Thema: Der Traumbaum

  1. #1
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    Der Traumbaum

    Die Mutter schüttelt an dem Baum,
    da fällt ins Kinderbett ein Traum.
    Jedoch dem Kindlein fehlt der Schlaf,
    es zählt vergebens Schaf um Schaf.

    Dem Traum reisst bald schon die Geduld.
    Er sagt sich: 'Ist nicht meine Schuld!'
    und schleicht sich leise aus dem Haus.
    Er wagt sich weit ins Feld hinaus,

    wo mitten auf der grünen Heide
    der altbekannten Trauerweide
    Geäst bis fast zum Boden hängt,
    sodass der Traum sich drin verfängt.

    Dort wartet er nun Nacht um Nacht
    und endlich hat es wer gemacht:
    Die Mutter schüttelt an dem Baum,
    da fällt ins Kinderbett ein Traum.
    ...

  2. #2
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    Moin Gugol,

    was für ein guter Text.
    Man möchte erst sagen: Der könnte genau so in ein Kinderbuch und das ist absolut positiv gemeint.
    Das möchte ich jetzt nicht mehr sagen. Nicht, weil der Text nicht gut genug wäre.
    Vielmehr, weil darin doch mehr steckt und ein Kind das sicher nicht genug wertschätzen könnte.

    Hier meine paar Gedanken:

    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    Die Mutter schüttelt an dem Baum,
    da fällt ins Kinderbett ein Traum.
    Jedoch dem Kindlein fehlt der Schlaf,
    es zählt vergebens Schaf um Schaf.
    xXxXxXxA
    xXxXxXxA
    xXxXxXxB
    xXxXxBxB

    Eine schöne Referenz auf "Schlaf, Kindlein, schlaf".
    Man fühlt sich direkt in ein gemütliches Zubettgeh-Setting versetzt.
    Das Nachtlicht ist an, die Stimme der Mutter fliegt durch den Raum.

    Auch das Reimschema folgt dem des Wiegenlieds.
    Der Paarreim ist ja sehr geeignet für beschwingte, fröhliche, "kindliche Texte.
    Dazu später noch etwas.

    Der Inreim in Vers 4 gefällt mir sehr gut, insbesondere, weil du auch in der letzten Strophe einen Inreim nutzt.
    Das hätte ich mir in allen Strophen gewünscht.

    Das Metrum ist supersauber.
    Ich hatte zuerst aber den Eindruck, dass die Verse fast einen Versfuß zuviel haben.
    Dazu später nochmal.


    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    Dem Traum reisst bald schon die Geduld.
    Er sagt sich: 'Ist nicht meine Schuld!'
    und schleicht sich leise aus dem Haus.
    Er wagt sich weit ins Feld hinaus,
    xXxXxXxC
    xXxXxXxC
    xXxXxXxD
    xXxXxXxD

    Was für ein wunderbarer Plottwist.
    Ganz anders als in "Schlaf, Kindlein, schlaf" geht es hier gar nicht um das Kind.
    Nein, es geht um den personifizierten Traum.
    Den charaktersierst du hier ganz charmant.
    Ich habe da fast gleichermaßen ein "Traumkind" vor Augen, das seinen Auftritt nicht abwarten kann, um dann jäh enttäuscht zu werden.
    Leicht "aggressiv" wirkt es durch das "reisst", auch dazu am Ende mehr.

    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    wo mitten auf der grünen Heide
    der altbekannten Trauerweide
    Geäst bis fast zum Boden hängt,
    sodass der Traum sich drin verfängt.
    xXxXxXxEe
    xXxXxXxEe
    xXxXxXxF
    xXxXxXxF

    Die Emanzipation des Traums, er geht seiner eigenen Wege.
    Doch welchen Zweck hat er noch, wenn er nicht geträumt wird?
    Wunderbar passend hier die Trauerweide.
    Man hat unmittelbar Assoziationen mit Melancholie und Verzweiflung.
    In diesen verfängt der Traum sich nun auch buchstäblich.

    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    Dort wartet er nun Nacht um Nacht
    und endlich hat es wer gemacht:
    Die Mutter schüttelt an dem Baum,
    da fällt ins Kinderbett ein Traum.
    ...
    xXxXxGxG
    xXxXxXxG
    xXxXxXxA
    xXxXxXxA

    und schließlich fällt dem Kind ein anderer Traum zu.
    Ich möchte hier deutlich machen, dass es "ein" Traum ist.
    Nicht dieser, der dort in der Trauerweide gefangen ist.
    Das "endlich" verleitet dazu, die freudige Auflösung zu wähnen.
    Aber der Traum bleibt weiter gefangen.
    An diesem Punkt haben mir die etwas "zu langen" Verse und das aggressive "reisst" direkt gut gefallen.
    Dieser Text ist nicht fröhlich, oder für Kinder.
    Ich interpretiere da eine ziemliche Tragik.

    Fraglich wäre nur, ob das Traumkind in dieser tragischen Deutung ein ungeduldiger Traum bleibt,
    oder ob es um ein echtes Kind geht.
    Eins, das vielleicht von zuhause weggelaufen ist.
    Man könnte hier noch sehr dramatisch weiterspinnen.

    Das alles verstärkt sich dadurch, wie du die formalen Mittel nutzt.
    Der direkte Bezug auf das Wiegenlied, der eigentlich beschwingte Paarreim, mit dem wir direkt das Fröhliche, Unschuldige, Kindliche verbinden.
    Die Verse, die etwas zu lang (also zu tragend) wirken.
    Das etwas zu "aggressive" reisst, das am Ende doch allzu passend ist.

    Ich bin sehr angetan.
    Das i-Tüpfelchen, bzw. die 3 i-Tüpfelchen bilden für mich die 3 Punkte ganz am Ende, welche auf die Wiederholung der 2 Verse aus Strophe 1 folgen.
    Damit machst du ganz klar, dass der gefangene Traum noch nicht aus dem Schneider ist.
    Er muss weiter beobachten wie Traum für Traum zum Kinde kommt, das wiederholt sich immer weiter, während er aufgrund seiner Ungeduld gefangen ist.
    Die 3 Punkte als dargestellte Leerstelle für Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit etc. bilden einen ganz wunderbaren Abschluss für deinen traurigen, traurigen Text.

    Hoffen wir, dass irgendwann irgendeine Mutter vielleicht an der Trauerweide schüttelt, um den kleinen ungeduldigen Traum zu befreien.

    Die Rubrikwahl ist unverbindlich. Trauer und Düsteres wäre passend, interpretiert es aber vielleicht zu weit vor?
    Sehr gern gelesen.

    LG AC
    Geändert von Anti Chris. (05.10.2019 um 10:37 Uhr)
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  3. #3
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    Hey gugol,

    auch mir gefällt dein Gedicht sehr und ich finde besonders gut, dass du es zu einem Ring hast werden lassen.

    Liebe Grüße

  4. #4
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    Hey Anti Chris, jetzt bin ich eins der einzigen Male wirklich stolz im Forum, so ein Lob von jemand(em ) bekommen zu haben, den ich als hoch kompetenten Dichter und Kritiker erachte. Du hast dir so viel Mühe gemacht, diesen kleinen Text, der eigentlich ein Titel-Abfallprodukt eines anderen Gedichts ist, zu analysieren. Alles, was du schreibst, ist für mich stimmig, aber nicht alles hatte ich so im Detail bedacht. Schlaf Kindlein schlaf stand Pate für S1, der Traum sollte ein noch junger ungeduldiger sein, aber dass die Trauerweide das Gefühl vermittelt, das ihn beim Hängenbleiben erfasst, ist ein metrischer und reimtechnischer Glücksfall. Auch dachte ich eigentlich, er werde am Ende wieder herausgeschüttelt, aber weil es, wie MiauKuh schreibt, ein Endlosgedicht sein soll, blieb ich bei "ein Traum". Der Gedanke, dass der kleine Ungeduldige zusehen muss, wie andere zum Zuge kommen, gefällt mir aber gerade wunderbar.
    Also, vielen Dank für diese sachliche und doch sehr empathische Analyse.

    Danke MiauKuh, auch für deinen Rat im Vorfeld, am Ende zwei Zeilen der S1 zu setzen anstatt nur einer.

    Liebe Grüsse, gugol

  5. #5
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    Moin Gugol,

    haha, zuviel der Ehre. Aber freut mich, dass dir der Kommentar zusagt!

    Mir gefällt das Ende als Wiederholung definitiv auch besser.
    Dank dann auch an MiauKuh, die dich da im Vorfeld wohl bestens beraten hat^^

    Ob du dir nun alles genauso gedacht hast, wie ich es da herumgeplappert habe, ist ja gar nicht wichtig.
    Sofern dein Text Anlass dazu gibt, bin ich damit ganz glücklich.
    Mehr können wir von einem Text ja auch gar nicht wollen, als dass er uns anregt


    Ich wünsch dir noch ein paar Kommentare!
    LG AC
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  6. #6
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    Hallo Gugol,

    dein Gedicht hat mir sofort sehr gut gefallen.
    Dabei hatte ich das Gefühl, in eine Traumwelt entführt zu werden, wo die Sprache sich verselbständigt.
    Der Kommentar von Anti Chris, eigentlich ein Essay, hat mich schlauer gemacht.

    LG
    Carlos



    Hallo again... Gugol,

    ich vermisse eine Rückmeldung... oder, wie man auf Deutsch sagt, einen "Feedback".
    Es liegt vielleicht daran, dass das, was ich schrieb, als ironisch gemeint interpretiert werden kann. Ist aber nicht so: Dein Gedicht finde ich wunderbar und ich lerne unheimlich viel von den Kommentaren von Anti Chris.

    LG
    Carlos
    Geändert von Claudi. (06.10.2019 um 12:16 Uhr) Grund: Doppelpost zusammengeführt

  7. #7
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    Hey Carlos, ganz einfach: Ich tat heute anderes, als im Forum lesen. Nun, kurz vor dem Einschlafen sag ich danke und freut mich, dass du es magst. Ironisch habe ich deinen Beitrag keineswegs empfunden. Gibts von dir auch bald was zu lesen oder willst du dich vorerst mit den fremden Gedichten befassen?
    ACs Kommentar würde ich als vorbildlich in allen Belangen bezeichnen. LG gugol

  8. #8
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    Hallo Gugol,

    inhaltlich nicht meins, aber handwerklich sehr schön.
    Das Ende begeistert mich ... oder eher der neue Anfang?! Die Pointe lässt mich lächeln.

    Jedoch dem Kindlein fehlt der Schlaf,
    Dem Kindlein fehlt jedoch der Schlaf, --> (liest sich für mich besser; Verzicht von Inversion und Metrum bleibt erhalten)

    @Anti Chris.
    wie üblich ein herausragender Kommentar. (y)
    Ich frage mich nur, wie viel Freizeit das gekostet hat.

    lG
    k1
    meine bescheidene Meinung

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