1. #1
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    Flanierwetter: Kastanien und Tauben




    1
    Maroniduft steigt mir in die Nase.
    Unter meinen Schritten sirren die Alleen.

    2
    Flanieren.
    Aus den Blättern von heute
    lese ich Freude,
    Ziegelrot, Kurkumagelb, Sonnenorange.

    3
    Darunter verborgen die Reste
    der gestrigen,
    der vorgestrigen und vorvorgestrigen,
    zerbröselt
    wie Spreu unter Hufen;
    unter den schweren und leichten Gehern,
    den alten und jungen,
    den Läufern und Rädern,
    von der Nachtfeuchte eingespeichelt
    und vom Frühnebel wiedergekäut
    und ausgespuckt:
    Kraftloser, braungrauer Dreck -
    unterhalb.

    4
    Darüber -
    es wird mir morgen und übermorgen
    und überübermorgen
    ein Trost sein -
    noch das tägliche Fallen:
    Die sirrendbunte Pracht
    aus der begrenzten Welt hinausgetragen
    in das Universum des Toten.
    Fäulniskatalyse. Freude lese ich.

    5
    An der Innenseite meiner Hand wärmt sich
    seligglatt eine Rosskastanie.
    Ein Edelstein, in dieser staubigen Stachelschale
    rund geschliffen, vom Weg herausgeschlagen,
    schmiegt sie sich an meine Haut.
    Hypnotisiert von ihrem kakaoseidigen Glanz
    will ich sie
    anbeißen, wie ich es als Kind tat.

    Wahrscheinlich nicht meine erste Enttäuschung,
    aber sie hat die Fäulnis der Jahre überlebt,
    weiter getragen in meinen Taschen,
    Jahr für Jahr,
    umklammert bis sie mich wärmte,
    Herbst für Herbst.

    Gibt es einen Schmetterlingseffekt erster Enttäuschungen?

    6
    Im Mund rinnt mir das Wasser zusammen
    und ich gehe zum Maronibrater
    und esse die Glanzlosen -

    ein Déjà-vu.

    7
    Nur dort auf der Bank fehlt die alte Frau
    mit den ausgewaschenen Kleidern und
    den fingerlosen Handschuhen, die die Tauben fütterte.

    Das war bestimmt aus einem Film.

    Die hungrigen Tauben weichen zurück,
    springen vor mir her, fliegen kurz auf,
    knapp über den Kopf hinweg, ich spüre den Luftzug
    und ducke mich unwillkürlich.

    In meinem Rücken sammeln sie sich wieder,
    picken dort und da
    und da und dort.
    Ich werfe die leeren Schalen hin.
    Erinnerungen. Ein Perpetuum mobile nach der Chaostheorie.

    Ich werde morgen wieder kommen,
    um nach der Frau zu sehen.




    Geändert von albaa (17.10.2019 um 07:17 Uhr)

  2. #2
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    Laut Chaostheorie wirst du morgen was anderes antreffen? Aber die alte Frau könnte das Karussell vielleicht mal kurz zum Halten bringen? Damit ein gütiger Herbstwind die faulenden Blätter wegfegt? Und nur die vielen bunten schönen bleiben? A la recherche du marron perdu...
    kp

  3. #3
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    Klasse.
    In Mary Poppins gab es eine Taubenfütterfrau.
    In der Besetzungsliste wird sie als 'Vogelfrau' aufgeführt.

  4. #4
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    Hallo kaspar!

    So viele Frage! Ich vermute, du erwartest keine Antworten von mir. Die könnte ich auch gar nicht geben, denn ich war nicht dort.

    Hallo leuchtendgrau,

    Herzlich willkommen im Forum! Freut mich, dass dir mein Text gefällt.

    Die Frau ist also aus Mary Poppins!? Soviel zu Erinnerungen! Aber warte: Dann sind die Tauben auch nicht echt! Oder vielleicht doch? Keine Ahnung!

    Vielen Dank für eure Gedanken!

    Lieben Gruß
    albaa

  5. #5
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    Hallo albaa


    Worum geht es in diesem Gecicht? Darum?
    O wüsst ich doch den Weg zurück,
    Den lieben Weg zum Kinderland!
    O warum sucht ich nach dem Glück
    Und ließ der Mutter Hand?
    O wie mich sehnet auszuruhn,
    Von keinem Streben aufgeweckt,
    Die müden Augen zuzutun,
    Von Liebe sanft bedeckt!
    Und nichts zu forschen, nichts zu spähn,
    Und nur zu träumen leicht und lind;
    Der Zeiten Wandel nicht zu sehn,
    Zum zweiten Mal ein Kind!
    O zeigt mir doch den Weg zurück,
    Den lieben Weg zum Kinderland!
    Vergebens such ich nach dem Glück,
    Ringsum ist öder Strand
    Das Gedicht stammt von Klaus Groth und wurde von Johannes Brahms vertont (Heimweh II) Ist das der weiße Elefant in deinem Gedicht oder gibt es nur eine weiße Antilope oder eine weiße Laborratte? Das ist schwer zu sagen, weil das LI einen Einblick in die Intensität seiner Empfindungen verweigert.

    Festzuhalten bleibt jedoch: Über die Rosskastanie gelingt dem LI wieder der Kontakt zur KIndheit. Die Entäuschung nach dem Biss in Kindertagen hat sich in eine warme Erinnerung verwandelt. Der Gang zum Maronibrater führt zu einem Wiederaufleben glücklicher Kindertage. Als Leser frage ich mich, warum das LI dieses Erlebnis am folgenden Tag wiederholen möchte. Die Auskunft, die es darüber gibt, führt nicht wirklich weiter: Die alte Frau , die die Tauben füttert, fehlt. Fehlt sie wirklich? Ist nicht das LI selbst mittlerweile dabei, dieses Rolle zu übernehmen ohne das zu merken? UNd die Frage bleibt bestehen: Warum das Dejavu-Erlebnis wiederholen? Da ist von nicht näher bestimmter Trostbedürftigkeit die Rede und von nicht näher bestimmten Enttäuschungen oder ist es ganz einfach der Wunsch, den Zeitpfeil umzudrehen und der Vergänglichkeit, die sich in den Anfangsstrophen im Symbol der Blätter zeigt, ein Schnippchen zu schlagen? Oder träumt das LI davon, hinter den Zeitpunkt der ersten Enttäuschung zurückzugehen und sein Leben noch einmal neu zu leben? Du siehst, der Text ist für meinen Geschmack etwas zu verschlossen.

    Ich frage mich auch, ob dieser Text noch ein Gedicht ist oder nicht vielmehr ein Zwitter zwischen Poesie und Prosa. Dabei argumentiere ich nicht positivistisch mit dem Fehlen von Reim, Rhythmus u dergl. Ich bin aber davon überzeugt, dass dieser Text als fortlaufende Prosa geschrieben nichts verliert, vielleicht sogar noch etwas gewinnen könnte.

    Ein punktuelles Problem habe ich mit
    Unter meinen Schritten sirren die Alleen.
    "sirren" kenne ich nur als hellen Maschinenton. Austriazismus? Dann das "unter meinen Schritten". Du meinst wohl: Während ich gehe, sirren die Alleen.

    Okay ich bin furchtbar müde und muss morgen früh raus.

    Liebe Grüße
    Onegin
    Geändert von Onegin (18.10.2019 um 07:56 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  6. #6
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    Guten Morgen Onegin!

    Nur ganz schnell zu

    Unter meinen Schritten sirren die Alleen
    Das LI geht natürlich die nur über trockene Blätter, die rascheln oder knistern oder rauschen oder …

    Aber es empfindet das Geräusch, das dabei entsteht, nicht eingeschränkt auf die Geräuschquelle, sondern es scheint ihm, als sei es umgeben von diesem Geräusch; die Alleen als Ganzes scheinen die Quelle dieses Geräusches zu sein und so erlaubt sich der Schreiber die physikalischen Gesetze ein bisschen zu manipulieren oder man kann es einfach so lesen: "unter den Schritten sirren die Alleen“ wie „unter dem Dirigenten XY spielt das Orchester“-

    Und warum nun „sirren“? Vielleicht liegt das auch am Sirren des Notebooks oder des Kühlschranks während des Aufschreibens dieses Verses oder am Verkehr, den man als verkehrsgequälter Städter eher wie ein sirrendes Hintergrundgeräusch wahrnimmt.

    Und es liegt daran, dass mir „sirren“ zu „flanieren“ und „Schritten“ gefiel, also einfach als sprachliches Material für den Klang und, um die herbstliche Aufdringlichkeit einzufangen. Der Herbst „sirrt“ für mich, mit all diesem aufdringlichen Überfluss an Farben, Geräuschen, Gerüchen, glänzende oder schmackhafte Kastanien ... Die Vanitas sirrt überall um einen herum, wie ein lästiges Insekt oder so. Damit steckt in diesem einen Vers eigentlich schon das ganze Gedicht und der Rest ist nur noch Beiwerk

    Ich muss jetzt los. Herzlichen Dank für deinen Eintrag.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (18.10.2019 um 09:17 Uhr)

  7. #7
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    Lieber Onegin,
    Danke für diese Gedicht, dass zweifellos in eine ähnliche Richtung geht.

    Ich habe unten versucht aus deinem Kommentar (die) Stelle(n) herauszupicken, wo ich nicht bloß rhetorische Fragen vermutete

    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Ich frage mich auch, ob dieser Text noch ein Gedicht ist oder nicht vielmehr ein Zwitter zwischen Poesie und Prosa. Dabei argumentiere ich nicht positivistisch mit dem Fehlen von Reim, Rhythmus u dergl. Ich bin aber davon überzeugt, dass dieser Text als fortlaufende Prosa geschrieben nichts verliert, vielleicht sogar noch etwas gewinnen könnte.

    Was meinst du mit fortlaufender Prosa?

    Ein punktuelles Problem habe ich mit "sirren" kenne ich nur als hellen Maschinenton. Austriazismus? Dann das "unter meinen Schritten". Du meinst wohl: Während ich gehe, sirren die Alleen.

    Das habe ich oben schon versucht zu beantworten.

    Herzlichen Dank nochmals für deine Gedanken, die für mich immer wertvoll sind und


    lieben Gruß
    albaa

  8. #8
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    Liebe albaa,

    fortlaufende Prosa, das ist Text, der nicht in Strophen gegliedert ist. Deine durchnummerierten Strophen muten fast schon wie Kapitel an. Es ist ja hier im Forum ein beliebter Vorwurf,. einem Autor zu schreiben "Das, was Du hier eingestellt hast, ist kein Gedicht"- Ich persönlich finde das keine wirklich interessante Frage. Aber wenn man schon darüber nachdenkt: Das LI agiert 1) fast wie der Erzähler eines Prosatexts. distanziert insofern als er nicht mit dem Geschehenen verschmilzt und man könnte wahrscheinlich auch deshalb 2) aus deinem Text sehr leicht eine schöne kurze Proaerzählung machen. Jemand geht im Herbst durch eine Kastanienallee, hebt eine Rosskastanie auf, erinnert sich an die Kindheit, geht zum Maronibrater, Deju vu, aber wo ist die ale Frau? Das wäre der einfache vordergründige Plot, in wirklichkeit wird natürlich von den Versagungen und den Enttäuschungen eines Erwachsenenlebens erzählt.

    Das wären für mich die Gründe, um zu sagen, dass Du ein sehr prosanahes Poem geschrieben hast.

    LIeber Gruß

    Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  9. #9
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    Lieber Onegin,

    Ich schrieb schon an anderer Stelle zu einem anderen Flanierwettertext


    bei Beitrag #4; Ja, ich weiß eigentlich auch nicht so recht, was ich da mache: Lyrische Prosa oder prosaische Lyrik oder ist es überhaupt Kürzestprosa?
    Es ist wohl eine Mischform; teilweise ist es dann ja wieder stark verdichtet und metaphorisch oder ist wichtig, was bestimmten verwendeten Worten immanent ist, wie zB das von dir angesprochene "Sirren", und der Klang ist auch wichtig. Aber das kann natürlich auch alles für Prosa gelten.

    Braucht es unbedingt ein Pickerl?

    Der Plot ist auch eher eine Art Datenträger.

    Und eine gewisse Distanz des LI kann auch nicht wirklich schaden. Es lässt uns ja an seinen Gedanken teilnehmen, aber es ist trotzdem kein auktorialer Erzähler, weiß vieles nicht und verrät auch nicht alles, was es vielleicht weiß und/oder fühlt; so kann der Leser vieles für sich und seine spezifische (Gefühls)welt "übersetzen". (?)

    Und ich möchte auch nicht fortlaufend schreiben, weil ich bestimmen möchte, wie es gelesen werden soll.

    Vielen Dank für dein neuerliches Einlassen auf den Text!

    Lieben Gruß
    albaa

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