Thema: porzellan

  1. #1
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    porzellan

    auf scherben schrieb ich meinen blick
    in deiner augen hellen glanz
    und warf ihn fort, doch er blieb ganz:
    du blicktest nicht zurück


    * * *


    ich habe mich in einem traum verfangen
    und ihn beherzt mit rosa übertüncht
    ich bin auf seinen pfaden blind gegangen
    und schrieb in seine spuren, was ich wünscht

    wie töricht ist es, einem traum zu folgen
    der ohne meine farbe nichts mehr hält
    jetzt lieg ich wach und schau in graue wolken
    und lausch dem klirren, während er zerschellt


    * * *


    ein wunsch, gebannt auf weisses gold
    im freien fall auf einen hügel
    ihm war nicht bang, als er zersprang
    da wuchsen ihm aus scherben flügel
    Geändert von lilisarah (19.10.2019 um 13:43 Uhr)

  2. #2
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    In deiner Augen Höllenglanz zeigt mir wie sehr wieder mal daran gekurbelt wird, weil sonst die Einrostung der Inspiration Traumverarbeitung zu etwas Scherbigem machen würde um eben daran zu sehen was wir übersehen.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  3. #3
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    Moin lilisarah,

    ich habe eben erst deinen Text "die uhr" gelesen - ein Paradebeispiel exzellenter Dichtkunst! Hat mir sehr gefallen aber schon genug Kommentare erhalten .
    Ich erinnere mich noch an einen Text von dir, den ich vor "Jahren" mal kommentiert habe.
    Irgendwas mit "Der Himmel trägt rosa", der hatte mir auch schon gefallen.

    Wenn es so weitergeht, hab ich hier bald eine Person mehr in meiner Forenliste der Lieblinsdichter

    Daher widme ich mich sehr gern deinem neuen Text.

    Vorbemerkung:
    Das scheinen eher Textfragmente zu sein.
    Nach dem ersten Lesen hatte ich Schwierigkeiten, die auch grafisch voneinander getrennten Teile zueinanderzubringen.
    Fragmente erscheinen möglicherweise aber gerade aufgrund des Titels auch intendiert und passend.
    Ich werde darum erstmal jedes Fragment für sich betrachten und dann schauen, wie und ob sie zusammenfinden.

    Zitat Zitat von lilisarah Beitrag anzeigen
    ein wunsch, gebannt auf weisses gold
    im freien fall auf einen hügel
    ihm war nicht bang, als er zersprang
    da wuchsen ihm aus scherben flügel
    xXxXxXxA
    xXxXxXxBb
    xXxCxXxC
    xXxXxXxBb

    Metrum und Reim:
    Ein 4-hebiger Jambus, metrisch rein.
    Ein halber Kreuzreim, in Vers 3 außerdem ein Inreim.
    Der kompensiert den fehlenden Reim auf Vers 1 :P

    Sprache und Bilder:
    Weißes Gold ist ein Synonym für Salz, oder für wertvolle Stoffe.
    Ich bin aber bereit, auch Porzellan als weißes Gold gelten zu lassen^^
    Im ersten Vers unterläuft dir ein kleiner Fall-Fehler.
    Das "gebannt" (im Sinne von festhalten) fordert einen Dativ, also "gebannt auf weißem Gold".
    Ansonsten implizierst du hier mit "gebannt auf weißes Gold" ein "gebannt blicken auf weißes Gold".

    Auch im 2. Vers scheint etwas nicht zu stimmen.
    Heißt es nicht korrekt "im freien Fall auf einem Hügel" bzw. "von einem Hügel"?

    Schönes Bild des Zerspringens am Ende und daraus Beflügeltwerdens.
    Der Wunsch geht wohl nicht in Erfüllung, aber er passt sich an und besteht damit weiter.
    Ganz im Sinne von "Schließt sich eine Tür, öffnet sich eine neue".

    * * *


    Zitat Zitat von lilisarah Beitrag anzeigen
    ich habe mich in einem traum verfangen
    und ihn beherzt mit rosa übertüncht
    ich bin auf seinen pfaden blind gegangen
    und schrieb in seine spuren, was ich wünscht

    wie töricht ist es, einem traum zu folgen
    der ohne meine farbe nichts mehr hält
    jetzt lieg ich wach und schau in graue wolken
    und lausch dem klirren, während er zerschellt
    xXxXxXxXxAa
    xXxXxXxXxB
    xXxXxXxXxAa
    xXxXxXxXxB

    xXxXxXxXxCc
    xXxXxXxXxD
    xXxXxXxXxCc
    xXxXxXxXxD

    Metrum und Reim:
    Ein 5-hebiger Jambus, metrisch rein.
    Ein Kreuzreim, wobei S1 V2u4 sowie S2 V1u3 jeweils mit Assonanzen reimen.
    In dieser Konsequenz finde ich das passend.

    Sprache und Bilder:
    Thema dieses Teils ist nun nicht mehr ein Wunsch, sondern ein Traum.
    Man könnte sagen, das ist eine klimaktische Steigerung.
    Auf jeden Fall ist ein Traum etwas deutlich Vertiefteres.
    Mir fällt das rosa auf, das du ja wie ganz oben schon gesagt, auch in einem Text von vor Jahren benutzt hast.
    Farbmetaphorisch und in Bezug auf das "beherzt" kommt hier viel Fragilität rüber, passend zu den genutzten Assonanzen, die ja ebenfalls die Form bzw. den Reim fragli werden lassen.

    Übertünchen hat hier außerdem einen recht provisorischen Effekt.
    Ein behelfsmäßiges, vielleicht recht unmmotivierter Versuch, der dabei aber im krassen Gegensatz zum "beherzt" steht.
    Das ist für mich hier schon fast ein Oxymoron.
    Passt aber auch ganz wunderbar dazu, dass das LI seinem Traum blind gefolgt ist, sehr motiviert klingt das auch nicht.
    Das LI steht also gar nicht wirklich hinter diesem Traum und denkt derweil an seine wahren Wünsche.

    Hier ist damit auch ein kleiner Bezug auf Fragment 1.

    Strophe 2 konkretisiert diesen Aspekt noch einmal.
    Gefühlt sind die ersten Verse der 2. Strophe fast obsolet, aber da mir der letzte Vers gut gefällt, würde ich auch nicht dazu raten wollen, Strophe 2 wegzulassen.
    Nun, so vertiefter war der Traum wohl nicht, denn er zerschellt ebenso wie die Wünsche aus Fragment 1.


    * * *


    Zitat Zitat von lilisarah Beitrag anzeigen
    auf scherben schrieb ich meinen blick
    in deiner augen hellen glanz
    und warf ihn fort, doch er blieb ganz:
    du blicktest nicht zurück
    xXxXxXxA
    xXxXxXxB
    xXxXxXxB
    xXxXxA

    Metrum und Reim:
    Ein 4-hebiger Jambus, wobei der letzte Vers auf 3 Jamben verkürzt ist.
    Im Gegensatz zu den beiden anderen Fragmenten nutzt du hier den umarmenden Reim.
    Der Reim von V1 auf V4 ist allerdings unrein.
    Nicht unpassend nachdem V4 sich auch metrisch abgrenzt.

    Sprache und Bilder:
    Die Scherben sind das wiederkehrende Element aller 3 Fragmente.
    Der Blick des LI ist für mich ein Blick in die Vergangenheit, also das Geschehene oder Nichtgeschehene per se.
    Das ist hier in die Scherben eingeschrieben. Das sind für mich gescheiterte Versuche, verlorene Träume, unerfüllte Wünsche.

    V2 impliziert, dass das LD die Tragik des LI durchaus mitverfolgt.
    Sprachlich ist V2 leider etwas verformt, das gefällt mir so leider nicht.
    Ich denke, das sollte auch Terrorists Kommentar ausdrücken.

    Das LI versucht, diese alten Träume und Wünsche (vom oder mit dem LD) von sich zu stoßen.
    Aber allgegenwärtig ist, dass das LD eben nicht das LI sieht, nicht ähnliche Wünsche und Träume mit dem LI verbindet.
    Der abrupte metrische Schnitt passt hier ganz gut.
    Immerhin findet ja auch das LI nicht den ersehnten Abschluss.


    Zusammenfassung:
    Deine 3 Fragmente weisen bildlich einige Überschneidungen auf.
    Stets geht es um Wünsche oder Träume, die unerfüllt bleiben.
    Der konkrete Grund ist nur in Fragment 3 deutlich benannt.

    Eine direkte Verbindung der Fragmente ist nicht ohne weiteres möglich.
    Nicht nur, dass jedes einem anderen Reimschema und Metrum folgt,
    Fragment 1 und 2 sind geradezu unvereinbar:
    Während das LI sich in Fragment 1 von einem Wunsch (als Vorläufer des verfestigten Traums) verabschiedet,
    beginnt Fragment 2 genau damit, dass das LI einem Traum hinterherhängt.
    Zwischen diesen muss also einige Zeit, einiges an Leben vergangen sein.

    Fragment 2 und 3 hingegen passen da schon besser zusammen.
    Der zerschellte Traum wird unmittelbar in Fragment 3 aufgenommen.
    Die Scherben als Fragment eines unerfüllten Traums führen die Geschichte zuende.

    Die Rubrik Liebe und Romantik verrät, dass es hier wohl um eine unglückliche bzw. unerwiderte Liebe gehen muss.
    Die kann das LI sicher auch episodenweise in verschiedenen Abschnitten ihres Lebens beschäftigen.
    Vielleicht geht es aber auch gar nicht immer um das selbe LI. Das verrät der Text nicht.

    Ob mir dieser Fragmentcharakter nun gefällt, kann ich abschließend gar nicht sagen.
    Du hast es konsequent durchgezogen und auch formal damit gut gespielt.
    Die teilweise sehr tollen Bilder sind mir für bloße Bruchstücke aber fast zu schade.
    Dennoch aber ein ganz spannendes Teil (bzw Teile), das mir insgesamt gefallen hat!

    LG AC
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  4. #4
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    hallo terrorist,

    der höllenglanz ist provokativ, aber stimmt schon. unerwiderte blicke können ja tatsächlich die hölle sein. auch deine gedanken zum *übersehen* finde ich spannend. im traum verfangen übersieht das Li anfangs die realität. oder eigentlich ahnt es die schon, setzt aber die rosarote brille auf, um sich nicht vom traum verabschieden zu müssen. doch um nicht im zersprungenem porzellan zu stehen und sich die füsse aufzuschneiden, muss die brille (bzw. farbe) runter.

    danke für deine gedanken.



    hallo chris,

    über deine kritik habe ich mich arg gefreut, vor allem, weil du so viel zeit und mühe investiert hast. dafür vielen dank.
    danke auch für die *blumen* für vorangegangene gedichte. ich habe natürlich nichts dagegen, wenn du mich in deine *hall of fame* aufnehmen möchtest. kannst mein namensschild ja irgendwo unten links anbringen, da, wo die putzfrau gut rankommt.

    Das scheinen eher Textfragmente zu sein.
    Nach dem ersten Lesen hatte ich Schwierigkeiten, die auch grafisch voneinander getrennten Teile zueinanderzubringen.
    Fragmente erscheinen möglicherweise aber gerade aufgrund des Titels auch intendiert und passend.
    ja, es handelt es sich um drei einzelne texte, die aber über das thema porzellan (und auch liebe) miteinander verbunden sind. entstanden sind sie alle nach dem besuch einer porzellanausstellung. ich sehe sie als scherbenstücke dieses erlebnisses, wie ein in drei unregelmäßige teile zersprungener teller. oder vielleicht nicht mal von einem stück stammend, aber auf einem porzellanenen scherbenhaufen liegend. interessant fand ich übrigens die tatsache, dass man mit scherben nicht nur die bruchstücke, sondern auch das porzellan selbst bezeichnet (die gebrannte ausgangsmasse).

    nun zu deinen interpretationen, zu denen ich mir den einen oder anderen kommentar erlauben möchte.

    erster scherben

    Weißes Gold ist ein Synonym für Salz, oder für wertvolle Stoffe.
    Ich bin aber bereit, auch Porzellan als weißes Gold gelten zu lassen^^
    gibst du bei wikipedia *porzellan* ein, erhältst du folgende auskunft: Porzellan (italienisch porcellana, englisch porcelain oder china), auch Weißes Gold genannt, ist ein durch Brennen hergestelltes feinkeramisches Erzeugnis mit weißen, dichten, porenfreien, in dünnen Schichten transparenten Scherben.

    unter dem suchbegriff *weisses gold* findest du unter den anorganischen stoffen neben salz u. a. auch porzellan. du kannst porzellan also getrost als weisses gold durchgehen lassen.

    Im ersten Vers unterläuft dir ein kleiner Fall-Fehler.
    Das "gebannt" (im Sinne von festhalten) fordert einen Dativ, also "gebannt auf weißem Gold".
    vermutlich hast du recht, ich bin mir hier aber immer noch unsicher.
    ausgeschrieben: gebannt auf das weisse gold oder gebannt auf dem weissen gold. vielleicht kann einer der vielen lehrer hier weiterhelfen?

    Auch im 2. Vers scheint etwas nicht zu stimmen.
    Heißt es nicht korrekt "im freien Fall auf einem Hügel" bzw. "von einem Hügel"?
    er fällt nicht von einem hügel, sondern (von oben) auf einen hügel. insofern dachte ich, richtig zu schreiben. auch hier gern die frage an die experten.

    Schönes Bild des Zerspringens am Ende und daraus Beflügeltwerdens.
    Der Wunsch geht wohl nicht in Erfüllung, aber er passt sich an und besteht damit weiter.
    Ganz im Sinne von "Schließt sich eine Tür, öffnet sich eine neue".
    diese interpretation gefällt mir sehr gut. der wunsch ist so frei, wie man selbst frei ist, einen wunsch an sein leben anzupassen. dazu muss er sich nicht unbedingt erfüllen. er kann auch ein wunsch(traum) bleiben. womit wir beim zweiten scherben wären, dem kernstück.

    Thema dieses Teils ist nun nicht mehr ein Wunsch, sondern ein Traum.
    Man könnte sagen, das ist eine klimaktische Steigerung.
    Auf jeden Fall ist ein Traum etwas deutlich Vertiefteres.
    ja, ein traum ist in seiner tiefe anders als ein wunsch manifestiert. man verwendet im sprachgebrauch ja schon viel häufiger den traum als den wunsch, um seine vorstellung zu verdeutlichen, z. b. traumberuf, traummann oder -frau, traumreise uws.

    Mir fällt das rosa auf, das du ja wie ganz oben schon gesagt, auch in einem Text von vor Jahren benutzt hast.
    die farbe rosa habe ich bisher in drei meiner gedichte benutzt. und einmal rosé. in anbetracht der tatsache, dass ich schon eine menge gedichte geschrieben habe, ist es zufall, dass du ausgerechnet die zwei davon erwischt hast. hier steht es für das verliebtsein, das übertünchen mit dieser farbe, um dem traum den richtigen anstrich zu geben und ihm nicht ins reale auge schauen zu müssen, denn eigentlich weiß das LI, dass es in einem traum festhängt, der nicht lebbar ist.

    Übertünchen hat hier außerdem einen recht provisorischen Effekt.
    Ein behelfsmäßiges, vielleicht recht unmmotivierter Versuch, der dabei aber im krassen Gegensatz zum "beherzt" steht.
    es ist ein kläglicher versuch, den traum wunschgemäß zu gestalten. in diesem sinne ja, ein *provisorischer effekt*. da es um liebe/ verliebtheit geht, ist der versuch aber schon herzbedingt beherzt.

    Das LI steht also gar nicht wirklich hinter diesem Traum und denkt derweil an seine wahren Wünsche.
    so würde ich es zwar nicht unbedingt interpretieren, aber das ist natürlich auch eine lesart. für mich ist es eher so, dass das LI sich in der zweiten strophe aus dem traum befreit, nicht mehr blindlings seinen rosagetünchten spuren folgt und am ende sogar lauschen kann, wie der traum zerschellt, ohne dabei selbst schaden zu nehmen.

    dritter scherben

    Sprachlich ist V2 leider etwas verformt, das gefällt mir so leider nicht.
    Ich denke, das sollte auch Terrorists Kommentar ausdrücken.
    ja, da geh ich nochmal drüber.

    Das LI versucht, diese alten Träume und Wünsche (vom oder mit dem LD) von sich zu stoßen.
    meine intention war ein wenig anders, aber ja, warum nicht.

    Aber allgegenwärtig ist, dass das LD eben nicht das LI sieht, nicht ähnliche Wünsche und Träume mit dem LI verbindet.
    genau so ist es. der blick ist einseitig, wird nicht gespiegelt und zurückgegeben. das liegt auch daran, dass der scherben (das porzellan) nach dem werfen ganz blieb, der blick konnte deshalb nicht freigesetzt werden und kam vermutlich beim LD gar nicht an.

    Zusammenfassung:
    Deine 3 Fragmente weisen bildlich einige Überschneidungen auf.
    Stets geht es um Wünsche oder Träume, die unerfüllt bleiben.
    jepp.

    Nicht nur, dass jedes einem anderen Reimschema und Metrum folgt,
    so wie porzellan in der regel nicht nach einem gleichmäßigen muster zerspringt, wonach dann alle scherben die gleiche form haben.

    Fragment 1 und 2 sind geradezu unvereinbar
    nicht immer lassen sich alle scherben wieder genau einpassen, wenn etwas zerbrochen wurde. bei scherben verschiedener stücke ist das schier unmöglich.

    Ob mir dieser Fragmentcharakter nun gefällt, kann ich abschließend gar nicht sagen.
    umso bemerkenswerter, dass du dich so intensiv damit beschäftigt hast. dafür nochmals meinen dank.

    Dennoch aber ein ganz spannendes Teil (bzw Teile), das mir insgesamt gefallen hat!
    das freut mich sehr.

    liebe grüße
    lilisarah

  5. #5
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    Grüße,


    Habe gebastelt:

    ein wunsch, gebannt auf weisses gold
    im freien fall auf einen hügel
    ihm war nicht bang, als er zersprang
    da formten sich aus scherben flügel


    * * *


    ich habe mich in einem traum verfangen
    und ihn beherzt mit rosa übertüncht
    verträumt bin ich durch seine welt gegangen
    und schrieb in seinen himmel, was ich wünscht

    wie töricht ist es, einem traum zu folgen
    der ohne meine farbe nichts mehr hält
    jetzt lieg ich wach und schau in leere wolken
    und hör sein klirren, während er zerschellt


    * * *


    auf scherben schrieb ich meinen blick
    in deiner augen hellen glanz
    und warf ihn fort, doch er blieb ganz:
    du blicktest nicht zurück

    tschüss.

  6. #6
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    Moin lilisarah,

    danke für die Antwort!

    Zitat Zitat von lilisarah Beitrag anzeigen
    hallo chris,

    über deine kritik habe ich mich arg gefreut, vor allem, weil du so viel zeit und mühe investiert hast. dafür vielen dank.
    danke auch für die *blumen* für vorangegangene gedichte. ich habe natürlich nichts dagegen, wenn du mich in deine *hall of fame* aufnehmen möchtest. kannst mein namensschild ja irgendwo unten links anbringen, da, wo die putzfrau gut rankommt.
    Du, also "die uhr" hängt auf jeden Fall schonmal, an meiner Empfehlungswand


    Zitat Zitat von lilisarah Beitrag anzeigen
    ja, es handelt es sich um drei einzelne texte, die aber über das thema porzellan (und auch liebe) miteinander verbunden sind. entstanden sind sie alle nach dem besuch einer porzellanausstellung. ich sehe sie als scherbenstücke dieses erlebnisses, wie ein in drei unregelmäßige teile zersprungener teller. oder vielleicht nicht mal von einem stück stammend, aber auf einem porzellanenen scherbenhaufen liegend. interessant fand ich übrigens die tatsache, dass man mit scherben nicht nur die bruchstücke, sondern auch das porzellan selbst bezeichnet (die gebrannte ausgangsmasse).
    Ist das nicht schön, wenn ästhetische Texte sogar noch einen Bildungsauftrag erfüllen?
    Danke für die Info

    nun zu deinen interpretationen, zu denen ich mir den einen oder anderen kommentar erlauben möchte.

    erster scherben

    gibst du bei wikipedia *porzellan* ein, erhältst du folgende auskunft: Porzellan (italienisch porcellana, englisch porcelain oder china), auch Weißes Gold genannt, ist ein durch Brennen hergestelltes feinkeramisches Erzeugnis mit weißen, dichten, porenfreien, in dünnen Schichten transparenten Scherben.

    unter dem suchbegriff *weisses gold* findest du unter den anorganischen stoffen neben salz u. a. auch porzellan. du kannst porzellan also getrost als weisses gold durchgehen lassen.
    Manchmal sollte man vorher recherchieren (aber dann dauert das Kommentieren ja noch länger ).
    Ich habe mich auf meine bescheidenen Unkenntnisse über weißes Gold verlassen. Wer hätte gedacht, was noch so alles weißes Gold ist^^

    Danke für deine Ausführungen bzw. Ergänzungen meiner Interpretationsansätze.
    Ich will da noch einmal herausstellen wie sehr passend ich die Scherben und den Scherben als Bild finde.
    besonders dein Gedanke

    nicht immer lassen sich alle scherben wieder genau einpassen, wenn etwas zerbrochen wurde. bei scherben verschiedener stücke ist das schier unmöglich.
    Da hab ich gleich Lust noch viel mehr Scherben zu lesen.
    Wobei, vielleicht nimmst du uns ja noch auf einen vollständigen Herstellungsprozess.
    Auch das Ganze oder das Wiederzusammengesetzte hat ja seinen Charme.
    Es gibt doch da auch eine japanische Tradition des Goldflickens, nach der zersprungenes Porzellan mit Gold wieder zusammengesetzt wird und so gerade das Zerbrochene zu etwas Besonderem und Edlem wird.

    LG und viele schöne Kommentare noch,
    AC
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  7. #7
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    hallo horst,

    danke für deine bastelrunde. deine ideen finde ich ziemlich spannend.

    da formten sich aus scherben flügel

    da hast du mich jetzt in einen konflikt gebracht. das formen passt ja ausgezeichnet zum porzellanthema. andererseits habe ich ein bild im kopf, wie sich die scherben in weisse tauben verwandeln und wegfliegen. dazu passt das naturnahe *wuchsen* besser als das eher technische *formten*. was mach ich denn jetzt nur ...

    verträumt bin ich durch seine welt gegangen
    und schrieb in seinen himmel, was ich wünscht

    die traumwelt gefällt mir nicht ganz so. traumwelt oder traumpfad - beides scheint mir mindestens gleichwertig. den himmel wiederum mag ich sehr, weil er das wolkenbild in der zweiten strophe viel besser bindet als meine spuren (die allerdings zu den pfaden passen). auch hier muss ich noch nachdenken. die *leeren* wolken aus der zweiten strophe kaufe ich dir aber schonmal ab.

    das lauschen in der letzten zeile muss aber bleiben, weil es im gegensatz zum bloßen hören deutlich macht, dass da abstand zum traum gewonnen wurde.

    beim letzten scherben kann ich gerade keine variation erkennen.

    vielen dank für deine mühe

    lg
    lilisarah

  8. #8
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    Hallo lilisarah,

    Da darf ich wieder einmal ein Packerl auspacken von einer meiner LieblingsdichterInnen hier!

    Obwohl: Dieser Text mag mich nicht so ganz überzeugen.

    zB sollten Metaphern wie "weißes Gold" eigentlich schon hinter dir liegen.

    ich habe mich in einem traum verfangen
    und ihn beherzt mit rosa übertüncht


    Der erste V ist sprachlich nicht sehr schön : Ich habe mich in ...
    Und wozu sollte man einen Traum noch rosa übertünchen? Traum ist ja sowieso schon "rosa" besetzt; außer es wäre ein Alptraum, aber das kommt hier nicht zum Ausdruck, wo das LI auch noch "verträumt" seine "Welt" und seinen "Himmel"


    verträumt bin ich durch seine welt gegangen
    und schrieb in seinen himmel, was ich wünscht


    die Verkürzung von "wünschte" mag mir auch nicht so recht gefallen.

    und mit dem letzten Abschnitt komme ich nicht wirklich zurecht, verstehe ich nicht wirklich. Sollte das in V1 nicht eher der "Wunsch" als der "Blick" sein?:

    auf scherben schrieb ich meinen blick
    in deiner augen hellen glanz
    und warf ihn fort, doch er blieb ganz:
    du blicktest nicht zurück


    Irgendwie ginge das Ganze sprachlich präziser, denke ich. Und es ist auch inhaltlich alles sehr vage.

    Lieben Gruß
    albaa

    edit: Weil ich eben gelesen habe, was du oben über den letzten Abschnitt gesagt hast:

    genau so ist es. der blick ist einseitig, wird nicht gespiegelt und zurückgegeben. das liegt auch daran, dass der scherben (das porzellan) nach dem werfen ganz blieb, der blick konnte deshalb nicht freigesetzt werden und kam vermutlich beim LD gar nicht an.
    Ich rätsle immer noch: Wie soll der Blick "freigesetzt" werden und vom LD bemerkt, wenn das LI die Scherbe fortwirft, dann kann ihn das LD ja auch nicht sehen; und warum muss die Scherbe zerbrechen? Und warum "schreibt" (wäre "brennt" im Zusammenhang mit Porzellan nicht passender?) es zuerst den Blick auf eine Scherbe im Auge des LD ("in deiner hellen Augen Glanz") und nimmt ihn dann wieder heraus, um ihn fortzuwerfen? Hat das etwas mit dem biblischen Balken im Auge zu tun?
    Gehört nach dem V3 wirklich ein Doppelpunkt?

    LG nochmals!
    Geändert von albaa (19.10.2019 um 14:33 Uhr)

  9. #9
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    hallo chris,

    danke, dass du nochmal ein paar gedanken zum porzellan in den raum geworfen hast.

    Es gibt doch da auch eine japanische Tradition des Goldflickens, nach der zersprungenes Porzellan mit Gold wieder zusammengesetzt wird und so gerade das Zerbrochene zu etwas Besonderem und Edlem wird.
    eine schöne methode, um zerstörtes zu heilen bzw. sogar noch aufzuwerten. das wird zwar bei meinem porzellan nicht gelingen, den anspruch habe ich aber auch gar nicht bei meinen scherben. sie dürfen scherben bleiben.

    liebe grüße
    lilisarah

  10. #10
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    liebe albaa,

    Da darf ich wieder einmal ein Packerl auspacken von einer meiner LieblingsdichterInnen hier!
    ich fühle mich wie immer geehrt, wenn du dein kritisches auge über meine texte schweifen lässt. danke dafür.

    Obwohl: Dieser Text mag mich nicht so ganz überzeugen.
    vielleicht hätte ich meine scherben tatsächlich nicht hier posten sollen, weil sie zum einen von der entstehungsgeschichte her außergewöhnlich für mich sind (was den zustand erklärt, aber nicht die qualität), zum anderen aber doch auch sehr von meinem persönlichen erlebnis in der porzellanausstellung geprägt sind, das dem leser natürlich unbekannt ist. trotzdem hielt und halte ich sie für allgemein genug, dass auch ein anderer leser einen bezug finden könnte. mein bestes werk ist es sicher nicht.

    die reihenfolge der scherben habe ich noch mal geändert und beginne jetzt mit dem unzerbrochenen porzellan und ende mit der positiven variante. so ist der zusammenhang der scherben ggf. ein wenig höher: blick an LD über scherben gesendet, aber nicht angekommen = wunsch nicht erfüllt. LI hängt noch im wunschtraum fest, befreit sich aber daraus. neuer wunsch wird formuliert und freigesetzt.


    zB sollten Metaphern wie "weißes Gold" eigentlich schon hinter dir liegen.

    hm, sollten sie? klar ist es die gängigste methapher für porzellan, aber zum einstieg fand ich sie okay. ich habe mir noch keinen kopf über einen ersatz gemacht, kann ich aber noch tun. sollte ja nicht so schwer sein.

    über die von dir angemerkten *sprachlichen unschönheiten* kann ich auch nochmal nachdenken, wobei mich das verkürzte *wünscht* z. b. gar nicht stört.

    Und wozu sollte man einen Traum noch rosa übertünchen? Traum ist ja sowieso schon "rosa" besetzt; außer es wäre ein Alptraum, aber das kommt hier nicht zum Ausdruck, wo das LI auch noch "verträumt" seine "Welt" und seinen "Himmel"
    der traum lockt mit einer erwartung, das LI verfängt sich darin, bis es aus diesem erwartungsnetz nicht mehr freizukommen scheint. außerdem erfüllt der traum die erwartung nicht oder zumindest nicht vollständig, es ist ja nur ein traum. anstatt dies zu akzeptieren, malt sich das LI die situation aber noch extra schön. ich denke gerade an eine maus in der falle, geködert mit käse. der schwanz ist schon ab, die zukunft sieht düster aus, die maus aber ignoriert den blutenden schwanzstummel und schreit: was für ein gemütliches plätzchen! so heimelig und warm! und was für ein wundervoller käse! der beste käse, den ich mir vorstellen kann! das ist das *rosa übertünchen*. dass es auch ihr letzter käse sein wird, will die maus (noch) nicht wissen.

    Ich rätsle immer noch: Wie soll der Blick "freigesetzt" werden und vom LD bemerkt, wenn das LI in fortwirft, dann kann ihn das LD ja auch nicht sehen und warum nur wenn die Scherbe zerbricht? Und warum "schreibt" (wäre "brennt" im Zusammenhang mit Prozellan nicht passender?) es zuerst den Blick auf eine Scherbe im Auge des LD ("in deiner hellen Augen Glanz") und nimmt ihn dann wieder heraus, um ihn fortzuwerfen? Hat das etwas mit dem biblischen Balken im Auge zu tun?)
    in der ausstellung, die ich besuchte, war es so: man nimmt sich ein porzellanteil, schreibt unter uv-licht mit einem uv-stift einen wunsch auf das stück, der im normalen licht nicht mehr sichtbar und damit auf das porzellan *gebannt* ist. dann betritt man den sog. *steg der wünsche* - ein 20 m langer steg im freien, der am ende gläsern aus einem berg ins *nichts* ragt. man lässt das porzellan in die tiefe fallen, wo es auf einem scherbenhaufen landet. beim zerspringen wird der wunsch freigesetzt und geht dann dem aberglauben nach in erfüllung.

    in meiner interpretation der geschichte schreibt das LI nicht seinen wunsch, sondern seinen (verliebten) blick auf das porzellan. insofern ist die blickerwiederung (liebeserwiederung) der wunsch. fortgeworfen wird das porzellan, der blick wäre beim zerbrechen desselben frei und soll beim ankommen das LD veranlassen, genau so zurück zu blicken (zu empfinden) wie das LI. in meiner version zerbricht aber das porzellan nicht - shit happens. aber vielleicht ist das ja auch nur eine wunschvorstellung des LI und das porzellan zerbrach, der blick kam an, aber der wunsch ging trotzdem nicht in erfüllung. warum das LD wirklich nicht zurück blickte, steht jedenfalls auf einem anderen scherben.

    Gehört nach dem V3 wirklich ein Doppelpunkt?
    darauf könnte ich auch verzichten.


    liebe grüße und nochmals herzlichen dank für deine überlegungen.
    lilisarah

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