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    Stofftiere bringen Glück - Erzählung VIII.Ende

    Ein paar Wochen später kam Gina mit einem Zeitungsartikel in die Küche herein. Wir staunten Bauklötze.
    „Es war widerlich“, lautete der Titel. „Einem ehemaligen ...er Polizisten wird sexuelle Belästigung vorgeworfen.“
    Als ich das lese, schaue ich auf und blicke in die Augen der beiden Frauen. „Les, les!“, drängt Loulou.
    Aber ich kann hier nicht alles wiedergeben, denn vieles war überflüssig in diesem Artikel, besonders der erste Teil, der einen Vergleich mit dem gleichen schwülen, heißen und trockenen Wetter und mit den Ereignissen herstellte.
    „Am Donnerstag startete der Prozeß gegen den ehemaligen ...er Polizisten Peter M. (alle Namen der Beteiligten von der Redaktion geändert). Die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer: M. soll während seiner Tätigkeit als Polizeibeamter zwei Frauen zu Hause aufgesucht, sie begrapscht und bedrängt haben.
    Die Anklage lautet auf sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe. Besonders schwer wiegt, dass M bei einem der Fälle seine Uniform getragen haben soll – inklusive Dienstwaffe. Peter M. bestreitet dies, ebenso wie alles andere, was ihm vorgeworfen wird.
    Dorothee L., die erste Geschädigte, soll er zu Hause in ihrer Wohnung ... aufgesucht haben, um dort mit ihr über Probleme bei einer Sachbearbeitung zu sprechen. Die Frau war zuvor mehrfach wegen Streitigkeiten mit ihrem Lebensgefährten in Kontakt mit der Polizei geraten, dabei kannte sie M. Als die Frau ihn in ihre Wohnung gelassen hatte, soll Peter M. sie an der Brust berührt und sie aufgefordert haben, sich auszuziehen. Als sie ihn wenig später bat zu gehen, soll M. sie noch aufgefordert haben, den Vorfall für sich zu behalten.
    Bei der zweiten Geschädigten handelt es sich um die Seniorin Christel J., die er während einer Streife vor ihrem Haus in ... gesehen hatte. Für den Tag darauf habe er sich unter dem Vorwand, dass er sie zu Problemen in ihrer Straße befragen wolle, mit der Seniorin verabredet. In ihrer Wohnung angekommen, soll er ihr laut Anklage ebenfalls mehrfach an die Brüste gefasst, sie gegen ihren Willen umarmt und geküsst haben.
    Zwei alleinstehende Frauen, die in einer wehrlosen Situation ausgenutzt worden sein sollen. Das Bild, das Peter M. in seiner Aussage zeichnet, ist ein anderes. Er habe Dorothee L. besucht, um ihr sein Beileid zum Tod ihres Lebensgefährten auszusprechen. Beide gehörten in ... zum „Trinkermilieu“, wie er sagt. Sie habe auf ihn „abwesend“ und ungepflegt gewirkt, als er sie besucht habe, um ihr seine Hilfe anzubieten. Zu einem sexuellen Kontakt sei es nie gekommen, doch habe ihm die Frau erzählt, wie einsam sie nun sei, da sie niemanden mehr habe.
    Auch im Fall von Christel F. leugnet der Angeklagte, was ihm vorgeworfen wird. Er berichtet, dass F. von sich aus versucht habe, ihm sexuell näherzukommen. Nicht nur sei sie unbekleidet gewesen, als sie ihm die Wohnungstür öffnete, sondern sie habe sich auch später erneut entblößt und ihm gegen seinen Willen umarmt,. Für seinen Besuch benennt der Angeklagte vor Gericht auch einen anderen Grund, er habe sich am Vortag Sorgen um die Frau gemacht, die in großer Hitze mit hochrotem Kopf auf der Straße gestanden habe.
    ...
    Ungereimtheiten in den Aussagen gibt es bei fast allen Zeugenaussagen, nicht nur bei der von Christel F., die am ersten Verhandlungstag aussagt. Nicht alles, was sie sagt, deckt sich mit ihrer Vernehmung bei der Polizei. So hatte sie damals ausgesagt, der Angeklagte habe sie nach der ersten Begegnung abends angerufen, um sich für den nächsten Tag mit ihr zu verabreden. Vor Gericht konnte sie sich daran nicht erinnern. Eines sei ihr jedoch immer noch klar, sagt sie: „Es war widerlich.“
    Doch auf aufseiten der Polizisten, die im Prozess als Zeugen geladen wurden, kommt es zu unstimmigen Aussagen. Der Kollege, mit dem Peter M. zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt auf Streife war, hatte in seiner Vernehmung noch gesagt, er habe nicht gewusst, warum sein Kollege nach... gefahren sei. Vor Gericht dagegen stellte er fest, dass er gewusst habe, dass sein Kollege bei der Seniorin vorbeifahren wolle.
    Dass er in seiner Vernehmung gesagt haben soll, er „stehe auf ältere Frauen“, könne nicht sein, meint der Angeklagte .Das habe er im Vorgespräch zu dem Kollegen gesagt, damit es ihm später nicht falsch ausgelegt werden könne. Wie diese Aussage in das Protokoll gekommen ist, können weder Peter M. noch der Beamte, der ihn befragt hat, erklären...“

    Wir freuen uns. Die Gerechtigkeit sollte zu ihrem Recht kommen, wie es schien. Auf die Frage, ob sich Gina nicht jetzt auch bei der Polizei, beim Gericht melden sollte, um die beiden älteren Damen mit ihrer wahrscheinlich berechtigten Anklage und Ansinnen zu unterstützen, winkt Gina ab: „Nein, das will ich nicht machen. Ich will nicht noch mehr Scherereien bekommen.“
    Ich verstehe sie. Wer will schon öffentlich zum Trinkermilieu zählen, wobei ausschließlich die sogenannten „Unterschichtler“ zählen. Will eine Journalistin wissen, daß die oberen Zehntausend nicht minder trinken, saufen, gifteln? Aber ich weiß es: sie tun es genauso!
    Ich finde Ginas Verhalten, wenn auch verständlich, dennoch feige, wo bleibt da die Frauensolidarität, die Hilfe, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, um solche Dinge im Vorfeld bereits schwieriger zu machen, was weiß ich noch, welche Formulierungen schwülstiger Art ich drechsle, aber Gina bleibt ungerührt, halsstarrig und stur. Wir sind sehr gespannt, wie die Richter entscheiden werden. „Die stecken doch unter einer Decke!“, gebe ich mein resigniertes Urteil ab, aber es soll anders kommen – hat es den Anschein.
    Nach einigen Wochen berichtet Loulou, sie habe gehört, der Polizist wäre tatsächlich verurteilt worden, er also schuldig gesprochen wurde. Er hätte über all die Vorkommnisse mit den älteren Damen, so sie sich zugetragen, ein Protokoll führen müssen, was er unterlassen habe. Erschwerend, was zur Strafe von zwei zwei Jahren Gefängnis beigetragen hätte, wäre gewesen, dass dieser bei seinem übergriffigen Verhalten noch in Uniform und mit Dienstwaffe aufgetreten sei, was sicherlich bei den Geschädigten ein einschüchternde Wirkung gehabt haben dürfte.
    „Amtsmissbrauch!“, denke ich. Ich bin richtig erfreut, dass es so eine Person auch mal erwischt hat, einen, der mit einem Panzer der Unantastbarkeit umgeben ist. Aber wahrscheinlich ist das letzte Wort nicht gesprochen, der Polizist, so wie er schamlos lügen konnte, wird alle Rechtsmittel ausschöpfen, sich einen Rechtsanwalt der gewiefteren Art leisten und alle Rechtswege durchschreiten, um die Strafe womöglich in eine geringfügige umzuwandeln. Schade, daß wir nicht wissen, ob die Strafe auf Bewährung ausgesetzt worden ist. Aber die Vorstellung, er würde wirklich zwei Jahre als ehemaliger Polizist in den Strafvollzug kommen, bei den Menschenhaufen von Straffälligen, Kriminellen und Verurteilten, die mit ihrer Häme, Vergeltungs- und Rachsucht nicht hinterm Berg würden halten, ist so genugtuend wie unwahrscheinlich.
    Dadurch bekam im Nachhinein mein nächtlicher Einbruch in das Gemach Ginas und des Wegwerfens des Stofftieres einen Sinn.
    Leider konnte ich mich lange genug darüber freuen.
    Denn man setzt mir die Krone der Ironie auf, die Narrenkappe, die Pappnase.
    Gina überreicht mir feierlich ihr Stofftier.
    „Du hast mich vor dem Polizisten gerettet. Wenn du nicht angerufen hättest. Deshalb gebe ich dir das beste, was ich habe. So dankbar bin ich dir.“
    Ich halte dieses Tier in der Hand, versuche breit zu grinsen...
    Gina und Loulou klatschen vor Freude in die Hände.
    Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich fühle...

    © Werner pentz
    Geändert von pentzw (24.10.2019 um 20:47 Uhr)

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