule musste. Ich dachte irgendwann, als ich älter war, dass ich mir das eingebildet hätte. Bis meine Mutter mir dreißig Jahre später am Frühstückstisch erzählte, ob ich mich noch an diesen Test erinnern könnte, weswegen ich von der ersten Klasse zurück gestellt worden war. Ich sah sie ungläubig an und erzählte ihr davon, wie Herr Düpper mich an den Haaren gezogen hat und wie ich seine Kronjuwelen traf. Dass es diesen Test nie gegeben hat. Meine Mutter war irritiert und geschockt.

    Apropos meine Mutter. Ich verstehe mich mit ihr viel besser als früher. Ich Liebe sie obwohl ich von ihr damals so viel Prügel kassiert hatte. Mittlerweile verstehe ich auch vieles besser als damals. Ich kenne ihre Geschichte. Zumindest das, was sie mir immer wieder Mal erzählt hat. Dazu komme ich später.
    Meine Mutter war eine extrem wütende Frau, wild und temperamentvoll. Bei jedem noch so kleinen „Vergehen“ bekam ich eine verpasst. Mit der Hand, dem Nudelholz oder anderen Gegenständen, die gerade in greifbarer Nähe lagen. Ich kann mich immer noch daran erinnern, wie es war, wenn das harte Holz des Nudelstocks auf mein Kopf prallte. Ich kann mich an meine Schreie erinnern. Die Tränen. An ihre Schreie und an ihr vor Wut verzerrtes Gesicht. Wenn ich nicht das tat, was sie sagte, nicht gehorchte, mein Essen nicht aufaß, zu dreckig war, nicht schlafen gehen wollte, frech war usw. Jedes Mal bekam ich Schläge. Mein Vater war nicht so. Nein im Gegenteil. Ich glaube, er wollte das nicht. Aber er hatte eine andere Waffe gegen mich. Er hatte diesen einen Blick, den er eingesetzt hat, wenn er wütend auf mich war. Er sagte dann auch nichts. Er schrie nicht. Er sah mich nur ganz kurz mit diesem einen Blick an und ich wusste, dass ich ihn enttäuscht hatte. Das er mir seine Liebe entziehen würde. Immer mehr und davor hatte ich Panik. Ich wollte bestimmt nicht den Mann verlieren, der nach seiner Arbeit mit mir dieses Spiel gespielt hatte. Seine Umarmungen wollte ich nicht verlieren. Seine Liebevollen Blicke. Irgendwie hatte ich damals das Gefühl, dass diese Form der Bestrafung viel mehr wehgetan hat als all die Schläge, die ich von meiner Mutter kassiert hatte. Von da an, versuchte ich immer mein Leben eine Richtung zu geben, die ihm gefallen könnte. Damit er mich wieder mit Stolz und Freude betrachten konnte. Doch egal was ich machte, es wurde immer weniger. Bis ich das Gefühl bekam, dass es eigentlich egal war, was ich mache. Mein Vater würde mich nie wieder so ansehen. Er würde nie wieder mit mir so spielen. Je älter ich wurde umso eher wusste ich, dass diese Zeit vorbei war und ich akzeptierte, dass ich „Erwachsen“ werden müsse und dass es nur für die Kindheitstage bestimmt war, Liebevoll zu sein, Gefühlvoll und Verständnisvoll. Ich hatte Stück für Stück gelernt, dass ich darauf achten muss, wie meine Umwelt reagiert und wie ich agieren muss, damit die Umwelt zufrieden mit mir ist.

  2. #2
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    Lb. facelle,

    Liebe ist ein sehr starkes Gefühl. Jedes Wesen strebt nach ihr und braucht sie. Durch Gefühle kann beeinflusst und gesteuert werden. Wenn sie das logische Denken überlagern, kann es gefährlich sein. Dessen sollten wir uns bewusst sein, bei der Politik und den Medien. Gewalt erzeugt Gewalt. Der Vater war ein schlauer Mann. Auch ein Fabrikarbeiter kann weise und intelligent sein, dazu braucht es nur das für den Einzelfall erforderliche Wissen.
    Die Schule ist für viele eine Folter weil oft das Interesse an dem Lernstoff und nahen Lernzielen nicht geweckt wird und dann nicht besteht. Viele schlechte Schüler lernen deshalb nichts, weil es ihnen in der Schule langweilig ist. Nach längerer Langeweile fehlt ihnen dann die Konzentrationsfähigkeit und das Lernen wird immer schwerer. Habe es gerne gelesen.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

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