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Thema: allerseelen

  1. #16
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    Dimensionale Perspektiven eben.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  2. #17
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    Aus Emotionen mach Dimensionen. Rhetorisch wirksamer als umgekehrt.
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  3. #18
    Tincatinca Guest
    Naturwissenschaftlich betrachtet, sind Zwerge weiß und die Riesen rot, nicht umgekehrt. Darauf kommt’s hier aber nicht an; man darf sich einen Stern ganz am Schluss ja auch als verglühendes Restlichtlein vorstellen – wir empfinden uns als Dichter, nicht als Naturwissenschaftler.

    Dass man sich Aussagen und Stimmungen ganz allgemein sprachlich am besten dadurch näherte, dass man schwiege, ist natürlich Blödsinn – was nicht mit Worten ausgedrückt wird, gibt’s nicht in der Literatur. Pausen sind, wie in der Musik, nur Stilmittel, und auch die müssen gekonnt gesetzt werden: Stille Wasser sind in aller Regel nicht tief, sondern so seicht, dass man das Gras wachsen hört.

    Das hier ist der sehr gut gelungene Versuch, den Weg, der durch einen so genannten Friedhof führt, schwulstlos zu verdichten. Nur das grausige Wort „metaphorisch“ stört die Besinnung. Den Zeigefinger würde ich wieder in die Manteltasche stecken, denn der ruiniert uns am Ende den freien Blick.

    tinca

  4. #19
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    Hey tinca, der rote Zwerg im P.S. ist einfach nur ein Verschreiber. Natürlich werden sie Riesen genannt, sind es ja auch und stören die Vorstellung keineswegs. Ansonsten danke für deine Betrachtung und Gedanken zum Text. LG

  5. #20
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    Hallo L.A.F. / gugol

    Euer Gedicht allerseelen hat mir sehr gut gefallen, da es durch die Wortschöpfung "novembervernebelt" direkt die Atmosphäre schafft, die man mit dem November verbindet (später noch verstärkt durch "grauingrau", auch wenn sich dies formal auf die quadratischen blöcke bezieht), die Friedhofslocation im dritten Abschnitt konkret erkennbar wird und das Bild vom Tod als erstarrtem Leben sehr stimmig erscheint. Besonders erfreuen mich die Engel als Hoffnungsträger für Auferstehung! Ich arbeite gerade nachdem ich Allerheiligen verfasst habe, an einem eigenen Allerseelen Gedicht und fühle mich durch euer Gedicht dafür geistig gut eingestimmt! Liebe Grüße, Ralfus Poetus
    [CENTERN[/CENTER]

  6. #21
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    Hey Ralfus Poetus, danke für das Lob. Schön konnte dich der Text zu eigenen Höhenflügen animieren. LG L & G

  7. #22
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    Hallo L. A. F. / gugol!

    Hier ist schon viel Richtiges erörtert worden, vor allem den Feststellungen von Artmann zum Thema Verben und Versachlichung und der Anwendung in eurem Gedicht stimme ich zu.

    Inhaltlich bin ich aber auf ein Problem gestoßen:

    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    rötliche lichtpunkte
    novembervernebelt
    alternde sterne
    der milchstrasse

    quadrische blöcke
    grauingrau
    endlose alleen
    erstarrten lebens

    namen mit jahrzahlen
    kerzenlichtbeflackert
    untrügliche mahnmale
    für vergänglichkeit

    gemeisselte engel
    mystischrotbeschienen
    metaphorische hoffnungsträger
    für auferstehung
    Die erste und zweite Strophe bedienen sich schöner "Umdeutungen" jeweils der ersten beiden Zeilen in den folgenden beiden Zeilen:

    1. Strophe: Die roten Grablichter werden zu "alternden Sternen" - das ruft Assoziationen und Fragen hervor: Ferne. Sind die noch lebendig? In welchem Zustand befinden sie sich eigentlich?

    2. Strophe: Grabmäler erinnern nicht mehr an Tote sondern an "erstarrtes Leben" - das ist ein starkes und zugleich vielschichtiges Bild: "Erstarrt" erinnert im November an den ersten Frost und den herbstlichen Rückzug der Natur, die man auch als Metapher für Lebensabend und Tod deuten kann. Zugleich weist "erstarrt" auf Plötzlichkeit, Unfreiwilligkeit und Schrecken hin. Dennoch liegt die Betonung auf dem gegensätzlichen Substantiv "Leben": Die Toten werden als "aus dem Leben Gerissene", oder als (z. B. in den Gedanken der Hinterbliebenen) "Fortlebende" gedeutet. Man könnte diese Überlegungen noch weiter fortspinnen...

    In der dritten und vierten Strophe lässt die Qualität der "Umdeutungen" aber deutlich nach:

    3. Strophe: "kerzenlichtbeflackert und "vergänglichkeit" passen noch hervorragend zusammen. Dass aber "namen mit jahrzahlen" "mahnmale für vergänglichkeit" sind, braucht mir kein Gedicht nahezubringen. Diese Herleitung ist auch keine "Umdeutung" mehr, sondern bestenfalls eine (überflüssige) Verdeutlichung dessen, wie die ersten beiden Zeilen der Strophe verstanden werden sollen.

    4. Strophe: Hier wird das Problem noch deutlicher. Die Beschreibung der "...rotbeschienenen" "gemeisselten engel" als "metaphorische hoffnungsträger / für auferstehung" könnte auch von einem akademischen Interpreten des Gedichts, anstatt von den Dichtern selbst stammen. Eure bildstarken Engel überhaupt noch einmal zu "erklären" halte ich für vollkommen fehl am Platz. Warum habt ihr nicht etwas von "in warmer Aura schwebendem Stein", oder so ähnlich, geschrieben?

    Trotz allem, und auch wenn ich mich mit einigen Kunstworten wie "mystischrotbeschienen" etwas schwertue: Euer Gedicht zeigt, dass ihr eine klare Idee und Formgeist habt und eure Worte mit Bedacht wählt.

    Gruß
    Majolu

  8. #23
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    Hey Majolu, danke für deinen ausführlichen Kommentar. Was uns etwas befremdet, ist, wie du im Zusammenhang mit Bildwahl und Gebrauch der Verben von richtig und falsch sprichst. Das würden wir allenfalls bei Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion tun. Was du kritisierst, die zunehmende Konkretheit der Bilder, ist insofern gewollt, als sich durch Annäherung an einen Ort oder Gegenstand die Wahrnehmung desselben konkretisiert. Und dein Vorschlag zu den Engeln zeigt, dass es vielleicht doch nicht so falsch ist, deren Bedeutung, wie wir sie sehen, zu benennen, denn deine letzte Zeile ist sicher eine mögliche Lesart, aber nicht unsere. LG L & G

  9. #24
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    Liebe/r Gugol

    "metaphorisch" der vorletzten Zeile wirkt auf mich neben der semantischen Aufklärung des Lesers
    wie eine Tautologie. Beides scheint mir überflüssig.
    Denn was sollte dieses Bild in diesem Kontext sonst sein außer metaphorisch?
    Vorschlag: Engel....Hoffnungsträger der Auferstehung.
    Die "Jahrzahl" sehe ich beim Lesen auch noch nicht gehauen
    und eingemeißelt wie es in #2 bereits angemerkt wurde.
    Aber vielleicht sind die Steine ja JA- Produkte vom REWE,
    oder es handelt sich um Engel vom Jahrmarkt,
    dann mag es insgesamt ja vielleicht doch hinhauen.
    sehr gerne gelesen, A.

  10. #25
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    Hallo Gugol!

    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    Hey Majolu, danke für deinen ausführlichen Kommentar. Was uns etwas befremdet, ist, wie du im Zusammenhang mit Bildwahl und Gebrauch der Verben von richtig und falsch sprichst. Das würden wir allenfalls bei Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion tun.
    Jeder sachbezogene Kommentar in einem Forum wie diesem ist die Wiedergabe einer persönlichen Einschätzung. Da braucht es keine einschränkenden Formulierungen wie "im Grunde bin ich der Meinung, dass vielleicht - ich kann mich irren - ..." Es steht jedem Leser frei, die Dinge anders zu sehen und mit gleicher Bestimmtheit kund zu tun. Übrigens würden "Wir" bei Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion im Bereich der Diskussion von Lyrik lieber erst zwei oder dreimal hinsehen, ehe "Wir" hier die Wörter "richtig" oder "falsch" in den Mund nähmen - im Sinne der künstlerischen Absichten und Freiheiten, die es zu entdecken gilt.

    Was du kritisierst, die zunehmende Konkretheit der Bilder, ist insofern gewollt, als sich durch Annäherung an einen Ort oder Gegenstand die Wahrnehmung desselben konkretisiert. Und dein Vorschlag zu den Engeln zeigt, dass es vielleicht doch nicht so falsch ist, deren Bedeutung, wie wir sie sehen, zu benennen, denn deine letzte Zeile ist sicher eine mögliche Lesart, aber nicht unsere. LG L & G
    Bei Annäherung an einen Gegenstand oder Ort steigert sich die Fülle der wahrnehmbaren Details, soweit, so richtig. Interessant ist im Falle eures Gedichts aber ja auch die Tatsache, dass es eben nicht nur im Unscharfen, sondern gleichzeitig im Unklaren, Geheimnisvollen und Assoziativen beginnt. Dieser potente Anfang wird nun schrittweise "konkretisiert", scharf gestellt, und damit entzaubert, seiner assoziativen Kraft beraubt. Kann man machen. Entspricht dem Zeitgeist: Geheimnisse selbst in Gedichten so gründlich tottreten, bis nur noch eine dürre Erklärung übrig bleibt. Im Dienste der "Wahrheit" und der Sachlichkeit. Nur was ist damit gewonnen? Welche Beobachtung, welche Erkenntnis, welche Philosophie steckt dahinter? Die zunehmende Detailschärfe bei Annäherung kann es ja wohl nicht sein. Die ist ja nur ein Mittel, und kein Zweck.

    Ich behaupte auch, dass die Erwartung des Lesers nach den ersten beiden Strophen meistens wohl eine andere ist, als die Richtung, die ihr in der dritten und vierten Strophe dann tatsächlich einschlagt. Mir ging es jedenfalls so: Nach den assoziativen "Umdeutungen" der ersten beiden Strophen war der Hunger nach einer Verarbeitung und Verknüpfung der heraufbeschworenen Bilder und Andeutungen geweckt. Die weitere Annäherung hätte ich da lieber als Mittel zur Intensivierung des emotionalen und assoziativen Gehalts, etwa zur Veranschaulichung einer tieferen Erkenntnis über den Tod (oder auch über etwas ganz anderes, überraschendes), denn als Mittel zur Versachlichung der Szenerie gesehen.

    Gruß
    Majolu

  11. #26
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    Hi Anju, hi Majolu (bei dir klappts mit der Abkuerzung nicht, ohne Verletzung der Netiquette ), wir sind am Denken, danke, LG G+L

  12. #27
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    Vielleicht hat hier jemand auch nur die metaphorischen Hoffnungsträger irgendwo da reinbekommen, wo die Auferstehung ein Synonym für die Hoffnungsträger ihrer selbst sind. Denn was könnten Engel denn anderes sein als eine Verneinung der Interpretation von unterschiedlicher Fokussierung der Zusammenhänge von kunstwerkbestimmenden Faktoren? Und wer benutzt Bilder nicht ihrer Aussagekraft wegen? Aber da wir uns ja alle in der Denkphase befinden wird es im mystisch Beschienenen wohl auch enden wo es anfing.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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