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Thema: keinsilbig

  1. #1
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    keinsilbig

    gestammelte

    Halbsätze, Viertelsätze
    Zehntelsätze

    das Geräusch des Luftholens
    für einen Satz
    der wieder
    hinuntergeschluckt
    wurde

    der jetzt
    unverdaut
    im Magen liegt

    zusammen
    mit dem über die Jahre
    angesammelten
    Wortschotter des Ungesagten

    erzählt er
    seine ganz eigene

    abgeschlossene
    Geschichte

  2. #2
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    Hallo leuchtendgrau,

    in diesem Dings gibt es wieder eine Formulierung, die mich umhaut, weil so gut:
    Wortschotter des Ungesagten
    Zum Niederknien!

    Was mir weniger zusagt, jedoch sehr Dein Stil geworden zu sein scheint, sind die endlosen Zeilenumbrüche, mit denen Du eigentlich jedes Deiner Gedichte wahllos aufteilst, als würde es gedichtlicher, wenn es mehr Platz einnimmt, als notwendig. Die wenigsten dieser Umbrüche nehme ich als Gedankenpause wahr, da sie auch inmitten zusammengehöriger, fast atemloser gedankenzuendegedachter Passagen liegen. Sie betonen auch nicht einzelne Textteile, die es durchaus verdienten, denn dazu sind es schlicht zu viele und somit bliebe alles betont – oder gebrochen leise. Umbrüche beinhalten eigentlich stets auch Leseanweisungen, wie etwa: Hier stocken, Luft holen, oder gar kurz gruseln, ehe das Wort kommt, dass man erwartet, aber nicht hören wollte, weil es letztendlich schmerzt. Überhaupt verlangten Leseanweisungen ja noch viel mehr an Satzzeichen, wildcards oder ähnliches und auf die verzichtest Du wohl bewusst. Was Du damit schaffst, ist fraglos den Text brüchiger dastehen zu lassen; das stelle ich nicht in Frage. Aber die Brüchigkeit eines Textes, die filigrane Zerbrechlichkeit, die uns aufhorchen lässt, die uns einen Text mit Sorgfalt, fast liebevoll behandeln lässt, sollte doch eher von den inneren Werten, denn den Äußerlichkeiten herrühren, wie im richtigem Leben (grins).

    Ich glaube auch, Du vergibst mit dieser mechanischen Zerstückelung auch Chancen: Trotz, Eifer, laute Wehklage, mitreißende Reden, Begeisterung, all diese verbindet das atemlose rasche Vorbringen von Wortketten. Das Zögerliche, die Angstbefangenheit, ein Nachdenken oder gar Nachhorchen hingegen schaffen im Gegensatz dazu Platz für viele Pausen oder gar offene Enden. Ein solches Wechselspiel ermöglicht es, in Texten mehr als nur dem Sinnen Raum zu schaffen, ergibt Spannung und vielleicht darum genau am Ende dem Leser mehr Möglichkeit, in der Conclusio des Ganzen Befriedigung zu finden. Warum ich das bei diesem Text anspreche?
    gestammelte Halbsätze, Viertelsätze, Zehntelsätze
    Da ist ja schon einer, der sich auflehnt und immer noch versucht, Formulierungen zu finden, es auszusprechen, entgegen jeglichem Schweigegebot, dass es zu geben scheint. (Nein, ich denke da nicht wirklich an ein tatsächliches Verlangen des Schweigens durch eine wie auch immer geartete Autorität. Es ist wohl eher etwas, dass sich erlernte, da Worte untergingen, Stimme verhallte, Wirkung ausblieb, Trostlosigkeit sich breitmachte, oder Widerspruch lauter war. Ich würde in dieser Zeile nur die Zehntelsätze als letztes, bereits im Vorwege verworfenes Aufgebehren umbrechen.

    Das mit den Betonungen durch Umbrüche (und Satzumstellung) finde ich hier sehr schön aufzeigbar:
    der jetzt
    unverdaut
    im Magen liegt
    versus
    der jetzt im Magen liegt
    - unverdaut –

    wäre mein Vorschlag, weil das Unverdautsein damit an Bedeutung gewinnt, für sich wieder mehr Geschichte erzählt, Raum gibt, sich zu fragen, wer denn eigentlich Gesagtes verdaut: Der Sagende, oder der Hörende (und da es den letzteren hier im Text nicht gibt, wäre es möglich, diesem Fehlen das Unverdautsein zuzuschreiben, lächel).
    … für einen Satz…
    Nach den Zentelsätzen finden ich diesen Satz hier übrigens fehl am Platz: für nur ein Wort, das wieder hinuntergeschluckt schiene mir passender? Es leitet dann auch leichter den Leser zum Wortgeschotter. Auch das wurde würde ich lieber streichen, und tatsächlich nur im Magen liegt anschließen. Auch durch so eine Straffung wird das Unverdautsein noch einmal mehr mit Bedeutung versehen.

    Ich habe lange darüber nachgedacht, was es aussagt, dass Du zum Ende hin der Geschichte die Abgeschlossenheit zusprichst. Das war für mich auf den ersten Blick, das erste Lesen, nicht auffällig, gewann aber irgendwie immer mehr an Bedeutung; schließlich muss dafür nunmehr das letzte Wort verschluckt sein, denn jedes weitere brächte zumindest Variationen in die Geschichte, was nach Abschluss nicht möglich ist. Und das ab sofort alles doch ausgesprochen und vom Gegenüber verdaut würde, das lässt die Hoffnungslosigkeit dieses Textes nicht zu.

    Anfangs wirkte diese erzählte Geschichte auf mich fast versöhnlich, tröstlich, als könnte man sie noch finden - die Geschichte - und sie sich erzählen lassen, anstatt dass sie dort unten nur um sich selbst kreist und mit sich alleine bleibt. Aber auch das Erzählen einer Geschichte bringt Veränderung in sie, und sei es, sie hätte nur einen einzigen Zuhörer; denn im Hören entwickelt man eigene Bilder, entdeckt Ausschmückungen, die es im Text so nicht gab. Vielleicht entsteht im Erzählen und Hören ein gemeinsames Graben im Versunkenen, wodurch sich Punkte dazu malen, wo vorher nur Striche waren. Diese Geschichte aber ist abgeschlossen, es kommt nichts hinzu und vermutlich erzählt sie sich selbst nur einmal. Und darum lässt mich das Ende doch traurig zurück.

    Was mir am Text imponiert: Du schaffst ein äußerst dichtes Fühlgefüge, ohne dass Du ein lyr.Ich oder Du dazu brauchst. Das ist zu bewundern!

    Herzlich
    Nina
    .
    .

    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
    Du vermisst einen Kommentar zu Deinem Gedicht?

    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  3. #3
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    Hallo Nina,
    vielen Dank erstmal für deine ausführlichen Anmerkungen.

    Zum Kritikpunkt mit den Umbrüchen stimme ich dir zu.
    Wenn ich mir es so nochmal durchlese, sind es zuviele.

    Der Vorschlag "unverdaut" hinten an zu stellen gefällt mir sehr gut.

    Zu "für einen Satz".
    Im Prinzip ist es ein Gedanke, den man nicht ausspricht und das wäre dann eher ein Satz.
    Wenn ich "Satz" durch "Wort" ersetzen wäre, hätte ich zum Schluss das "Wort" und "der Wortschotter des Ungesagten", die eine abgeschlossene Geschichte ergeben.
    Kann man machen, aber glaube, da würde ich lieber beim Satz bleiben.

    Der Grundgedanke war die Vorstellung einer Sammlung all der Sachen, die nie jemand anderes als der Autor, die Autorin zu sehen bekommt, die aber vielleicht die viel spannenderen Geschichten erzählen könnten, als das, was veröffentlicht wurde. Das kann man auch auf das Leben selber beziehen.
    Es ist nie die ganze Geschichte, die wir zu sehen bekommen. Zu Ende erzählt wird sie in den unausgeleuchteten Ecken, den nicht abgeschickten Briefen und den verbrannten Manuskripten.

    Im Text steckt mir mich beides. Eine Traurigkeit über all das Zurückgehaltene, doch auch die Einsicht, dass es eine vielfältige geheime Welt gibt, die wie das Myzel der Pilze alle Aspekte unserer Zivilisation durchzieht.

    Danke für die Komplimente. Und für das Wort "Fühlgefüge" – großartig.

    Lieben Gruß,
    leuchtendgrau

    korrigierte Version nach Anmerkungen von linespur:

    gestammelte Halbsätze, Viertelsätze
    Zehntelsätze

    das Geräusch des Luftholens
    für einen Satz
    der wieder hinuntergeschluckt wurde

    der jetzt im Magen liegt
    unverdaut

    zusammen mit dem
    über die Jahre angesammelten
    Wortschotter des Ungesagten

    erzählt er seine ganz eigene
    abgeschlossene
    Geschichte
    Geändert von leuchtendgrau (14.11.2019 um 08:18 Uhr)

  4. #4
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    hmmm...
    ich bin mir nicht sicher, ob die korrigierte Version eine Verbesserung ist. prinzipiell stimme ich Nina zu, was die Aufklärung von Gedichten durch Bedeutsamkeit vortäuschende betrifft, bei "keinsilbig" gefielen sie mir gut und wirkten auf mich nicht anmaßend, unterstrichen meiner Meinung nach das Gestammel der Halb- und Viertelsätze durch die Nachbildung von Satzstummeln,

    wobei:

    "der jetzt im Magen liegt
    unverdaut"

    auf mich in der Tat stärker und verdichteter wirkt als die entsprechende Passage der ersten Version, und "Fühlgefüge", ja, das ist in der Tat ein sehr schönes Wort, das hat bisher in meinem Wortschatz gefehlt, danke für die Bereicherung!

  5. #5
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    Hm, ich danke (!)
    Und wenn man dem

    abgeschlossen

    noch eine ganz eigene Zeile schenkte?
    .
    .

    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
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  6. #6
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    Hallo leuchtendgrau,

    was die Brechungen betrifft, bin ich bei "keinsilbig" eher auf Seiten von saegefisch. Aber ich habe ganz andere Einwände gegen das Gedicht: Ich halte es nicht für zu Ende gedacht. Und zwar geht es mir um die beiden letzten Zeilen
    erzählt er seine ganz eigene
    abgeschlossene Geschichte


    Da gibt es also jemanden. der tatsächlich keinen klaren Satz herausbringt, sondern nur noch Satzteile stammeln kann und dieser arme Tropf soll nun ein Erzähler sein. Erzählen heißt klassischerweise eine sinnvoll geordnete logisch-chronologische Handlung präsentieren. All das kann doch der arme Kerl gar nicht mehr! Dann ist die Geschichte auch noch abgeschlossen. Das heißt, die story ist rund, alle unmittelbaren Fragen sind in der Geschichte selbst beantwortet worden. Aber kurz zuvor war noch davon die Rede, dass jemand viel von dem, was er sagen will, wieder hinunterschluckt, wie kann er dann eine "abgeschlossene", runde Geschichte präsentieren? Schließlich behauptet das Gedicht auch noch, hier erzähle jemand nicht irgendeine, sondern "seine ganz eigene" Geschichte. Abgesehen davon, dass "ganz eigen" fürchterlich abgenutzte Feuilleton-Phraseologie ist, wird hier behauptet, dass unser armer Stammler durch und in seiner Geschichte sich seiner Identität versichert. Das ist wirklich starker Tobak und stellt die Gutgläubigkeit und Treuherzigkeit des geneigten Lesers auf eine gar zu schwere Probe!

    Und linespur, du lobst den Verzicht auf ein lyrisches Ich und ein lyrisches Du. So etwas findet sich in modernen Gedichten ja recht häufig. Ist das aber wirklich in jedem Fall ein Fortschritt in der lyrischen Kunst oder kolonialisiert nicht vielmehr die subjektlose und funktionalistisch verkrustete Sprache der Bürokratie hier die Literatur, in der doch immerhin vom konkreten Menschen noch sollte die Rede sein?

    Parken verboten
    Hier kein Winterdienst
    Unterschrift nicht vergessen
    Unterfertigter nach Diktat verreist
    Änderungen vorbehalten
    i. A.

    Onegin
    Geändert von Onegin (14.11.2019 um 08:13 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  7. #7
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    Zitat Zitat von linespur Beitrag anzeigen
    Und wenn man dem

    abgeschlossen

    noch eine ganz eigene Zeile schenkte?
    Okay, habe es in der korrigierten Version nochmals korrigiert.
    Komplett überzeugt mich der neue Umbruch nicht.
    Vielleicht wäre das Ideal ein Mittelding zwischen den beiden.


    Hallo Onegin.
    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Da gibt es also jemanden. der tatsächlich keinen klaren Satz herausbringt, sondern nur noch Satzteile stammeln kann und dieser arme Tropf soll nun ein Erzähler sein. Erzählen heißt klassischerweise eine sinnvoll geordnete logisch-chronologische Handlung präsentieren. All das kann doch der arme Kerl gar nicht mehr!
    Es geht nicht um eine Geschichte im Sinne eines Romans oder um erzählerische Fertigkeiten.

    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Dann ist die Geschichte auch noch abgeschlossen. Das heißt, die story ist rund, alle unmittelbaren Fragen sind in der Geschichte selbst beantwortet worden. Aber kurz zuvor war noch davon die Rede, dass jemand viel von dem, was er sagen will, wieder hinunterschluckt, wie kann er dann eine "abgeschlossene", runde Geschichte präsentieren?
    Genau das ist doch der Punkt und das steht doch auch so im Text, dass gerade das Unausgesprochene seine eigene Geschichte erzählt.
    Mit dem 'abgeschlossen' wollte ich kontrastierend hervorheben, dass das Unausgesprochene eher betracht wird wie die zerknüllten Notizen im Papierkorb. Was sie ja auf eine Weise auch sind. Aber sie erzählen auch eine Geschichte. Oft sogar die spannendere. Man kann sich das als Bild vorstellen, als säße jemand am Schreibtisch, der nur einen einzigen Satz zu Papier gebracht hat, neben ihm der Papierkorb ist aber randvoll.

    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Schließlich behauptet das Gedicht auch noch, hier erzähle jemand nicht irgendeine, sondern "seine ganz eigene" Geschichte. Abgesehen davon, dass "ganz eigen" fürchterlich abgenutzte Feuilleton-Phraseologie ist, [...]
    Dass "ganz eigen" eine fürchterlich abgenutzte Feuilleton-Phrase sein soll, stellt für mich eine komplett neue Erkenntnis dar.

    Und wie schon gesagt, es geht um die persönliche Geschichte im Sinne eines Lebens und Erlebens, nicht um ein literarisches Produkt.

    Gruß,
    leuchtendgrau

  8. #8
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    Hallo in die Runde,

    wann und wie die Umbrüche die verschiedenen Leser beeinflussen, zeigen die vorherigen Kommentare. Jeder mag es anders. ^^
    gestammelte Halbsätze,
    Viertelsätze,
    Zehntelsätze
    diese variante bspw. wirkt für mich.
    Verdammt schwierig, in diesem Werk die "goldenen Umbrüche" zu setzen.

    Zitat Zitat von Onegin
    eine "abgeschlossene", runde Geschichte
    Ein sehr aufmerksamer Einwand. Ich frage mich nur, ob das "Runde" durch eine "Geschichte" impliziert wird.
    Zitat Zitat von leuchtendgrau
    wie die zerknüllten Notizen im Papierkorb
    Diese Veranschaulichung trifft es für mich. Ansätze, Versuche, Veränderungen, vollzogene (Gedanken-)Wandel ... gelöschte/geänderte Bilder, die für sich sprechen aber in ihrer Abgehacktheit Raum für Interpretationen und Spekulationen lassen.

    Muss eine Geschichte rund sein, um einen Abschluss zu haben?!
    Zitat Zitat von leuchtendgrau
    Und wie schon gesagt, es geht [...] nicht um ein literarisches Produkt.
    In diesem Sinne ein Nein von mir.

    Für mich ein ansprechendes Gedicht - so oder so. Gerne gelesen (so auch die kritischen Kommentare).

    lG
    k1
    meine bescheidene Meinung

    Hüpfburg

  9. #9
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    Hallo leuchtendgrau,

    du schreibst:
    Genau das ist doch der Punkt und das steht doch auch so im Text, dass gerade das Unausgesprochene seine eigene Geschichte erzählt.
    Eben nicht, das Unausgesproche sagt nichts und "erzählt" schon gar nichts, sondern das Unausgesprochene ist das, was verschwiegen und eben nicht gesagt und noch weniger erzählt wird. Wir können höchstens erahnen, dass es dieses Ungesagte geben muss. Was heißt denn erzählen genau? Erzählen ist relativ entspannt. Die Großmutter sitzt im Ohrensessel, kramt die Märchenbücher hervor, die Enkel warten usw...
    Und abgeschlossen ist eine Erzählung, eine Geschichte dann, wenn sie rund ist, wenn sie eine Geschichte im eigentlichen Sinne ist. Die "Geschichte" dieses namenlosen "er" kann schon deswegen nicht rund und abgeschlossen sein, weil sein Leben ja weitergeht und damit auch seine "ganz eigene" Geschichte. Wahrscheinlich meinst du mit abgeschlossen "verborgen". Die Stammelsätze "erzählen" mit dem Ungesagten zusammen eine verborgene "Geschichte". Fazit, Du bist einfach sprachlich und poetisch unpräzise und ich bin überzeugt, dass das die Wirkung Deines Gedichts auch bei den Lesern beeinträchtigt, denen beim ersten Drüberlesen nichts auffällt. Ich habe schon verstanden, was Du sagen willst, aber Du benutzt die falschen Worte dafür.


    Auf dieses Verbrechen stehen sechs Monate Besserungsanstalt bei Wasser und Brot, einem Schreibblock, einem Bleistift und den gesammelten Werken von RMR.

    Änderungen vorberhalten

    So dacht ich Onegin



    .
    Geändert von Onegin (15.11.2019 um 00:10 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  10. #10
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    Hallo Onegin,

    ich teile deine Ansicht nicht. lies mal bitte, wie es steht:

    "das Geräusch des Luftholens für einen Satz der wieder heruntergeschluckt wurde .. erzählt .. seine seine ganz eigene abgeschlossenen Geschichte"

    ich kann da sprachlich wie logisch keinen Fehler drin finden. wobei: leuchtendgrau bei Wasser und Brot mit einem Schreiblock und Stift und meinetwegen auch Rilke 6 Monate einzusperren ist natürlich eine feine Idee, und dann schreiben, schreiben, schreiben .. )

    viele Grüße,
    saegefisch

  11. #11
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    Hallo Saegefisch,

    "das Geräusch des Luftholens für einen Satz der wieder heruntergeschluckt wurde .. erzählt .. seine seine ganz eigene abgeschlossenen Geschichte"
    Ja, das steht da und daran entzündet sich meine Kritik. Man muss mit den Worten genau sein. Wie werden diese Worte genau verwendet? Erzählen ist nicht synonym mit mitteilen. Wer erzählt, ist entspannt und berichtet geordnet über ein interessantes Geschehen, das häufig schon eine Weile zurückliegt. (der "raunende Beschwörer der Imperfekts, heißt es bei Thomas Mann) Wenn Dir etwas auf der Seele brennt, dann "erzählst Du es nicht, sondern Du offenbarst dich, gestehst es, beichtest es, es sprudelt aus Dir heraus usw. "Der Beschuldigte erzählte in der Beichte von seinem Mord." ist schlechtes Deutsch. weil hier "erzählen" unpräzise verwendet wird.

    Die Kommunikationsssituation, die "keinsilbig" beschreibt, ist nun aber alles andere als ein Erzählen. HIer ringt jemand in Stammel- und Stummelsätzen verzweifelt mit der Sprache und findet nicht zu ihr, ein Erzähler würde über sie verfügen. Noch weniger geht es um eine abgeschlossene Geschichte, Eine Geschichte ist mehr als die bloße Mitteilung eines Geschehens. Eine Geschichte ist in einem Spannungsbogen geordnet, das setzt Disposition über die Teile, Überlegung und Distanzierung von dem Geschehenen voraus. Und all das nehmen wir unserem armen Stammler nicht ab, der seine Sätze wieder herunterschluckt.

    Worum es leuchtendgrau geht, das hat er in #7 klargemacht, aber er hat in den beiden letzten Versen sprachlich geschludert und das schadet seinem Gedicht und ist strafbewehrt.

    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  12. #12
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    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Eben nicht, das Unausgesproche sagt nichts und "erzählt" schon gar nichts, sondern das Unausgesprochene ist das, was verschwiegen und eben nicht gesagt und noch weniger erzählt wird.
    Hallo Onegin,
    ist es ein so abwegiges Bild für dich, dass verschluckte Sätze eine Geschichte erzählen? Es handelt sich um Gedanken, Worte und Sätze.
    Ein Buch, das du liest, 'erzählt' dir auch nichts (es spricht nicht mit dir), aber es erzählt eine Geschichte.

    Von 'rund' habe ich übrigens nie etwas gesagt.
    Auch einen Roman mit offenem Ende würde man als abgeschlossene Geschichte bezeichnen.
    Wobei die Bedeutung 'isoliert' bzw. 'verschlossen' hier eine interessante Ebene hinzufügt.

    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Eine Geschichte ist in einem Spannungsbogen geordnet, das setzt Disposition über die Teile, Überlegung und Distanzierung von dem Geschehenen voraus.
    Nein, wie kommst du darauf? Eine Geschichte kann von perfekt strukturiert bis komplett wirr und unzusammenhägend alles sein, vor allem in der mündlichen Erzählung.

    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Erzählen ist nicht synonym mit mitteilen. Wer erzählt, ist entspannt und berichtet geordnet über ein interessantes Geschehen, das häufig schon eine Weile zurückliegt. (der "raunende Beschwörer der Imperfekts, heißt es bei Thomas Mann) Wenn Dir etwas auf der Seele brennt, dann "erzählst Du es nicht, sondern Du offenbarst dich, gestehst es, beichtest es, es sprudelt aus Dir heraus usw. "Der Beschuldigte erzählte in der Beichte von seinem Mord." ist schlechtes Deutsch. weil hier "erzählen" unpräzise verwendet wird.
    Aufgeregt erzählte er..., wirr erzählte er..., unzusammenhängend erzählte er..., atemlos erzählte er von dem schweren Unfall, der sich gestern zugetragen hatte. Das geht alles nicht?
    Dein Beispiel mit der Beichte funktioniert nur, weil dies einen Schuldigen impliziert und damit ist 'beichten' präziser.
    Über einen beobachteten Mord kann ich sehr wohl erzählen. Der Satz "Dann hat Hans mir von dem Mord erzählt" ist weder falsch noch schlechtes Deutsch.

    Du schränkst die Begriffe 'erzählen' und 'Geschichte' mir nicht nachvollziehbar viel zu sehr ein. Auch eine komplett uninteressante Geschichte kann ich erzählen und sie bleibt eine Geschichte.

    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Und all das nehmen wir unserem armen Stammler nicht ab, der seine Sätze wieder herunterschluckt.
    Er stammelt, aber vielleicht hat das, was er hinunterschluckt, mehr Sinn und Zusammenhang als das Gestotterte.

    Ich finde deine Argumentation insgesamt schon sehr eng gefasst und selbst unter den von dir genannten Gesichtspunkten geht sie meiner Meinung nach nicht auf.

    Zitat Zitat von saegefisch Beitrag anzeigen
    wobei: leuchtendgrau bei Wasser und Brot mit einem Schreiblock und Stift und meinetwegen auch Rilke 6 Monate einzusperren ist natürlich eine feine Idee, und dann schreiben, schreiben, schreiben .. )

    Ich habe aber das Gefühl, die Anklage steht auf sehr wackeligen Beinen.

    Danke an alle für die Kommentare, ob positiv oder kritisch.

    Gruß,
    leuchtendgrau
    Geändert von leuchtendgrau (15.11.2019 um 10:38 Uhr)

  13. #13
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    Hallo Onegin,
    ist es ein so abwegiges Bild für dich, dass verschluckte Sätze eine Geschichte erzählen? Es handelt sich um Gedanken, Worte und Sätze.
    Ein Buch, das du liest, 'erzählt' dir auch nichts (es spricht nicht mit dir), aber es erzählt eine Geschichte.
    Ja, wenn der arme Kerl redete wie ein Buch, (zusammenhängend, in ganzen Sätzen) dann hättest Du vielleicht recht.

    Aufgeregt erzählte er..., wirr erzählte er..., unzusammenhängend erzählte er
    In der Tat, das würde ich nicht schreiben. "erzählen" steht für eine geglückte Kommunikationssituation. "Wirr", "unzammenhängend" hingegen für eine missglückte, gefährdete Kommunikationssituation. Das beißt sich für mich.

    Nein, wie kommst du darauf? Eine Geschichte kann von perfekt strukturiert bis komplett wirr und unzusammenhägend alles sein, vor allem in der mündlichen Erzählung.
    Widerspruch! Was wirr und unzusammenhängend ist, ist keine Geschichte. und ich bin gewiss, dass mir die allermeisten kompetenten Sprecher des Deutschen darin folgen würden.



    ich gehe jetzt aus dem Faden raus, ich glaube die Standpunkte sind klar geworden. Sechs Monate habe ich Dir schon aufgebrummt, jetzt gibt´s noch drei Monate oben drauf wegen argumentativen Widerstands


    Bis dann mal wieder

    Gruß Onegin, Richter am lyrischen Gericht
    Geändert von Onegin (17.11.2019 um 18:51 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  14. #14
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    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Widerspruch! Was wirr und unzusammenhängend ist, ist keine Geschichte. und ich bin gewiss, dass mir die allermeisten kompetenten Sprecher des Deutschen darin folgen würden.
    Nach deiner Argumentation kann niemand, der nicht über die nötigen erzählerischen Fähigkeiten verfügt, eine Geschichte erzählen.
    Leute mit sehr geringer Bildung und ohne diese Fähigkeiten erzählen aber auch Geschichten. Oder wie nennst du das dann?
    'Geschichte' ist kein Qualitätsmerkmal. Auch eine schlecht erzählte Geschichte bleibt eine Geschichte.

    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    "erzählen" steht für eine geglückte Kommunikationssituation.
    Wie in drei Gottes Namen kommst du darauf?
    Erzählen ist die mündliche oder schriftliche Weitergabe von Ereignissen und keine Aussage darüber, ob es sich dabei um geglückte Kommunikation handelt.

    Ich bin mir relativ sicher, dass niemand hier deiner Argumentation zustimmen wird.

  15. #15
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    @leuchendgrau




    Grüße,

    in deinen Faden, habe flüchtig reingeschaut, gibt’s ein pro und kontra.

    Das pro kann ich nachempfinden und bejahen, die kontra Meinungen dazu, sollten sich mehr hineintasten, tiefer tauchen.
    Der Text wurde (von mir)fix rekonstruiert. Aber die Ursache des „stottern“ ist mit keiner Silbe beschrieben.
    Also es gibt mehrere Varianten wieso jemand, nur Bruchstücke ausspuckt und nicht komplett mit der Wahrheit rausrückt. Denn hier werden vermutlich bewusst nur Halbsätze usw von sich gegeben, weil man aus irgendwelchen Gründen die vermutliche Wahrheit oder Meinung schützen will. Mein Denken.

    Tschüss,
    anbei 2 Änderungen


    gestammelte

    Halbsätze, Viertelsätze
    Zehntelsätze

    das Geräusch des
    tiefen Luftholens
    für einen Satz
    der wieder
    hinuntergeschluckt
    wurde

    der jetzt
    unverdaut
    im Magen liegt

    zusammen
    mit dem über die Jahre
    angesammelten
    Wortschotter des Ungesagten

    erzählt er
    seine ganz eigene

    abgeschlossene
    Meinung

    abgeschlossene Ansicht
    Geändert von horstgrosse2 (20.11.2019 um 18:18 Uhr)

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