Thema: Alkäisch

  1. #1
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    Alkäisch

    Hallo!

    Ich nehme Gugols Frage ...
    ... ich hätte seit längerem Lust auf eine alkäische Ode, aber genau was du, ..., ansprichst, gelingt auch mir nicht: Grosses Kino produzieren mit feierlichen, um nicht zu sagen schwülstigen, Formulierungen. Hat mir einer von euch oder sonstwer einen Tipp? Wie macht ihr das, so richtig aus den Vollen schöpfen? Bei mir wird das immer alles so nüchtern deskriptiv.
    ... aus Hans Plonkas Faden mit ins Sprechzimmer; dort ist sie, da allgemeiner Art, gut aufgehoben?!

    Als Antwortversuch: Ich glaube, eine "Fünf-Minuten-Lösung" gibt es da nicht. Für diesen "hohen Odenton" muss man sich ein eigenes Register erarbeiten, und das meint: ein passendes Vokabular aufbauen (vor allem: bewusst entscheiden, welcher Teil der Wörter keinen Zugang hat), die passende Bildlichkeit entwickeln, und sicher auch Themenkreise festlegen, innerhalb derer man das tun will ("alles auf einmal" ist nicht wirklich machbar). Das geschieht wahrscheinlich unter Bezug auf die klassische Odendichtung, die diesen "hohen Ton" ja verantwortet.

    Dann aber auch: Wo steht geschrieben, eine "Ode" müsse heute genauso klingen wie zu Hölderlins Zeiten? Das wäre seltsam - heute ist heute, was also ist eine alkäische Ode im Jahre 2019?! Daran kommt man nicht vorbei.

    Und schließlich: "Ode" war schon immer ein vielgestaltiges, buntes, allem möglichen gegenüber offenes Gebiet. Ich ließe mich da durch keine Erwartung, weder eigene noch andere, einengen, und schriebe einfach drauf los; ein paar Dutzend Stücke für den Papierkorb muss man ohnehin einplanen, bis das alles steht und belastet werden kann.

    Sehnsucht nach Iris' Wiederkunft

    Des Waldes Kühle ruf' ich zum Zeugen an
    Und schwöre bei dem seufzenden Blumenbach,
    Und euch, ihr melodienreichen
    Bürger und Sänger der grünen Zweige:

    Dass ein von Amors Pfeilen verwundetes,
    Von seinem treuen Buhlen getrenntes Herz
    Auf Erden keine Ruhe findet
    Als in der Wiederkunft süßen Hoffnung.


    - Das ist eine Kurz-Ode von Johann Nikolaus Götz, die ich mag; nicht wirklich im "hohen Ton", aber doch nachdrücklich, ohne steif zu wirken?! Die beiden Strophen machen schon einige Fragen auf:

    - Soll der Satzbau gewählt klingen? (Genitive wie "Des Waldes Kühle" oder nicht?)

    - Soll auf antike Bausteine zurückgegriffen werden? ("Amors Pfeile" oder nicht?)

    - Sollen alte / besondere Wörter verwendet werden? ("Buhle" oder nicht?)

    - Sollen "große Wörter" möglich sein? ("Herz", "Hoffnung" oder nicht?)

    - Soll eine "Um-Ihrer-Selbst-Willen-Bildlichkeit" da sein? ("ihr melodienreichen Bürger und Sänger der grünen Zweige" oder nicht?)

    ... und mehr dergleichen. Wie hält man es mit Anrede und Ausruf? Will man das nicht - was nimmt deren Stelle ein? Ganz am Ende muss man sich das alles dann auch noch, ganz schlicht, trauen: Denn mit derlei lächerlich zu klingen, ist wirklich einfach, vor allem in einer Zeit, deren Bewegung entgegengesetzt zu diesem "hohen Ton" geht ...

    Aber: Es lohnt. Sehr!

    Gruß,

    Ferdi

  2. #2
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    Hey Ferdi, ein alkäischer Faden, das ist eine gute Idee. Danke für die Vorarbeiten. Um es vorweg zu nehmen: Mein Papierkorb ist voll.
    Aber wie so oft, zu zweit kamen L.A.F. und ich zu einem Ergebnis, das uns mal so gut dünkt, nachdem wir die Fragen mehrheitlich mit "nein" beantwortet haben, weil wir wie du denken, dass eine Ode sich nicht im 19. Jahrhundert bedienen muss, um eine Ode zu sein. Zunächst sind es auch einfach nur zwei alkäische Strophen.
    https://www.gedichte.com/showthread....43#post1016943
    Alkäisches Metrum:
    xXxXx/XxxXxX 11
    xXxXx/XxxXxX 11
    xXxXxXxXx 9
    XxxXxxXxXx 10

    LG gugol
    Geändert von Gugol (05.11.2019 um 08:40 Uhr)

  3. #3
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    Hallo Gugol!

    "Nein" ist ok, führt aber zu der Frage, was man an die Stelle dessen setzt, was früher die "Oden-Wirkung" hervorgebracht hat - was sind die heutigen Entsprechungen?!

    Gruß,

    Ferdi

  4. #4
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    Hallo Ferdi,

    Die Ode hat schon was. Meine Versuche, sind, mir fällt das gerade auf, schon lange her zB
    Extrasystolen, was wir schon besprochen haben und was ich noch immer mag.

    Ich habe wieder einen Versuch eingestellt, wo ich versucht habe den "hohen Ton" der Ode zu persiflieren und Brücken zu schlagen, zwischen Hölderin und Jetztzeit, thematisch wie sprachlich. Aber ich denke, eine Ode kommt eben nicht aus ohne "Satzbauauflösung". Und was mich noch beschäftigt hat: Was könnte man heute noch wirklich ohne Ironie in einer Ode "besingen"?

    Gugol und Lorenz haben sich mit "Vogelfrei" an ein sehr ernster Thema herangewagt, was aber eher in die Hose ging (Bitte nicht böse sein!).


    Also ich würde deine Fragen oben noch gerne um eine ergänzen:

    Kann man zeitgemäße, ernste Themen in die Oden-Form fassen?

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (07.11.2019 um 19:50 Uhr)

  5. #5
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    Hi Ferdi und albaa, hahahahaha, sehe das gerade, well, dann hier ein weiterer Versuch, der nicht in der Hose enden moege

    https://www.gedichte.com/showthread....3%A4ische-Ode)

  6. #6
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    Hallo!

    Albaa, wenn du fragst: "Was könnte man heute noch wirklich ohne Ironie in einer Ode 'besingen'?", dann ist meine Antwort: Alles. Unter der Voraussetzung aber, dass man es schafft, sich von der heutzutage alles zersetzenden Pest der Ironie zu befreien; dass man bereit ist, das uneigentliche Sprechen und Schreiben - bei man nachher sagen kann "War doch alles nicht so gemeint", "War nur Spaß" - aufzugeben und so zu schreiben, dass es gefährlich wird: Weil man einstehen muss für das, was man schreibt, weil man sich abgrundtief lächerlich macht, wenn es schiefgeht.

    Insofern ist das "Persiflieren" des hohen Tons einmal eine getreue Bestandsaufnahme der Jetzt-Zeit; zum anderen aber auch das, was zumindest mich nicht im geringsten reizt, weil es, meinem Empfinden nach, eben keine "Brücke" ist zwischen Hölderlin (als Stellvertreter für "Die Tradition der Ode") und dem Heute, sondern ein Unterwerfen Hölderlins, und zwar einem der schädlicheren Einflüsse heutiger Kultur.

    Die Antwort auf deine zweite Frage lautet, denke ich, sehr ähnlich.

    Hi, ich habe im Augenblick wirklich kein Interesse daran, Gedichte in "gute" oder in "schlechte" zu unterteilen. Bringt das was? Kann man nicht, zumindest gelegentlich, "Was wirkt hier und wie?" fragen statt des immer gleichen "Mit welchem Ergebnis?"

    Gruß,

    Ferdi

  7. #7
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    Hallo Hi!

    Ja, den Satz von Albaa, dein Eingehen darauf, Claudis Anmerkung in Albaas Faden, und mein Fehlen einer Wertung in "Vogelfrei"; darauf bezog sich's, ich habe es nur bei dir festgemacht.

    (Zitieren: Das zu Zitierende rüberkopieren, markieren, und dann die Sprechblase ganz rechts in der Leiste oben im Antwortfenster anklicken.)

    Gruß,

    Ferdi

  8. #8
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    Hallo!

    Zur "Oden-Sprache": Vor einem Dutzend Jahren habe ich das erste Mal Oden versucht, das las sich dann so:


    Welch ein Anblick

    Bis nah ans Fenster kommt er und hebt den Kopf
    Mit stolzer Geste. Ahnt der Fasan denn nicht,
    Dass dies auf frischgemähtem Rasen
    Einen erheiternden Anblick bietet?



    Je nun, man muss alles versuchen; aber von heute aus gesehen, muss ich sagen: Das passt nicht. Zu technisch in der Sprache, zu analytisch ...

    Gruß,

    Ferdi

  9. #9
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  10. #10
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    Hi Ferdi, danke noch fuer den Hinweis beim zurzeit geloeschten Gedicht. Ich aenderte Vers 1 zu "Vermerkt auf keiner Karte der Gegenwart". LG Lorenz

    Neu: https://www.gedichte.com/showthread....ische-Strophe)

  11. #11
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    Hi Ferdi, also, hier kannst sehen, wie ich deine wertvolle Kritik umgesetzt habe , danke und tschuess, Lorenz

    https://www.gedichte.com/showthread....ische-Strophe)

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